«Ich glaube, Glencore hat Kreide gefressen»
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Jaime Cesar Borda aus Peru schilderte die Umweltprobleme des Bergbaus, die durch Glencore enstehen. (Bild: woz)

Betroffene diskutierten bei Doku-Zug «Ich glaube, Glencore hat Kreide gefressen»

5 min Lesezeit 23.05.2017, 23:22 Uhr

Wie nachhaltig und umweltbewusst wirtschaftet Glencore in Lateinamerika? Inwieweit achtet der Rohstoffgigant aus Baar die Menschenrechte? In Zug diskutierten Vertreter aus Peru und Bolivien. Sie schilderten aus ihrer Sicht die Probleme vor Ort.

Von der Projektionsleinwand im Sitzungszimmer bei Doku-Zug schaut die rund 30 Besucher eine Indio-Frau an. Sie trägt einen schwarzen Hut und steht mutterseelenallein in einer verkarsteten Berglandschaft in den Anden. Es muss kalt sein dort. Das spürt man. Doch es gibt offenbar noch ganz andere Probleme.

«Diese Bäuerin hat Schwermetalle wie Arsen und Kadmium im Blut», sagt Jaime Borda. Borda ist Leiter und Gründungsmitglied der peruanischen Nichtregierungsorganisation «Menschenrechte ohne Grenzen» in Cusco. Dass die Gesundheit der Frau tatsächlich schwermetallbelastet ist, kann der Betrachter zwar nicht überprüfen.

Wenn man aber dem «Schattenbericht» von «Red Sombra» aufmerksam liest, der sozusagen eine Nachhaltigkeitsbilanz des Baarer Rohstoffgiganten in Peru und Bolivien aus der Sicht der Betroffenen liefert, kann man schnell den Eindruck gewinnen, dass in diesen lateinamerikanischen Minengebieten von Glencore einiges im Argen liegt.

Das Wasser ist knapp

Zum Beispiel, dass das Wasser verknappt ist durch den Bergbau, der in Peru 15 Prozent der Landesfläche einnimmt. In manchen Regionen sogar bis zu 50 Prozent. In Bolivien beanspruchen die Minen offensichtlich sogar 73 Prozent des Grundwassers. Letzteres führt laut Limbert Sanchez aus Oruro in Bolivien, dem zweiten Gast aus Lateinamerika, zu regelrechten Dürren. Sanchez ist Leiter der Nichtregierungsorganisation CEPA, die sich um die Ökologie und um die Andinen Völker kümmert.

«Wir wollen, dass Glencore endlich die Verantwortung dafür übernimmt.»

Limbert Sanchez, Bolivien

Da das Wasser in Gruben durch Schwermetalle aber auch verunreinigt sei, führe dies zu Krankenheiten bei Menschen und Tieren. Weder der Staat noch Glencore würden für diese Folgen aufkommen. «Wir wollen, dass Glencore endlich die Veranwtortung dafür übernimmt und mehr Transparenz und Nachhaltigkeit walten lässt», sagt Sanchez. Man habe viele Fakten nur bruchstückhaft zusammentragen können, weil Glencore Informationen verweigere.

Dabei gebe es noch ganz andere Probleme in ihren Heimatländern in Zusammenhang mit den Bergbaunternehmen und Glencore. Der Staat ergreife zumeist Partei für den Schweizer Rohstoffgiganten. Und das nicht nur in Form von Verträgen. Die Indio-Gemeinschaften litten auch unter Repressionen der örtlichen Polizei, etwa bei Demonstrationen.

«Wir wollen von der Generalversammlung von Glencore in Cham angehört werden.»

Jaime Borda, Peru

Vor fünf Jahren sei es bei gewaltsamen Auseinandersetzungen im peruanischen Espinar während Protesten sogar zu Toten gekommen. «Die Polizei ist aber nicht die private Sicherheitsfirma von Glencore, sondern sollte sich um das Wohl der ganzen Bevölkerung kümmern», sagt Sanchez.

Was tun also, um für die einheimische Bevölkerung bessere Lebensbedingungen in Lateinamerika zu schaffen? «Wir wollen von der Generalversammlung von Glencore in Cham im Lorzensaal angehört werden», meint Borda. Man beabsichtige, dass sich Glencore ihren «Schattenbericht» anschaue, und dass dann eine Diskussion darüber entstehe. «Denn in unseren Heimatländern bekommen wir keine Termine von den örtlichen Minenmanagern», versichert Sanchez.

Alt Regierungsrat Uster meldet sich zu Wort

Wie kann man den Ländern in Lateinamerika generell helfen, um sich mehr Gehör zu verschaffen bei Bergbauunternehmen wie Glencore? Diese Frage beschäftigte die anwesenden Besucher.

Der ebenfalls anwesende Alt Regierungsrat Hanspeter Uster etwa plädierte für die Annahme der Konzernverantwortungsinitiative, mittels derer es  künftig möglich sein soll, dass Betroffene in Südamerika sich direkt mit einer Klage an einen Schweizer Konzern richten könnten.

Jaime Borda und Limbert Sanchez finden diesen Weg prinzipiell hilfreich. «Das Problem ist aber die Beweisführung, bei der technisch-wissenschaftliche Fakten nachgewiesen werden müssen. Und dazu sind einfache Indio-Gemeinschaften zumeist nicht in der Lage.»

Auch Glencore besuchte die Veranstaltung

Ein Zuger Besucher der Veranstaltung bei Doku-Zug, der im Kaffeehandel tätig ist, zeigte sich indes überzeugt, dass der zugenommene internationale Druck auf Glencore schon Wirkung gezeigt hat. «Ich glaube, Glencore hat Kreide gefressen und muss in Zukunft etwas tun.» Zumindest läuft offenbar, wie Limbert Sanchez versicherte, derzeit in Grossbritannien ein öffentliches Strafverfahren gegen Glencore wegen Misständen in Lateinamerika.

«Zu keiner Zeit haben die Autoren des Berichts das Gespräch mit Glencore gesucht.»

Charles Watenphul, Glencore

Harter Tobak. Was sagt da eigentlich die Firma aus Baar zu all diesen Vorwürfen? Charles Watenphul von Glencore, der die Veranstaltung bei Doku-Zug ebenfalls besuchte, betont gegenüber zentralplus, dass das Rohstoffunternehmen in den einzelnen Ländern etwa «Tausende von Tests» in den beanstandeten Fällen habe durchführen lassen.

«Es dauerte fünf Jahre, um den Bericht zu erstellen. Zu keiner Zeit haben die Autoren das Gespräch mit uns von Glencore gesucht», betont Watenphul. Der Bericht enthalte «unzutreffende Vorwürfe und irreführende Aussagen». Glencore habe dazu in verschiedenen Publikationen Stellung genommen, welche veröffentlicht worden seien. «Wir glauben fest an einen offenen und konstruktiver Dialog mit allen unseren Interessensgruppen und dieser ist uns sehr wichtig», meint Watenphul. «Wir laden die Autoren und Unterstützer dieses Berichtes ein, sich mit uns zu einem konstruktiven Gespräch zu treffen, sei es in der Schweiz oder in Südamerika.»

Glencore schürft seit Jahrzehnten nach Metallen in Südamerika

Seit 2012 gibt es inzwischen eine Reihe von Organisationen, die begonnen haben, in Lateinamerika Informationen über die Auswirkungen zu sammeln, welche die Wirtschaftstätigkeit von Glencore dort hervorrufen. Diese Allianz konsolidierte sich 2013 unter dem Namen «Shadow Network of Glencore Obervers» und besteht aktuell aus zehn Nichtregierungsorganisationen aus Argentinien, Deutschland, Bolivien, Belgien, Kolumbien, Peru und der Schweiz.

In seinem während mehrerer Jahre erstellten «Schattenbericht» hat das Netzwerk laut eigenen Angaben festgestellt, dass verschiedene Gegenden und Gemeinschaften im Einflussbereich des Rohstoffabbaus von Glencore in Mitleidenschaft gezogen wurden und angeblich bis heute keine Anerkennung geschweige denn Wiedergutmachung ihrer Schäden erfahren haben.

Glencore betreibt seit Jahrzehnten Bergbauunternehmen und Minen in Lateinamerika und ist in Argentinien, Bolivien, Kolumbien und Peru geschäftlich tätig. «In diesen Ländern bekleidet Glencore führende Positionen bei den Markatanteilen von Silber, Kupfer, Zinn, Zink und Kohle», schreibt das Netzwerk in seinem «Schattenbericht».

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