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Höchster Luzerner: «Ich will nicht grün oder rot sein»
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Berufsfischer Andreas Hofer (Grüne) wird für ein Jahr den Luzerner Kantonsrat präsidieren. (Bild: zvg )

Interview mit Kantonsratspräsident Andreas Hofer Höchster Luzerner: «Ich will nicht grün oder rot sein»

7 min Lesezeit 21.06.2016, 11:30 Uhr

Diesen Dienstag wird Andreas Hofer (50) zum neuen Kantonsratspräsidenten gewählt. Der 50-jährige Berufsfischer sitzt für die Grünen im Parlament. Im Interview erklärt er, was er vom Fischen für die Politik lernen konnte und wie er lernte, häufig auf der Verliererseite zu stehen. Und er nervt sich, wenn man nicht zuhört.

zentralplus: Andreas Hofer: Höchster Luzerner. Wie tönt das für Sie?

Andreas Hofer: Das tönt nicht schlecht. Ich bin mir aber bewusst, dass es ein Ehrenamt ist. Klar bin ich faktisch der höchste Luzerner. Aber eigentlich habe ich ein Jahr lang weniger zu sagen, da ich als Präsident nicht mitstimmen werde.

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zentralplus: Aber Sie freuen sich schon?

Hofer: Es ist Würde und Bürde. Anfänglich sah ich vor allem den Aufwand. Nach meinem Jahr als Vize-Präsident bin ich nun aber gut vorbereitet. Im Nachhinein ist es vielleicht ganz gut, dass man nicht genau weiss, was einen alles erwartet.

«Mich stören Kantonsräte, die nicht aktiv bei der Sache sind, die Zeitung lesen oder in ihrem Laptop versunken sind.»

zentralplus: Und Ihre Antrittsrede haben Sie schon vorbereitet?

Hofer: Nein, das muss ich noch. Ich werde viel Zeit ins Schreiben von Reden investieren müssen. Das fällt mir nicht wirklich einfach.

Mit 97 Stimmen gewählt

Am Dienstag hat der Kantonsrat Andreas Hofer zu seinem neuen Präsidenten gewählt. Hofer erhielt 97 der 118 Stimmen, 6 Stimmzettel wurden leer eingelegt. Vroni Thalmann-Bieri (SVP, Flühli) wurde mit 75 Stimmen zur Vizepräsidentin des Kantonsrats gewählt, 32 Stimmen wurden leer eingelegt.

Auch die Luzerner Regierung hat einen neuen Vorsitz: Finanzdirektor Marcel Schwerzmann wurde mit 81 Stimmen zum Regierungspräsidenten gewählt, Sozialdirektor Guido Graf mit 96 Stimmen zu seinem Vize. All diese Posten sind Ehrenämter und nicht mit speziellen Privilegien ausgestattet.

zentralplus: Wie wollen Sie den Rat führen?

Hofer: Der Handlungsspielraum ist klein. Ich bin jetzt neun Jahre im Rat – was mich stört, sind Kantonsräte, die nicht aktiv bei der Sache sind, die Zeitung lesen oder in ihrem Laptop versunken sind. Im Parlamentsbetrieb sollte man miteinander reden und einander zuhören.

zentralplus: Wie nehmen Sie die Diskussion- und Streitkultur allgemein wahr?

Hofer: Grossmehrheitlich sehr gesittet. Einmal erlebte ich eine Situation, bei der eine rote Linie überschritten wurde und es zu persönlichen Angriffen kam. In der Sache soll man hart kämpfen, aber es darf nie auf eine persönliche Ebene geraten. Wichtig für mich als Präsident wird sein, alle gleich zu behandeln.

zentralplus: Wie hat’s Ihr Vorgänger Franz Wüest gemacht?

Hofer: Ich hatte grosses Glück, dass ich in seinem Schatten das Handwerk lernen durfte. Er hat mir alles auf eine sehr sympathische Art beigebracht. Mir hat auch immer gefallen, wie er eine Prise Humor in den Saal eingebracht hat.

zentralplus: Wüest hat mit «Politik & Wurst» eine Veranstaltungsreihe gemeinsam mit Regierungsratspräsident Reto Wyss gemacht. Haben Sie auch solche Pläne?

Hofer: Nein. Ich habe das kurz mit Marcel Schwerzmann besprochen und wir waren beide der Meinung, dass wir das nicht machen wollen. Das sind Dinge, die man individuell steuern kann. Ich denke, es wird auch so genügend Anlässe geben.

«Mein Herz ist auf grüner Seite. Das hat sehr wohl mit dem Beruf zu tun, wir sind 100 Prozent von einer gesunden Natur abhängig.»

zentralplus: Nun zu Ihrer Person. Sie sind selbstständiger Berufsfischer. Was bedeutet Ihnen das Fischen?

Hofer: Der Weg war vorgezeichnet, wir haben eine über 500-jährige Familientradition. Die Faszination beim Fischen ist ganz klar die Arbeit draussen in der Natur.

zentralplus: Wie passt Ihr Unternehmerdasein zum grünen Politiker?

Hofer: Wir sind ein Kleinstbetrieb, gross von Unternehmertum zu reden, wäre vermessen. Mein Herz ist auf grüner Seite. Das hat sehr wohl mit dem Beruf zu tun, wir sind 100 Prozent von einer gesunden Natur abhängig.

zentralplus: Sie waren auch als Sozialpädagoge tätig. Welche Erfahrungen nehmen Sie aus diesem Job mit?

Hofer: Das hat sehr viel mit Reden und Zuhören zu tun – wie in der Politik. Ich habe mit verhaltensauffälligen Jugendlichen gearbeitet. Da musste ich lernen, dass es nicht immer nach meinem Kopf läuft. Das war auch für meine politische Arbeit hilfreich.

«Zuversicht und Hoffnung sind für grüne Politiker sehr wichtig. Schliesslich muss man oft politische Enttäuschungen hinnehmen.»

zentralplus: Und vom Fischen haben Sie Geduld gelernt?

Hofer: Genau. Und auch Zuversicht und Hoffnung, was besonders für grüne Politiker sehr wichtig ist. Schliesslich muss man oft politische Enttäuschungen hinnehmen.

zentralplus: Sie haben erwähnt, dass Ihr Herz auf grüner Seite steht. Wie links sind Sie?

Hofer: Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Ich wehre mich dagegen, in eine Schublade gedrückt zu werden. Ich kandidierte etwa 1995 erstmals als Parteiloser auf der grünen Liste. Ich will nicht grün oder rot sein. Ich störe mich, wenn man Parteipolitik macht und nicht Sachpolitik.

Andreas Hofer nach seiner Wahl zum Kantonsratspräsident.

Andreas Hofer nach seiner Wahl zum Kantonsratspräsident.

(Bild: Staatskanzlei Luzern)

zentralplus: Wie wurden Sie politisiert?

Hofer: Da hat das Fischsterben eine entscheidende Rolle gespielt. Ich erlebte noch vor meinem 20. Geburtstag ein sehr prägendes Podium zum Thema. Dort hat ein Politiker ein flammendes Statement abgegeben. Ich war fasziniert. Im Anschluss kam eine Frage von einer alten Frau. Sie warf dem Politiker vor, dass er am Abend zuvor an einem anderen Podium genau das Gegenteil erzählt hätte. Und sie schob gleich die Begründung hinterher, dass er einfach dem anwesenden Publikum gerade erzähle, was dieses hören wollte. Das Schockierende war allerdings, dass die Wortmeldung kommentarlos übergangen wurde. Dass jemand die Menschen brandschwarz angelogen hatte, beschäftigte mich stark. Ich dachte mir, das darf nicht wahr sein, und begann mich zu engagieren.

«So realistisch muss man sein, als Grüner steht man sehr häufig auf der Verliererseite.»

zentralplus: Sie vertreten im bürgerlichen Kantonsrat eine Minderheit. Woher nehmen Sie den Kampfgeist, für Ihre Idealvorstellungen zu kämpfen?

Hofer: Es sind die Sachthemen, die mich ärgern und bei denen ich etwas verändern will. Es ist eine Kunst, sich immer wieder aufs Neue zu motivieren. So realistisch muss man sein, als Grüner steht man sehr häufig auf der Verliererseite. Doch schon bald kommt das nächste Projekt, das mich wieder fesselt. Wenn mir das nicht mehr gelingen würde, wäre Schluss mit Politik.

zentralplus: Im Wahlkreis Sursee sind Sie als Grüner ein Einzelkämpfer. Ein sehr beliebter, wie sich an Ihrem guten Wahlresultat zeigt. Man mag Sie. Woran liegt das?

Hofer: Ich hab mich das auch schon gefragt und es freut mich wirklich. Ich kann mir vorstellen, dass es mit den Berufen zusammenhängt. Als Pädagoge decke ich soziale Themen ab, als Fischer ökologische Fragen.

zentralplus: Die Parteipolitik muss jetzt aber für ein Jahr ruhen. Wie schwer wird Ihnen das fallen?

Hofer: Dies ist in der Tat eine Herausforderung. Besonders in unserer kleinen Fraktion fällt das natürlich ins Gewicht. Wir sind noch zu siebt. Deshalb habe ich auch während des Vizepräsidiums-Jahres die Fraktionsarbeit weitergeführt.

zentralplus: Andere Politiker bezeichnen Sie als hartnäckig und trotzdem kameradschaftlich (siehe Box). Können Sie mit diesem Urteil leben?

Hofer: Damit kann ich sehr gut leben, ich fasse das als Kompliment auf. Das war für mich in meiner Zeit im Parlament der grösste Lerneffekt nebst den inhaltlichen Dingen. Man muss fähig sein, die persönliche Ebene von einer Sachebene zu trennen. Ich bin (leider) Raucher. Und in den Pausen merkt man dies besonders. Könnte ich das nicht, wäre Politisieren ein Ding der Unmöglichkeit

zentralplus: Was machen Sie nebst Fischen und Politik?

Hofer: Eigentlich nicht mehr viel. Ich bin noch Parteipräsident der Grünen Sursee. Und als einziger grüner Kantonsrat im Wahlkreis bin ich in vielen Ausschüssen vertreten. Ich wäre überglücklich, wenn ich ein Gspändli erhalten hätte. Es bleibt vieles an mir hängen.

zentralplus: Ihr Markenzeichen ist Ihre grüne Tasche. Was steckt dahinter?

Hofer: Das ist ein «Habersack». Meine beste Kollegin macht in der Freizeit solche Taschen. Lange, bevor «Freitag» damit angefangen hat. Leider hat sie kein Patent darauf. Das Lustigste ist, bei jeder Wiederwahl bekomme ich eine neue Tasche.

Das sagen Kantonsratskollegen über Andreas Hofer

Guido Müller, SVP-Fraktionschef: «Andreas Hofer ist ein hartnäckiger Vertreter der grünen Politik. Seine ruhige Art und sein kameradschaftlicher Umgang mit seinen Ratskollegen finden oft begleitet von seiner Rauchpause statt.»

Ludwig Peyer, CVP-Fraktionschef: «Andreas Hofer ist ein gradliniger grüner Überzeugungstäter, der in seinen Themen durchaus hartnäckig sein kann. Er wirft seine politischen Netze daher auch aus, wenn der See stürmisch ist. Bei ihm steht immer die Sache im Vordergrund. Dabei ist er wohl hart in der Sache, aber kollegial und fair im Umgang.»

Michèle Graber, GLP-Fraktionschefin: «Andreas ist ein engagierter und fairer Politiker, in einigen Fachbereichen überzeugt er mit grossen Fachkenntnissen. Als bescheidene Person steht er selber nicht gerne im Mittelpunkt.»

Hasan Candan, SP-Kantonsrat: «Andreas Hofer ist Inbegriff eines gesellschaftlich fortschrittlichen Kantons Luzern, der ökologische und soziale Errungenschaften mit Herzblut verteidigt. Aus der Kommissionsarbeit der RUEK (Kommission Raumplanung, Umwelt und Energie) kenne ich den Berufsfischer als pointierten und gefitzten Kollegen mit hartnäckiger Diskussionskultur, da können schon mal die Fetzen fliegen, danach gibt’s aber ein Bier.»

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