Homophobe Beleidigungen: Luzerner Ex-Politiker siegt vor Gericht
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Früher Luzerner BDP-Präsident, heute werdender Schauspieler, der keine politischen Statements mehr preisgibt: Denis Kläfiger.

Denis Kläfiger will anderen Mut machen Homophobe Beleidigungen: Luzerner Ex-Politiker siegt vor Gericht

5 min Lesezeit 7 Kommentare 08.07.2021, 05:00 Uhr

Der frühere Luzerner BDP-Präsident Denis Kläfiger hat sich juristisch gegen homophobe Beschimpfungen gewehrt. Seinen Sieg feiert der 30-Jährige und will damit anderen Betroffenen Mut machen, sich ebenfalls zu wehren.

Der Juni war bunt: Weltweit – und so auch in Wien. Von so manchem Gebäude, wie beispielsweise Schulhäusern, wehten Regenbogenfahnen – als Zeichen der Toleranz und Akzeptanz der LGBTIQ-Community. Höhepunkt war die Regenbogenparade, bei der heuer 150’000 Menschen für mehr Rechte auf die Strassen Wiens gingen.

Das dies nötig ist, zeigt auch der Fall von Denis Kläfiger. Von einem Verwandten wurden der frühere Luzerner BDP-Präsident und ein Parteikollege von ihm in E-Mails aufs Übelste beschimpft. Die Mails hat der Verwandte auch an Parteisektionen in 14 Kantonen geschickt. Dagegen hat sich Kläfiger juristisch gewehrt. Das Luzerner Kantonsgericht hat den 44-jährigen Verwandten verurteilt (zentralplus berichtete). Dieser zog das Urteil jedoch weiter bis vor Bundesgericht, wo er wegen eines Formfehlers abgeblitzt ist.

Der Gerichtsprozess war belastend

Erst wollte Kläfiger, der seit einem Jahr mit seinem Partner in Wien lebt und die Schauspielschule besucht, (zentralplus berichtete) seinen Sieg vor Gericht für sich behalten. Doch durch den Pride Month und den Start der Kampagne «Ehe für alle» in der Schweiz (zentralplus berichtete) sowie durch die vielen schönen Geschichten, die er dadurch gelesen hat, wollte auch er seinen juristischen Sieg teilen – um anderen Mut zu machen, wie er auf Anfrage sagt.

«Dieses Stoische zeigt, dass ihm die Beleidigungen nicht leidtun und er nicht einsieht, sich homophob verhalten zu haben.»

Denis Kläfiger, Schauspielstudent und Ex-Politiker

«Ich freue mich riesig, auch wenn der Gerichtsprozess sehr an mir nagte», sagt Kläfiger. «Es ist für mich die Bestätigung, dass es die Justiz gleich sieht wie ich – dass die Menschenwürde von jedem zu respektieren ist.» So hielt das Luzerner Kantonsgericht in seinem Urteil unter anderem fest, dass die erniedrigenden Äusserungen nicht nur auf den Ruf der Politiker abgezielt hätten. Sondern sie haben die beiden Betroffenen als Menschen in ihrer ethischen Integrität betroffen. Das seien klare Ehrverletzungen. «Dass die Privatkläger offen zu ihrer Homosexualität stehen, berechtigt den Beschuldigten keineswegs, ihre sexuelle Orientierung mit Beschimpfungen herabzusetzen», steht im Urteil.

Belastend war für Kläfiger die Zeit des Prozesses deswegen, weil sein Verwandter ihn auch noch weiterhin mit E-Mails zudeckte. Hinzu kam, dass der Mann mit ihm verwandt ist, was eine Anklage und möglichen Gerichtsprozess nicht gerade vereinfacht. Und der Verwandte dann das Urteil weiter und weiter gezogen hat. «Dieses Stoische zeigt, dass ihm die Beleidigungen nicht leidtun und er nicht einsieht, sich homophob verhalten zu haben», so Kläfiger. Mit dem Verwandten – einem 44-jähriger Amerikaner – pflegt die Familie heute keinen Kontakt mehr.

Denis Kläfiger (rechts) mit seinem Partner.

Als Politiker eine dicke Haut zugelegt

«In den letzten Jahren habe ich mir automatisch eine dicke Haut zugelegt», sagt Kläfiger. Gerade als er politisch aktiv war, sei er öfters beleidigt worden. Auch anonyme Drohbriefe habe er bekommen. «Zum Politikerleben gehört das wohl dazu», sagt Kläfiger weiter. «Wobei ich natürlich auch mit meiner Art provoziert haben mag.» Er spricht die Kampagne an, bei der er sich oben ohne ablichten hat lassen. Kläfiger war aber weitaus provozierender: So bezeichnete er in einem Tweet die FDP einst als «rückständigen Sauhaufen». Die Partei hat damals wohl aber auch einen wunden Punkt Kläfigers getroffen, sprach sie sich doch zu jener Zeit gegen die Ausweitung der Antirassismusstrafnorm auf die LGBTIQ-Community aus.

«Dieser Provokateur bin ich heute nicht mehr.»

«Dieser Provokateur bin ich heute nicht mehr», sagt Kläfiger. Auch wenn er es heute anders formulieren würde – für die Rechte der LGBTIQ-Community steht Kläfiger nach wie vor vehement ein, wenn er sich denn auch nicht mehr aktiv engagiert.

Schräge Blicke beim Händchenhalten mit dem Partner

Doch die Geschichten aus der LGBTIQ-Community, der Hass und die Hetze, die viele erleben, haben sich auch in Kläfigers Gedächtnis gebrannt. Wien erlebt er als offenere und tolerantere Stadt als Luzern oder andere Schweizer Städte. Dazu tragen laut dem 30-Jährigen auch ganz kleine, alltägliche Dinge bei. Wie etwa der Wiener Zebrastreifen in Regenbogenfarben. Oder Ampeln, auf denen schwule und lesbische Ampelpärchen Fussgängerinnen den Weg weisen.

«In Wien fühle ich mich wohl, händchenhaltend mit meinem Partner durch die Strassen zu laufen», sagt Kläfiger. Zu Besuch in Schweizer Städten sei dies manchmal anders. Hier fühle er sich manchmal unwohl oder lässt es gleich ganz bleiben – weil er keine Lust auf schräge Blicke habe.

Durch den Sieg vor Gericht hat Kläfiger noch mehr Mut gewonnen. «Ich kann jedem, der homophob oder rassistisch angegriffen wurde, nur ans Herz legen, sich zu wehren – auch auf juristischem Weg. Ich fühle mich besser und gestärkt.» Sollte ihm dereinst wieder etwas ähnliches widerfahren: Kläfiger wird sich wehren.

«Am Ende interessiert es mich nicht, was andere von mir halten», so Kläfiger. Wie seine Dozentin Mercedes Vargas im Unterricht einst sagte: «Wir müssen uns als Schauspieler und Menschen eine Art schützende Hülle um uns vorstellen, an der alles abprallt, dass uns nur behindert und schwächen will.» Zugleich müsse man immer bereit sein, den Kampf nicht zu scheuen, wenn es um die Menschenwürde geht. «Man muss nicht alle lieben aber der gegenseitige Respekt zwischen Menschen sollte vorhanden sein.«

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7 Kommentare
  1. Dunning-Kruger, 08.07.2021, 10:05 Uhr

    Dem Halbbrasilianer Kläfiger lege ich ans Herz, sich mal in einem Feldversuch für zwei, drei Jahre in Brasilien niederzulassen. Er wird in Windeseile erkennen, dass die Toleranz/Akzeptanz gegenüber Homosexuellen in Zentraleuropa – wenn auch nicht ideal – aber dennoch ganz schön weit gediehen ist.

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    1. José, 08.07.2021, 11:36 Uhr

      Da scheint jemand wenig Anhnung von Brasilien zu haben. Homosexualität oder Transsexualität wird da seit langer Zeit viel offener akzeptiert als bei uns, zumindest in den Städten.

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    2. M.S., 08.07.2021, 12:50 Uhr

      Dem hauptkommentarverfasser würde ich ans herz legen sich ein sultanat mit mittelalterlichen aünsichten und praktiken am besten für immer niederzulassen, dann ist er unter seinesgleichen, wir ihn los und die moderne gesellschaft ist einem schritt näher an freiheit und toleranz für jeden.

      Ein ganz weit gedient ist in der wirtschaft auch nicht genug. Man will mehr… nach perfektion strebend, mit menschenrechte ist es nicht anders.

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  2. Rudolf 1, 08.07.2021, 08:21 Uhr

    «Belastend war für Kläfiger die Zeit des Prozesses deswegen, weil sein Verwandter ihn auch noch weiterhin mit E-Mails zudeckte. Hinzu kam, dass der Mann mit ihm verwandt ist – und dieser das Urteil weiter- und weitergezogen hat.» –

    Verwandte sind einem meistens verwandt.

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    1. Gery Weber, 08.07.2021, 08:51 Uhr

      «Verwandte sind einem meistens verwandt»: Wenn Sie schon einen auf Sprachtaliban machen, dann bitte mit der dafür gebotenen Sorgfalt.

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    2. Scheidegger, 08.07.2021, 09:27 Uhr

      Sprachtaliban! Ich hau mich weg.

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  3. Peter Bitterli, 08.07.2021, 06:29 Uhr

    Anderen Mut machen, ein Zeichen setzen, Haltung zeigen. Aber immer in der Meute mitheulen. Wow!

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