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«Ich fühle mich von den Politikern nicht ernst genommen»
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Antonia und Donath Jochberg, Studenten aus Unterägeri. (Bild: mam )

Was Leute an den Zuger Klimastreik treibt «Ich fühle mich von den Politikern nicht ernst genommen»

5 min Lesezeit 06.04.2019, 19:02 Uhr

300 Menschen nahmen am Samstag in Zug am Klimastreik-Zug teil. Die meisten, die sich ums Klima sorgen, wollen in Zukunft weniger Fleisch essen und möglichst wenig fliegen. Das ist es aber nicht, was sie dazu bewegt, auf die Strasse zu gehen, wie Gespräche mit den Aktivisten zeigen.

«Es nervt mich schon seit Jahren, dass nichts Ernsthaftes unternommen wird, um der Klimaerwärmung Einhalt zu gebieten», sagt Alain Styger, ein 22-jähriger Medizinstudent aus Unterägeri. Deswegen geht er seit Januar, also seit die Klimakundgebungen auch in Zug stattfinden, regelmässig auf die Strasse.

Er hat am Samstag am Alpenquai in Zug eine Brandrede gehalten und gegen die grauhaarigen alten Männer gewettert, die den Jungen mit ihrer Untätigkeit die Zukunft klauen.

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Wobei er sich gleich zu Beginn der Rede bei allen älteren Teilnehmern der Demo entschuldigt und ein «Sorry, Paps» in die Runde wirft. Er habe seinen Vater überreden können, diesen Samstag mitzukommen, sagt er. Die restlichen Familienmitglieder hätten anderes zu tun gehabt. «Aber ich hoffe, dass wir eines Tages alle vier hier stehen.»

Warnwesten leiten den Zug

Styger sagt, er sei durch die Klimabewegung mobilisiert worden, habe sich deswegen auch Anfang Jahr entschlossen, bei den Juso mitzutun. Auch andere Organisatoren des Klimastreiks – nicht alle – engagieren sich politisch, etwa bei den jungen Alternativen.

Sie leiten, teils in orange Warnwesten gekleidet, den Demonstrationszug dem Seeufer entlang zum Postplatz – skandieren Parolen wie «Klimaziel ufe, CO² abe». Und lancieren auf dem Postplatz eine Sponti-Petition.

«Wie Grossbanken ‹geschäften› oder Pensionskassen ihre Gelder anlegen, hat klimapolitisch viel grössere Auswirkungen als die Entscheidung, nicht mehr zu fliegen.»

Antonia Jochberg, Studentin, Unterägeri

Ein Transparent fordert die Ausrufung des Klimanotstandes im Kanton Zug und soll am Donnerstag der Zuger Kantonsratspräsidentin Monika Barmet (CVP) übergeben werden. Wer das Anliegen unterstützt, unterschreibt auf dem Transparent mit seinem Vornamen. Das dauert etwa eine Stunde lang.

«Wir werden immer mehr»

Viele Teilnehmer am Zuger Klimastreik haben mit Parteipolitik jedoch nichts am Hut. Eine jugendliche Rednerin macht Stimmung gegen die gewählten Volksvertreter, welche ihre Verantwortung nicht wahrnehmen, wie sie findet.

Die beiden 12-jährigen Schülerinnen Lorina Küng und Lynn Huber stellen sich mutig vor die Menschenmenge und lassen sie Teil von etwas Grossem sein: «Wir werden immer mehr. Am 15. März haben weltweit bereits 1,6 Millionen Menschen am Klimastreik teilgenommen.»

Dann geben sie den Tarif durch – respektive die Forderungen: Klimagerechtigkeit bis 2030 und Netto-Null-Treibhausgasemissionen in der Schweiz – «und wenn es mit diesem System nicht geht, dann halt mit einem anderen».

Die Zuger Kantonsschülerinnen Hanna Stäger, Jessica Dossenbach und Milena Arnold beim Klimastreik in Zug.

Die Zuger Kantonsschülerinnen Hanna Stäger, Jessica Dossenbach und Milena Arnold beim Klimastreik in Zug.

(Bild: mam)

Auf dem Postplatz treffen wir auf drei Schülerinnen der Kantonsschule Zug, welche sich auf einem der Bänke ausruhen – sie sind das zweite Mal beim Klimastreik mit dabei. «Wir lernen im Unterricht, dass die Erderwärmung menschengemacht ist und nicht mehr umkehrbar», sagt Jessica Dossenbach (19) aus Zug. Allerhöchste Zeit, dass endlich etwas unternommen werde.

Kein Grund, die Hände in den Schoss zu legen

Es gehe ihnen auch darum, ein Bewusstsein für die dringende Lage zu schaffen, sagt Milena Arnold (19) aus Oberwil. Sie seien ohnehin alle meist mit dem Zug unterwegs, meint Hannah Stäger (19) aus Hagendorn. Sie wolle in Zukunft möglichst nicht mehr mit dem Flugzeug verreisen, sagt sie.

«Aber Fleisch esse ich noch». Es sei klar, dass Verhaltensänderungen nicht auf Anhieb und komplett funktionieren würden. «Das ist aber kein Grund, nichts verändern zu wollen», sagt sie.

Wichtiger als Fleischverzicht

«Es gibt weit Wichtigeres, als die Frage, ob wir einen Mocken Fleisch mehr oder weniger essen», sagt Antonia Jochberg (19) aus Unterägeri. Die Studentin ist mit ihrem Bruder unterwegs und findet: «Ebenso wichtig, wie das eigene Verhalten zu ändern, ist es, richtige Preisanreize zu setzen – etwa bei den Flügen».

Ausserdem habe die Frage, wie Grossbanken «geschäften» oder Pensionskassen ihre Gelder anlegen, klimapolitisch viel grössere Auswirkungen als die individuelle Entscheidung, ob man das Fliegen meide.

Beleidigungen «nicht hinnehmbar»

Dem pflichtet Donath Jochberg (21) bei. Er ist zum ersten Mal in Zug am Klimastreik, hat aber schon zweimal am Studentenstreik in Zürich teilgenommen. «Möglichst regional essen, wenig Fleisch konsumieren, möglichst wenig fliegen», ist auch sein persönlicher Beitrag, um den Kohlendioxid-Ausstoss zu mindern.

Doch deswegen ist er nicht hier. «Ich bin kein Demo-Freund», sagt er. «Aber ich fühle mich von den Politikern in Bern nicht ernst genommen.» Wenn «gebildete und intelligente Politiker» Klimaaktivisten als «Kindersoldaten» bezeichneten, sei das schlicht nicht hinnehmbar. Ebenso inakzeptabel sei es, all jene, die sich ums Klima sorgen, pauschal als «linksdurchsifft» zu bezeichnen.

 

Dreimal nachdenken

Nicht im Verdacht, ein «Kindersoldat» zu sein, steht Andi Scherrer aus Unterägeri. Er ist 73 Jahre alt. Er hört sich ruhig die Reden an und hält ein Pappschild in die Höhe, das dazu auffordert, sich dreimal zu überlegen, ob man wirklich mit dem Flugzeug verreisen wolle.

Er sei in keiner Partei engagiert, sagt er. Umweltthemen und Verkehrsfragen seien für ihn aber schon lange wichtig, so Scherrer. Seiner eigenen Forderung ist er längst nachgekommen. «Das letzte Mal geflogen bin ich vor zehn Jahren», sagt er.

Generationenübergreifend

Scherrer bezeichnet sich weder als Heisssporn noch als Fundamentalist. Was ihn dazu bewegt, auf die Strasse zu gehen, «das sind all die unnötigen Plauschflüge, die möglich sind, weil die Preise für Flugreisen so tief sind».  Der Unterägerer hat bereits einmal an einer Klimakundgebung in Luzern teilgenommen, am Klimastreik in Zug ist er das erste Mal mit dabei.

Möglichst auch Leute aus der Eltern- und älteren Generation anzusprechen war am Samstag das Ziel der Klimastreikbewegung. Weil viele Leute unter der Woche arbeiten müssen, wurde der Klimastreik erstmals auf Samstag verschoben. Gleichzeitig sollte die Diskussion übers Schulschwänzen die Forderung der jungen Leute nach Ausrufung des Klimanotstandes nicht mehr übertönen.

Julia Küng (18), eine der Organisatorinnen, sagt: «Es gibt Hoffnung zu sehen, dass die Klimabewegung wächst.» Sie seien «glücklich und stolz, dass Menschen aus allen Generationen mit dabei waren». Wobei der Klimastreik immer noch vor allem von jungen Menschen getragen wird, wie unsere Bilder aus Zug zeigen.

Hier gibt es mehr Bilder vom Klimastreik in Zug:

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