«Ich habe Atem für neue Projekte»
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Marcel Bieri wird nach zehn Jahren B-Sides kürzer treten. (Bild: Urs Arnold)

Marcel Bieri – ein Kopf des B-Sides «Ich habe Atem für neue Projekte»

6 min Lesezeit 31.05.2015, 17:18 Uhr

Vor zehn Jahren erwachte das B-Sides auf dem Sonnenberg zum Leben. Heute sind Verein und Festival aus der Luzerner Kulturszene nicht mehr wegzudenken. Geschäftsleiter Marcel Bieri erklärt im Interview, was das Festival ausmacht und welche grosse Veränderung nun ansteht.

Bald pilgern die Besucher wieder zu Hunderten auf den Krienser Sonnenberg ans B-Sides, egal welches Wetter, egal ob sie die Bands kennen oder nicht. Denn das B-Sides verspricht Neues, Ungewöhnliches und die treuen Besucher honorieren den Mut der Veranstalter.

So hält das B-Sides-Festival Stand, während viele andere aufgeben oder pausieren müssen (zentral+ berichtet).

Marcel Bieri, der Kopf – einer der Köpfe, wie er betont – des B-Sides, hat im Interview mit uns darüber gesprochen, weshalb Musik nicht nur Dur sein kann, weshalb man Risiken eingehen soll, und darüber, wie es mit dem Festival weitergeht.

Der 36-jährige Booker und Geschäftsleiter hat ein Händchen für Geheimtipps, eine Leidenschaft für Musik fern vom Mainstream, Musik von der B-Seite der Platte. Er hat das B-Sides mit aufgebaut und in den letzten Jahren mit zwei Kollegen immer mehr die Führung übernommen – nun wird sich einiges verändern. Aber erst nach der diesjährigen Ausgabe.

zentral+: Wenn ich mir das B-Sides-Programm anschaue, dann frage ich mich – bist du ein bisschen depro?

Marcel Bieri: Depro? Er scheint verwundert. Melancholische Musik hat doch nichts mit depro zu tun. Durch Musik kann man ganz verschiedene Gefühlswelten transportieren. Ich mag tiefgründiges, kreatives und mutiges Songwriting einfach lieber als oberflächliches, welches einem eine Scheinwelt vorgaukelt. Darin ist mehr echtes Leben, welches auch nicht immer nur in Dur verläuft.

«Wenn wir in einer Welt leben würde, in welcher spannende Musik Mainstream wäre, würde ich ein Mainstream-Festival machen.»

zentral+: Aber du magst keinen Mainstream?

Bieri: Was heisst denn Mainstream? Wenn wir in einer Welt leben würde, in welcher spannende Musik Mainstream wäre, würde ich ein Mainstream-Festival machen. Bieri schmunzelt. Aber Radiohead ist ja auch bekannt geworden. Und auch ich war früher mehr an grossen Konzerten. Aber wir wollen eine Chance für aussergewöhnliche Künstler bieten, die es auf diesem konformen und gesättigten Musikmarkt nicht so leicht haben. Wir wollen einen regionalen bis internationalen Überblick über das kreative musikalische Schaffen bieten.

zentral+: B-Seite – ist der Name noch Programm? Mit grossen Namen wie Züri West habt ihr doch auch schon aufgetrumpft.

Bieri: Züri West ist zwar eine der grössten Schweizer Bands, trotzdem passen sie perfekt zum B-Sides-Festival. Wir wollen Bands, die ihren Fokus auf die Songs legen und nicht darauf, möglichst oft im Radio gespielt zu werden. Toll war auch, dass sie dem Festival einen grossen Schub gaben – wir mit ihnen ein neues Publikum erreichten. Und sie hatten ein Konzert, das sie an ihre Wurzeln zurückbrachte – ein kleineres Festival, ein gemütlicher, kreativer Rahmen. Ich habe nichts gegen Popmusik. Im Gegenteil: Richtig gute Popsongs zu machen, ist extrem schwierig, und das tut Züri West beispielsweise.

zentral+: Was sagst du zur Diskussion nach dem Emm und Kackmusikk-Interview – Buchst du nur «Künstler»? Und wer ist Künstler genug?

Bieri: Er lacht. Ich glaube nicht, dass sie das ernst meinten. Denn erstens: Apropos Künstler – natürlich sind sie Künstler. Und zweitens: Ich muss immer abwägen, zu welchem Zeitpunkt es für einen Künstler, den ich interessant finde, Sinn macht, am B-Sides aufzutreten. Wenn jemand eine spannende Platte herausbringt, ist das grossartig. Um aber an einem Festival zu bestehen, braucht es Live-Erfahrung. Das ist der nächste Schritt.

zentral+: Aber sind das B-Sides-Team, das Stammpublikum und die Künstler nicht alle Teile eines Luzerner Kulturfilzes?

Bieri: Das ist ein alter Socken, über welchen ich nur schmunzeln kann. Ich würde nie behaupten, ich sei Teil eines Filzes. Wenn ich verschiedene Konzerte besuche, mich über Musik austausche, dann gerate ich aber logischerweise immer wieder an dieselben Leute, die ebenfalls dort sind und die das Thema genauso interessiert. So spüre ich, bei wem das Feuer brennt, und diese Künstler interessieren mich dann wiederum.

zentral+: Wer ist euer Zielpublikum?

Bieri: Das gibt es nicht. Wir haben nie eines definiert. Aber wir haben herausgefunden, wer das B-Sides vor allem besucht: Die Leute sind durchschnittlich zwischen 25 und 40. Die Jüngeren zieht es eher an die grossen Festivals mit den bekannteren Acts. Ging mir früher auch nicht anders.

«Man soll zwischendurch auch mal auf die Fresse fallen.»

zentral+: In zwei Wochen startet das Festival. Wie läufts?

Bieri: Wir haben ein turbulentes, spannendes Jahr hinter uns. Wir haben die Werkbeitrag-Eingabe für die 10 Moments gemacht, daraus das Indoor Festival, ein Kochbuch und eine Fotoausstellung und einen Netzwerkanlass auf die Beine gestellt.

zentral+: Das Indoor war aber ein ziemlicher Reinfall?

Bieri: Monetär gemessen ja. Finanziell ging es in die Hose. Aber das gefährdet das B-Sides nicht. Und Geld ist Geld. Es macht doch Sinn, es in Kultur zu investieren. Wir haben eine Plattform geschaffen, eine tolle Zusammenarbeit mit dem Kleintheater und dem Südpol aufgebaut. Aber das Datum war nicht gut gewählt und wir haben einige Headliner nicht buchen können. Und Luzern war auch noch nicht bereit. Die Luzerner müssen nun das Vertrauen, welches sie dem B-Sides-Festival entgegenbringen – ein Vertrauen, das auch erst wachsen musste – auch zum Indoor gewinnen.

Doch grundsätzlich muss ich sagen: Wir haben uns da reingestürzt wie früher, auf volles Risiko. Das zeigt mir, dass wir nicht vorsichtig, nicht ganz erwachsen geworden sind. Und das ist gut so. Man darf, oder besser: Man soll zwischendurch auch mal auf die Fresse fallen. Aber nun wird sich sowieso einiges verändern.

zentral+: Was wird sich verändern?

Bieri: Wir haben zwei Personen für die Geschäftsleitung angestellt. Diese werden bereits am Festival mitarbeiten und danach offiziell bekanntgegeben. Alles ging perfekt auf. Ich werde mich damit aus einigen Bereichen zurückziehen und mich auf das Booking und das Netzwerken konzentrieren und den beiden in anderen Belangen zur Seite stehen.

«Ab einem gewissen Alter muss man weiterziehen.»

zentral+: Weshalb dieser Schritt?

Bieri: Wir – die in den letzten Jahren viel Verantwortung übernommen haben – haben gemerkt, dass es eine Veränderung braucht. Für uns selbst. Es sind nun zehn Jahre. Eine Ära geht zu Ende, aber mit ihr wurde die Basis gelegt für die folgenden Jahre. Das B-Sides ist zu einer bekannten Kulturinstitution geworden – mit dem Flaggschiff B-Sides-Festival.

Als wir vor zehn Jahren erstmals die Bewilligung in den Händen hielten, wusste ich: Das ist eine echte Chance. Und wir haben sie genutzt. Aber ab einem gewissen Alter muss man weiterziehen, die Erfahrungen in anderen Bereichen nutzen und an jüngere Leute weitergeben. Es wird eine Prüfung für mich werden, viele Dinge tatsächlich abzugeben. Aber ich freue mich sehr, bin überzeugt, dass wir zwei tolle Leute für den Job gefunden haben. Und ich habe wieder mehr Atem für neue Projekte. Wir werden sehen, was kommt.

zentral+: Worauf freust du dich bei der diesjährigen Ausgabe am meisten?

Bieri: Die Gesamtkonzeption stimmt einfach super zusammen und ich freue mich wie immer auf alle Helfer, welche mit ihrer positiven Energie so viel beitragen. Musikalisch freue ich mich besonders auf Liima. Dieses neue Projekt der dänischen Band Efterklang mit dem finnischen Percussionisten Tatu Rönkkö verkörpert den Geist des B-Sides perfekt. Es ist «work in progress», eine Zusammenarbeit von Musikern, die unterwegs geschieht, es gibt kein Stehenbleiben, alles wird mit den Leuten geteilt. Damit ist es auch ein Risiko.

zentral+: Und was ist das Highlight, wenn du auf die vergangenen Jahre zurückblickst?

Bieri: Die Sonntage. Wenn das Team am Sonntag, nachdem alles vorbei ist, noch ums Feuer sitzt.

zentral+: Hattest du in den 10 Jahren auch Momente, in welchen du dachtest, es geht nicht mehr weiter?

Bieri: Bieri lacht. Jedes Mal in den ersten fünf Jahren. Wir hatten kaum Geld, es war so anstrengend, jedes Jahr wieder zu kämpfen. Aber wir konnten irgendwie doch nicht aufhören.

zentral+: Weshalb?

Bieri: Ich habe mit dem Veranstalten begonnen, da ich heimisches Musikschaffen unterstützen wollte. Das ist noch immer so. Ich bekomme Hühnerhaut, wenn wie im letzten Jahr am Samstagabend drei Luzerner Bands hintereinander vom Publikum gefeiert werden.

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