Politik

Zuger SP-Präsidentin will ins Stöckli
«Ich bin doch nicht naiv»

  • Lesezeit: 7 min
  • Kommentar: 1
<p>Barbara Gysel von der Zuger SP vermisst das Staatsmännische im Handeln der beiden Regierungsräte.</p>
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Barbara Gysel von der Zuger SP vermisst das Staatsmännische im Handeln der beiden Regierungsräte. (Bild: mbe.)

Barbara Gysel kandidiert als Ständeratskandidatin der SP Zug. Ihr Werbeslogan lautet «Offen bleiben, wenn andere zumachen». Ihre Wahlchancen schätzt die Kantonsrätin ebenfalls offen als minim ein. Wo bleibt da der Kampfgeist? Gysel nimmt Stellung, warum sie von einem aggressiv-polemischem Wahlkampf wenig hält.

zentral+: Frau Gysel, Sie möchten in den Ständerat. Die Ausgangslage ist schwierig, das Gerangel gross mit sechs Zuger Kandidaten. Wie ernsthaft ist Ihre Kandidatur eigentlich?

Barbara Gysel: Sie ist mir sehr ernst. Die SP ist eine Bundesratspartei, das gesamtschweizerische Abschneiden ist uns wichtig. Deswegen zählt jede Stimme. Übrigens lebt die Demokratie vom Partizipieren, daher ist die Mitbeteiligung auch eine Pflicht. Das Stöckli ist nicht mehr erzbürgerlich, weil sich die linke Beharrlichkeit über Jahrzehnte gelohnt hat. Auch in Zug wird der Tag kommen, wo wir eine Frau nach Bern schicken – nicht heute, aber morgen.

zentral+: Braucht es nicht auch einen Wahlkampf – mit Betonung auf Kampf? Man hört so wenig von Ihrer Partei.

Gysel: Bei uns sucht man vergebens nach grossem Populismus in der Wahlkampagne. Medien suchen aber halt oft Polemiken und Streithähne. Wer aber nach sachlichen Beiträgen sucht, wird zur SP in der Ratsberichterstattung oder den Leserbriefen sehr wohl fündig.

zentral+: Es gibt keine kontroversen Podien, wo alle Ständeratskandidaten einmal gegeneinander antreten, von einem Kampf im wörtlichen Sinn des Wortes kann also keine Rede sein.

Gysel: Solche Podien, wie man sie zum Beispiel aus den USA kennt, fehlen tatsächlich. Ich glaube auch nicht, dass sie zur Schweiz passen. Doch Veranstaltungen und Podien gibt es durchaus im Kanton Zug. Wir sind zum Beispiel zweimal gegen unsere Kontrahenten, die SVP, angetreten. Wir sind auf der Strasse präsent, werben mit Wahlplakaten, Prospekten oder wir telefonieren direkt mit den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern.

«Auch in Zug wird der Tag kommen, wo wir eine Frau nach Bern schicken – nicht heute, aber morgen.»

Barbara Gysel, SP-Ständeratskandidatin Zug

zentral+: Wie beurteilen Sie die Berichterstattung der Medien über den Wahlkampf?

Gysel: Generell vermisse ich manchmal die ernsthafte Beschäftigung mit der Politik. Es wird oft über Nebenschauplätze geschrieben.

zentral+: Zum Beispiel?

Gysel: Politisierende an den Pranger stellen, Effekthaschereien oder wiederholte Lügen gewinnen manchmal Oberhand.

zentral+: Zurück zu Ihrer Kandidatur: Sie sagten in der «Neuen Zuger Zeitung» ausdrücklich, der Ständeratssitz werde 2015 sicher nicht der Linken zufallen. Wie wollen Sie mit solchen Aussagen gewinnen?

Gysel: Ich bin doch nicht naiv. Sogar der linke, einst bestgewählte Alt-Regierungsrat Hanspeter Uster hat es nicht in den Ständerat geschafft. Peter Hegglin, der die CVP-Nachfolge übernehmen will, erzielte als Regierungsrat bei den letzten Wahlen im Herbst 2014 ebenfalls das beste Resultat – aber er ist halt bürgerlich.

Zur Person

Die 38-jährige Barbara Gysel ist diplomierte Kulturmanagerin und lebt in Oberwil. Seit 2008 politisiert sie im Kantonsrat, seit 2014 im Grossen Gemeinderat der Stadt Zug. Beruflich ist Gysel Projektleiterin beim Bund, sie arbeitet im Gleichstellungsbereich beim Eidgenössischen Departement des Inneren (EDI). Gysel ist Präsidentin der SP Kanton Zug, präsidiert den WWF Zug, zudem ist sie im Vorstand des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks Zentralschweiz und in der kantonalen Integrationskommission. Ihr Wahlkampfmotto: «Offen bleiben, wenn andere zumachen. Ein guter Zug!»

zentral+: Auffallend kurz vor den Wahlen war die Attacke gegen Jolanda Spiess-Hegglin von der ALG, wo die SP Zug, ebenso wie CVP und FDP, Spiess-Hegglins Rücktritt aus dem Kantonsrat forderte.

Gysel: Meines Wissens richten sich die Rücktrittsforderungen an beide Parteien. Und was hat diese Frage ausserdem bitte mit den Ständeratswahlen zu tun?

zentral+: Sie hat damit zu tun, dass die Zuger Linke sich offenbar nicht einig ist. Ist das nicht ungeschickt, so kurz vor den Wahlen?

Gysel: Ich habe die Rücktrittsforderung nicht unterschrieben. Aber noch vor den Wahlen Meldungen über einen «erigierten Penis» zu lesen oder von Aktenzuspielungen an die «Weltwoche» zu hören, war wohl einfach «zu viel des Schlechten». Es gab bei uns bereits bei der Nomination im Mai 2015 einen Antrag, auf eine Zusammenarbeit mit den Alternativen – die Grünen zu verzichten, wobei dieser Skandal in der Begründung auch eine Rolle spielte. Aber wir stimmten damals der Listenverbindung mit den Alternativen – die Grünen geschlossen zu. Sie versuchen da, einen Zwist zwischen den Linken zu konstruieren, der nicht existiert.

«Meldungen über einen ‹erigierten Penis› zu lesen, war wohl einfach ‹zu viel des Schlechten›.»

zentral+: Wechseln wir das Thema. Ihre Prognose für die Sitzgewinne der Zuger Linken, Frau Gysel?

Gysel: Es geht nicht immer um den unmittelbaren Sitzgewinn. CVP und FDP spannen erneut zusammen. Die Zuger Grünliberalen, die bei den letzten Wahlen auf Anhieb rund 8’000 Stimmen aus dem Stand eroberten, haben sich für die Wahlen den Bürgerlichen angeschlossen; in Luzern zum Beispiel schlossen sie sich mit den Linken zusammen. Wir haben bei uns sogar auf den Unterlisten engagierte Personen, wie zum Beispiel Zari Dzaferi, der bei den letzten Kantonsratswahlen auf Anhieb am meisten linke Stimmen in Baar holte.

zentral+: Es klappt also nur, wenn alle Linken stimmen gehen und noch ein paar Bürgerliche auch Linke wählen?

Gysel: Das Wählengehen ist wichtig. Mit total sechzehn SP-Kandidierenden bieten wir doch allen wirklich genügend Auswahl.

zentral+: Wie würden Sie sich persönlich und Ihre politischen Zielsetzungen beschreiben?

Gysel: Persönlich bin ich einfühlsam und sachlich und versuche, fair zu sein. Ich setze auf anständigen Dialog, und zwar auch mit Andersdenkenden. Politisches Ziel ist es, beizutragen zu einem sozialen, nachhaltigen und fairen Zug.

zentral+: Show liegt Ihnen nicht, sehen wir das richtig?

Gysel: Ja, das stimmt. Mir ist es wichtig, wahrhaftige nachhaltige Lösungen zu finden. Das bedingt einen gewissen Aufwand, lohnt sich aber.

zentral+: Sie haben einen Beitrag im Politik-Blog von zentral+ geschrieben, in dem sie aufzeigen, dass Zug nie das Armenhaus der Schweiz war. Manche bürgerliche Politiker führten das immer wieder ins Feld, um die Tiefsteuerstrategie zu begründen.

«Zug als Armenhaus im 20. Jahrhundert ist ein Ammenmärchen.»

Gysel: Leider nicht nur bürgerliche Politiker. Gewisse Linke bashen Zug, es sei ein Armenhaus gewesen und nur durch fragwürdige Steuertricks reich geworden. Zug im 20. Jahrhundert als Armenhaus – das ist ein Ammenmärchen.

zentral+: Was sind Ihre Lieblingsthemen oder Stärken?

Gysel: Wie kann man das innovative, lebensnahe Zug auch zu einem guten Zug werden lassen? Finanz- und Steuerpolitik gehört wesentlich dazu. Wir müssen Lösungen finden für unseren Kanton, der die schweizweit höchste Wachstumsrate hat, gleichzeitig aber ein Sparpaket auf dem Buckel der Bevölkerung durchboxen will.

zentral+: Haben Sie auch Schwächen und gibt es Dinge, die Sie gar nicht ausstehen können?

Gysel: Ich bin als geduldige Person bekannt. Aber wenn der Faden reisst, wenn faktenfrei gezielt oder wiederholt gelogen oder wenn diskriminiert wird, dann reagiere ich gereizt.

zentral+: Für ein Amt im Ständerat muss man kompromissfähig sein. Sind Sie nicht zu extrem, aus ihrer Sicht wohl gradlinig, um sich so zu verbiegen?

Gysel: Oh, das höre ich zum ersten Mal. Ich bin sachkundig und nicht ideologisch verbohrt. Daher habe ich Steuersenkungen ausschliesslich für Nicht-Reiche gefordert. Die linke WoZ hat damals nicht kapiert, worum es geht.

zentral+: Wenn Sie Alleinherrscherin in Bern wären, was würden Sie ändern in der Schweiz?

Gysel: Ich würde die direkte Demokratie einführen (lacht).

zentral+: Wie gross ist der Einfluss der Wirtschaft auf bürgerliche Politiker aus Ihrer Sicht?

«Ich bin sachkundig und nicht ideologisch verbohrt.»

Gysel: Ich würde diese Frage gerne beantworten, aber die Transparenz ist nicht gegeben. Im Gegensatz zu anderen Ländern haben wir nicht einmal Rechtsgrundlagen zur Offenlegung der Politikfinanzierung in der Schweiz.

zentral+: Ich nenne Ihnen Stichworte zu aktuellen gesamtschweizerischen Themen, die Sie als Ständerätin beschäftigten könnten. Bitte ein kurzes politisches Statement. Als erstes Stichwort Landwirtschaft – Sie sind ja als Bauerntochter aufgewachsen.

Gysel: Ich bin Tochter eines Weinbauern, Bier ist mir aber grundsätzlich lieber (lacht). Unsere Landwirtschaft sollte ökologischer werden und gleichzeitig darf der Protektionismus nicht auf Kosten der Armen gehen.

zentral+: Asylpolitik.

Gysel: Alle, die da sind, sollten arbeiten können. Denn das Arbeitsverbot löst ganz viele Folgeprobleme aus. Die Schweiz ist einer der reichsten Staaten der Welt – und Zug der reichste Kanton. Die Schweiz muss in der aktuellen Situation mit der EU und der internationalen Staatengemeinschaft konkrete Lösungen finden, wir sind auf gutem Weg.

zentral+: Integration.

Gysel: Integration ist mehrschichtig. Nur mal auf den Arbeitsmarkt bezogen: Es darf nicht sein, dass in der Gastronomie über die Hälfte der Arbeitenden keinen Schweizerpass besitzt, in der Verwaltung aber nur acht Prozent. Es braucht gleiche Chancen bei der Lehrstellensuche und auf dem Arbeitsmarkt.

zentral+: Energiestrategie 2050.

Gysel: Warum so spät?

zentral+: Nationaler Finanzausgleich.

Gysel: Der NFA basiert auf dem Ressourcenpotenzial. In Zug ist dieses rekordmässig hoch, durch Steuern schöpfen wir es aber nicht aus. Wir könnten einfach steuerliche Mehreinnahmen generieren, um das Potenzial besser auszuschöpfen. So einfach ist das das.

zentral+: Die Gleichstellungsfrage.

Gysel: Solange in börsenkotierten Unternehmen nur vier bis fünf Prozent Frauen in Führungspositionen sitzen, ist Gleichstellung noch lange nicht erreicht. In der Verwaltung ist es ein wenig besser. Aber der Anteil sollte in Wirtschaft und Politik mindestens 30 bis 40 Prozent betragen. Europa unternimmt konkrete Schritte. Ich bin gezwungenermassen Anhängerin einer vorübergehenden Frauenquote.

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1 Kommentare
  1. Johannes Michael Beglinger, 11.10.2015, 20:14 Uhr

    Barbara Gysel politisiert nicht holzschnittartig. Dazu ist sie zu intelligent. Ich bin überzeugt, dass sich ein derartiger Politikstil auf die Dauer auszahlt.

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