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«Ich bin weder Jazzer noch Streithahn, gopf!»
  • Kultur
Weder Jazzer noch Streithahn: Marc Unternährer. (Bild: PD/Ralph Kühne )

Marc Unternährer, Luzerner Tubist «Ich bin weder Jazzer noch Streithahn, gopf!»

9 min Lesezeit 1 Kommentar 09.02.2016, 05:04 Uhr

Für ihn hat man einen neuen Begriff kreiert: «Jazz-Streithahn». Der Luzerner Tubist Marc Unternährer fällt auf: durch seine Körpergrösse, seine stilistische Vielfalt und seine kontroversen Debatten auf Facebook. Ein Gespräch über die Jazzstadt Luzern, brotlose Musiker und die Widersprüche der Kulturförderung.

Wenn Marc Unternährer ein Foto postet, kann es schon mal passieren, dass es 250 Likes und rund 20 Kommentare erntet. Kürzlich passiert. Der Tubist Unternährer trägt darauf ein T-Shirt: «My heart belongs to a drummer.» Neben ihm der Schlagzeuger Rico Baumann mit dem Shirt: «I ♥︎ Tuba».

Dieses Bild sagt viel über den Luzerner Musiker Marc Unternährer: Humor ist ihm wichtig – und Facebook auch. Und mit beidem geht er gekonnt um. Marc Unternährer hat auf Facebook über 4000 Freunde. Und es ist der Ort, wo er immer mal wieder mit spitzer Feder Debatten vom Zaun reisst. Es muss gesagt sein – und das nicht zu milde.

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Die Rhythm Section von Le Rex zollt sich gegenseitige Anerkennung: Marc Unternährer und Schlagzeuger Rico Baumann.

Die Rhythm Section von Le Rex zollt sich gegenseitige Anerkennung: Marc Unternährer und Schlagzeuger Rico Baumann.

(Bild: PD)

Seine Themen: Kulturförderung, die Fasnacht, Musikhochschulen, Touristen in Luzern oder schräge Coiffeursalons. Unüblich für einen Jazzmusiker. Doch Marc Unternährer ist eben kein üblicher Jazzer – er ist genauso im Pop, Elektro oder der Orchestermusik zu Hause.

Viele Social-Media-Redaktoren können sich eine Scheibe abschneiden: Marc Unternährer geht auf Argumente ein, diskutiert, widerspricht, antwortet – echte Debatten, kein sinnloser Schlagabtausch. Deshalb betitelte ihn «041 – Das Kulturmagazin» letzten Dezember als «Jazz-Streithahn» und hievte ihn verdientermassen in die Jahresliste der Kulturtäter.

zentral+: Ich möchte mit einer dummen Frage anfangen: Wieso spielst du Tuba? (Die Frage habe ich aus einem Facebook-Post: «Gesammelte Fragen aus dem Publikum»)

Marc Unternährer: (lacht) Willst du’s wirklich wissen? Das sind so Fragen, die immer wieder kommen an Konzerten …

zentral+: Du magst keine Fragen zu deinem Instrument?

Unternährer: Es ist zwiespältig, das ist ja immerhin eine ernste Frage. Aber manchmal wollen die Leute einfach lustig sein und irgendetwas sagen, um Kontakt aufzunehmen. Und ich will ja nicht arrogant oder abweisend sein. Aber gewisse Sachen habe ich jetzt schon 100’000 Mal gehört. Statt zu sagen: «War cool, schönes Konzert», fragen sie halt: «Wie schwer ist eine Tuba?» (lacht)

zentral+: Bist du denn ein «Jazz-Streithahn»?

Unternährer: Ich bin weder Jazzer noch Streithahn, gopf! Es ist überspitzt, mir geht es um Inhalte. Mit allen Fragezeichen hinter dem Medium Facebook, manchmal braucht es das: Eine Meinung pointiert raushauen und schauen, was zurückkommt. Man darf mir ja auch widersprechen. Ich poste Sachen, über die ich viel nachdenke, darum habe ich eine Meinung dazu und mache sie öffentlich.

Kulturpolitik: bei Marc Unternährer immer wieder Thema auf Facebook.

Kulturpolitik: bei Marc Unternährer immer wieder Thema auf Facebook.

(Bild: Screenshot)

zentral+: Ist es anstrengend, mit dir in einer Band zu spielen? Politisierst du da auch ständig?

Unternährer: (lacht) Ich war grad auf Tour mit der Band Le Rex. Ich glaube, solange alles stimmt, bin ich recht unkompliziert, meist ist das total easy. Wenn man aber im Regen auf einen Veranstalter wartet, kommt es schon vor, dass ich ausrufe.

Benedikt Reising, Marc Stucki, Rico Baumann, Andreas Tschopp und Marc Unternährer sind Le Rex.

Benedikt Reising, Marc Stucki, Rico Baumann, Andreas Tschopp und Marc Unternährer sind Le Rex.

(Bild: PD/Kapuly Dietrich)

zentral+: Sprechen wir über einige Probleme, die du in letzter Zeit auf Facebook angesprochen hast: Ist der Jazz in der Schweiz zu alt, zu verkrustet?

Unternährer: Ich glaube, der Jazzclub Luzern (der Konzertveranstalter, Anm. d. Red.) ist alt und verkrustet, die Szene überhaupt nicht. Das ist ein Widerspruch, der mich irritiert: Der junge Jazz in der Schweiz ist stark und spielt überall, aber in Luzern hat er keinen Ort, um aufzutreten.

zentral+: Gar keinen?

Unternährer: Seit eineinhalb Jahren haben wir die Reihe Dienstags_Jazz im Kleintheater. Die haben auf einen Facebook-Post hin reagiert und gefragt, ob sie helfen können. Seither kuratiere ich diese Reihe. Facebook hat also gute Seiten. Ab und zu gibt es Konzerte im Neubad und natürlich die Kulturbrauerei. Aber es gibt keinen wirklichen Jazzveranstalter in Luzern.

«Es gibt eine wahnsinnige Szene, Luzern ist eine Jazzstadt, aber es gibt keinen wirklichen Jazzclub.»

zentral+: Was müsste passieren?

Unternährer: Es wurde mehrmals vorgeschlagen, dass der Jazzclub jemand Junges in den Vorstand aufnimmt. Um vielleicht eine junge Reihe zu organisieren und ein jüngeres Publikum anzulocken. Ich verstehe nicht, wieso das nicht passiert. Es gibt eine wahnsinnige Szene, Luzern ist eine Jazzstadt, aber es gibt keinen wirklichen Jazzclub. Andere Städte mit vergleichbarer Grösse haben drei bis vier Jazzreihen. Wir machen im Kleintheater sechs bis sieben Konzerte im Jahr.

zentral+: Du sagst, du seist kein Jazzer. Du scheinst null Berührungsängste zu haben: gegenüber Pop, Volksmusik, Elektro, Experimental-Musik, Orchester …

Unternährer: Ich habe nie die Jazzschule besucht, ich habe klassisch studiert, aber klassisch bin ich auch nicht wirklich. Es ist der Vorteil der Tuba, dass man sich so breit anbieten kann. Ich habe mir das selber erarbeitet durch eine konstante leichte Überforderung. Aber ich würde nie sagen, ich sei ein Jazzer – ich kann es vielleicht faken, aber wenn es um Jazzstandards geht, ist viel mehr dahinter. Ich weiss sehr genau, wo meine Grenzen sind.

zentral+: Du nervst dich auch über jammernde Kulturschaffende, wieso?

Unternährer: (überlegt) Ich muss aufpassen, dass nicht alles so negativ rüberkommt … Natürlich gibt’s Sachen, die mich aufregen. Aber ich finde, man muss kreative, individuelle Lösungen suchen. Man muss die Situation sehen, wie sie ist, und sie ist nicht rosig. Aber die interessanten Leute machen einfach. Die jammern vielleicht schon auch im kleinen Kreis, aber sie werden immer wieder aktiv.

zentral+: Chicago ist ein wichtiger Punkt in deiner Musikerbio: Du warst vor 14 Jahren dort – ist das etwas, das du in Chicago beobachtet hast?

Unternährer: Das war damals die grosse Erkenntnis: Auch die wirklich grossen Stars der Szene konnten kaum von ihrer Musik leben. Mittlerweile steuern wir auch hier extrem darauf zu. In Chicago ist man selber aktiv geworden: Man hat selber veranstaltet, neue Räume gesucht und neue Reihen ins Leben gerufen. Mittlerweile ist das hier auch viel stärker so als vor 15 Jahren.

zentral+: Auch das Thema Subvention ist brisant: Wie unterstützt man die Szene am besten? Für Aussenstehende ist das zu komplex.

Unternährer: Es ist so komplex. Man merkt das vielleicht auch an meinen Facebook-Posts: Es wirkt gradlinig, aber ich habe extreme Widersprüche in mir. Und ich habe damit auch kein Problem. Es gibt einfach widersprüchliche Sachen, den goldigen Weg für Subventionierungen gibt es nicht. Ich glaube, es braucht die Giesskanne und die grosse Kelle.

zentral+: Ein solcher Konflikt: Es werden immer mehr Jazzschüler ausgebildet, die auf den «Markt» kommen, aber es wird immer schwieriger, davon zu leben.

Unternährer: Ja, das ist ein Widerspruch: Grundsätzlich finde ich es ja super, wenn immer mehr Leute Kunst oder Musik machen. Das heisst aber auch, dass es eine Blase gibt und es unglaublich schwierig wird. Das merkt man auch als Veranstalter, man wird überflutet mit Anfragen.

Ich finde es einfach wichtig, dass man Studierenden sagt: «Viele von euch werden es nicht schaffen, davon zu leben.» Natürlich werden es nicht alle glauben, aber man muss da offen sein. Leute, die aktiv sind, müssen an die Schulen gehen und erzählen, wie die Realität im Berufsleben aussieht. Es ist ein sehr schöner Beruf, aber auch ein sehr harter.

zentral+: Was würdest du einem Absolventen mit auf den Weg geben?

Unternährer: Ich würde einem, der anfängt, etwas raten: Man muss selber aktiv werden und kreativ sein – man darf nicht darauf warten, dass das Telefon läutet und man spielen kann. Wenn man das Gefühl hat, dass man ein bisschen mitschwimmen kann im Mainstream, wird man früher oder später untergehen.

zentral+: Ohne Brotjob nebenher geht’s eh nicht?

Unternährer: Ja, das ist vielleicht auch gar nicht schlecht, diesen Ausgleich zu haben.

«Wer im Mainstream mitschwimmt, wird früher oder später untergehen.»

zentral+: Du unterrichtest auch?

Unternährer: Ja, ganz wenig. An der Hochschule (lacht). Da beisst sich die Schlange auch wieder in den Schwanz, weil die Hochschule ein guter Arbeitgeber für viele Musiker ist.

zentral+: Du lebst von der Musik. Wurde es schwieriger?

Unternährer: Ja, alle drücken die Gagen. Es gibt immer noch sehr viele Bands, aber immer weniger grosszügige Veranstalter. Die sind auch alle unter Druck, handkehrum gibt es immer mehr kleinere Veranstalter. Zum Spielen kommt man schon, aber man verdient weniger. Zum Glück leidet die Kreativität nicht darunter.

zentral+: Kommen junge Jazzmusiker zu kurz? Bekommen sie zu wenig Aufmerksamkeit?

Unternährer: (überlegt lange) Gute Frage, es ist natürlich ein Problem, dass es immer weniger Medien gibt, die sich inhaltlich mit aktueller Musik auseinandersetzen. Das ist in der Literatur und Kunst das Gleiche, aber in der Musik ist man froh, wenn überhaupt etwas geschrieben wird. Es gibt ein paar Leute, die sich sehr ehrenwert dafür einsetzen. Aber das ist zu wenig, vielleicht ist Facebook ein Ort dafür.

«Eigentlich gibt es keinen Grund, ins Ausland zu gehen.»

zentral+: Wird man im Ausland wahrgenommen?

Unternährer: Es ist schwierig, über die Grenzen hinauszukommen. Die Schweizer Jazzszene wird in Deutschland schon wahrgenommen, aber an gute Auftritte zu kommen, ist eine andere Frage. Wenn man von der Musik leben kann, dann in der Schweiz und nicht im Ausland. Eigentlich gibt es keinen Grund, ins Ausland zu gehen. Aber gleichzeitig will man eine internationale Wahrnehmung, die wiederum daheim hilft. Ein weiterer Widerspruch, der nicht so einfach zu lösen ist.

zentral+: Mit Le Rex habt ihr den Sprung geschafft?

Unternährer: Ja, wir spielen viel im Ausland, zweimal in den USA. Aber ohne Subventionen wäre das nicht möglich.

Marc Unternährer (ganz links) mit King Pepe & Le Rex.

Marc Unternährer (ganz links) mit King Pepe & Le Rex.

(Bild: PD/Decoy Collective)

zentral+: Ein anderes Thema: Was hast du eigentlich gegen die Fasnacht?

Unternährer: (energisch) Ich habe nichts gegen die Fasnacht, ich finde sie grossartig! Ich bin Fasnächtler, seit ich laufen kann. Ich habe da das erste Mal Musik ohne Noten gespielt, das waren eigentliche Jams. Die sagten: «Du dort mit der Tuba, komm, wir brauchen einen Bass.» Also habe ich mitgespielt. Ich bin sehr dankbar und ich schätze die Fasnacht.

«Künstler haben mit der Fasnacht angefangen und nicht Zünfte.»

zentral+: Aber?

Unternährer: Aber ich bin Traditionalist und ich mag die Biederkeit der Zünfte nicht. Ich mag die wild-kreative Fasnacht an drei Tagen im Jahr. Doch es ist ein Grossevent geworden, mit Stimmungsmusik, die die kleinen interessanten Musigen verdrängt. Das nervt mich. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Fasnacht. Wenn, dann katholisch, Hopp de Bäse! Mir gefällt der Grundgedanke, dass Künstler mit der Fasnacht angefangen haben und nicht Zünfte.

Fasnacht mag er, Zünfte aber weniger.

Fasnacht mag er, Zünfte aber weniger.

(Bild: Screenshot)

zentral+: Ich habe das Gefühl, dir wär’s gar nicht mehr wohl, wenn etwas von dir zu mainstreamig würde.

Unternährer: (lacht laut) Ich weiss nicht. Bei King Pepe beispielsweise (Le Rex ist die Begleitband, Anm. d. Red.) dachte ich für mich: Das könnte einschlagen! Aber ich habe erst später realisiert, dass das für die grosse Masse doch immer noch recht schräg ist. Es ist gut gelaufen, aber ich dachte, dass es noch mehr sein könnte. Letztlich will ich Musik machen, die mir gefällt – und natürlich denke ich immer auch an ein Publikum. Manchmal an ein kleineres, manchmal an ein grösseres.

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1 Kommentare
  1. Gabo Martini, 09.02.2016, 10:04 Uhr

    Der Artikel bringt es auf den Punkt: seit ich in Luzern lebe suche ich Jazz und finde ihn vorwiegend dort, wo er leider sehr angestaubt ist. Wo bleiben die Jamsessions? Mehr davon bitte!