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«Ich bin fast zusammengebrochen»
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Daniela wurde mit 20 Jahren Mutter – eine Ausbildung hatte sie bis dahin nicht. Sie ist eine von vielen Frauen, die dank der Albert Koechlin Stiftung den Einstieg ins Berufsleben geschafft hat. (Bild: azi)

Junge Luzernerin wurde ungewollt Mutter «Ich bin fast zusammengebrochen»

5 min Lesezeit 31.03.2016, 17:15 Uhr

Junge Mütter haben es nicht einfach – insbesondere ohne Ausbildung. zentralplus hat mit einer Luzernerin gesprochen, die eine bewegende Geschichte hinter sich hat. Obwohl ihr der Berufseinstieg gelungen ist, hat sie noch immer mit Problemen zu kämpfen.

Daniela* aus Ebikon war erst 19 Jahre alt, als sich ihr Leben schlagartig veränderte. «Ich bin fast zusammengebrochen, als der Schwangerschaftstest positiv ausfiel», erzählt die mittlerweile 26-Jährige. «So war das nicht geplant.» Doch geschockt war nicht nur sie, sondern auch viele aus ihrem Umfeld. Daniela war verunsichert. Vater zu werden, das war nicht das, was ihr damaliger Freund wollte – und so verlangte er eine Abtreibung. «Doch ich konnte es einfach nicht tun», sagt sie. «Von dem Zeitpunkt an als ich das Ultraschallbild und das kleine Herz sah, war ich mir sicher: Ich werde dieses Kind bekommen – mit oder ohne ihn.»

Die Umstände waren schwierig. Mit ihrem Freund war Daniela damals seit zwei Jahren zusammen. Kennengelernt hat sie den Deutsch-Afghanen in den Ferien in Thailand. «Wir waren sehr verliebt», erinnert sie sich. Doch seine Familie akzeptierte weder die Beziehung der beiden noch das Kind. «Sein Vater stellte ihn vor die Wahl: entweder seine Familie oder ich», erzählt Daniela. «Und da ist er wohl eingeknickt.»

«Als junge Mutter hatte ich nichts. Keine Ausbildung, kein Geld und keine Perspektive.»
Daniela

Für sie war klar: Sie würde ihren Sohn alleine bekommen und grossziehen. «Zum Glück konnte ich von Anfang an auf die Unterstützung meiner Mutter zählen», sagt sie. Dennoch sei es ihr während der gesamten Schwangerschaft nicht sonderlich gut gegangen, erzählt sie weiter.

Daniela (26) mit ihrem Sohn S. (6).

Daniela (26) mit ihrem Sohn S. (6).

(Bild: zvg)

Immer wieder hätten sie Ängste geplagt. «Die Angst vor dem Alleinsein und der Zukunft, das hat mir am meisten zugesetzt. Ich wusste nicht, was kommt und ob ich das alles meistern kann.» Eine Erstausbildung hatte die frühere Sekundarschülerin nicht. «Als junge Mutter hatte ich nichts», sagt sie. «Keine Ausbildung, kein Geld und keine Perspektive.»

Ein harter Kampf

Schnell habe sie erkannt, dass ihre Jugend nun vorbei war. «Mein Leben war nicht mehr dasselbe», sagt sie. «Aber heute kann ich es mir auch gar nicht mehr anders vorstellen.» Bereut habe sie ihren Entscheid nie, auch wenn sie Gleichaltrige manchmal um ihren Lebensstil beneide. «Während sie im Ausgang sind, hocke ich halt zuhause», lächelt sie.

Mittlerweile ist ihr Sohn S.* sechs Jahre alt. Und Daniela ist im letzten Lehrjahr als Kaufmännische Angestellte. «Es war ein harter Kampf bis hierhin», sagt sie. Ohne das Hilfsangebot von MiA Innerschweiz (siehe Box) hätte sie es nicht geschafft. «Als Mutter noch eine Lehre machen zu können, das erschien mir bis dahin unmöglich. MiA ist das beste, was mir passieren konnte.»

Berufseinstieg für junge Mütter

Wer früh Mutter wird, verpasst oft den Einstieg ins Berufsleben. MiA-Innerschweiz ist ein Projekt der Albert Koechlin Stiftung und richtet sich an junge Mütter ohne Erstausbildung zwischen 16 und 26 Jahren. Ziel des Projektes ist es, die jungen Frauen auf die Arbeitswelt und ihre Lebenssituation vorzubereiten, in welcher sie Beruf, Ausbildung und Familie vereinbaren müssen. Rund 15 Frauen werden jährlich von MiA in der Persönlichkeitsentwicklung unterstützt und gewöhnen langsam sich an die Fremdbetreuung ihrer Kinder. Durch geeignete Rahmenbedingungen bekommen die jungen Mütter die Möglichkeit, eine Berufslehre zu finden.

Verhandlungen laufen

Nach der Geburt ihres Sohnes blieb der damals 20-Jährigen vorerst nur der Gang zum Sozialamt. «Das fiel mir sehr schwer, aber ich hatte keine andere Wahl. Schliesslich wollte ich vor allem in den ersten Jahren für mein Kind da sein», sagt Daniela. Das Geld sei immer knapp gewesen, noch heute erhält sie vom Vater ihres Sohnes lediglich 150 Franken im Monat als Unterhalt für S. Mehr könne er nicht bezahlen, da er in Deutschland arbeite und nicht sonderlich gut verdiene, erklärt Daniela. «Wir sind ständig am Verhandeln, aber kommen einfach auf keinen grünen Zweig», so die selbstbewusste junge Frau.

Die Beziehung zu ihm und seiner Familie, die allesamt in Deutschland leben, scheint abenteuerlich. Mehrmals habe der Vater von S. versucht, wieder Kontakt aufzunehmen. «Einmal ist er mitten in der Nacht vor meiner Tür gestanden», erzählt sie. «Er wollte für uns da sein, aber sein Vater hat das mit allen Mitteln zu verhindern versucht.» So sei der Vater ihres Exfreundes danach in die Schweiz gekommen, um mit ihm zu reden. Debora durfte an diesem Gespräch jedoch nicht dabei sein. «Danach hat er unter Tränen seine Koffern gepackt. Ich wusste, dass ich ihn zum letzten Mal sehen werde.»

«Eine gemeinsame Zukunft kann ich mir nicht mehr vorstellen.»
Debora B. über die Beziehung zu ihrem Exfreund 

Es vergingen zwei Jahre. Dann habe er plötzlich angerufen, erzählt Daniela. Der Vater hatte ihn in der Zwischenzeit zu Verwandten nach China und in die USA geschickt. «Er wollte uns mit allen Mitteln trennen.» Mittlerweile lebt der Vater von S. wieder in Deutschland und es besteht ein regelmässiger Kontakt. Die Schulferien verbringt S. jeweils bei ihm. «Wir bauen wieder Vertrauen auf, aber eine gemeinsame Zukunft kann ich mir nicht mehr vorstellen», ist sie sich sicher. «Dafür ist es zu spät. Es ist einfach zu viel passiert – auch Dinge, die ich ihm nicht verzeihen kann.» Trotzdem wolle sie ihm seinen Sohn nicht vorenthalten. «Das Kind kann schliesslich nichts dafür.»

Ein gutes Vorbild sein

Daniela ist dabei, sich ihre Zukunft aufzubauen. Der sechsjährige S. verbringt viel Zeit bei Tageseltern, sodass sie sich auf die Ausbildung konzentrieren kann. «Das ist mir am Anfang sehr schwer gefallen», erinnert sie sich. «Ich sass morgens im Bus und weinte, weil ich ihn für den Tag abgeben musste.» Doch sie habe schnell erkannt, dass sie ihrem Sohn nur dann ein gutes Vorbild sein kann, wenn sie eine Ausbildung abschliesst. «Ich weiss, dass er gut aufgehoben ist, während ich nicht bei ihm sein kann.»

Kind und Ausbildung unter einen Hut zu bringen, das habe sie immer wieder an ihre Grenzen gebracht. Auch heute, wo die 26-Jährige selbstbewusst ihre Geschichte erzählt, haben sich ihre Probleme nicht in Luft aufgelöst. Derzeit ist sie auf der Suche nach einer neuen Stelle. Nach der Ausbildung würde sie gerne 60 Prozent arbeiten, um wieder mehr Zeit mit S. zu verbringen. «Doch das wird finanziell wohl kaum möglich sein», meint sie enttäuscht.

«Es ist irgendwie paradox. Die externe Kinderbetreuung ist so teuer, dass es sich im Grunde mehr lohnen würde, wieder zum Sozialamt zu gehen.» Doch das käme für sie nicht infrage. Sie habe immer gekämpft. Und das wolle sie auch weiterhin machen.

*Namen geändert.

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