«Wir werden Blue Balls am Leben erhalten, so lange wie möglich»
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Ein Bild aus guten Tagen: Urs Leierer in seinem Direktorenbüro im KKL.(Bild: hae) (Bild: hae)

Urs Leierer zur Absage des Blue Balls Festivals «Wir werden Blue Balls am Leben erhalten, so lange wie möglich»

4 min Lesezeit 4 Kommentare 17.04.2020, 13:50 Uhr

Das Coronavirus fordert ein neues Opfer: Das Blue Balls Festival ist seit Donnerstag abgesagt. Direktor Urs Leierer blickt auf seine Branche, die am Boden liegt. Für die Ausgabe 2021 sieht er dennoch ein wenig Hoffnung.

zentralplus: Urs Leierer, Sie waren einer der letzten Mohikaner: Noch vor acht Tagen machten Sie uns mit James Blunt als neuster Verpflichtung vorfreudig. Wann trafen Sie den Entscheid, das Festival abzusagen?

Urs Leierer: Nach der Bundesrat-Pressekonferenz von gestern. Wir stehen mit der «Swiss Music Promoters Association», dem professionellen Verband der Schweizer Konzert- und Festivalveranstalter in regem Austausch seit der Corona-Krise. 

zentralplus: Andere Festivals haben schon lange keine neuen Acts mehr angekündigt, auch Montreux gab heute Mittag das Aus für sein Jazz-Festival. Bei Ihnen gab es in einem schönen Rhythmus immer wieder neue Namen. Warum waren Sie so lange so optimistisch?

Leierer: Wir fahren eine andere Strategie als etwa Montreux. Wir sagen jeden grossen Act einzeln an und hätten dann am 23. April an der traditionellen Pressekonferenz das gesamte Programm präsentiert. Wir haben auf Hochtouren gearbeitet, denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

zentralplus: Wie verbrachten Sie die letzten fünf Wochen seit der Corona-Krise?

Leierer: Mit Arbeit fast Tag und Nacht. Wir sind total vier Personen und hielten uns an die Sicherheitsregeln.

zentralplus: Fans sind traurig, den Sommer ohne Heather Nova und G. Love, James Vincent McMorrow oder Radioheads Ed O’Brien verbringen zu müssen. Was sind Ihre Gefühle?

Leierer: Ich bin traurig ob der Situation, die auf der ganzen Welt herrscht. Ich denke, die Angst vor dem Tod war das Verhängnis weltweit. Wir sind endlich, das muss der Mensch akzeptieren: Wir sind natürlich und nicht technoid.

«Der Schaden beläuft sich auf mehr als eine halbe Million, das kann man leider nicht versichern.»

zentralplus: Stefan Matthey, CEO des Konzertveranstalters Good News Productions, der Topstars in grosse Hallen holt, sagte letzte Woche im «Tages-Anzeiger»: «Wir rechnen damit, dass bis zum Ende des Sommers gar keine Konzerte stattfinden können. Viele Bands sagen ihre komplette Tournee ab. Es würde sich für sie finanziell gar nicht lohnen, für einzelne Gigs anzureisen.» Wäre das bei Ihren Bands anders gewesen?

Leierer: Nein, ich teile seine Meinung. Die ganze Branche steckt in einer riesigen Krise.

Da war die Blue-Balls-Welt noch in Ordnung: Peter Doherty und Urs Leierer. (Bild: Beat Kienholz)

zentralplus: Wie hoch ist der Schaden, und sind Sie versichert?

Leierer: Der Schaden beläuft sich auf mehr als eine halbe Million, das kann man leider nicht versichern.

zentralplus: Was passiert mit den bereits gekauften Tickets?

Leierer: Ab 1. Mai bis 30. Juni werden diese rückerstattet – und wer uns helfen will, der kann gerne spenden: indem er die Tickets nicht zurückgibt.

«Der Bundesrat lässt die gesamte Branche weiterhin in planungs- und handlungsunfähigem Zustand.»

zentralplus: Wie sind Sie zufrieden mit der Arbeit und den Massnahmen des Bundesrates?

Leierer: Der Bundesrat hat keine konkrete Entscheidung gefällt betreffend Konzerte und Festivals. Damit lässt er die gesamte Branche weiterhin in planungs- und handlungsunfähigem Zustand. Das schadet dieser noch mehr, anstatt dass er klare Ansagen macht, wie zum Beispiel die Regierung in Deutschland.

zentralplus: Und wie stehen Sie zur Stadt Luzern, die Ihnen weiterhin nur bedingte Hilfe zusagt und am 6. April entschied, das gemeinsam mit Rosie Bitterli, Chefin Kultur und Sport, ausgearbeitete Modell «Stiftung Blue Balls Festival Luzern» doch nicht zu unterstützen?

Leierer: Wir bedauern diese Situation sehr, da wir der Stadt Luzern sämtliche Möglichkeiten gegeben haben, dies so zu machen, dass es für sie stimmt. In diesem Sinne verstehen wir das Vorgehen und den Entscheid nicht.

zentralplus: Sie haben ja überdies private Unterstützer finden können – weshalb wird die Stiftung nicht ohne die Stadt wie erhofft im nächsten Jahr gegründet?

Leierer: Wir und auch die anderen Stifter wollten die Stadt Luzern mit dabeihaben. Wie wir nun weiterfahren, ist im Moment offen.

zentralplus: Die Schweizer Musikfestivals steckten schon letztes Jahr in der Krise: Das Zürcher «Live at Sunset» strich die Segel, bislang bekannte Selbstläufer wie St. Gallen, Gurten und Paléo waren nicht ausverkauft. Was würden Sie sich wünschen, dass das Blue Balls wieder auf sicherem Boden stehen würde?

Leierer: Wissen Sie, auch St. Gallen, Gurten oder Paléo sind keine Selbstläufer, so salopp wie Sie das ausdrücken. Wir werden Blue Balls am Leben erhalten, so lange wie möglich.

zentralplus: Weil viele Bands ihre Tourneen um ziemlich genau ein Jahr verschoben haben, könnten Sie im Juli 2021 doch einen Grossteil der bereits gebuchten Künstler übernehmen. 

Leierer: Es könnte durchaus sein, dass einige der gebuchten Acts im kommenden Jahr am Blue Balls spielen werden. 

«Ich bin nicht der Kapitän, der das Schiff verlässt, bevor es wieder in ruhigem Gewässer fährt.»

zentralplus: Wie sicher wird die Ausgabe 2021 denn stattfinden?

Leierer: Im Moment ist alles so ungewiss wie die Corona-Krise, aber das Datum steht: 23. bis 31. Juli 2021.

zentralplus: Im Juni 2019 sagten Sie: «Ich bin auch älter geworden und denke an die Nachfolgeregelung.» Ist dieser Gedanke schon mehr gereift?

Leierer: Ich bin nicht der Kapitän, der das Schiff verlässt, bevor es wieder in ruhigem Gewässer fährt.

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4 Kommentare
  1. M. Moser, 22.04.2020, 07:45 Uhr

    Herr Leierer, vielleicht wäre es an der Zeit jetzt grundsätzlich über die Bücher zu gehen? Warum, zum Beispiel wird seit Jahren ihrerseits keine Zusammenarbeit mit der einheimischen, in Luzern beheimateten Kulturszene gewünscht? Könnte es sein, dass ihnen die „einheimischen Künstler“ eine, ihnen unbequeme Wahrheit, präsentieren würden? Sie wussten seit langer Zeit, dass 2020 kein BlueBalls stattfinden wird, warum also eine „Absage in letzter Minute“? Und dies nach dem man noch grossspurig die Teilnahme von James Blunt am BlueBalls verkündete? Nachdem das klar war das auch in der Schweiz vorerst keine Grossveranstaltungen stattfinden würden? Dies zeigt doch, dass Sie mit Gewalt etwas erzwingen möchten? Nur, das ewige Gejammer über fehlendes Geld ist abgedroschen. Ein kaufmännischer Grundsatz vielleicht für sie in ihr Lehrbuch: „Wenn ein Produkt keine Rendite oder schwarze Null abwirft, lass es sterben!“ Luzern hat genügend Möglichkeiten, das BluesBalls gehört definitiv nicht auf die Hitliste… Zu gross und zu abgehoben…

    1. CScherrer, 22.04.2020, 08:21 Uhr

      Die Frage habe ich mir auch schon gestellt. Stellt sich die Frage, welche Zusammenarbeit sich die heimische Kulturszene vorstellt. Ich hätte es auf jeden Fall sensationell gefunden, wenn Plattformen wie der „Pavillon“ Luzerner Künstler zur Verfügung gestellt worden wären. Warum müssen da unbekannte Künstler aus dem Ausland auftreten? Die Luzerner Musikszene ist extrem kreativ und vielschichtig. Ich bin überzeugt, dass man hier einen weiteren Mehrwert für Luzern hätte schaffen können.

  2. CScherrer, 20.04.2020, 09:26 Uhr

    Vielleicht sollte sich der gute Herr etwas mehr reflektieren. Das Blue Balls ist mittlerweile eine zu große Kiste für Luzern und scheinbar ist der USP – das KKL – auch nicht mehr wirklich gefragt.
    Ein Konzertsaal, mehrheitlich für klassische Musik ausgelegt, funktioniert beim Publikum am Anfang, weil man diesen Saal mal sehen und erleben will. Ohne wertend zu sein, aber das Zielpublikum des Blue Balls interessiert sich nicht für die grossartige Akustik des Salle Blanche.
    Zudem vermittelt die Marke Blue Balls mittlerweile auch etwas ganz anderes. Zu sehr „Fasnacht“ und „Festhüttengaudi-Ambiente“. Das Produkt hat gelitten. Herr Leierer trägt hier eine grosse Mitschuld, da er kein guter Kommunikator ist. Das ewige „Geleier“ passt, ist man geneigt zu sagen.

  3. Hans Hafen, 17.04.2020, 14:55 Uhr

    Viel zu gross, viel zu teuer, viel zu überdimensioniert, daher nicht Marktkonform und somit finanzielle Schlagseite vorprogrammiert. Der Trend der gigantomanen Veranstaltungen, ausser es handelt sich z.B. um ein AC/DC Konzert oder andere Koryphäen des Genres o.ä., wo die Besucher bereit sind, die Vollkosten via Ticket zu bezahlen, geht dem Ende entgegen. Das muss auch U. Leierer einsehen – auch wenn’s dem Ego schmerzliche Stiche zufügt!

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