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«Ich dachte, das sei der grösste ‹Shit›, den ich je produziert habe»
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Corina Schwingruber Ilic weiss nicht genau, was sie in Venedig erwarten wird. (Bild: sib)

Venedig: Film von Schwingruber Ilic im Wettbewerb «Ich dachte, das sei der grösste ‹Shit›, den ich je produziert habe»

6 min Lesezeit 03.08.2018, 05:41 Uhr

Die Regisseurin Corina Schwingruber Ilic aus Werthenstein wird eine grosse Ehre zuteil: Sie darf ihren neuesten Film «All Inclusive» über Massentourismus auf Kreuzfahrtschiffen am renommierten Filmfestival in Venedig vorstellen. An diesen Erfolg glaubte sie selbst nicht.

Die Luzernerin Corina Schwingruber Ilic produziert als Regisseurin seit über zehn Jahren Kurzdokumentationen verschiedenster Art. Sie hat unter anderem das Leben in Ägypten unter Präsident al-Sisi oder das traditionelle Holzschlagen am Ägerisee mit der Kamera festgehalten.

Ihr aktuellster Kurzfilm heisst «All Inclusive» und behandelt den Massentourismus auf Kreuzfahrtschiffen. Schwingruber Ilic darf den Film als Weltpremiere am Filmfestival in Venedig (29. August bis 8. September) vorstellen. Der Dokumentationsfilm steht im Wettbewerb um den besten Kurzfilm sowie den EFA-Preis, welcher eine Nomination für den europäischen Filmpreis der European Film Academy (EFA) beinhaltet (zentralplus berichtete).

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Im Interview mit zentralplus verrät Corina Schwingruber Ilic, weshalb sie nie mit der Nomination gerechnet hätte und aus welchem Grund es die dümmste Idee ihres Lebens war, ein Wohnmobil zu mieten.

zentralplus: Wie sind Sie auf das Thema Massentourismus auf Kreuzfahrtschiffen gekommen? Waren Sie davor schon einmal auf einem Kreuzfahrtschiff?

Corina Schwingruber Ilic: Nein, war ich nicht. Ich habe eine Freundin, die Meeresbiologin ist und in Dubrovnik lebt. Ich gehe sie dort jedes Jahr besuchen. Dies bestimmt schon seit 15 Jahren. Sie hat beim Hafen gewohnt. Es sind dann immer mehr und immer grössere Schiffe gekommen. Ich habe jeweils am Morgen zugeschaut, wie sie die Touristen in die Stadt verfrachtet haben, wo sie alles verstopften. Anschliessend wurden sie wieder zurückverfrachtet. Dort hatte ich die ersten Ideen und dachte, wie krass es ist, was sich die Menschen antun.

Corina Schwingruber Ilic ist die Kurzstreckenläuferin unter den Filmemacherinnen.

Corina Schwingruber Ilic ist die Kurzstreckenläuferin unter den Filmemacherinnen.

(Bild: sib)

zentralplus: Sie beziehen deutlich Stellung zum Thema Kreuzfahrtschiffe. Ist dies etwas, das Sie in Ihren Filmen regelmässig tun?

Schwingruber Ilic: Lustigerweise beziehe ich im Film selbst nicht aktiv Position. Diejenigen Leute, die es ähnlich sehen wie ich, werden es verstehen. Bei denen, die Kreuzschifffahrten toll finden, kann es durchaus sein, dass sie es auch im Film cool finden. Ich hoffe, dass sie im Innern dann doch finden, dass es eigentlich ein Wahnsinn ist. Ich wollte auch nicht zu fingerzeigerisch sein und das Phänomen mit Humor zeigen. Aber es ist für mich trotzdem wichtig, dass man beginnt, darüber zu diskutieren.

«Bei Kreuzfahrten ist es so demonstrativ, was unsere Gesellschaft ausmacht: Es ist ein Abbild unserer Gesellschaft.»

zentralplus: Was war das für ein Gefühl, als Sie erfahren haben, dass Sie «All Inclusive» am Filmfestival in Venedig vorstellen dürfen?

Schwingruber Ilic: Ich hatte schon ein bisschen Herzklopfen. Ich hatte eigentlich immer so als Witz gesagt, dieser Film wäre perfekt für Venedig. Dass es der Hammer wäre, wenn er in dieser Stadt laufen würde. Aber damit gerechnet habe ich niemals.

Beim Anblick des Films fällt einem sofort das starke Grading auf.

Beim Anblick des Films fällt einem sofort das starke Grading auf.

(Bild: zvg)

zentralplus: Was meinen Sie, was hat die Auswahljury am Film überzeugt?

Schwingruber Ilic: Ich könnte mir vorstellen, ihnen hat gefallen, dass der Film keine Erzählung besitzt – es gibt niemanden, der spricht. Es sind nur Stimmungsbilder, was schon eher speziell ist. Und dazu kommt vielleicht noch die Aktualität des Themas. Bevor ich die Zusage bekommen habe, war ich sehr verunsichert wegen dem Resultat, ich dachte, das sei der grösste ‹Shit›, den ich jemals produziert habe. Aber das ist bei mir immer so. Meine Familie und Freunde nehmen mich deshalb nicht mehr so ernst.

zentralplus: Wie haben Sie gefilmt?

Schwingruber Ilic: Nachdem die Produzentin das Vorgehen mit den Reedereien abgeklärt hat, gingen wir einfach auf das Schiff und haben gefilmt (lacht). Bei Kreuzfahrten ist es so demonstrativ, was unsere Gesellschaft ausmacht: Es ist ein Abbild unserer Gesellschaft, das man dort findet. Man muss also eigentlich gar nicht suchen – es ist ein Phänomen, es geht um Massen, es geht um Unterhaltung. Und es ist das, was unsere Gesellschaft im Moment scheinbar braucht.

«An den Festivals werden sie mich fragen, was meine nächsten Projekte sind. Und dann muss ich bereit sein.»

zentralplus: Schafft man es überhaupt, in einem zehnminütigen Film diesem Phänomen gerecht zu werden?

Schwingruber Ilic: Nein, aber es gibt ja ganz viele Filme, die dieses Thema angehen. Jedoch denke ich, auf die Art, wie ich es gemacht habe, ist Kurzfilm schon das richtige Format. Das würde man nicht eine Stunde lang aushalten. Ich hatte sehr lange eine 14-minütige Version. Aber der Film hat so nie funktioniert. Dann musste ich alle meine «Favourites» rauskicken. Dann hat es funktioniert.

Der Platiksack als ironisches Stilmittel.

Der Platiksack als ironisches Stilmittel.

(Bild: sib)

zentralplus: Ihre Filme dauern meist zwischen zehn und 15 Minuten. Warum?

Schwingruber Ilic: Ich mag dieses Format sehr. Ich bin gerne kurz, prägnant und praktisch. Ich verliere manchmal fast ein bisschen die Lust, wenn es zu lange dauert.

zentralplus: Wie viele Kreuzfahrtschiffe habt ihr für den Dreh besucht?

Schwingruber Ilic: Wir waren auf deren zwei: Einmal Mittelmeer und einmal Karibik. Zudem haben wir 2016 zur Recherche das Pfeifermobil von der Otto-Pfeifer-Stiftung bekommen. Das Wohnmobil bekommt man für zwei Monate kostenfrei als Stipendium und dazu noch 2000 Franken an Lebenskosten. Ich dachte, es sei eine super Idee, mit dem an die Häfen zu fahren, um dort zu filmen. Aber es war der Horror, in der Sommersaison mit dem Wohnmobil entlang der Hafenstädte zu fahren. Wir standen non-stop im Stau. Es war die dümmste Idee meines Lebens!

Zur Person

Corina Schwingruber Ilic wurde 1981 in Werthenstein geboren. Zwischen 1997 und 2002 besuchte sie das Lehrerseminar in Luzern. Von 2004 bis 2005 studierte sie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel bildende Kunst und Medienkunst. 2005 bis 2006 war sie an der Akademie der freien Künste in Belgrad, bevor es sie zurück nach Luzern zog, wo sie bis 2009 an der Hochschule für Design und Kunst studierte.

Seit 2010 arbeitet sie als freischaffende Filmemacherin, Cutterin und Kamerafrau. Inzwischen umfasst ihre Filmographie neun Werke. Sie ist mit Nikola Ilic verheiratet, der als freischaffender Filmemacher, Fotograf und Kameramann tätig ist.

zentralplus: Wie lange hat die Produktion des Films insgesamt gedauert?

Schwingruber Ilic: Die Idee hatte ich bereits vor fünf Jahren. Richtig damit begonnen habe ich jedoch vor rund zwei Jahren. Regional sind wir in der Förderung beim ersten Antrag durchgekommen. Aber der Bund wollte zuerst kein Geld geben. So mussten wir alles nochmals überarbeiten und eingeben. Die Entwicklung, bis man das Geld zusammen hat, geht einfach sehr lange. Wir konnten dann erst im Mai den Hauptdreh machen.

zentralplus: Welche Dinge haben Sie auf den Schiffen angetroffen, die Sie besonders haben den Kopf schütteln lassen?

Schwingruber Ilic: Das sind wahrscheinlich ein bisschen viele (lacht). Ich muss allerdings sagen, dass ich schon eine starke Vormeinung gehabt habe, die sich leider dann bestätigt hat. Was mich wirklich erschütterte, war das Verschwenderische. Getränke standen halbleer herum, genauso wie das Essen, das nicht gegessen wurde.

zentralplus: Ich nehme an, so schnell wird man Sie nicht wieder auf einem Kreuzfahrtschiff antreffen?

Schwingruber Ilic: Nein, definitiv nicht (lacht).

zentralplus: Und wie sehen denn Traumferien bei Ihnen aus?

Schwingruber Ilic: Am Strand irgendwo ein Buch lesen, wenn ich mich entscheiden müsste. Aber das ist natürlich genauso schlimm – ich muss ja dann auch fliegen. Individualtourismus ist aus ökologischer Sicht genauso schlecht wie Massentourismus.

Der Trailer zum Film:

zentralplus: Was haben Sie aktuell für Projekte, an denen Sie arbeiten, oder die Sie in nächster Zeit in Angriff nehmen werden?

Schwingruber Ilic: Das nächste grosse Projekt ist, bei «Dida» weiterzumachen, einem Film über meinen Mann Nikola und seine pflegebedürftige Mutter, die in Belgrad lebt. Also über unser Leben zwischen hier in der Schweiz und Belgrad. Daneben schneide ich einen Film für Filmemacherin Maria Müller. Dies wird der erste lange Dokfilm, den ich schneiden werde. Und ich schneide dann noch einen Kurzfilm für Roman Hodel. Daneben muss ich unbedingt schauen, dass ich bereits meinen nächsten Film aufgleise. Denn an den Festivals werden sie mich fragen, was meine nächsten Projekte sind. Und dann muss ich bereit sein. Ich plane, den Massentourismus jetzt noch an Land einzufangen. Ich muss aber noch schauen, in welcher Form ich dies tun werde.

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