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«Ich kann ja nicht hinter der Bar stehen und Leute anschreien»
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Verschnaufpause für Fabrizio Zihlmann (v.l.n.r.), Mike Walker und Luzi Rast im Gartensitzplatz der Metzgerhalle. (Bild: Daniel Schriber)

Luzerner Rapper GeilerAsDu mit neuem Album «Ich kann ja nicht hinter der Bar stehen und Leute anschreien»

5 min Lesezeit 25.11.2016, 10:28 Uhr

Vier Jahre hat es gedauert, seit diesem Freitag ist das neuste Werk der Rap-Crew GeilerAsDu erhältlich. Im Interview erklären die Jungs, was es mit dem Titel «Turbo Mate & Kalaschnikow» auf sich hat, warum die CD tot ist – und ihre Songs nur selten im Radio gespielt werden.

Der Sedel hat sie kürzlich als «Luzerner Luxusliner in Sachen Rap mit Köpfchen» bezeichnet. Nun legen GeilerAsDu mit «Turbo Mate & Kalaschnikow» ihr neustes Album vor.

zentralplus traf die drei Luzerner Rapper im Restaurant Metzgerhalle in Luzern. Dort arbeitet Mike Walker als Geschäftsführer. Fabrizio Zihlmann ist Informatiker und Luzi Rast studiert Musik und Medienkunst an der Hochschule der Künste in Bern. Fabrizio ist auch der DJ und Produzent der Band, alle drei sind 28-Jährig.

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zentralplus: Seit Ihrem letzten Album «Flöchted» sind vier Jahre vergangen. Sie haben sich ganz schön lang Zeit gelassen …

Mike: Stimmt, es hat ein paar Jahre gedauert. Aber wir hatten ja auch keinen Stress. Das ist unser Vorteil gegenüber anderen Bands, die bei grossen Labels unter Vertrag sind. Wir müssen keine Musik machen. Wir dürfen – und zwar genau dann, wenn wir darauf Lust haben.

zentralplus: «Turbo Mate & Kalaschnikow» erscheint nur digital und auf Vinyl. Was ist aus der CD geworden?

Fabrizio: Die CD ist tot. Traurig, aber wahr: Es gibt heute einfach keine Nachfrage mehr danach. Wer unser Album trotzdem in den Händen halten will, kann sich eine der limitierten Vinyl-Platten holen.

zentralplus: Ihrem Album merkt man an, dass Sie sich verändert haben, älter geworden seid.

Luzi: Stimmt schon, die Zeit der ausschweifenden Partynächte ist langsam vorbei. Wir sind – man kann es wohl so sagen – erwachsener geworden. Das spüren sicherlich auch die Hörer des Albums. Das heisst natürlich nicht, dass wir gar keine Partys mehr feiern …

zentralplus: Aber einfach nur noch einmal pro Woche?

Luzi: Höchstens! (lacht)

Hier das neuste Video von GeilerAsDu:

zentralplus: Fast alle Ihre Songs haben Tiefgang. «8 Kilometer» erzählt die Geschichte einer Flüchtlingsfamilie. Warum finden solche ernsten Themen in Ihrer Musik statt?

Mike: Weil das Themen sind, die uns beschäftigen. Wir haben in unserer Musik schon immer Dinge verarbeitet, mit denen wir uns auch im Alltag auseinandersetzen. Im Moment läuft so vieles schief auf der Welt – aber auch in der Schweiz. Da können wir nicht einfach schweigen.

zentralplus: Dann befassen Sie sich also intensiv mit Politik und dem Weltgeschehen?

Luzi: Ich glaube nicht, dass ich besser informiert bin als die Leute in meinem Umfeld. In unserem Freundeskreis diskutieren wir immer wieder über solche Themen – aber eben immer nur bis zu einem gewissen Grad. Oftmals braucht es nur einen Witz oder einen blöden Spruch, und schon ist man wieder in seinem eigenen kleinen Kosmos angelangt.

«Lieder zu schreiben, bringt zumindest etwas Ordnung in meinen Kopf.»

Luzi Rast

zentralplus: Höre ich da Selbstkritik?

Luzi: Sehr viel sogar. Auch wir sind keine Heilligen, die sich moralisch und ethisch immer perfekt verhalten. Indem wir unsere Gedanken aber in Songs festhalten, können sie immerhin den einen oder anderen Zuhörer erreichen. Ich denke, das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

zentralplus: Wie meinen Sie das?

Luzi: Die Musik war für mich seit jeher ein Ventil, um meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Wenn ich Texte schreibe, setzte ich mich mit mir selber auseinander. Das ist ein ganz anderer Prozess, als wenn man am Freitag- oder Samstagabend mit Freunden in einer Bar sitzt und bei Bier und Drinks über das Weltgeschehen diskutiert. Wenn ich Lieder schreibe, muss ich die Gedanken festhalten – und das wiederum bringt zumindest etwas Ordnung in den Kopf.

Mike: Das ist bei mir ähnlich. Man schlüpft ja im Leben ständig in eine Rolle – ich nehme mich davon nicht aus. Bei der Musik aber bin ich sehr nah bei meinem unmittelbaren Ich. In den Songs kann ich meine Meinung äussern oder auch mal Dampf lassen.

zentralplus: Sonst nicht?

Mike: Sagen wir mal so: Ich kann ja nicht hier in der Metzgerhalle, wo ich Geschäftsführer bin, hinter der Bar stehen und ständig Leute anschreien (lacht). Im «richtigen» Leben muss man halt manchmal auch lächeln und weitergehen …

Posieren für ihr neues Album: Geiler As Du.

Posieren für ihr neues Album: GeilerAsDu.

(Bild: zVg)

 
zentralplus: Ihre Fans erreichen Sie mit Ihrer Musik – die grosse Masse wohl aber nicht.

Mike: Wir sind uns bewusst, dass wir keine Musik machen, die auf SRF 3 oder Radio Pilatus rauf und runter gespielt wird. Und das ist ok so!

Luzi: Der Grund ist wohl, dass wir unsere Musik genau so machen, wie wir wollen. Ich kann mir nicht vorstellen, mich zu verbiegen oder Kompromisse einzugehen, nur um dann im Radio gespielt zu werden. Was wir machen, liegt uns dafür am Herzen. Und ob wir überhaupt eine solche «Radiosingle» produzieren könnten, müssen andere entscheiden.

«Der Durchschnittsbürger hat kein Interesse an Musik mit Ecken und Kanten.»

Mike Walker

zentralplus: Wo liegt denn das «Problem» bei Ihren Songs?

Luzi: Das fängt schon beim Inhalt an. Da und dort fällt ein Fluchwort, ab und zu eine politische oder gesellschaftskritische Aussage, viel Interpretationsspielraum in den einzelnen Tracks: Da hat man keine Chance.

Mike: Luzi hat Recht. Und das ist nun gar nicht unbedingt als Kritik an den Radiostationen gemeint. Der Durchschnittsbürger hat schlicht und einfach kein Interesse an Musik mit Ecken und Kanten. Wenn dann doch mal ein solcher Song gespielt wird, laufen nachher garantiert die Drähte im Radiostudio heiss, weil sich Dutzende Hörer beschweren.

Hier ein weiteres, sozialkritisches Stück ab dem neuen Album:


 
zentralplus: Zum Schluss noch ein anderes Thema: Sie werden alle bald 30. Wird es GeilerAsDu auch in fünf oder zehn Jahren noch geben?

Mike: Sie sind nicht der Erste, der uns das fragt. Ganz ehrlich: Ich weiss es nicht – aber ich sehe im Moment nichts, was dagegen spricht. Wir lieben es einfach, zusammen Musik zu machen.

zentralplus: Sind Sie denn nicht langsam zu alt für Hip-Hop?

Luzi: Auf keinen Fall! Hip-Hop ist und bleibt einfach etwas unfassbar Geiles!

zentralplus: Wieso?

Luzi: Ich liebe einfach diese spezielle Energie, welche diese Musik in sich trägt. Diese Aggression, die Kraft. Auch musikalisch ist Hip-Hop das Grösste. Rap ist offen in alle Richtungen, alles ist möglich. Zudem ist Hip-Hop viel mehr als nur Musik. Es ist eine Art, wie man an Dinge herangeht – ein Lebensstil, der etwas sehr Verbindendes hat.

Fabrizio: Das zeigte sich zum Beispiel auch bei der Produktion unseres neuen Albums. Mit allen involvierten Produzenten und Rappern sind wir auch persönlich befreundet. Diese Kultur hat grossen Anteil daran, dass GeilerAsDu mitsamt dem erweiterten Umfeld seit zehn Jahren zusammenhalten.

Hinweis: Turbo Mate & Kalaschnikow erscheint am 25. November digital und als limitierte Doppel-LP (Vinyl). Infos: www.geilerasdu.ch

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