Höchste Luzernerin zügelt für ihre eigene Feier
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Kantonsrätin Hildegard Meier-Schöpfer im Vögeligärtli in Luzern.

Willisau wird im Kanton zum Zentrum der Macht Höchste Luzernerin zügelt für ihre eigene Feier

5 min Lesezeit 19.06.2018, 07:33 Uhr

In der Stadt Luzern kaum bekannt, dafür in Entlebuch und Willisau bestens vernetzt: Hildegard Meier-Schöpfer wurde am Dienstag zur höchsten Luzernerin gewählt. Die bodenständige Unternehmerin mit bäuerlichen Wurzeln nimmt kein Blatt vor den Mund und schreckt auch vor Kritik an der Wirtschaft nicht zurück.

Es zischt, Wasserdampf steigt auf, ein Berg von Hemden, Jacken und Taschen umgibt den Besucher der Textilreinigungsfirma «Texpress» an der Zentralstrasse. zentralplus besucht das Reich von Hildegard Meier, einer Frau, die auf den ersten Blick gar nicht wie eine einflussreiche Politikerin wirkt. Doch der Eindruck täuscht: Meier wurde am Dienstag zur höchsten Luzernerin gewählt. Es ist die Krönung und zugleich der Abschluss ihrer Polit-Karriere. Davon zeugt auch das Glanzresultat von 109 von 113 möglichen Stimmen bei der Wahl.

Ihre Mitarbeiter begrüssen Meier herzlich und sind überrascht, auf die 60-Jährige zu treffen – sie ist eher selten in Luzern, öfters in Lenzburg, wo sie den Betrieb leitet. Insgesamt 14 Textilpflege-Betriebe mit 100 Mitarbeitern aus acht Nationen gehören zur Familie, die Gesamtverantwortung für die Firma trägt heute ihr Sohn.

Wirtschaftskritische Töne

«Das soziale Gewissen und die Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern geht in der Wirtschaft zunehmend verloren», sagt die FDP-Politikerin. Kleine und mittlere Familien-KMUs würden hingegen noch auf ihre Angestellten schauen. Und auch Frauen mit Migrationshintergrund eine Chance bieten, Führungspositionen zu übernehmen.

«Was mit den Leuten passiert, die ohne Job dastehen, interessiert die Führungsetage oft nicht.»

Hildegard Meier-Schöpfer, designierte Kantonsratspräsidentin

Sie sagt, Frauen hätten es immer noch schwieriger, in Wirtschaft und Politik in die Kränze zu kommen. Auch, weil oft viel mehr Dinge berücksichtigt werden müssten und die Ansprüche an die eigenen Leistungen sehr hoch seien. Deshalb hat sie im Mai gemeinsam mit ihrer Vorgängerin Vroni Thalmann einen Ausflug mit allen Frauen im Kantonsrat durchgeführt, um ein Zeichen zu setzen.

Meier-Schöpfer spart nicht mit der Kritik. Die Manager von heute hätten den Bezug zur Belegschaft jedoch verloren und würden einzig den Profit vergrössern und die Effizienz steigern. «Was mit den Leuten passiert, die ohne Job dastehen, interessiert die Führungsetage oft nicht», sagt Meier mit belegter Stimme. Ungewöhnlich kritische Worte für eine FDP-Politikerin.

Eine unbeschwerte Kindheit auf dem Hof

Betrachtet man ihre Biografie, überrascht die nonchalante Art nicht. Meier wuchs als zweitjüngste Tochter von insgesamt neun Kindern in einer Bauernfamilie in Schüpfheim auf. Eine sehr schöne Kindheit und Jugend habe sie verbracht. «Grossgezogen wurde ich nicht zu einem kleinen Teil von meinen Geschwistern», sagt Meier. Bereits in frühem Alter habe sie im Betrieb geholfen, die Tiere zu tränken und auf dem Feld mitzuarbeiten.

«Ich kannte keine Ferien – hatten wir keine Schule, so habe ich auf dem Hof geholfen.» Ein Leben, das heute immer weniger kennen. «Bei uns gab es materiellen Verzicht – wir hatten gerade einmal zwei Fahrräder und auch Spielzeug hatten wir kaum.» Dafür habe sie viele Freiheiten gehabt und die Eltern hätten gut zu den Kindern geschaut und allen eine Ausbildung ermöglicht. Die frühen Jahre hätten sie geprägt, sie habe gelernt, für sich einzustehen, und eine gute Portion Selbstbewusstsein entwickelt.

Die FDP-Politikerin im familieneigenen Textilpflegebetrieb in der Luzerner Neustadt.

Die FDP-Politikerin im familieneigenen Textilpflegebetrieb in der Luzerner Neustadt.

«Ich denke, die Kinder von heute haben es in vielen Belangen schwieriger als meine Generation», sagt Meier. Ihr zweites Zuhause war Sörenberg, wo sie im Winter ständig auf den Ski stand. Noch heute liebt sie die Fahrt auf den zwei Brettern, neben Tennis und der Pflege ihres breiten Freundeskreises ihr liebstes Hobby. Dabei würde sie lieber einen Jass klopfen als auf ein Rock-Konzert gehen, gesteht sie mit einem Lachen im Gesicht. Doch im Hause Schöpfer ging es auch ernst zu und her.

Willisau wird politisches Machtzentrum

Es sei viel politisiert worden im Elternhaus. Ihr Grossvater war lange im Grossen Rat für die CVP. Dass sie später für die FDP in Willisau in der Schulpflege Einsitz nahm, obwohl sie aus einer katholisch-konservativen Talschaft stammt, sei nie ein Thema gewesen. «Es herrschte ein liberaler, offener Geist bei uns zuhause», erinnert sich Meier. Der Partei sei sie beigetreten, weil sie von der Willisauer FDP angefragt wurde – nicht aufgrund einer Parteipräferenz. Nach einer längeren politischen Pause wurde sie im Jahr 2007 gemeinsam mit Robert Küng in den Kantonsrat gewählt.

Bisher trat die bodenstämmige Kantonsrätin kaum in Erscheinung im Parlamentsbetrieb. Als Vizepräsidentin der Aufsichts- und Kontrollkommission hat sie eine wichtige, aber wenig medienwirksame Rolle im Parlament. «Vielleicht sind die lautesten Politiker eben nicht unbedingt die besten», sagt Meier. In ihrem Zuhause im Städtli Willisau als auch in Schüpfheim ist sie zwar sehr gut vernetzt. In der Stadt Luzern und Umgebung kennt man die Geschäftsfrau und dreifache Mutter kaum in der breiten Öffentlichkeit. Doch das wird sich bald ändern, wenn sie am Dienstag als Kantonsratspräsidentin gewählt wird.

«Die Landschaft und die Stadt haben beide berechtigte Anliegen, die es zu respektieren gilt.»

Hildegard Meier-Schöpfer, designierte Kantonsratspräsidentin

Es wird ihr letztes Jahr in der Politik sein – nach 12 Jahren im Amt freut sich Hildegard Meier auf eine unpolitische Ehrenrunde. Denn als Kantonsratspräsidentin wird sie künftig die Parteirobe abstreifen, sich auf repräsentative Aufgaben konzentrieren und sich bei Abstimmungen enthalten. Gemeinsam mit ihrem Freund, dem zukünftigen Regierungsratspräsidenten Robert Küng, wird sie nach ihrer Wahl am Dienstag in ihrer Heimat feierlich empfangen. Willisau wird für ein Jahr das Zentrum der politischen Macht im Kanton.

Ein Jahr im Zeichen des Brückenbaus

«Ich freue mich ausserordentlich auf diese Aufgabe», sagt Meier. Nach den Grabenkämpfen der Legislative und den endlosen Finanzdebatten geniesst sie die Aussicht auf das Händeschütteln an Jubiläen, Einweihungen und Grossanlässen. Und sie will näher an die Bürger ran – Politik sei mehr als Gesetze und Traktandenlisten. «Dahinter stehen Menschen», sagt die Willisauerin. Und sie wolle auch dazu beitragen, die politischen Differenzen zwischen Stadt und Land zu verkleinern und helfen, Brücken zu bauen. «Die Landschaft und die Stadt haben beide berechtigte Anliegen, die es zu respektieren gilt.»

Sie selbst lebt getrennt von ihrem Mann wieder in Willisau, zwischendurch war sie in Reiden wohnhaft. Als sich anbahnte, dass sie wohl in ihrem zwölften Jahr den Rat präsidieren würde, zügelte sie zurück ins Städtli. Nach ihrem Präsidialjahr will sich Meier-Schöpfer wieder mehr Zeit nehmen für ihre vier Enkelkinder, Freunde und Verwandte. Und vielleicht auch mal spontaner in die Ferien gehen. Bis dahin gibt es jetzt aber in den nächsten 12 Monaten noch einiges zu tun.

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