«Ich bin nicht Mike Shiva»
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Funktioniert ähnlich wie ein Orakel: Der Luzerner Zukunftsforscher Georges T. Roos in seinem Büro im Bruchquartier. (Bild: azi)

Luzerner orakelt über die Zukunft «Ich bin nicht Mike Shiva»

6 min Lesezeit 02.03.2016, 12:02 Uhr

Übersinnliche Fähigkeiten habe er keine, sagt der Luzerner Zukunftsforscher Georges T. Roos. Stattdessen will er sich einen evolutionären Vorteil des Menschen zunutze machen, um in die Zukunft zu blicken. Dabei überbringt er uns schlechte Nachrichten. Aber nicht nur.

Es sind Fragen, welche die Menschheit seit jeher beschäftigen: Wie geht es weiter? Was wird morgen sein? Kartenlegen, Hellsehen und Wahrsagen sind nur einige Methoden, um mit der Ungewissheit umzugehen und einen Blick in die Zukunft zu werfen – zumindest für jene, die daran glauben. Doch auch fernab der Esoterik gibt es in der Schweiz eine Handvoll Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt mit der Erstellung von Zukunftsszenarien verdienen. Sie nennen sich Zukunftsforscher und bis vor ein paar Jahren war der Luzerner Georges T. Roos (53) der erste unter ihnen, der dieses Metier hauptberuflich ausübte.

Ihm zufolge weist die moderne Zukunftsforschung eine lange Ahnenreihe auf. «In der Antike galt Delphi mit seinem Orakel sogar als Mittelpunkt der Welt», so Roos. Der Legende nach versetzte sich die prophetische Priesterin von Delphi in Trance, bevor sie die Zukunft vorhersagte. Doch wie stellt das der Luzerner an, der mit seinen Zukunftsvisionen immer wieder schweizweit in den Medien präsent ist? zentral+ hat ihn zu Hause an der Vonmattstrasse besucht, um sich ein Bild davon zu machen, wie das «Orakel vom Bruchquartier» lebt und arbeitet (siehe Box).

«Ich habe weder etwas Übersinnliches in mir noch bin ich ein Mike Shiva.»
Georges T. Roos, Zukunftsforscher 

Keine Drogen im Ingwertee

Gleich vorweg: Wer eine futuristische Wohnung mit Robotern als Haushaltshilfe erwartet hat, wird enttäuscht. Der Zukunftsforscher lebt und arbeitet in einer Altbauwohnung. In seinem Büro steht ein alter Kachelofen, der noch voll funktionsfähig ist. «Ich weiss, das steht irgendwie in einem Kontrast zu dem, womit ich mich den ganzen Tag über beschäftige», lacht er. 

Der Bezug zur Geschichte bewahre ihn davor, den Hypes zu verfallen. «Unsere Zeit ist sehr aufgeregt und nervös. Ich verstehe meine Aufgabe als Zukunftsforscher auch darin, diese nervöse Untergangsprophetie zu relativieren», sagt er, während er sich einen Ingwertee einschenkt. Hat er da etwa eine Substanz beigemischt, die ihn in Trance versetzt, sodass er wie das Orakel von Delphi in die Zukunft blicken kann?

Zur Person

Georges T. Roos gründete vor 16 Jahren sein eigenes Institut für Zukunftsforschung. Zuvor war der 53-jährige Luzerner, der in Zürich Pädagogik, Publizistik und Psychologie studierte, als Journalist tätig und war drei Jahre lang Geschäftsleitungsmitglied des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Rüschlikon. Das Forschungsinstitut ist eine unabhängige Denkfabrik und wird auch als ältester «Think-Tank» der Schweiz bezeichnet. Hier habe er das Metier der Zukunftsforschung «on the job» erlernt. Als er sich im Jahr 2000 selbstständig machte, gab es in der Schweiz noch keine hauptberuflichen Zukunftsforscher. Roos lebt und arbeitet im Bruchquartier. Seine beiden Kinder im Teenager-Alter leben alternierend bei der Mutter und bei ihm.

Das sei nicht nötig, schmunzelt Roos. «Der Mensch hat von Natur aus die Fähigkeit, sich in andere Zeiten hineinzudenken, sich die Zukunft vorzustellen, sie zu antizipieren und für sie zu planen», so der 53-Jährige. «Diese Fähigkeit ist ein evolutionärer Vorteil und ein Überlebensvorteil der Gattung Mensch.» Zukunftsforschung habe daher nichts mit Mystik zu tun. «Ich habe weder etwas Übersinnliches in mir noch bin ich ein Mike Shiva.» Was die Zukunftsforschung leiste, sei die systematische Auseinandersetzung mit Zukunftsfragen. «Sie nutzt Methoden, um Zukunftsängsten oder -hoffnungen nicht einfach aufzusitzen.»

Das Voraussehbare erkennen

«Doch wenn man davon ausgeht, dass das Orakel von Delphi einfach aus gut informierten Zeitgenossen bestand, die Wandlungen erkennen und in einen grossen Kontext einordnen konnten, dann mache ich heute im Grunde dasselbe», erklärt Roos weiter.

Sein Ziel sei es nicht, Prognosen für die Zukunft aufzustellen, so wie das in der Öffentlichkeit häufig missverstanden werde. Viel mehr sei es sein Job, «alles, was man voraussehen kann, in ein integriertes Bild zu bringen». Will heissen: Roos sammelt, analysiert und interpretiert zukunftsrelevante Informationen, um daraus mögliche Szenarien für die Zukunft abzuleiten. Wie wird in Zukunft gelebt, gearbeitet und welche Werte werden für künftige Generationen wichtig sein? Das ist nur ein Teil der Fragen, welchen Roos tagtäglich nachgeht.

Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Vorträgen, der Unterstützung von Unternehmen und Institutionen beim frühzeitigen Erkennen von neuen Trends wie auch dem Verfassen von Studien. Zu seinen Kunden gehört unter anderem die Suva, die sich durch die Zusammenarbeit bessere Chancen in der Präventionsarbeit erhofft. Auch der Bund und das Rote Kreuz kann Roos zu seinen Auftraggebern zählen.

«Immer weniger ist tatsächlich voraussehbar.»

Dass diese Szenarien eintreffen könnten, sei sehr wahrscheinlich, wenn sich die relevanten Einflussfaktoren so entwickeln würden, wie er es annimmt. Aber eben: nur wahrscheinlich. Ein Teil der Ungewissheit bleibt. «Die Zukunft wird uns mehr denn je überraschen», meint Roos. Die Welt werde immer komplexer und es bestünden immer mehr Abhängigkeiten – Kleinigkeiten könnten grosse Auswirkungen auf dem ganzen Planeten haben. «Immer weniger ist tatsächlich voraussehbar», so Roos. «Damit müssen wir leben.»

Zukünftige Generationen sollen’s richten

Was bringt aber die Zukunftsforschung, wenn letztlich ohnehin vieles ungewiss bleibt und von Wahrscheinlichkeiten gesprochen wird? «Wenn man zumindest das zur Kenntnis nimmt, was man mit einer grossen Wahrscheinlichkeit vorhersagen kann, ist schon viel gewonnen», meint Roos. Denn diese Informationen seien wichtig, um in der Gegenwart zukunftsrelevante Entscheidungen besser treffen zu können. Einen Dialog über die Gestaltung der Zukunft auslösen sei das, was Roos mit seiner Arbeit bewirken wolle.

«Ich stehe Apokalypse-Szenarien skeptisch gegenüber.»

«Aber man kann’s auch übertreiben», meint Roos. Man könne nicht für alle Probleme, die noch in weiter Ferne stehen, schon heute eine Lösung parat haben. «Ich glaube an die Problemlösungsfähigkeit zukünftiger Generationen.» Will er damit sagen, dass uns Probleme wie etwa die Erderwärmung noch nichts angehen und wir darauf zählen sollen, dass die Zukunft neue Lösungen mit sich bringt, die wir heute noch nicht sehen können? «Das heisst es nicht», so Roos. «Ich bin davon überzeugt, dass die Dekarbonisierung, also die Umstellung auf eine CO2-neutrale Wirtschaft, bis 2050 bereits so weit fortgeschritten sein wird, dass wir Erdöl nicht mehr verbrennen werden.»

Der Wohn- und Arbeitsort des Luzerner Zukunftsforschers Georges T. Roos im Bruchquartier ist geschichtsträchtig. Besonders stolz ist Roos auf seinen Kachelofen.

Der Wohn- und Arbeitsort des Luzerner Zukunftsforschers Georges T. Roos im Bruchquartier ist geschichtsträchtig. Besonders stolz ist Roos auf seinen Kachelofen.

Zugleich ginge es jedoch in vielen Teilen der Welt erst einmal darum, die Lebenssituation deutlich zu verbessern. «Je mehr Menschen prekären Umständen entrinnen können, desto mehr wachsen die Investitionen in Bildung und das führt letztlich zu mehr Innovationen.» Diese seien für den Kampf gegen den Klimawandel entscheidend. Doch wird die Menschheit diesen Kampf jemals gewinnen können? «Davon bin ich überzeugt. Ich stehe Apokalypse-Szenarien grundsätzlich skeptisch gegenüber», so Roos.

Als absoluten Optimisten möchte er sich hingegen auch nicht bezeichnen. «Ich sehe mich mehr als Possibilist, als jemanden, der die Möglichkeiten sieht», meint er. «Ich glaube nicht, dass es unmöglich ist, die Zukunft zu bewältigen.» Wir stünden vor grossen Herausforderungen, aber man dürfe nicht vergessen, dass darin auch Chancen zu finden sind. «Der Mensch ist intelligent, kreativ und anpassungsfähig.»

«Wenn das Modell der Erwerbstätigkeit nicht mehr funktioniert, sind andere Formen zur Umverteilung des Wohlstands gefragt.»

Roboter generieren Wohlstand

Die grösste Herausforderung sieht Roos in der Bewältigung der vierten industriellen Revolution: «Eine Studie der Oxford Universität behauptet, dass in zehn bis zwanzig Jahren 47 Prozent der Jobs auf dem US-Arbeitsmarkt durch intelligente Maschinen ersetzt werden – auch gut qualifizierte», sagt Roos. Es sei immer einfacher zu beschreiben, was ersetzt werden könne, als zu antizipieren, welche neuen Jobs möglicherweise entstehen würden. Falls es aber so kommen würde, dass vor allem Roboter unseren Wohlstand generieren würden und nicht genügend neue Arbeitsstellen geschaffen werden könnten, um zu verhindern, dass die Hälfte der Bevölkerung arbeitslos wird, würde eine neue sehr grosse Herausforderung auf uns zukommen.

«Wenn das Modell der Erwerbstätigkeit nicht mehr funktioniert, sind andere Formen zur Umverteilung des Wohlstands gefragt.» Das bedingungslose Grundeinkommen sei ein Weg dazu, meint Roos. Am 5. Juni wird in der Schweiz über die Volksinitiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen» abgestimmt. 2000 Franken garantiertes Einkommen für alle – ohne Bedingungen, das wollen die Initianten mit der Vorlage erreichen. Dennoch wird Roos diesen Sommer ein Nein in die Urne legen. «Derzeit ist es einfach noch zu früh dafür, aber die Diskussion bereits heute zu führen, lohnt sich auf jeden Fall.»

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