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«Ich habe dicke Haut, breite Schultern und eine Teflonbeschichtung»
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Komiker Sergio Sardella aus Emmenbrücke. (Bild: azi)

50 Fragen an ... Comedian Sergio Sardella «Ich habe dicke Haut, breite Schultern und eine Teflonbeschichtung»

11 min Lesezeit 04.06.2017, 04:36 Uhr

Der Komiker Sergio Sardella aus Emmenbrücke polarisiert: Während gewisse seinen Humor lieben, finden ihn andere plump oder gar rassistisch. Wir stellten ihm 50 Fragen und wollten von ihm wissen, wie er auf solche Kritik reagiert, wie seine Traumferien aussehen und wie viel Italo tatsächlich noch in ihm steckt.

1. Herr Sardella, ist es anstrengend, immer lustig sein zu müssen?

Lacht. Ich muss nicht lustig sein. Ich darf lustig sein.

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2. Werden Sie wütend, wenn man Sie «Tsching» nennt?

Nein. Als Secondo gehöre ich zur Generation, die das nicht mehr aktiv erleben musste. Ich weiss aber, dass es Leute gibt, die damit zu kämpfen hatten.

3. Sie sparen in Ihren Nummern nicht an Italo-Klischees. Haben Sie kein Problem damit, Ihre Landsleute in die Pfanne zu hauen, um Schweizer zum Lachen zu bringen?

Nicht wirklich, weil ich eben beiden den Spiegel vor den Kopf halte. Es betrifft die Italiener wie auch die Schweizer gleichermassen.

4. Spielen Sie einfach gerne mit Stereotypen oder reflektieren Sie diese manchmal auch kritisch?

Ich spiele sehr gerne. In meinen Anfängen hatte ich ja verschiedene Rollen, zum Beispiel einen Securitas aus dem Bünderland oder einen Randständigen mit Rastalocken. Irgendwann hat sich dann herauskristallisiert, dass der Italiener beim Publikum am besten ankommt.

Der Italo-Secondo weckt viele Erinnerungen daran, wie man aufgewachsen ist oder was man schon alles gemeinsam mit Italienern erlebt hat. Ich bekomme diesbezüglich sehr viel positives Feedback.

5. Worüber werden Sie Witze machen, wenn die Schweizer einmal nicht mehr über den Italiener lachen wollen?

Ich glaube, der Alltag gibt genug her, um darüber lachen zu können. Man muss ja nur kurz einen Blick in die Medien werfen, dort spiegelt sich der tägliche Wahn. Daran braucht man nur ein wenig herumzuschrauben und schon wird es komisch. Die Welt ist einfach absurd. Lacht.

6. Können Sie Ihren Akzent nach einer Show problemlos ablegen?

Ja. Es ist lustig, weil manche Leute glauben, dass ich immer wie auf der Bühne spreche. Neulich wurde ich in einer Bar angesprochen – kaum habe ich ein paar Worte gesagt, rief der Mann seiner Frau zu: «Er ist es im Fall nicht, er spricht ganz normal!» Lacht. Der Akzent ist eine Art, mit den Klischees zu spielen, aber zugleich auch ein Spiel mit der Sprache und den Missverständnissen, die daraus entstehen können.

7. Pizza oder Spaghetti?

Überlegt keine Sekunde. Pizza.

Und welche am liebsten?

Mmmh … Quattro Stagioni.

«Ich habe es als Kind bereits geliebt, wenn ich die Leute mit meiner Art unterhalten konnte.»

8. Sie sind ein eingebürgerter Secondo. Wie viel Italo steckt tatsächlich noch in Ihnen?

Wenn Sie mal dabei wären, wenn ich mir einen Fussballmatch der italienischen Nationalmannschaft anschaue, dann würden Sie wissen, wie viel Italiener in mir steckt. Lacht. Das Temperament ist definitiv da.

9. Was unterscheidet Italiener von Schweizern?

Die kulturellen Hintergründe und die Lebensart.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Pünktlichkeit ist in der Schweiz ja eine Tugend, die sehr hoch gehalten wird. Und in Italien wird Pünktlichkeit sehr flexibel ausgedehnt …

10. Und was haben Schweizer und Italiener gemeinsam?

Beide haben Humor. Jeder ein bisschen anders, aber der Humor ist sicher eine Gemeinsamkeit. Der Schweizer lacht gerne über Gegebenheiten und ist nicht so politisch. Den politischen Humor mag man in der Schweiz nicht besonders, weil man halt neutral bleiben will. Man möchte niemanden angreifen oder beleidigen. In Italien ist das eher umgekehrt. Dort greift man die Leute gerne frontal und persönlich an.

11. Was finden Sie an sich selbst lustig?

Ich glaube, das beginnt bereits bei meinem Aussehen. Lacht herzlich.

12. Wie ist Sergio Sardella als Privatperson?

Lustig, aber doch mit ernsthaften und nachdenklichen Momenten. Ich denke, auch ein Stück weit gesellschaftskritisch und dementsprechend politisch interessiert.

13. Wo stehen Sie politisch?

Ich sage immer: Das Herz schlägt links.

14. Warum haben Sie sich entschieden, Komiker zu werden?

Ich habe es als Kind bereits geliebt, wenn ich die Leute mit meiner Art unterhalten konnte. Von da an hat sich das eine aus dem anderen ergeben. Früher habe ich vor allem Sachen im Kollegen- und Bekanntenkreis gemacht und gemerkt, dass es funktioniert und die Leute Spass haben. So hat sich das nach und nach immer mehr ausgedehnt.

15. Sie sind momentan mit dem abgewandelten Trump-Slogan «Make Emmenbronx great again» unterwegs. Was ist Ihre Absicht dahinter?

Das ist natürlich eine Persiflage auf das, was gerade in Amerika passiert. Es ist schon krank, was dort alles abgeht – mit Fake News, alternativen Fakten und einem Präsidenten, der absolut untragbar ist … Da muss man sich diesen Gag einfach gönnen.

 

16. Wofür steht für Sie die «Emmenbronx»?

Ich ziehe da gerne Parallelen zur New Yorker Bronx. Die war in den 1970er-Jahren sehr heruntergekommen und wurde regelrecht verteufelt. Heute ist sie das Hip-Quartier, quasi «the place to be». Mit Emmenbrücke ist das ganz ähnlich – es ist zu einem Magneten geworden. Die Kunstschule, das Le Théâtre und zahlreiche Unternehmen hat es hierhergezogen. Ich glaube, das ist eine gute Sache.

17. Welchen Beruf haben Sie ursprünglich gelernt?

Ich habe die Handelsschule gemacht und bin gelernter Kaufmann.

18. Was wollten Sie als Kind werden?

Ich wollte einmal Archäologe werden. Doch der Weg vom Secondo-Kind zum Archäologen ist steinig. Nein, das war mehr ein Bubentraum.

«Comedy ist für mich einfach ein zeitintensives Hobby.»

19. Waren Sie ein guter Schüler?

Ja, das kann ich so sagen. Insbesondere in der Primarschule bin ich einfach «durchgeflutscht» und musste kaum etwas machen. Dadurch konnte ich mir auch mehr erlauben als Schüler mit schlechteren Noten. Ich habe viel Zeit vor der Tür verbracht. Schmunzelt.

Nach der Primarschule bin ich dann drei Jahre an die Kanti – und da habe ich erstmals gemerkt, dass ich jetzt mit dem Lernen beginnen sollte. Aber der Zug war bereits abgefahren. Und so bin ich dann halt in die Handelsschule.

20. Haben Sie Kinder? Schämen die sich manchmal für Sie?

Nein, ich glaube nicht, dass die sich für mich schämen, und wenn, dann würden sie es bestimmt nicht offiziell sagen. Ich habe zwei erwachsene Kinder – und manchmal sind sie einfach genervt, als Sohn oder Tochter von Sergio Sardella angesprochen zu werden.

21. Wie sieht ein normaler Arbeitstag von Ihnen aus?

In der Regel stehe ich um 5.30 Uhr auf. Dann Kaffee, duschen und los zur Arbeit.

Zur Arbeit?

Ja, ich arbeite nebenbei 100 Prozent. Comedy ist für mich einfach ein zeitintensives Hobby.

Könnten Sie denn nicht davon leben?

Doch, das könnte ich. Möchte ich aber nicht. Ich will mich nicht von der Comedy abhängig machen und brauche einen geregelten Tagesablauf. Das stimmt für mich so.

22. Welches Auto fahren Sie? Bestimmt einen Fiat, oder?

Wir haben tatsächlich einen Fiat 500. Lacht. Es ist das Auto meiner Frau. Ich selbst fahre einen Toyota.

Und Sie haben eine Vespa. Mit dieser ist Sergio Sardella zum Interviewtermin erschienen.

Ja, die ist echt superpraktisch, wenn man in der Agglo wohnt.

Sardella kam mit der Vespa zum Interview-Termin.

Sardella kam mit der Vespa zum Interview-Termin.

(Bild: azi)

23. Wohin zieht es Sie in die Ferien?

Ans Mittelmeer. Ich muss nicht unbedingt nach Italien, ich mag Spanien, Portugal und Griechenland ebenso gerne.

Auch diesen Sommer?

Die Sommerferien planen wir gerade. Vermutlich gehen wir nach Sardinien oder Sizilien.

24. Wir hätten gerne eine Zeichnung! Malen Sie uns eine Szene aus Ihrem Traumurlaub.

Sergio Sardella zeichnet seinen Traumurlaub.

Sergio Sardella zeichnet seinen Traumurlaub.

(Bild: azi)

25. Wie reagieren Italiener auf Ihre Witze?

Grundsätzlich gut. Zumindest jene, die sie verstehen. Ich spreche ja vor allem Secondos an. Die sind hier aufgewachsen und kennen die Situationen aus meinen Witzen genau – und lachen sehr gerne mit.

26. Sind Ihre Eltern stolz auf Sie?

Ja.

27. Was ist das Ziel Ihres Humors?

Die Leute aus dem Alltag herauszureissen und ihnen zu zeigen, dass man nicht alles so tierisch ernst nehmen muss. Man soll sich aber auch Gedanken machen. Es gibt Leute, die das Programm einfach nur lustig finden, weil es Pointen gibt. Und dann gibt es andere, die tatsächlich etwas davon nach Hause nehmen. Und das ist das Schöne.

28. Sie sind als Komiker sehr erfolgreich und haben bereits einige Auszeichnungen erhalten. Was wollen Sie in Ihrer Karriere noch erreichen?

Solange die Leute lachen, mache ich weiter. Und wenn sie das eines Tages nicht mehr machen, kann ich den Hut ruhigen Gewissens an den Nagel hängen.

29. Haben Sie manchmal Lampenfieber?

Gott sei Dank nicht. Fünf bis zehn Minuten bevor es auf die Bühne geht, werde ich schon etwas hibbelig. Aber dann nehme ich einen Espresso und gut ist’s. Lacht.

«Wenn jemand das Gefühl hat, ich sei doof, dann muss er ja nicht an meine Shows kommen.»

30. Wovor haben Sie Angst?

Vor unheilbaren Krankheiten. Ich finde es beängstigend, wenn man keine Chance mehr auf Besserung hat.

31. Was macht gute Comedy aus?

Wenn die Leute unerwartet über eine Pointe lachen müssen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man dann zu lachen beginnt, wenn das Hirn stolpert. Also wenn man etwas hört und es nicht sofort einordnen kann. Ich glaube, das ist die Essenz der Comedy.

32. Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Nummern?

Der tägliche Wahn. Das sind absurde Gegebenheiten, die ich selbst mal so erlebt habe, oder auch Dinge, die man einfach konstruieren kann.

33. Wie gehen Sie mit Kritik um? Etwa wenn Ihnen gesagt wird, dass Sie viel zu plump und überhaupt nicht lustig seien …

Ich glaube, das muss Platz haben. Geschmäcker sind verschieden. Wenn jemand das Gefühl hat, ich sei doof, dann muss er ja nicht an meine Shows kommen. Das ist für mich kein Problem.

Das verletzt Sie nicht?

Direkt hat mir das noch nie jemand gesagt, aber klar habe ich schon Kommentare gelesen, die nicht so toll waren. Das ist in Ordnung. Nach über 25 Jahren Erfahrung im Kundendienst habe ich eine dicke Haut, breite Schultern und eine Teflonbeschichtung. Da prallt alles ab.

34. Erzählen Sie uns Ihren Lieblingswitz.

 

35. Ihr Lieblingskomiker?

Überlegt. Ich sehe sehr gerne Oropax, weil die als Duo sehr gut funktionieren und einen absurden Humor haben. Das gefällt mir.

36. Was ist das Peinlichste, das Ihnen je passiert ist?

Ich hatte einmal eine schwangere Frau aus meinem Bekanntenkreis gefragt, wann es denn endlich so weit sei – und dann hat sie mir den Kinderwagen gezeigt und gesagt, dass das Kind vor zwei Wochen zur Welt kam … Ja, das war sehr peinlich.

37. Womit kann man Sie so richtig ärgern?

Wenn man unpünktlich ist.

Aha. Das ist dann wohl der Schweizer in Ihnen.

Ja, das ist so. Ich erwarte, dass man pünktlich ist und Verabredungen einhält. Pünktlichkeit ist eine Frage des Respekts. Mit den heutigen Mitteln kann man Verspätungen vorgängig ankünden. Ich brauche einfach eine gewisse Verbindlichkeit. Man wird nicht fünf Minuten vor einer Verabredung krank – mit solchen Dingen habe ich Mühe.

38. Wie sieht Ihre beste Grimasse aus?

Sergio Sardella zeigt seine Lieblingsgrimasse.

Sergio Sardella zeigt seine Lieblingsgrimasse.

(Bild: azi)

39. Was machen Sie in Ihrer Freizeit am liebsten?

Ich koche täglich. Und dementsprechend gehe ich auch gerne einkaufen. Und ich esse auch gerne. Lacht. Die ganze Trilogie also: einkaufen, kochen, essen. Ausserdem reise und lese ich sehr gerne.

40. Wo hört bei Ihnen der Spass auf?

Wenn beleidigend auf Menschen eingedroschen wird, die sich nicht wehren können. Oder wenn es um religiöse Aspekte geht und Menschen oder eine Gruppe von Menschen direkt angegriffen werden.

41. War es für Sie schwierig, als Sohn italienischer Migranten in der Schweiz aufzuwachsen?

Schwierig nicht, aber man hat es doch zu spüren bekommen. Zumindest in den 1970er-Jahren.

Inwiefern?

Wenn man etwa auf dem Pausenplatz Italienisch gesprochen hatte und von den Lehrern zurechtgewiesen wurde, dass hier Deutsch geredet wird. Oder auch wenn man vom Fussballplatz verjagt wurde, weil der nicht uns gehöre.

Ich erinnere mich auch noch daran, wie ich meine erste Wohnung gesucht hatte. Mit dem Namen Sardella war das nicht einfach – oder es waren tatsächlich alle Wohnungen bereits vergeben, für die ich mich interessierte … Lacht.

42. Haben Sie schon Erfahrungen mit Rassismus gemacht?

Ja. Zwar nicht in Bezug auf meine Person, aber ich habe im Bus schon Sachen erlebt, die deutlich rassistisch waren.

43. Was entgegnen Sie Kritikern, die Ihren Humor mit Rassismus in Verbindung bringen?

Das habe ich so noch nie gehört. Ich glaube, die Leute können das gut trennen und haben ein Gespür dafür, wo Humor angebracht ist und worüber man besser nicht lacht. Mir als Comedian geht es ja auch nicht darum, rassistische Vorurteile zu schüren, sondern um das Überdenken der eigenen Haltung.

44. Wenn Sie nicht mehr Comedy machen könnten, was würden Sie tun?

Ich glaube, ich würde schreiben. Das könnte ich mir vorstellen.

45. Werden wir in Zukunft mal ein Buch von Ihnen in den Händen halten?

Ich will es nicht ausschliessen, aber eher weniger. Beim Schreiben wäre alles anonymer und distanzierter. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen. Vor allem schätze ich dabei das unmittelbare Feedback des Publikums. Das möchte ich nicht missen.

46. Was lieben Sie an Luzern?

Ich mag diese Mischung zwischen städtisch, aber doch nicht zu gross, viel Grün darum herum mit Wasser und Bergen. Auch was die Stadt historisch zu bieten hat, macht Luzern einfach zu einem schönen Fleck. Und es ist sehr zentral gelegen, Bern, Basel, Zürich – alles nur eine Stunde entfernt.

Zurück nach Italien zu gehen, ist also keine Option?

Lacht. Nein, das war nie eine Option. Ferien in Italien sind schön, aber dort zu leben, ist nicht ganz so einfach.

47. Ihr Lieblingsfilm?

Und täglich grüsst das Murmeltier.

48. Mit wem würden Sie gerne im Lift stecken bleiben?

Bei dieser Antwort grübelt er sehr lange. Das müsste sicher eine redselige Person sein. Jemand zum Schwatzen, damit die Zeit schneller vorbeigeht. Aber ich habe da niemanden Bestimmtes im Kopf. Wichtig ist einfach, dass die Person nicht klaustrophobisch veranlagt ist. Da würde ich mich dann schnell auch nicht mehr so wohl fühlen. 

Komiker Sergio Sardella aus Emmenbrücke.

Komiker Sergio Sardella überlegt lange für seine Antwort.

(Bild: azi)

49. Wann haben Sie zum letzten Mal geheult?

Vor zwei Jahren, als ich zwei gute Freunde verloren hatte.

50. Und zum Schluss: Ihre erste Liebe?

Ich war etwa 14 oder 15 und sie war das Nachbarsmädchen.

Italienerin?

Nein, sie war Schweizerin.

Aber Ihre heutige Frau ist Italienerin?

Nein, auch sie nicht. Lacht. Sie ist halb Schweizerin und halb Österreicherin.

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