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«Ich hätte mir das alles nie erträumt»
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Glücklich und gerührt: Ylfete Fanaj vier Tage nach ihrer Wahl zur Kantonsratspräsidentin. (Bild: ida)

Ylfete Fanaj nach ihrer Wahl zur höchsten Luzernerin «Ich hätte mir das alles nie erträumt»

5 min Lesezeit 3 Kommentare 30.06.2020, 05:07 Uhr

Ylfete Fanaj darf sich seit Neuem «höchste Luzernerin» nennen. Für die 37-Jährige ist ihre Wahl ein wichtiges Zeichen für alle Secondas. Doch die Reaktionen zeigen auch, dass ihre Wahl keine Selbstverständlichkeit ist.

«Mit Ihrer Stimme haben Sie etwas möglich gemacht, was für meine Eltern unvorstellbar war.»

Die Wahl von Ylfete Fanaj zur Kantonsratspräsidentin war anders als die bisherigen. Nicht, weil die Wahl Corona-bedingt in der Messe Luzern statt im Kantonsratssaal erfolgte. Auch nicht, weil Stadtpräsident Beat Züsli ihr den Blumenstrauss zuwarf. Nein, Corona hat mit alledem nichts zu tun: Ylfete Fanaj ist die erste gebürtige Kosovarin, die in der Schweiz in ein so hohes Amt gewählt wurde.

Tage später immer noch gerührt

Tage später treffen wir Ylfete Fanaj im Vögeligärtli auf einen Cappuccino. Sie habe eine strenge Woche hinter sich, viele Termine. Von Müdigkeit ist bei ihr aber nichts zu spüren. Ihre Augen strahlen. Sie ist noch sichtlich gerührt, dankbar und glücklich über die Wahl, wie sie sagt. «Ich habe mir das nie erträumt.»

In den letzten Tagen habe sie zahlreiche Nachrichten und Gratulationen erhalten. «Viele schreiben, dass sie stolz auf mich sind.» Auch ihre Eltern würden zahlreiche Gratulationen erhalten. Aus der Schweiz wie aus dem Kosovo. Bei letzteren schreibt Fanajs Mutter nur noch drei Buchstaben zurück. «Flm» – für «Faleminderit», albanisch für Danke.

In den Medien wird Fanaj häufig als «Vorzeigealbanerin» bezeichnet. Mit dem Begriff kann die 37-Jährige nicht viel anfangen. «Es gibt so viele Secondas und Secondos, die seit Jahrzehnten in der Schweiz sind, hier arbeiten und einen grossen Beitrag für die Gesellschaft leisten.» Nur seien sie weniger sichtbar als sie als öffentliche Person.

Nicht die Herkunft, sondern das Engagement zählt

1991 reiste Fanaj als Neunjährige vom Kosovo in die Schweiz, nach Sursee. Nach Berufslehre, Berufsmatura und Studium an der Hochschule für Soziale Arbeit wurde sie mit 25 Jahren 2007 in den Grossen Stadtrat gewählt. 2011 zog sie in den Kantonsrat ein, 2015 wurde sie Fraktionschefin.

Dass sie nun als Schweizerin mit ausländischen Wurzeln zur höchsten Luzernerin ernannt wurde, habe für viele eine grosse symbolische Bedeutung, wie Fanaj sagt. «Es ist nach aussen ein Zeichen, das wir aus Luzern senden.» Dass es keine Rolle spielt, woher jemand kommt, was er für eine Muttersprache hat. «Sondern was er oder sie für unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben hier macht.»

Das war die Rede von Ylfete Fanaj bei ihrer Wahl zur Kantonsratspräsidentin:

Fanaj schrieb 200 Bewerbungen – von Hand

Sie selbst musste sich früher durchkämpfen. 200 Bewerbungen schrieb sie, allesamt von Hand, bis sie eine Lehrstelle fand.

Schliesslich gaben ihr drei Frauen, selbst alle mit Migrationshintergrund, die eine Sprachschule führen, eine Chance. Es war das erste Vorstellungsgespräch für Fanaj, prompt erhielt sie die Stelle. Fanajs Lehrmeisterin und die beiden anderen Geschäftsleiterinnen wurden zu Mentorinnen, zu Freundinnen.

Sie fühlt sich voll und ganz als «Lozärnerin»

«Mit meiner Lehre haben sich plötzlich Türen geöffnet», sagt die Luzernerin heute. Sie wurde selbstbewusster, lernte, dass niemand von aussen Macht darüber hat, wie sie sich zu fühlen hat. Als Jugendliche war sie teils hin- und hergerissen, meinte, sie lebe in zwei Welten. In der Welt zu Hause, bei ihren Eltern, in der Welt draussen, in der Schule. Und Fanaj glaubte, sie müsse sich für eine Welt entscheiden.

«Gerade in der Identitätsfindung ist es schwer, wenn von aussen vorgeschrieben wird, wie man zu sein hat.»

Migrantinnen und Migranten hätten es oftmals schwer. Die Gesellschaft baue Druck auf, dass man sich entscheiden müsse, ob man nun Schweizerin oder Ausländer sei. «Gerade in der Identitätsfindung ist es schwer, wenn von aussen vorgeschrieben wird, wie man zu sein hat», sagt Fanaj. «Heute habe ich ein sehr entspanntes Verhältnis zu diesen Welten. Beziehungsweise gibt es für mich eine Welt – geprägt mit all meinen Erfahrungen.»

An Fanajs roter Bluse steckt eine Anstecknadel, das Wappen Luzerns. Heute fühlt sie sich «voll und ganz als Lozärnerin». Es gibt Momente, in denen sie Sehnsucht nach ihrer Geburtsstadt Prizren hat. Nach der Musik, dem bekannten Filmfestival «Dokufest». Und wenn sie dann in Prizren ist, vermisst Fanaj den Vierwaldstättersee.

Sie hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn

Mit ihrer Politik gibt Fanaj Menschen eine Stimme, die sonst oft nicht gehört werden. Sozial Schwächere, benachteiligte Jugendliche, Sexarbeiterinnen. Es ist der Kampf für die gleichen Rechte für alle, den sie sich auf die Fahne geschrieben hat.

Auch die Gleichstellung zwischen den Geschlechtern liegt ihr am Herzen. Als Jugendliche mit klassischen Rollenbildern konfrontiert und darüber verärgert, las sie sich in die Thematik ein. Von Biografien wie die von Simone de Beauvoir, die als Vorkämpferin der Frauenrechte gilt, war Fanaj fasziniert. «Ich habe erst dann realisiert, dass es überall in der Gesellschaft Unterschiede gibt zwischen den Geschlechtern.»

Fanaj engagierte sich beim Luzerner Frauenstreik 2019, gründete den Verein «50 Jahre Frauenstimmrecht im Kanton Luzern». Ihr ist es wichtig, Vorkämpferinnen nicht zu vergessen. Wertschätzung gegenüber anderen zu zeigen, die etwas geleistet haben für nachfolgende Generationen.

Ylfete Fanaj an ihrer Ansprache am Luzerner Frauenstreik 2019 zum Thema «Häusliche Gewalt». (Bild: ida)

Die studierte Sozialarbeiterin sieht sich als Mutmacherin für junge Frauen und Männer. Sie arbeitet als Bereichsleiterin beim Jugendprojekt Lift in Bern, einem Projekt für Jugendliche mit erschwerender Ausgangslage im Übergang zur Arbeitswelt.

Ihre Wahl ist «eben keine Selbstverständlichkeit»

Hat Fanaj eigentlich Mühe damit, immer wieder auf ihre Herkunft angesprochen zu werden? Manchmal schon. Aber: «Die Reaktionen zeigen eben auch, dass eine Wahl wie meine als speziell wahrgenommen wird, also keine Selbstverständlichkeit ist. Es zeigt, dass wir vieles noch nicht erreicht haben.»

«So wie sich die Gesellschaft auf dem Spielplatz hier zeigt, sollte sich das im Parlament abbilden.»

Fanaj ist es wichtig, dass alle Positionen, auch in der Politik, vielfältig zusammengesetzt sind. Frauen und Männer, die LGBTQ-Community, Menschen ohne und mit Migrationshintergrund, Menschen mit Einschränkungen. «So wie sich die Gesellschaft auf dem Spielplatz hier zeigt, sollte sich das im Parlament abbilden.»

Fanaj hat sich als junge Frau, die damals an der Primarschule in Sursee das erste Mädchen aus dem Balkan war, hat es zur ersten Frau kosovarischen Ursprungs in einem Schweizer Parlament – bis hin zur ersten Seconda in einem solch hohen Amt geschafft. Am 1. Juli ist offizieller Amtsantritt.

Ylfete Fanaj mag vielleicht in vielen Dingen ungewollt die Erste gewesen sein. Aber sie hofft, dass sie nicht die Einzige bleiben wird.

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3 Kommentare
  1. Margrit Grünwald, 30.06.2020, 15:54 Uhr

    Grossartig, 🌹Ylfete Fanaj aber ist nur mit viel Einsatz und Wille in das Amt gekommen. Geschenkt wird einem als Migrantin leider gar nichts. Jetzt hat sie es erreicht, herzliche Gratulation.

    1. CScherrer, 30.06.2020, 19:21 Uhr

      Ihren Worten schliesse ich mich gerne an!

  2. Stefan Hofmann, 30.06.2020, 09:09 Uhr

    Einfach eine schöne Geschichte. Man spürt ganz viel Engagement, Herzblut, Freude und Dankbarkeit, wenn Ylfete Fanaj spricht. Schön, wenn die Luzerner Politik auch mal etwas farbiger und vielfältiger daher kommt, als das sonst leider meist der Fall ist!

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