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«Ich bin dünnhäutiger geworden»
  • Politik
Marcel Schwerzmann hat sich vor rund 25 Jahren vorgenommen, sich nicht mehr aufzuregen.   (Bild: lwo)

50 Fragen an … Regierungsrat Marcel Schwerzmann «Ich bin dünnhäutiger geworden»

15 min Lesezeit 26.12.2016, 12:14 Uhr

Kein Regierungsrat steht so oft in der Kritik wie der parteilose Säckelmeister und Regierungsratspräsident Marcel Schwerzmann. In unserem Interview sagt der 51-Jährige, wie er damit umgeht, was ihn an seinem Job stört und wie sein Privatleben aussieht.

2007 unter speziellen Umständen gewählt, hält sich Regierungsrat Marcel Schwerzmann seither ganz ordentlich im Sattel. Obschon der 51-jährige Parteilose andauernd aufs Dach kriegt, und das nicht nur von den Linken (siehe Box am Textende). zentralplus hat dem Krienser in seinem Büro im Finanzdepartement auf den Zahn gefühlt. Schwerzmann gab sich locker, humorvoll – und trotzdem vorsichtig. Er überlegte sich fast jede der 50 Antworten genau, bevor er sich äusserte.

1. zentralplus: «Schwerzmann» ist in den Augen einiger Politiker, Verbände und Bürger schon fast ein Schimpfwort. Wie lebt es sich damit?

Marcel Schwerzmann: Ein Schimpfwort? Mir ist diese Aussage noch nie zu Ohren gekommen. Natürlich sind nicht alle einverstanden mit meiner Politik und meinen Aussagen, das ist aber normal. In der Finanzpolitik geht es vielmehr um eine erfolgreiche Strategie, als im Zick-Zack-Kurs allen gefallen zu wollen.  

2. Spüren Sie diese Aversionen überhaupt?

(überlegt) «Aversion» scheint mir doch sehr überzeichnet zu sein. Als Exekutivpolitiker – und als Finanzdirektor im Speziellen – muss man konträre Meinungen aushalten können. Bei den vielen Begehrlichkeiten, allenfalls gepaart mit einem raueren Ton, gleich einzuknicken, würde ein Staatswesen ziemlich schnell in den Ruin führen.

3. Wie gehen Sie damit um – schon mal schlaflose Nächte gehabt?

Ich habe das Glück, kaum schlaflose Nächte zu haben. Es braucht sehr viel, bis ich nicht mehr schlafen kann. Das heisst nicht, dass alles einfach an mir abperlt. Ich mache mir viele Gedanken zu kritischen Rückmeldungen.

Marcel Schwerzmann gibt in seinem Büro Auskunft.

Marcel Schwerzmann gibt in seinem Büro Auskunft.

(Bild: lwo)

4. Sie wirken fast immer gelassen. Nehmen Sie Beruhigungsmedikamente oder machen Sie Yoga?

(lacht schallend) Nein, weder noch. Ich habe mir, damals mit etwa 25 Jahren, vorgenommen, mich nicht mehr aufzuregen. Das aufgrund eines Ereignisses, bei welchem ich mich massiv geärgert habe. Ich habe mir damals bewusst gesagt: Ich will nie mehr die Fassung verlieren, sondern stets mit kühlem Kopf eine Sache angehen. Und seither ziehe ich das durch. Das ist gesund, der Sache dienlich, für niemanden verletzend und zugleich beruhigend.

5. Gegen aussen sind Sie meist betont gelassen, geben sich locker und humorvoll. Entspricht das immer zu 100 Prozent Ihrer Gefühlslage oder spielen Sie da der Öffentlichkeit manchmal etwas vor?

Ganz zu 100 Prozent entspricht das vielleicht nicht immer meiner Gefühlslage. Aber eine Fassade ist es trotzdem nicht. In den allermeisten Fällen bin ich tatsächlich ruhig, überlegt und gelassen.  

6. Kritik perlt an Ihnen ab wie Wasser an einer Teflonpfanne. Lüpft es Ihnen nie den Deckel?

(lacht) Das kann es schon mal geben. Was mir aber auffällt, ist, dass man dünnhäutiger wird mit den Jahren. Das nehme ich auf alle Fälle bei mir so wahr. Das emotionslose Abprallen wäre nicht gut, will man die Bürgerinnen und Bürger in ihren Anliegen ernst nehmen.

7. Wie schalten Sie von der Politik ab?

Indem ich mein privates Umfeld privat lasse und auch mal Stopp sage.

8. Was heisst das konkret?

Ich brauche dazu kein Yoga und keine Medis (lacht). Wenn ich zu Hause bin, versuche ich, möglichst nichts Geschäftliches zu machen. Das versuche ich klar zu trennen, auch wenn es nicht immer einfach ist oder sich in letzter Konsequenz durchsetzen lässt.

9. Haben Sie Hobbys?

Ja, die habe ich. Vor allem beim Segeln auf dem Vierwaldstättersee kann ich sehr gut entschleunigen. Segeln ist etwas sehr Beruhigendes. Auch wenn es Zeiten gab, in denen ich das Boot schon öfters benutzen konnte …

Marcel Schwerzmann beim Segeln 2009 auf dem Bodensee.

Marcel Schwerzmann beim Segeln 2009 auf dem Bodensee.

(Bild: zVg)

10. Wie oft werden Sie in Ihrer Freizeit auf Ihre Arbeit angesprochen?

Oft. Und zwar sowohl im privaten Umfeld als auch von mir unbekannten Menschen. Diese Begegnungen sind aber grundsätzlich immer angenehm. Das zeigt auch das Interesse der Bevölkerung an finanzpolitischen Themen.

11. Wurden Sie schon mal bedroht?

Nein, nicht ernsthaft. Es gab und gibt zwar gelegentlich böse Aussagen, aber ernsthaft bedroht wurde ich noch nie.

12. Wein oder Bier?

(überlegt) Beides, aber in sehr geringen Mengen. Am liebsten Wasser. Ich trinke nie viel, ich «vertrage» das nicht mehr. Die Studentenzeiten sind vorbei (lacht).

13. Sie sind vor ein paar Jahren aus der Stadt ins beschauliche Krienser Kuonimattquartier gezügelt. Wie lebt es sich dort?

Gut, es ist ein ruhiger, schöner Ort, ein älteres Quartier, das geschützt ist von dieser enormen Entwicklung, die ringsum passiert.

14. LZ-Chefredaktor Jérôme Martinu wohnt auch in diesem Quartier. Treffen Sie sich jeweils morgens schon beim Zeitungholen am Briefkasten und geben sich dann Saures?

(lacht) Ich lese die Zeitung online, somit treffe ich frühmorgens am Briefkasten niemanden. Jérôme Martinu wohnt etwas weiter oben. Wir sehen uns eher selten, manchmal an den Quartierfesten, wo wir beide regelmässig dabei sind.

15. Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie ökologisch leben Sie?

(überlegt) Etwa 7? Ich lebe umweltbewusst, bin aber kein eigentlicher «Energiefreak». Im täglichen Leben schaue ich schon auf ökologisches Verhalten, etwa indem ich zu Hause nicht zu warm heize. Ich verzichte zum Beispiel auch bewusst auf elektrischen Weihnachtsschmuck.

16. Bitte zeichnen Sie Ihr Lieblingstier!

Oje … Ein Lieblingstier? Franz Grüter hat in Ihrem 50-Fragen-Interview doch ein Pferd gezeichnet. Oder was war das? Eine Kampfkuh? (lacht) Stimmt. Das war gut. Ich muss noch überlegen und werde die Zeichnung nachliefern. Aber ich mache sie ganz bestimmt selber.

Hier nun Schwerzmanns Zeichnung:

Kann nicht nur rechnen, sondern auch zeichnen: Marcel Schwerzmann's Lieblingstier, ein (Spar-) Schwein.

Kann nicht nur rechnen, sondern auch zeichnen: Marcel Schwerzmanns Lieblingstier, ein (Spar-)Schwein.

17. Wer oder was bringt Sie zum Lachen?

Mittlerweile mein Sohn, der ist jetzt sieben Jahre alt. Und sonst? Ich habe das Glück, dass mich viele Sachen zum Lachen oder Schmunzeln bringen. Jemanden Bestimmtes gibt es eher nicht … Wobei, Veri den Abwart finde ich noch witzig. Er ist eine gute Figur, die sich viel erlauben kann und über ein spezielles Wahrnehmungsvermögen verfügt. Aber für Comedians bin ich sonst nicht so empfänglich.

18. Wann mussten Sie zuletzt weinen?

Jesses Gott … Da kann ich mich nicht erinnern. Ich bin nicht so nahe am Wasser gebaut.

19. Welche Medien konsumieren Sie in der Regel täglich?

Die Luzerner Zeitung und zentralplus. Ausschnittweise die NZZ, dann höre ich manchmal Radio – das alles den Tag durch und nur online. Die Regionalzeitungen lese ich notgedrungen nicht täglich.

20. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Lohn?

(lächelt) Zufrieden.

21. Sie verdienen um die 250’000 Franken pro Jahr. Die SP hat erfolglos beantragt, dass die Regierungsräte auf einen Teil ihres Lohnes verzichten. Dies als Zeichen der Solidarität mit den vielen vom Sparkurs des Kantons Betroffenen. Wie stehen Sie dazu?

(überlegt) Tatsache ist, dass wir Regierungsräte weit über den Bestimmungen des Personals arbeiten. Ich arbeite zwischen 11 und 14 Stunden pro Tag. Und da denke ich, ist unser Lohn angebracht. Zusätzlich liefere ich der Staatskasse noch etwa 30’000 Franken Verwaltungsratshonorare in meiner Tätigkeit als Regierungsrat ab. Da ist gut so.

22. Felix Graf, CEO der Luzerner CKW, bezieht ein Jahresgehalt von über 600’000 Franken. Sie sind bald 52 Jahre alt – für einen Wechsel in die viel lukrativere Privatwirtschaft wäre jetzt der ideale Zeitpunkt.

Ja, aber der Entscheid, als Regierungsrat zu arbeiten, hat nicht einfach mit Geld zu tun. Man sucht sich eine Funktion gezielt aus und weiss, wie hoch der Lohn ist. Es ist klar, dass in der Privatwirtschaft, speziell in der Finanz- und Energiebranche, mehr bezahlt wird. Aber ich habe mich, wie erwähnt, bewusst für dieses Amt entschieden. 

23. Trotzdem: Sie sind noch relativ jung und bis zum Pensionsalter werden Sie kaum Regierungsrat bleiben können.

Ich kann schon, wenn das Volk dies auch will (lacht). Aber natürlich gibt’s für mich ein Berufsleben nach dem Regierungsrat. Im Moment mache ich mir dazu noch keine Gedanken. Das kommt dann später mal. Sie sehen: Ich habe auch diesbezüglich keinen Plan B …

In Action: Marcel Schwerzmann informiert anfangs Dezember 2016 zusammen mit Philipp Stadelmann über die Lockerung der Schuldenbremse.

In Action: Marcel Schwerzmann informiert Anfang Dezember 2016 zusammen mit Philipp Stadelmann über die Lockerung der Schuldenbremse.

(Bild: lwo)

24. Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie gut können Sie führen?

Ich würde mir eine 8 oder 9 geben.

25. Was an Ihrem Job gefällt Ihnen besonders gut, was weniger?

Was mir besonders gut gefällt, ist die Vielfalt an Themen, mit denen ich zu tun habe. Das kommt mir entgegen, das macht es spannend. Weniger gefällt mir der zeitliche Druck, der bei diversen Dossiers entsteht. Man wird durchs Tagesgeschäft gehetzt. Uns bleibt zu wenig Raum, um strategisch und auch langfristig denken und handeln zu können.

26. Sie sind «Mr. Tiefsteuerstrategie». Kann es auf die Dauer gut gehen, wenn alle Kantone ihre Firmensteuern wegen Tiefsteuerkantonen wie Luzern senken?

Das ist eine Frage des nationalen und internationalen Vergleichs. Und je mehr Kantone eine Tiefsteuerstrategie fahren, umso mehr nimmt die steuerliche Attraktivität der ganzen Schweiz zu. Und das stärkt uns. Die Schweiz wird heute als Tiefsteuerland angeschaut. Zusammen mit der Sicherheit und dem Wohlstand, den wir zu bieten haben, sind wir sehr attraktiv für ausländische Firmen.

27. Zwingt das nicht andere Länder auch, mit ihren Steuern runterzugehen? Und am Schluss fehlt’s doch deswegen an finanziellen Mitteln für andere Aufgaben.

Jedes Land und jede Volkswirtschaft bestimmt selber, welche Steuern sie erheben können, wollen oder müssen. Es könnten ja auch gar nicht alle Firmen in die Schweiz ziehen. Aber um die Gesetze des Marktes kommt kein Land herum, will es eine gewisse Attraktivität und damit Wohlstand bewahren.

28. Hier haben wir eine fiktive Schlagzeile erfunden. Wird es je so weit kommen?

Die erfundene Schlagzeile von zentralplus.

Die erfundene Schlagzeile von zentralplus.

 

Das weiss man natürlich nie. Aber die Fakten sprechen klar dafür, dass die Strategie aufgeht. Viele scheinen vergessen zu haben, dass eine Strategie, die nachhaltig wirken soll, auch eine gewisse Zeit braucht. Abhängig vom Erfolg sind letztlich auch das wirtschaftliche und finanzpolitische Umfeld sowie die weltweiten Rahmenbedingungen, die sich leicht verändern können.

29. Vermissen Sie im Männergremium Regierungsrat keine Frau?

Natürlich: Idealerweise wäre der Regierungsrat gemischt. Ich suche für ein Gremium nicht bewusst einen Mann oder eine Frau. Aber wir wollen weder eine Männer- noch eine Frauenquote. Ich bin zudem in einer Generation aufgewachsen, in der die Gleichberechtigung schon tief in den Köpfen verwurzelt ist.

30. A propos Frau: Mit wem leben Sie aktuell zusammen?

Das müssen Sie nicht in der Zeitung lesen (lächelt). Lassen Sie das mein Privatleben sein. Aber es gibt eine Partnerin.

31. (Wen’s interessiert: Hier finden Sie ein vom Kanton veröffentlichtes Gruppenbild der Regierungsräte samt ihren Partnerinnen) Sie haben einen Sohn mit Ihrer Ex-Partnerin – welche Beziehung haben Sie zu ihm?

Eine sehr enge. Ich nehme mir auch die Zeit, mit ihm etwas zu unternehmen und mit ihm zu spielen. Er lebt bei seiner Mutter in der Stadt Luzern und somit nicht weit weg von mir, was die Beziehung natürlich vereinfacht.

32. Wie fest dürfen Sie als Finanzexperte Ihre eigene Steuerrechnung optimieren?

Selbstverständlich gar nicht. Ich habe die gleichen Voraussetzungen wie alle anderen auch. Meine Steuerrechnung wird sogar speziell streng angeschaut. Hier will man sicher sein, dass nichts schiefläuft.  

Marcel Schwerzmann im Treppenhaus des Finanzdepartements an der Bahnhofstrasse.

Marcel Schwerzmann im Treppenhaus des Finanzdepartements an der Bahnhofstrasse.

(Bild: lwo)

33. Kanada oder Thailand?

(kommt wie aus der Pistole geschossen) Kanada, ganz klar.

34. Wie waren Sie als Jugendlicher: brav oder böse?

(kommt rassig) Eher brav. Aber mit den üblichen Streichen.

35. Wie steht’s um die Midlife-Crisis?

Die kenne ich nicht. Die ist spurlos an mir vorbeigegangen. Ich bin jetzt seit zehn Jahren in der Regierung. Vorher war ich nie so lange in einem Job. Vermutlich bin ich durch diese Abwechslung nie in einen Trott gekommen – Abwechslung hilft sicher, einer Midlife-Crisis vorzubeugen.

36. Wer ist der lustigste Regierungsrat?

Bei aller Ernsthaftigkeit der Geschäfte können wir in der Regierung auch lachen. Der humorvollste ist wohl Paul Winiker.

37. Wer der schlauste?

Da ziehe ich den Joker (lacht).

38. Ihre Lieblingsmusik?

Ich höre eigentlich fast alles. Ausser Schlager, das wiederholt sich zu oft. Ich habe gerne klassische Musik, aber auch Blues oder Jazz. (überlegt) Tina Turner gefiel mir schon immer. Die habe ich insbesondere in meinen Militärjahren sehr oft gehört.

Regierungsrat Paul Winiker (von links), ein Esel, Marcel Schwerzmann und ganz rechts wieder Schwerzmann, diesmal auf einem älteren Bild aus Militärzeiten.

Regierungsrat Paul Winiker (von links), ein Esel, Marcel Schwerzmann und ganz rechts wieder Schwerzmann, diesmal auf einem 20 Jahre alten Bild aus Militärzeiten.

(Bild: zVg)

39. Fussball oder Oper?

Eher Oper. An ein Fussballspiel gehe ich nur etwa drei Mal pro Jahr.

40. Wie zufrieden sind Sie mit dem Zürcher Tagesanzeiger aus, der sie wegen Ihrer Finanzpolitik häufig und gerne kritisiert?

(überlegt) Ich habe nichts dagegen, wenn andere Meinungen geäussert werden. Das gehört dazu und soll so sein. Aber es ärgert mich, wenn die Fakten nicht stimmen. Und das kommt leider öfters vor.

41. Warum sind Sie eigentlich in keiner Partei? Haben Sie nie den Wunsch gehabt, etwa der Ihnen nahestehenden FDP beizutreten?

42. Wie lebt es sich ohne Partei und Fraktion im Rücken? Nicht etwas einsam, so ganz ohne Parteianlässe?

Nein, das lebt sich sehr gut. Das Finanzdepartement ist ein zentrales Departement, weil dort die Fäden zusammenlaufen. Dadurch hat man viele Kontakte zu vielen Personen. Ich gehe, falls immer möglich, auch an jede Kommissionssitzung. Und ich erhalte ab und zu Einladungen von Parteien, um als Referent aufzutreten, was ich in der Regel auch gerne wahrnehme. Ich bewege mich zudem privat an Orten, an denen es mehr Leute hat als an einer typischen Parteiversammlung. Zudem war ich lange im OK Altstadtfest engagiert und gehe seit über 45 Jahren an die Fasnacht.

43. Welches war der bislang schwierigste Zeitpunkt Ihrer bald zehnjährigen Regierungsratskarriere?

(überlegt lange) So ein richtiger Tiefpunkt? Den gab es nicht. Was sehr viel Kraft braucht, ist, die Finanzpolitik immer neu voranzutreiben. Aber das ist kein schweres Ereignis, das ist Auftrag und Herausforderung zugleich. Bezüglich Tiefpunkte habe ich wohl Glück gehabt. Die Geschichte mit dem Strafverfahren gegen den Leiter der Dienststelle Informatik (siehe Box) ist sicher unschön. Das muss man konsequent aufarbeiten und die richtigen Schlüsse daraus ziehen.  

44. Welches sind die grössten Herausforderungen für den Kanton Luzern in den nächsten fünf Jahren?

Die Konsolidierung, also sich darauf zu einigen, was der Kanton in Zukunft schwergewichtig anbieten will und was nicht. Das ist eine sehr grosse Herausforderung: Von der Einzelsicht der Dinge zu einem Gesamten zu kommen. Dem Kanton Luzern geht es in ganz vielen Bereichen sehr gut. Auch finanziell geht es klar in die richtige Richtung. Wir jammern hier auf hohem Niveau, aber ich glaube, die meisten Menschen sind sich dessen auch bewusst.

45. Finanzexperten gelten als eher trockene, introvertierte Leute. Sie scheinen ganz gesellig zu sein. Sind Sie in der Branche ein Exot?

Nein. Das ist ein Klischee, das nicht zutrifft. Zahlen sind etwas Nüchternes, das ist so. Aber auch aus Zahlen lassen sich ganz spannende Geschichten erzählen. Die Leute, die damit beruflich zu tun haben, sind deswegen nicht automatisch langweilig. Sehen Sie sich nur die Finanzdirektoren der Zentralschweiz an. Die sind doch alle sehr umgänglich.

Finanzdirektor Marcel Schwerzmann posiert für ein Foto.

Finanzdirektor Marcel Schwerzmann posiert für ein Foto.

(Bild: lwo)

46. Welche Fähigkeit möchten Sie besser beherrschen, welche können Sie sehr gut?

Ich bin sprachlich nicht so begabt. Gut bin ich im Erarbeiten organisatorischer Konzepte. Und darin, zeitlich vorauszudenken. Das mache ich gerne. Gedanklich meinem Umfeld einen Schritt voraus zu sein – das gelingt oft ganz gut.

47. Vor der Abstimmung über die umstrittene Halbierung der Unternehmenssteuern versprachen Sie, dass deswegen nicht gespart werden müsse. Die Realität sieht anders aus. Würden wir alle seither beschlossenen Sparmassnahmen auflisten, würde das viele A4-Blätter füllen. Haben Sie nie ein schlechtes Gewissen?

Ich habe nie versprochen, dass man generell nie mehr sparen müsse. Sondern nur, dass man wegen dieser Steuergesetzrevision nicht sparen muss. Das trifft nach wie vor zu. Dass trotzdem viel gespart werden musste und muss, hat andere Gründe. Wir haben in den letzten Jahren viele Leistungen ausgebaut. Zudem haben sich die Finanzströme verändert, etwa jene beim NFA. Hier erhalten wir massiv weniger Geld, das wir erst einmal kompensieren oder eben einsparen müssen. Das hat zur aktuell schwierigen Situation beigetragen.

48. Welches war Ihr grösster Misstritt als Regierungsrat?

(überlegt lange) Da kommt mir spontan nichts in den Sinn. Bezüglich Äusserungen verzichte ich aus Respekt vor einem Fettnäpfchen auf das spontane und häufige Bewirtschaften von Facebook und Twitter. 

49. Andere Departemente sind viel lebendiger als Ihres. Baudirektor Robert Küng und Bildungsdirektor Reto Wyss etwa können ständig irgendeine neue Strasse oder neue Schule einweihen. Sie dagegen müssen den ganzen Tag rechnen und haben nie etwas zu Feiern. Zeit für einen Departementswechsel 2019?

(lacht und überlegt dann lange) Nein. Die Departemente sind gut aufgeteilt. Ich bin sehr gerne Finanzdirektor. Zudem haben auch wir manchmal etwas zu Feiern. Neben den Finanzen gehört beispielsweise der ganze Hochbau zu meinem Departement. Das heisst, dass das Finanzdepartement in der Regel die Schulen baut, welche durch den Bildungsdirektor eingeweiht werden. Bei der neuen Uni etwa bin ich hingestanden. Aber speziell bei der Informatik, für die ich auch zuständig bin, wird die Arbeit nicht wahrgenommen, da kann man kaum Lorbeeren gewinnen. Das wird nur öffentlich diskutiert, wenn etwas nicht gut läuft.

50. Bitte erzählen Sie uns einen Witz!

Der passt zur Weihnachtszeit: Papst Franziskus geht in Rom in eine Sauna. An der Kasse wird er diskret darauf hingewiesen, dass die Sauna gemischt ist. Darauf antwortet der Papst: «Das ist schon ok, die paar Protestanten stören mich nicht.»

Mehr Kritik verursacht keiner

Kein anderer aktueller Regierungsrat musste schon so viel Kritik einstecken wie Marcel Schwerzmann. Und trotzdem wurde der 51-Jährige bislang stets wiedergewählt. Anbei die wichtigsten Ereignisse seiner Karriere:

Der studierte Betriebswirtschafter hat bis 2007 als Steuerverwalter des Kantons Luzern gearbeitet. Er hat in dieser Funktion die aktuelle Finanzstrategie mitentwickelt. Zu dieser Zeit verkrachte er sich mit seinem Chef, dem 2005 in einer Ersatzwahl gewählten SVP-Regierungsrat Daniel Bühlmann. Schwerzmann musste seinen Posten deswegen räumen. Doch dieser Streit sowie diverse weitere Verfehlungen zwangen Bühlmann im gleichen Jahr zum Rücktritt, respektive er warf nach dem ersten Wahlgang das Handtuch, weil ihm die SVP für die zweite Runde den Support verweigerte.

Schwerzmann nutzte die Gunst der Stunde und trat im zweiten Wahlgang der Regierungsratswahlen als parteiloser Quereinsteiger gegen einen neuen SVP-Kandidaten an und gewann. Seither führt er das Finanzdepartement.

2011 war Schwerzmann Regierungsratspräsident. Damals nannte er als Ziel seines Amtsjahres: «Ich will das Vertrauen in die Politik stärken.» Letzten Sommer wurde Schwerzmann turnusgemäss erneut zum Regierungsratspräsidenten gewählt.

Doch Schwerzmann hat seit Amtsantritt heftige Haue kassiert. 2009 etwa verschickte er 2500 Briefe an Unternehmen, um sie zum Umzug nach Luzern zu bewegen. Unter anderem in Zug hagelte es deswegen Proteste.

Richtig Ärger bekam Schwerzmann aber vor allem wegen der Dienststelle Informatik, die zu seinem Departement gehört. 2013 hat der Kanton Luzern ein Strafverfahren wegen Ungereimtheiten im IT-Beschaffungswesen eingeleitet. Verlangt hat die Untersuchung die Aufsichts- und Kontrollkommission (AKK) des Kantonsrates. Ende März 2013 wurde eine Strafanzeige gegen einen damaligen Kantonsangestellten erstattet. Dieses Verfahren läuft immer noch. Die AKK schoss scharf gegen Schwerzmann. Sie empfahl der Regierung 2015, «Massnahmen zur Behebung der mehrfach festgestellten Führungsdefizite des Finanzdirektors zu treffen».

Als negativ bewertet wurden zudem die häufigen Abgänge unter Schwerzmann: Im April 2015 hat der achte Dienststellenleiter Informatik innerhalb von knapp acht Jahren seinen Dienst aufgenommen.

Ärger hat sich Schwerzmann auch mit der sogenannten «Porno-Affäre» eingehandelt: Im März 2015 wurde bekannt, dass einige Kantonsangestellte während der Arbeitszeit Pornos konsumiert hatten. Geschadet hat es Schwerzmann nicht – er wurde trotzdem wiedergewählt.

Seit der Halbierung der Unternehmensgewinnsteuern auf 2012 musste Schwerzmann zwei mittelschwere Sparpakete schnüren. Höhepunkt war aber der Oktober 2015. Damals musste Schwerzmann überraschend ein riesiges Finanzloch verkündigen, was das Rekord-Sparpaket KP17 nötig machte. Die Kritik an «seiner» Tiefsteuerstrategie wuchs. Im Frühling 2016 sorgte er bereits wieder für Unmut. Er wusste zwar seit April, dass der Kanton aus dem NFA über 30 Millionen Franken weniger bekommen wird – verschwieg dies aber bis Ende Juni. Und zwar sowohl seinen Regierungsratskollegen wie auch den Kantonsräten.

Trotz alle dieser Negativschlagzeilen sitzt Schwerzmann einigermassen fest im Sattel. Das hat u.a. mit seiner unbestritten hohen Dossierkenntnis und seiner umgänglichen Art zu tun. Zum anderen sind die Bürgerlichen froh über den strammen Spar- und Tiefsteuerkurs des parteilosen Finanzdirektors – und dass dafür nicht sie, sondern vor allem Schwerzmann die Kritik abbekommt.

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