Hochwasser in Luzern: Ist das noch Wetter oder schon Klima?
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Der Luzerner Klimaexperte Jürgen Ragaller sagt: Starkniederschläge werden sich zukünftig häufen. (Bild: ber/zvg)

Klimaexperte Jürgen Ragaller im Interview Hochwasser in Luzern: Ist das noch Wetter oder schon Klima?

4 min Lesezeit 5 Kommentare 18.07.2021, 05:00 Uhr

Gesperrte Brücken, geflutete Strassen, geschützte Häuser: Seit Tagen hält das Hochwasser Luzern in Atem. Starke Niederschläge werden in Zukunft zunehmen, sagt der Luzerner Klimaexperte Jürgen Ragaller. Für ihn ist klar: Wer das Hochwasser einfach als Hudelwetter abtut, macht es sich zu einfach.

Nach dem Hagel und Gewitter jetzt der starke Regen: Wetterkapriolen halten Luzern seit Wochen auf Trab. Jürgen Ragaller, der Klimaexperten des Kantons Luzern, sagt im Gespräch, wieso es in Zukunft vermehrt starke Niederschläge geben wird und ob die Massnahmen dagegen zu spät kommen.

zentralplus: Jürgen Ragaller, seit Tagen regnet es, der See und die Reuss schwappen über. Ist das noch Wetter oder schon Klima?

Jürgen Ragaller: Das Ereignis simpel als Hudelwetter, das es schon immer gab, ad acta zu legen, wäre sicher zu einfach.

zentralplus: Ist dieses Hochwasser also Ausdruck der Klimaerwärmung?

Ragaller: Ein einzelnes Ereignis kann zwar nicht direkt ursächlich mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht werden. Messungen zeigen aber bei fast allen Stationen eine Zunahme der Stärke und Häufigkeit von Starkniederschlägen. Diese Zunahme wird durch den Klimawandel verursacht. Er verstärkt die Niederschlagsperiode.

zentralplus: Immer wieder wird betont: Wetter und Klima sind nicht zu verwechseln. Ist es nicht ein Widerspruch, die jetzigen Unwetter mit dem Klima in Verbindung zu bringen?

Ragaller: Wir erwähnt, kann man ein Einzelereignis nicht direkt ursächlich mit dem Klimawandel in Verbindung bringen. Die Klimaveränderung erhöht aber sowohl die Stärke als auch die Häufigkeit von Starkniederschlägen.

zentralplus: Was heisst das für die Zukunft: Haben wir öfters mit solchen Situationen zu rechnen?

Ragaller: Leider ja, denn Starkniederschläge nehmen aufgrund des Klimawandels zu und die höchsten Regenmengen fallen zudem in den nässesten Perioden.

«Mit heftigen Niederschlagsereignissen müssen wir in Zukunft leider auch in der Schweiz rechnen.»

zentralplus: Wird es wärmer, wird es trockener – und nicht nässer, könnte man meinen. Wieso gibt es mehr Niederschläge?

Ragaller: Seit dem frühen 19. Jahrhundert ist bekannt, dass die Luft mit jedem Grad Erwärmung rund 7 Prozent mehr Feuchtigkeit in Form von Wasserdampf aufnehmen – und je nach Wetterlage auch wieder ausregnen kann. Niederschläge mit geringer Regenmenge nehmen in der Tendenz ab, solche mit hohen Niederschlagsmengen hingegen zu.

zentralplus: Gemäss den Klimaszenarien aus dem Luzerner Klimabericht gehen die Niederschläge in den Sommermonaten tendenziell eher zurück – ist das jetzige Hochwasser insofern ein Ausreisser?

Ragaller: Das ist auf den ersten Blick ein Widerspruch. Nochmals zurück zur feuchteren Luft: Warme Luft kann mehr Feuchte aufnehmen und diese während längeren, heissen Trockenperioden in Form von Wasserdampf speichern. Wenn es dann aber zu regnen beginnt, fällt der Niederschlag zunehmend heftig aus. Obwohl die Niederschlagssumme im Sommer tendenziell abnimmt, nehmen Starkniederschlagsereignisse zu.

So steigt der Starkregen gemäss den Klimaszenarien des Kantons Luzern:




Die untere Zeile bezeichnet ein Niederschlagsereignis, das statistisch alle 100 Jahre auftritt und einen Zeitraum von 5 Tagen umfasst. Für Hochwassersituationen sind laut Jürgen Ragaller genau solche Ereignisse relevant.

zentralplus: Dramatisch ist die Situation derzeit in Westdeutschland, besonders in der Eifel. Müssen wir auch in der Schweiz in Zukunft damit rechnen, dass die Extremereignisse nicht nur Keller überfluten, sondern Menschenleben bedrohen?

Ragaller: Mit heftigen Niederschlagsereignissen müssen wir in Zukunft leider auch in der Schweiz rechnen. Damit eine Zunahme der Intensität nicht zu mehr Schäden oder gar Opfern wie in Deutschland führt, müssen wir die Anpassung an Hochwasserereignisse laufend überprüfen.

zentralplus: Ist man in Luzern für diese Entwicklung gewappnet?

Ragaller: Man hat seit dem Hochwasserereignis von 2005 enorme Fortschritte in der Schadenprävention gemacht und arbeitet fortlaufend und sehr professionell an der Naturgefahrenprävention (zentralplus berichtete). Die Anpassung an den Klimawandel wird aber zunehmend schwieriger und teurer. Zentral bleibt der Klimaschutz.

«Wir sind uns des Zeitdrucks sowohl beim Klimaschutz als auch bei der Klimaanpassung sehr bewusst.»

zentralplus: Mit dem Klimabericht hat der Kanton einen ersten wichtigen Schritt getan (zentralplus berichtete). Doch die Massnahmen liegen noch nicht im Detail vor, geschweige denn sind sie beschlossen. Man hat fast den Eindruck: Es pressiert nicht. Können wir uns dieses Tempo leisten?

Ragaller: Wir sind uns des Zeitdrucks sowohl beim Klimaschutz als auch bei der Klimaanpassung sehr bewusst. Wir warten mit den Arbeiten für mehr Klimaschutz und -anpassung ja nicht auf die Fertigstellung des Planungsberichts, sondern setzen ja heute schon zahlreiche Massnahmen um.

zentralplus: Werden die Bilder des Hochwassers den Luzerner Klimamassnahmen zusätzlichen Schub verleihen?

Ragaller: Die globale Zunahme von Extremereignissen zeigt deutlich, dass wir alle entschieden und schnell handeln müssen.

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5 Kommentare
  1. Arturo Romer, 31.07.2021, 17:47 Uhr

    Gutes Interview. Herr Ragaller antwortet sehr kompetent und sachlich.

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  2. remo.genzoli, 19.07.2021, 09:16 Uhr

    @Brugger und Bründler
    Für mich sind Ihre Kommentare ein Zeugnis verantwortungsloser Ignoranz, Bequemlichkeit und Selbstgerechtigkeit nach dem Motto: «Sonne und Regen hat es ja schon immer gegeben» und «die anderen sollen zuerst handeln, alles nur linke Panikmache». Zwischenzeitlich dokumentieren und bestätigen eine überwiegende Mehrheit von vermutlich eben auch «linksgesteuerten und Panik verbreitenden» Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern überzeugend den Klimmawandel und schlagen auch konkrete Lösungen für eine Wende vor. Die Zeche für Ihre Haltung werden die zukünftigen Generationen zahlen müssen.

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  3. Arlène Brugger, 18.07.2021, 10:34 Uhr

    Vor zwei Jahren sagten die sog. Klimaexperten, die staatsnahen Hellseher, noch lange Dürreperioden voraus. Meine Prognose: In zwei Jahren müssen sie wieder über die Bücher.

    Und wer behauptet, dank Verbot von Verbrennerautos falle auch nur ein Tropfen weniger vom Himmel, leidet unter schwer therapierbarem Allmachtswahn.

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  4. Paul Bründler, 18.07.2021, 10:04 Uhr

    Da ist viel Alarmismus drin.
    Insbesondere schwingt mit, «wir» könnten «schnell» etwas gegen den Klimawandel an sich tun.
    Innerhalb der Schweiz können wir so gut wie gar nichts ausrichten. Unser Anteil am Welt CO2 Ausstoss geht in der Statistik unter und wird immer kleiner. Wenn schon, müsste die Diplomatie tätig werden (China, Indien, Weltbevölkerung, Regenwald, Meere..)
    Dann ist eine allfällige CO2 Reduktion erst mit Jahrzehnten Verzögerung spürbar, aufgrund der Trägheit des Klimasystems.
    Sinnvollerweise kann man hier nur Hochwasserschutz und diplomatische Bemühungen anstrengen.
    Aufgrund eines einzelnen Ereignisses jetzt die Bevölkerung «aufzuscheuchen», ist keine Wissenschaft sondern dient eher (partei-)politischen Interessen.

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  5. Rudolf 1, 18.07.2021, 06:26 Uhr

    Wir leiden bereits täglich unter Folgen der Klimaerwärmung – und tun nichts dagegen. Die Klimademonstrationen müssen weitergehen, bis endlich wirksame Notmassnahmen ergriffen werden. Die von den Unwettern Geschädigten sollten Klage gegen die verantwortlichen politischen Organe erheben.

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