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«Ich habe Fantasie bis zum Gehtnichtmehr»
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Rolf Gerber und eines seiner Exponate in der Galerie «DAS DA». Eine nicht mehr funktionstüchtige Gitarre wurde kurzerhand zu einem Radio umgebaut. (Bild: pbu)

Ein Zuger Tüftler aus Leidenschaft «Ich habe Fantasie bis zum Gehtnichtmehr»

6 min Lesezeit 1 Kommentar 01.05.2016, 05:15 Uhr

Er repariert Dinge, die andere wegwerfen. Er erschafft mit viel Witz und Kreativität zweckentfremdete Objekte. Mitten in der Zuger Altstadt macht Rolf Gerber aus Kulturabfällen Kunstwerke – und das für ein paar läppische Franken in der Stunde.

Sie kennen das: In Ihrer Wohnung stehen Dinge, welche Sie seit Jahren nicht mehr benutzt haben. Ihre alte Gitarre zum Beispiel, auf der Sie einst die ersten musikalischen Schritte gegangen sind. Oder der Discman, den Sie in den 90er Jahren stolz Ihren Freunden präsentiert haben. Lang ists her. Der Staub hat sich des Zeugs längst bemächtigt. Fortwerfen geht allerdings nicht. Zu hoch ist der emotionale Wert – so nutzlos der Gegenstand mittlerweile auch sein mag.

Hier kommt Rolf Gerber ins Spiel. Der Steinhauser ist seit Jahrzehnten leidenschaftlicher Bastler und stellt sein Können regelmässig in «Rolfs Manufaktur» in der Galerie «DAS DA» in der Zuger Altstadt unter Beweis. So wie jetzt gerade. «Radiowellen und andere Töne» lautet das Motto (siehe Box). Und genau das wird einem präsentiert, wenn man den Ausstellungsraum betritt. Da steht ein Turm aus Radiogeräten, die vor einem halben Jahrhundert der letzte Schrei waren. Apparaturen, die sich erst auf den zweiten Blick als Rundfunkgeräte entpuppen und Wandbilder, die auf Knopfdruck Töne von sich geben.

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Kulturabfällen wird neues Leben eingehaucht. In der «Rolf Manufaktur» stehen unzählige neukreierte Dinge.

Kulturabfällen wird neues Leben eingehaucht. In der «Rolf Manufaktur» stehen unzählige neukreierte Dinge.

(Bild: pbu)

Hast du auch ein iPhone?

«Meine Arbeit besteht aus drei Teilbereichen», erklärt der 63-jährige Steinhauser, der ursprünglich aus Sursee kommt. «Ich repariere, ich kreiere und ich funktioniere um.» Er sehe sich als Objektkünstler, in Klammern als Reparierer und Bastler, sagt Gerber und zeichnet imaginäre Klammern in die Luft. «Weggeworfene, wertlose Gegenstände funktioniere ich zu neuen Objekten um. Dabei interessieren mich sowohl die verschiedenen Materialien, als auch die speziellen Formen oder manchmal die Geschichten, die diese Dinge erzählen könnten.»

Diese nur scheinbar wertlosen Dinge erhalten durch Gerbers Neumontage ein völlig anderes Aussehen und dadurch ein Eigenleben und einen neuen Sinn. Es entstehen humoristische Anspielungen auf Zeitphänomene, mitunter witzig und frech, manchmal ernst und hintergründig. Zum Beispiel ein ganz spezielles iPhone, welches der Künstler am besten gleich selbst vorstellt:

Man nehme ein uraltes Mobiltelefon – mit Tasten! – und ein Kunststoffei, et voilà, fertig ist das «Ei-Phone». Klingt simpel, ist es auch. Nur, auf die Idee muss man zunächst mal kommen. Und man muss über einen schier unerschöpflichen Erfindungsgeist verfügen, um ganze Regale mit solch zweckentfremdeten Neukreationen füllen zu können. «Ich habe eine Fantasie bis zum Gehtnichtmehr», sagt Gerber von sich selbst. «Ich könnte Tag und Nacht arbeiten.»

«Mein erstes Sackgeld verdiente ich mit dem Auseinandernehmen und Neubestücken von Autos.»

Radios in neuem Gewand

Was macht man mit alten Radios? Für Rolf Gerber ist klar: Wegwerfen ist keine Option. Wertlose Radiogeräte und andere elektronische Apparate wurden von ihm auseinander genommen, neu zusammengesetzt und meist sehr farbig bemalt. Entstanden sind dabei skurrile, witzige, aber auch nachdenklich stimmende Kunstwerke. Nebenbei präsentiert die Ausstellung «Radiowellen und andere Töne» auch eine kleine Geschichte der Tonträger.

Die Ausstellung läuft vom 23. April bis zum 12. Juni 2016 und kann jeweils samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr in der Galerie «DAS DA» in der Unteraltstadt 16 besucht werden.

Ein Lehrer mit Bastel-Drang

Dabei hatte der ausgebildete Lehrer und Schulische Heilpädagoge eigentlich genug vom Arbeiten. Mit 60 Jahren liess er sich früh pensionieren. «Ich konnte nicht mehr. Es wurde mir zu viel.» Näher darauf eingehen möchte der passionierte Tüftler nicht. Dafür erzählt er leidenschaftlich gerne davon, wie es denn dazu gekommen ist, dass er grundsätzlich todgeweihten Gegenständen neues Leben einhaucht.

«Bereits in jungen Jahren wollte ich Künstler werden. Das hat man zuhause allerdings nicht gern gesehen. Ich wurde dann zwar Lehrer, habe das Reparieren aber nie lassen können.» Seit gut 40 Jahren bastelt, repariert und kreiert Gerber nun schon. Der Ursprung dieser Leidenschaft ist sein Grossvater. Dieser hatte nämlich eine Autowerkstatt, in der sich Klein-Rolf gerne vertat: «Mein erstes Sackgeld verdiente ich mit dem Auseinandernehmen und Neubestücken von Autos.»

Zudem sei sein Vater ein Multitalent gewesen. «Er konnte alles flicken und hatte als Fotograf auch eine kreative Ader.» Dies habe er seinem Sohn weitervererbt. «Ich bin ein Stubenhocker», sagt Gerber von sich selbst. «Mein Bruder und ich haben sich darin sehr unterschieden. Während er draussen spielte, sass ich lieber zuhause, las Bücher oder bastelte.»

«Diese scheinbar wertlosen Dinge erhalten durch die Neumontage ein völlig anderes Aussehen und dadurch ein Eigenleben», sagt Rolf Gerber.

«Diese scheinbar wertlosen Dinge erhalten durch die Neumontage ein völlig anderes Aussehen und dadurch ein Eigenleben», sagt Rolf Gerber.

(Bild: pbu)

Am Anfang steht die Zeit

Eine Wende in seinem Leben gab auch der Tod seines Schwiegervaters, der Uhrenmacher war. Er hinterliess viele Uhrenbestandteile, ganze Uhren und Werkzeuge. Rolf Gerber nahm den ganzen Fundus zu sich nach Hause. «Ich hatte damals keine Ahnung, was ich mit all den Uhren anfangen soll. Mit der Zeit habe ich dann damit begonnen, die nicht mehr funktionstüchtigen Exemplare zu reparieren. Es war ein reines Probieren, ich habe die Sachen auseinandergenommen und wieder zusammengeschraubt.» Gerber, der Autodidakt. Neben dem sporadischen Austausch mit Profis hat er sich das Uhrenreparieren mehrheitlich selbst beigebracht.

«Heute kauft man ein Ikea-Möbel, das vielleicht drei Jahre in der Wohnung steht, bis es ausser Mode kommt und einem anderen Platz machen muss.»

Sozialkritische Gefühle haben ihn dabei stets begleitet. Gerber kritisiert offen das unbedachte Wegwerfen der heutigen Gesellschaft – gerade, wenn es um elektronische Gerätschaften geht. «Die Schnelllebigkeit gibt mir wahnsinnig zu denken. Teilweise kann ich kaum glauben, was die Leute im Ökihof zu entsorgen gedenken.»

Für Gerber ist klar, weshalb man heute so achtlos mit den Gegenständen umgeht: «Den Leuten geht es schlicht zu gut. Zu der Zeit, als ich aufgewachsen bin, hatte man nicht viel Geld. Da hat man seine Sachen automatisch sorgsamer behandelt.» Dies sei eine Generation vor ihm noch ausgeprägter gewesen. Da habe man sich ein Bett schreinern lassen und in diesem bis zu seinem Tod genächtigt. «Heute kauft man ein Ikea-Möbel, das vielleicht drei Jahre in der Wohnung steht, bis es ausser Mode kommt und einem anderen Platz machen muss», konstatiert er.

René Magritte, interpretiert von Rolf Gerber.

René Magritte, interpretiert von Rolf Gerber.

(Bild: pbu)

Wenige Franken in der Stunde

In diesem Sinne sieht sich Rolf Gerber auf einer Mission. Gegen die Verschwendungssucht der Menschen. Den Dingen neues Leben einhauchen. «Es geht mir nicht darum, damit das grosse Geld zu machen. Das Monetäre spielt keine Rolle. Mir geht es gut mit meiner Rente.» Im Vordergrund, betont der Tüftler nachdrücklich, stehen die Lust, der Fantasie freien Lauf zu lassen sowie der Wunsch, den Betrachter zu verblüffen und zu erfreuen.

«Ich habe Angst davor, bekannt zu werden.»

Apropos: Besteht denn überhaupt eine Nachfrage nach seinen transformierten Exponaten? «Ja, sie werden überraschend gut nachgefragt», antwortet er mit einem Schmunzeln. Er habe über die letzten Jahre stets einen guten Umsatz mit seinen Kunstwerken gemacht. «Aber wenn man das Ganze buchhalterisch betrachtet, sieht es natürlich ganz anders aus. Stelle ich die investierten Arbeitsstunden dem Ertrag gegenüber, dann käme ich oft auf einen Stundenlohn von wenigen Franken», sagt Gerber und lacht.

Allzu erfolgreich wolle er mit seinen Werken ohnehin nicht werden. «Ich habe Angst davor, bekannt zu werden und dadurch meine Eigenständigkeit und Freiheit zu verlieren», sagt Gerber, diesmal, ohne seinen Worten ein Lächeln folgen zu lassen. «Ich habe gerne meine Ruhe.» Der Kunstmarkt interessiere ihn nicht sonderlich. Was ihn interessiere, sei das Machen. Deshalb stelle er nur hie und da in der Galerie aus. Ein Besuch in Rolfs Manufaktur lohnt sich angesichts dessen umso mehr – nicht zuletzt auch wegen dem Präsentationstalent des Tüftlers:

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1 Kommentare
  1. Hans Peter Brugger, 26.05.2016, 23:51 Uhr

    Kreativ, hintergründig, verspielt, humorvoll, unbeirrbar und doppelbödig, so habe ich Rolf schon in der Kanti Sursee erlebt. Davon zeugen noch inoffizielle tagebuchähnliche Klassenhefte mit Beiträgen, Gedichten wie dieses Sommergedicht, Kurz- und Kürzestgeschichten, Zeichnungen und andern Werken zwischen Dada, Gaga und «Weltliteratur» aus einem Rolf’schen Universum jenseits vom Bekannten und Gängigen. Grossartig, wie Rolf seine Passion durchzieht und uns immer wieder aufs Neue verblüfft.Seine Zurückhaltung und Bescheidenheit zeichnen ihn gleich noch einmal aus. Wie der wahre Erleuchtete nie von sich behaupten würde, erleuchtet zu sein, so winkt Rolf auch immer ab, wenn man ihn als Künstler bezeichnen möchte. Für mich ist und bleibt er der ideenreiche, geschickte, engagierte Erfinder und Re-Kreateur Rolf Gerber alias Düsentrieb mit einer Manufaktur, die an Jules Verne erinnert und von Michael Ende ( «Die unendliche Geschichte», «Momo») hätte ersonnen sein können. Danke Rolf, weiter so! Die Welt braucht so Querdenker und Querkönner wie dich. Regt an, erheitert, bewegt und gibt zu denken.