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Hokuspokus vom Tiroler Wurzelsepp – funktioniert er doch?
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Eine Wasserbelebungsanlage des verstorbenen Johann Grander steht auch im Zuger Hallenbad Herti. (Bild: Montage mam)

Zug und Baar sparen Geld mit Granderwasser Hokuspokus vom Tiroler Wurzelsepp – funktioniert er doch?

7 min Lesezeit 31.10.2017, 10:11 Uhr

Herbst und Winter sind Hallenbadzeit: In Baar und Zug werden zur Reinigung des Wassers esoterische Hilfsmittel eingesetzt. Wissenschaftlich gesehen ist das Humbug. Dennoch glaubt man an deren Wirkung. Wie es funktioniert, will man nicht wissen.

«Über Granderwasser schüttelt nicht nur die Wissenschaft, sondern die reine Logik den Kopf bis zur Bewusstlosigkeit», wettert der Seklehrer und grünliberale Politiker Stefan Huber. Dorn im Auge sind ihm die seltsamen Praktiken der Stadt Zug bei der Wasserreinigung. Diese setzt Geräte ein, deren Wirkung naturwissenschaftlich nicht bewiesen werden kann – und die Huber deshalb «Abrakadabra» nennt.

Erfinder mit wenig Bildung

Die Rede ist von den 27 Wasserbelebungsanlagen des Tirolers Johann Grander (1930–2012), welche die Stadt Zug in Hallenbädern, Altersheimen und Schulhäusern installiert hat. Das sind im Wesentlichen Metallbehältnisse mit Quellwasser drin, um die das zu behandelnde Wasser herumgeleitet wird (siehe Box).

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«Über Granderwasser schüttelt die Wissenschaft den Kopf bis zur Bewusstlosigkeit.»

Stefan Huber, grünliberaler Stadtparlamentarier, Zug

Dass dabei das Originalwasser nicht mit dem zu belebenden Wasser in Berührung kommt, steigert die Glaubwürdigkeit ebensowenig, wie der Hintergund des Erfinders: Denn Johann Grander war Landarbeiter, Lastwagenfahrer, Tankwart und Mischmeister gewesen, bevor er sich 1978 selbstständig machte, um seine Erfindungen zu vermarkten. Kein Studierter, sondern ein erdverbundener und einfacher Mann mit langem Bart, der Gott für seine Eingebungen verantwortlich machte.

Im Hallenbad Herti wurde die Ozonreinigung eingestellt

Stefan Huber, grünliberaler Zuger Stadtparlamentarier.

Stefan Huber, grünliberaler Zuger Stadtparlamentarier.

(Bild: zvg)

Die Stadt Zug hat den Einbau der Anlagen bisher über 130’000 Franken gekostet, wie der Stadtrat im Sommer auf eine Interpellation von Stefan Huber verlautbarte. Ob sie auch funktionieren, sagte die Stadtregierung jedoch nicht – und drückte sich mit vagen Formulierungen vor einer Antwort.

Das war 2012 noch anders gewesen: Schon damals hatte der Hotelier und SVP-Gemeinderat Philip C. Brunner ebenfalls vor Ironie triefende Fragen zum Granderwasser gestellt. Man habe sich auf die guten Erfahrungen gestützt, welche die Gemeinde Baar mit Wasserbelebung gemacht habe, hiess es damals. Dank einer Grander-Anlage habe die Ozonreinigung im Hallenbad Herti abgestellt werden können. Dies habe eine Stromersparnis von mehreren Tausend Franken jährlich bewirkt, wodurch sich die Investition schnell gelohnt habe.

Unterschrieben war die Interpellationsantwort von Stadtpräsident Dolfi Müller (SP) und dem damaligen Stadtschreiber Arthur Cantieni. Die meisten Anlagen waren unter der Ägide des früheren Bauchefs Hans Christen (FDP) eingebaut worden. Die aktuelle Zuger Stadtregierung will in Zukunft keine weiteren Grander-Geräte einbauen – aber sie auch nicht wieder ausbauen. Man will dem Glaubenskrieg einfach aus dem Weg gehen.

Es begann mit einem kleinen Brunnen

In Baar ist man wesentlich auskunftsfreudiger. Gemeinderat Jost Arnold räumt ein, dass das Thema polarisiere. Man habe ihm schon vorgeworfen, «Voodoo» zu unterstützen. «Aber ich sage dann immer: Geht, schaut euch die Sache selber an und sprecht mit den Leuten, die damit arbeiten.»

Jost Arnold, Gemeinderat (FDP), Baar.

Jost Arnold, Gemeinderat (FDP), Baar.

(Bild: zvg)

Arnold ist kein Hippiepolitiker in Latschen und Baumwollpullover, sondern ein nüchterner Bürgerlicher. 65-jährig, Mitglied der FDP, seit über einem Jahrzehnt im Amt und damit beschäftigt, Liegenschaften und Sportanlagen zu verwalten – ein Praktiker. Er erzählt, wie alles begonnen hat. Im Kleinen, mit einem Brunnen auf dem Baarer Rathausplatz.

Anlage lief ein Jahr auf Probe

Der sei immer verkalkt. Bei der Reinigung ging er regelmässig kaputt, sagt Arnold. Jemand habe von Granderwasser gehört und vorgeschlagen, es mit einem solchen Gerät zu versuchen. «Für ein so kleines Objekt war das nicht teuer», so Arnold, deshalb habe man es ausprobiert. Der Effekt: Der Kalk sei pulverförmig ausgeschieden worden und habe sich nicht länger abgesetzt. Bei der Reinigung brach der Brunnen nicht mehr entzwei.

Später habe man ein Problem mit rostigem Wasser im Altersheim lösen müssen. Der Monteur vom Schweizer Grander-Vertrieb sei überzeugt gewesen, eine Verbesserung erzielen zu können. «Wir haben die Installationskosten übernommen, aber das Gerät nicht gekauft», sagt Arnold. Erst nachdem nach längerem Probebetrieb klar geworden sei, dass das Rostpoblem weg war, habe man sich zum definitiven Kauf entschlossen.

Ersparnis: 17’000 Franken pro Jahr

Doch wie funktioniert denn die Grander-Technologie? «Das will ich gar nicht wissen», sagt Jost Arnold. «Mich interessiert nur der Erfolg.»  Der lasse sich kostenmässig messen – wie im Fall des Hallenbads Lättich, das seit 2008 mit Grander-Anlagen ausgestattet ist. Die Geräte hätten 48’000 Franken gekostet, sagt Arnold, wobei man auch hier erst gekauft habe, nachdem sich wesentliche Einsparungen abgezeichnet hätten. Die Minderkosten beziffert Arnold auf 17’500 Franken pro Jahr, womit sich die Granderanlagen nach drei Jahren amortisiert hatten.

«Ich will nur wisssen, ob es funktioniert.»

Jost Arnold, Gemeinderat FDP, Baar

Gespart habe man, weil man keine Ozonreinigung des Wassers mehr brauchte, und die Chlorierung zurückfahren konnte, sagt Arnold. Seither müsse man weniger Frischwasser zufügen. Ausserdem sei die alljährliche Reinigung der Bäder viel einfacher und schneller gegangen. «Wir konnten auch auf den Einsatz von Absäuerungsmittel verzichten», sagt Jost Arnold. «Die Arbeit mit den ätzenden Chemikalien war früher für das Personal keine schöne Aufgabe.»

Angenehme Empfindungen

Neben den objektiven Erfahrungen gibt es auch noch die subjektiven: Jost Arnold berichtet von positiven Rückmeldungen von Badegästen. Das Wasser werde als angenehmer empfunden, es gebe weniger Juckreize und Augenbrennen – auch weil man weniger Chlor zur Desinfektion brauche.

So funktioniert eine Granderanlage: Leitungswasser wird in Rohren durch ein Kästchen geleitet, das mit «Informationswasser» gefüllt ist. Voilà.

So funktioniert eine Granderanlage: Leitungswasser wird in Rohren durch ein Kästchen geleitet, das mit «Informationswasser» gefüllt ist. Voilà.

Ebenso überzeugt von den Segnungen des Granderwassers ist der Zuger Hotelier Mathias Hegglin. Er hatte ein Belebungsgerät im eigenen Haus, bevor er sich 2006 entschloss, Granderwasser im City-Hotel Ochsen anzubieten. «Ich habe das Gerät einbauen lassen, weil ich gerne natürliche Sachen habe», sagt Hegglin. «Wir haben damals das Hotel ohnehin möglichst naturbelassen umgebaut.»

Witz als untauglicher Vorschlag

Zwischen einem Glas Wasser aus dem «Ochsen» und einem Glas Wasser aus dem Brunnen auf dem Kolinplatz merke man den Unterschied, ist Hegglin sicher. «Es ist vom Trinken her weicher». Wobei er nicht die physikalischen Eigenschaften des Wassers meine, «sondern den subjektiven Trinkeindruck.»

Was andere über die Grandertechnik denken, sei ihm egal, sagt Hegglin. Obwohl er die politischen Diskussionen aus der Ferne mitverfolgt. Nur eins will er die Spötter wissen lassen: «Man kann nicht einfach eine Anlage bei den Wasserwerken installieren, wie es Huber vorschlägt.» Damit lasse sich das Wasser für die ganze Stadt nicht verändern. Die Geräte müssten nahe am Austrittspunkt installiert sein.

Gemeinderat Huber hatte der Stadtregierung im Stadtparlament in einer Hohnrede vorgeschlagen, doch einfach ein Granderkästchen bei der WWZ einzubauen. So sei das Wasser in der ganzen Stadt belebt, man könne viel Geld sparen und es brauche nicht länger separate Anlagen in den städtischen Heimen und Bädern.

Die Meinungen sind gemacht

Philip C. Brunner, Zuger SVP-Stadtparlamenstarier.

Philip C. Brunner, Zuger SVP-Stadtparlamentarier.

Aber das war pure Ironie: Die Verfechter der reinen naturwissenschaftlichen Logik bleiben skeptisch. Er habe seine Meinung in den letzten fünf Jahren nicht geändert, sagt Philip C. Brunner auf Anfrage. Und Stefan Huber meint: «Ich lade Sie gern zu einem Glas Granderwasser ein. Ich wette, Sie werden zweifeln, ob ich Ihnen nicht gerade normales Leitungswasser spendiere.»

Er wohne selber in einem Haus mit Granderwasser, was aber niemand bemerkt habe. «Bevor ich das gemerkt und den anderen Bewohnern gesagt habe, wusste es keiner», sagt Huber. Und, wie schmeckt sein Wasser? «Normal. Im Bad ist es besser als in der Küche.» Dies, weil dort das Wasser kälter sei. Und die Temperatur habe grosse Auswirkungen auf Mineralisation und Geschmack. 

Trugschluss drängt sich auf

Für Huber ist Granderwasser «reiner Aberglauben» und bewirke allerhöchstens Placebo-Effekte. Ihm ist aufgefallen: «Der Einbau von Granderwasser-Anlagen wird oft im Zusammenhang mit Gesamtsanierungen durchgeführt.» Eine Verbesserung der Wasserqualität führe man dann auf Granderwasser zurück, obwohl alle Sanitärinstallationen erneuert und auch die ganzen Rohre und Leitungen ersetzt oder gereinigt worden seien.

In Baar indes wurden die Grander-Installationen bereits 2008 eingebaut. Eine Gesamtsanierung des Bads fand erst 2012 statt. Dabei wurde dann auf einen Ersatz der alten Ozonanlage verzichtet.

Das Geschäft mit dem Tiroler Bergquellwasser

Die Wasserbelebung nach Grander beruht auf der Übetragung von sogenannten Naturinformationen, welche vom Granderwasser an Umgebungswasser (Trink- oder Badewasser) übertragen wird, ohne mit ihm in Verbindung zu kommen. Diese Naturinformationen erhält das Granderwasser aus den Tiroler Bergen, wo die Firma von Johann Granders Nachkommen eine Quelle besitzt.

Das Quellwasser wird in Edelstahlkammern gefüllt, durch die eine Leitung fürs herkömmliche «tote» Wasser führt. Das Leitungswasser wird gemäss der Firma Grander «auf natürliche Weise in eine sehr hohe, stabile und biologisch wertvolle Qualität gebracht.»

Keine beweisbaren Effekte

Naturwissenschaftlich ist keine Wirkung nachweisbar – es ist nicht bakterizid und in keiner Weise keimtötend. Das Grander-Verfahren beeinflusst weder die Wasserhärte noch die Leitfähigkeit oder den Sauerstoffgehalt. Es ist dehalb rechtlich zulässig, von «esoterischem Humbug» zu sprechen. Eine Richterin in den USA bezeichnete das Vorgehen gar als «Quacksalberei».

Nichtsdestotrotz gibt es viele Fans von Granderwasser. Wellness-Bäder setzen es als Marketing-Argument ein, um für sich zu werben. In Luzern arbeitet etwa das Migros-Fitness-Center National mit Granderwasser.

Die Firma Grander macht jährlich über 15 Millionen Franken Umsatz. Sie setzt in ihrer Werbung auf Testimonials von zufriedenen Kunden.

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