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«Ich hatte keine Kraft, mich zu wehren»
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Franz Gehrig malt, um seine Vergangenheit verarbeiten zu können. (Bild: zvg)

Misshandlungen in Luzerner Kinderheimen «Ich hatte keine Kraft, mich zu wehren»

7 min Lesezeit 1 Kommentar 06.10.2015, 11:43 Uhr

Als Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen erfuhr Franz Gehrig in Luzerner Kinderheimen Demütigungen und Schläge. Noch heute hadert er mit seinem Schicksal. Für zentral+ erinnert er sich an seine Kindheit und öffnet damit ein düsteres Kapitel der schweizerischen Sozialgeschichte.

Franz Gehrig, das ist auf dem Klassenfoto der damals 10-jährige Knabe, der etwas schüchtern in die Kamera blickt. Das Foto aus dem Jahr 1957 ist ein Erinnerungsstück aus seiner Kindheit, die er zu einem grossen Teil im Kinderheim in Schüpfheim verbracht hatte. Neben einem Aktenberg, der den «Fall Gehrig» dokumentiert, ist es nur ein Bruchstück unter all den schmerzhaften Erinnerungen an Misshandlungen und Demütigungen, mit denen der 68-Jährige heute noch zu kämpfen hat und über die er nun sprechen will.

Ein Klassenfoto aus dem Jahr 1957: Im Kinderheim Schüpfheim wurde Franz Gehrig auch unterrichtet. (Bild: zvg)

Ein Klassenfoto aus dem Jahr 1957: Im Kinderheim Schüpfheim wurde Franz Gehrig auch unterrichtet. (Bild: zvg)

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zentral+ trifft Franz Gehrig in seiner Wohnung in Emmenbrücke. Er habe seinen Wohnort Malters, wo er 1947 geboren wurde und bis vor kurzem noch gelebt hat, hinter sich lassen müssen, um mit seiner Vergangenheit abschliessen zu können. Doch abgeschlossen hat er damit noch lange nicht. Im Rollstuhl öffnet er uns die Tür und bittet uns herein.

8’000 Franken von der Opferhilfe

Möglich wurde der Umzug des IV-Bezügers nur durch die 8’000 Franken, die er als «Wiedergutmachung» von der Opferhilfe erhalten hatte. Es ist eine Abfindung für all jene Misshandlungen, die er als Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen (siehe Box) erfahren musste. Um das Geld sei er sehr dankbar, erzählt er. Obwohl es die Vergangenheit weder ungeschehen noch in Vergessenheit geraten lässt.

«Sie haben die Badewanne mit kaltem Wasser gefüllt, mich hineingeworfen und meinen Kopf immer wieder unter Wasser gedrückt.»
Franz Gehrig 

«Bereits im Alter von vier Monaten hatte man mich meiner Mutter weggenommen», erzählt er. «Man hatte sie für ‹geistig schwach› erklärt und mich ins Kinderheim in Malters geworfen.» Auch sein sechs Jahre älterer Bruder kam ins Heim, konnte jedoch kurz darauf wieder nach Hause zurückkehren. Die Mutter – erneut schwanger – wurde währenddessen in die psychiatrische Klinik in St. Urban eingeliefert.

Ein Leben voller Schicksalsschläge

Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen

Bis ins Jahr 1981 gingen die Gemeinde- und Kantonsbehörden relativ willkürlich gegen Personen vor, deren Lebensweise nicht den gängigen Moralvorstellungen entsprach – und dies mit einschneidenden Massnahmen. Kinder und Jugendliche konnten in Heimen, Bauernfamilien oder Strafanstalten untergebracht werden. Die Betroffenen hatten keine Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen: Sie konnten sich weder zu den Vorwürfen äussern, noch verfügten sie über Rechtsmittel, um gegen die Massnahmen Einspruch zu erheben. Immer wieder kam es dabei vor, dass Fremdplatzierte Opfer von Gewalt und Missbrauch wurden, welche nicht geahndet wurden. Der Kanton Luzern wie auch die römisch-katholische Kirche des Kantons setzen sich für die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels der Vergangenheit ein. Aktuell gibt das Thema auf nationaler Ebene im Rahmen der «Wiedergutmachungsinitiative» zu sprechen.

Gehrigs Leben gleicht einer Odyssee, die bis heute kein Ende gefunden hat. Station um Station ist von Schicksalsschlägen geprägt. Die finanzielle Situation der Familie sei schwierig gewesen, erzählt er, und die Belastung umso grösser geworden, als die Familie auch noch die Kosten für die Heimplatzierung zu tragen hatte. Unmittelbar nach der Entlassung der Mutter kam Gehrigs kleine Schwester zur Welt. Auch sie durfte im Elternhaus bleiben.

«Mein Vater hat immer wieder versucht, mich nach Hause zurückzuholen», erzählt Gehrig. «Denn warum sollte nicht auch ich bei meinen Eltern leben können, wo es meinen Geschwistern dort doch gut ging?» Nach einem langen Kampf mit den Behörden konnte er schliesslich nach Hause. Doch dies nur vorübergehend. Denn schon bald sah sich der Gemeinderat von Malters als Vormundschaftsbehörde erneut zum Einschreiten gezwungen.

Körperstrafen an der Tagesordnung

Was genau den Anlass dazugab, ist aus den Akten nicht zu entnehmen. Ein Augenschein vor Ort, ein paar Erkundigungen bei den Nachbarn und nicht näher genannten Drittpersonen genügten, um der Familie alle drei Kinder wegzunehmen. Zunächst lebten sie gemeinsam im Kinderheim in Malters, eine halbe Stunde Fussweg von ihrem Elternhaus im Stegmättli entfernt.

«Mein älterer Bruder ist immer wieder nach Hause gerannt», erinnert sich Gehrig. Als er älter wurde, habe auch er immer wieder die Schule geschwänzt und hätte seine Eltern besucht. Dies blieb nicht ohne Konsequenzen. Körperstrafen standen an der Tagesordnung. «Ich wurde von den Klosterfrauen misshandelt», so Gehrig.

«Ich konnte nicht wieder einschlafen, weil ich den Morgen so gefürchtet habe.»

Bagatellen hätten gereicht, um mitten in der Nacht aus dem Bett gerissen zu werden. «Sie haben die Badewanne mit kaltem Wasser gefüllt, mich hineingeworfen und meinen Kopf immer wieder unter Wasser gedrückt», sagt er mit gebrochener Stimme. Er versenkt den Kopf in den Händen. «Ich hatte keine Kraft, mich zu wehren.» Der Schmerz sitzt noch immer tief und die Emotionen überrollen ihn noch heute, wenn er darüber spricht.

Angst als ständiger Begleiter

Die gewaltsamen Erziehungsmethoden der Klosterfrauen führten dazu, dass Franz Gehrig unter ständiger Angst leben musste. Wie viele andere Heimkinder wurde er unter diesen Umständen zum Bettnässer. «Das war fürchterlich, nachts zu erwachen und ein nasses Bett zu haben», erinnert er sich an jene Zeit. «Ich konnte nicht wieder einschlafen, weil ich den Morgen so gefürchtet habe.»

Die Nonnen hätten den Kindern das Bettnässen mit Gewalt auszutreiben versucht, sie mussten demütigende Kontrollen der Unterwäsche über sich ergehen lassen und bekamen abends nichts mehr zu trinken, auch wenn sie Durst hatten. 

Geschwister auseinandergerissen

Warum brauchte es diese Gewalt? «Ich weiss es nicht», sagt Gehrig. «Die Schwestern waren wahrscheinlich einfach überfordert.» Deshalb hege er auch keinen Groll gegen sie. «Was bringt das?», fragt er. Auch gegenüber der Kirche hat er keine negative Einstellung; auf seinem Nachttisch steht ein Madonnenbild. «Der Glaube gibt mir Halt», sagt er. Denn viel mehr Halt habe er in seinem Leben nicht, zu seinen Geschwistern hat er heute nur noch ein loses Verhältnis.

«Sie brachten mich weit weg, weil sie wollten, dass ich den Heimweg nicht mehr finde.»

«Wir sind uns fremd geworden», sagt er. Denn schon bald wurden die Geschwister im Heim getrennt. Gehrig wurde 1956 ins Kinderheim Schüpfheim verlegt. «Sie brachten mich weit weg, weil sie wollten, dass ich den Heimweg nicht mehr finde.» Er weint. «Das war das Schlimmste, dass sie uns Kinder auseinandergerissen haben.»

Als Verdingbub ausgenutzt

1962 kam Franz Gehrig aus der Schule. «Dann brachte man mich zu einem Bauern nach Ruswil», erzählt er. Dort musste er für Kost und Logie arbeiten. «Ich wurde ausgenutzt.» In seiner Stimme mischt sich Trauer mit Ärger. «Ich habe nie eine Lohnabrechnung gesehen.» Man sei zwar «familiär gehalten worden», aber ansonsten hätte es nichts gegeben – ausser der Arbeit. «Es war sehr anstrengend, mir hat es dort nicht gefallen.»

«Es hiess Tag für Tag, du bist aus dem Kinderheim, du bist nichts, du kannst nichts, du bist ein Niemand.»

Nach einem Streit mit der Bäuerin musste Gehrig den Hof jedoch verlassen und bekam eine neue Stelle bei einem benachbarten Bauern. «Dort bekam ich dann immerhin fünf Franken Sackgeld im Monat, doch einen familiären Einbezug gab es nicht.» Stattdessen sei er klein gemacht worden: «Es hiess Tag für Tag, du bist aus dem Kinderheim, du bist nichts, du kannst nichts, du bist ein Niemand.»

Das habe sich tief in ihm verankert. «Ich konnte es bis heute nicht abschütteln. Ich leide immer noch darunter», weint er. «Ich leide.» Das Gefühl bevormundet zu werden, nicht angenommen zu werden und überall zurückgestossen zu werden, habe sich tief in ihm verankert. Es begleitet ihn auf seinem Weg. «Ich bin nicht daran zerbrochen, aber ich kämpfe damit.»

Erneuter Schicksalsschlag nach Volljährigkeit

Als Franz Gehrig mit 20 volljährig wurde und eine Stelle bei der Bahn in Basel bekam, ging für ihn ein Wunsch in Erfüllung. «Endlich frei», dachte er. «Jetzt beginnt das Leben.» Doch dann schlug das Schicksal erneut zu. Er bekam Lähmungserscheinungen und hatte immer mehr Mühe mit dem Laufen. «Ich bin über meine Füsse gestolpert und lag plötzlich am Boden.» Er habe ein «tetraplegisches Syndrom», hiess es im Spital. «Und so bin ich 1970 wieder nach Hause nach Malters zu meinem Vater», so Gehrig. Seine Mutter war mittlerweile verstorben.

«Ich kämpfe. Würde ich das nicht tun, wäre ich längst zerbrochen.»

Vieles, was er in seinem Leben gerne erlebt hätte, habe er nicht machen können, sagt er wehmütig. Heiraten und Kinder kriegen zum Beispiel. Stattdessen widmet er sich nun der Kunst (siehe Kasten). «Ich habe eine positive und eine negative Seite in mir», sagt er. In seinen Bildern würden diese gegeneinander kämpfen. «So sieht es in mir aus, ich kämpfe. Würde ich das nicht tun, wäre ich längst zerbrochen.»

Franz Gehrig kämpft mit seinem Schicksal, ist aber nicht daran zerbrochen.

Franz Gehrig kämpft mit seinem Schicksal, ist aber nicht daran zerbrochen.

(Bild: azi)

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«Farbexplosionen» im Pfarreiheim Emmen

Franz Gehrig ist seit Jahren als Künstler tätig und stellte seine Werke bereits an diversen Ausstellungen vor. Derzeit sind einige seiner aktuellsten Arbeiten unter dem Titel «Farbexplosionen» im Pfarreiheim Emmen an der Kirchfeldstrasse 10 zu sehen. Franz Gehrigs Bilder bleiben bis Weihnachten ausgestellt.

Einige der aktuellen Werke von Franz Gehrig finden Sie hier in unserer Bildergalerie:

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1 Kommentare
  1. Laura Barchi, 07.10.2015, 08:46 Uhr

    Ich finde es traurig, zu lesen, was Franz Gehrig erleben musste. Seine Geschichte steht stellvertretend für so viele ähnliche, unglaubliche Schicksale – und das in der Schweiz, vor noch nicht all zu langer Zeit. Immerhin beteiligt sich auch die Kirche an der Aufarbeitung dieses Kapitels, was ich als Schritt in die richtige Richtung erachte. Franz Gehrig und allen, die Ähnliches erleben mussten, wünsche ich viel Kraft und goldigen Sonnenschein. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich den Artikel las.

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