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Hochhaus im Chamer Alpenblick droht der Abriss
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Der Zuger Regierungsrat hat den gesamten Alpenblick unter Schutz gestellt. Dagegen wehrt sich nun auch die Gemeinde Cham. (Bild: woz)

Wie es sich zwischen den Baumängeln lebt Hochhaus im Chamer Alpenblick droht der Abriss

7 min Lesezeit 18.08.2018, 10:54 Uhr

Eigentlich sind die meisten Hochhäuser hässlich oder abschreckend. Dies gilt nicht für das Ensemble der Riesen im Chamer Alpenblick, das zwischen Bäumen und See wie eine Oase Ruhe ausstrahlt. Nun will ein Eigentümer eines der Hochhäuser abreissen – weil es Baumängel aufweist. Wie lebt es sich dort tatsächlich?

Um es vorwegzunehmen: Weder das Panorama des sündhaft teuren Penthouse-Appartments im Zuger Parktower noch jenes aus der «Skylounge» können da mithalten. Die Rede ist von der Aussicht des Hochhauses im Chamer Alpenblick. Genauer gesagt, im Alpenblick 8.

Wer die Seele der Landschaft des Zugersees wirklich spüren und geniessen will, der muss in dieses sechsstöckige Gebäude – oder in ein anderes mit unverbauter Seesicht am Alpenblick einziehen.

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3100 Franken kostet diese Wohnung

Wie ein farbiger Teppich breitet sich samtig die beschauliche Szenerie vor dem Auge des Betrachters aus. Im Vordergrund saftig grüne Schilfwiesen. In der Mitte der schimmernde Zugersee. Im Hintergrund wolkenverhangen-mystisch die Rigi. Würde Englands Malgenie William Turner heutzutage in Zug leben und die «Königin» nochmals porträtieren – er würde vermutlich hier sein Atelier beziehen.

Die 3100 Franken, welche die Wohnung hier im sechsten Stock des Alpenblick-Gebäudes kostet, die zentralplus in Augenschein nehmen darf, sind eigentlich ein Schnäppchen. Auf zwei Wohnetagen reiht sich eine harmonische Folge aus hellen Räumen aneinander. Wobei das Wohnzimmer mit offener Küche und Esszimmer nicht zuletzt wegen des Cheminées den rustikalen und gleichzeitig modernen Charme einer Lloyd-Wright’schen Lodge verströmt.

Das Haus Alpenblick 8 soll abgerissen und neu aufgebaut – anstatt total saniert zu werden. Auf den ersten Blick wirkt das Gebäude mit der warmen Sichtbacksteinfassade (Vordergrund) zwar in die Jahre gekommen, aber überhaupt nicht baufällig.

Das Haus Alpenblick 8 soll abgerissen und neu aufgebaut – anstatt total saniert zu werden. Auf den ersten Blick wirkt das Gebäude mit der warmen Sichtbacksteinfassade (Vordergrund) zwar in die Jahre gekommen, aber überhaupt nicht baufällig.

(Bild: woz)

Der Mieter, der hier wohnt, aber lieber anonym bleiben will, hat es sich ganz behaglich eingerichtet. Felle und Tierhäute sorgen für ein warmes Ambiente. Die Einbauwände und die schlichten Möbel verleihen der Wohnung eine geschmackvolle Dynamik.

Ganz zu schweigen von der sanften Natur des Zugersees, die einen ständig als Aussicht und Ruhepunkt umfängt. Man könnte hier wohl wohnen, um nur nach draussen zu schauen. Auf der windgeschützten Terrasse kommt man sich wie auf einem Hochsitz vor.

«Ich kann wegen des Zuglärms leider nicht bei offenem Fenster schlafen.»

Mieter der Alpenblick-Wohnung

Doch Idyllen haben ihre Brüche. Nichts ist perfekt. Auch nicht dieses Apartment. «Ich kann wegen des Zuglärms leider nicht bei offenem Fenster schlafen», bedauert der Mieter. Sagt’s und prompt rauscht die Zuger Stadtbahn unten durch. Und künftig würden dann noch mehr Züge an seiner Wohnung vorbeirattern, wenn die Doppelspur in Walchwil ausgebaut wird.

Schimmel hier, Risse da

Aber nicht nur der Zuglärm belastet den Mieter. Er findet auch, dass es höchste Zeit sei, die Wohnung zu erneuern – die Heizung, die sanitären Anlagen, die Fenster. In seinem Schlafzimmer deutet er auf einen kleinen Schimmelfleck im Eck. Im Wohnzimmer zeigt er auf eine Stelle, wo durch die eindringende Feuchtigkeit der Fensterrahmen aus Holz aufgequollen ist und Risse aufweist.

«Es tropft zwar nirgends in die Wohnung, aber für 3100 Franken Miete könnte man schon einen besseren Standard erwarten.»

Schaden am Fenstersockel durch eindringende Feuchtigkeit: Die Holzverkleidung ist aufgequollen und zeigt Risse.

Schaden am Fenstersockel durch eindringende Feuchtigkeit: Die Holzverkleidung ist aufgequollen und zeigt Risse.

(Bild: woz)

Deshalb hätte er auch nichts dagegen, wenn der Eigentümer des Hauses, die Risi Immobilien AG, seinen Block sanieren würde. Beziehungsweise, wenn er abgerissen würde. «Denn laut Aussage des Eigentümers, wie er es uns Mietern vor zwei Jahren bei einer Versammlung erläutert hat, kommt eine Totalsanierung offenbar teurer als ein Abriss und ein Wiederaufbau im gleichen Stil. Ausserdem hat er uns ein Vormietrecht nach dem Neubau versprochen.»

Josef Stöckli hat sich die Hochhäuser ausgedacht

Das Haus benötigt, wie Adrian Risi gegenüber der «Zuger Zeitung» sagte, nicht nur neue Lärm- und Wärmedämmungen. Es müsse zudem gegen Erdbeben gesichert werden. Doch dagegen hat das Zuger Amt für Denkmalpflege und Archäologie etwas.

Denn das Haus Alpenblick 8 zählt ebenso wie die anderen neun Chamer Hochhäuser zum Inventar der schützenswerten Denkmäler im Kanton Zug. Die zehn Hochhäuser im Alpenblick sind ja bekanntlich das Werk des Chamer Architekten Josef Stöckli, der diese Gebäude entwarf, welche dann etappenweise zwischen 1963 und 1968 gebaut wurden.

Gerade die Mischung aus Hochhaus und viel Grün drum herum (sogar einen Quartier-eigenen Tennis-Sandplatz gibt es hier!) macht das Quartier zu einem lauschigen Wohnort. Die roten Sichtbacksteinfassaden, die Stöckli während seines Aufenthalts als junger Architekt in England lieben gelernt hat, verleihen dem Ensemble ein warmes Ambiente.

Faszinierendes Panorama: Man spürt die Seele der Landschaft von der Terrasse des Alpenblick-Hauses 8.

Faszinierendes Panorama: Man spürt die Seele der Landschaft von der Terrasse des Alpenblick-Hauses 8.

(Bild: woz)

Es soll nun überprüft werden, ob der Alpenblick unter Denkmalschutz gestellt wird. Doch dagegen hat wiederum Adrian Risi etwas, weil die inzwischen aufgetretenen Mängel der Häuser durch eine Unterschutzstellung nicht gelöst werden könnten. Enorme Schadenersatzforderungen würden auf den Kanton Zug zukommen. Der Regierungsrat muss jetzt über den Streit befinden.

Die Gemeinde Cham hat sich bereits mehrmals gegen eine Unterschutzstellung der Alpenblick-Hochhäuser entschieden. Grund: Man befürwortet eine zeitgemässe Modernisierung der Gesamtüberbauung und könnte sich dies in Gestalt eines Bebaungsplans und einer Ortsbildschutzzone vorstellen. Weitere Bauanfragen oder Baugesuche von anderen Alpenblick-Eigentümern gibt es derzeit nicht.

Die zentrale Frage ist: Wie baufällig oder marode sind die Alpenblick-Hochhäuser tatsächlich?

«Nervig: alter Baubestand»

Das Haus Alpenblick 8 sieht auf den ersten Blick zwar etwas mitgenommen durch all die Jahre aus – aussen an der Fassade bröckelt hier und da der Verputz. Fragt man einen weiteren Mieter im Haus, der einem freundlich die Wohnungstür öffnet, zum Zustand des Gebäudes, so ist dieser zufrieden mit dem Status quo. «Ausserdem wurden die Wohnungen innen schon mal renoviert.»

Das Haus Alpenblick 8 ist eigentlich ein «Stummelbau» im Verhältnis zu seinen viel grösseren Nachbarn.

Das Haus Alpenblick 8 ist eigentlich ein «Stummelbau» im Verhältnis zu seinen viel grösseren Nachbarn.

(Bild: woz)

Bewohner anderer Hochhäuser im Alpenblick sind sehr zufrieden mit dem Zustand der Gebäude und Wohnungen: «Bei uns ist alles tipptopp», meint ein älteres Ehepaar, das gerade aus dem Haus Alpenblick 10 kommt.

Im «Quartierspiegel» der Gemeinde Cham, in dem Bewohner aus allen Quartieren über das aktuelle Geschehen berichten, taucht unter dem Punkt «Problematiken (Fehlendes/Nerviges)» im Alpenblick indes das Lamento über den «alten Baubestand» auf.

«So manche Wohnung ist danach zum doppelten Preis wieder vermietet worden.»

Alpenblick-Bewohner, seit nahezu 50 Jahren dort wohnhaft

Ein Quartierbewohner, der schon seit nahezu 50 Jahren mit seiner Frau in einem der Alpenblick-Hochhäuser wohnt, kennt den baulichen Zustand der einzelnen Häuser quasi aus dem Effeff.

«Je nach Eigentümer ist es halt verschieden, was gemacht wurde», sagt der 75-Jährige. In einem Hochhaus sei alles quasi perfekt renoviert worden. In anderen Hochhäusern habe man Stockwerk für Stockwerk saniert: mit neuen Böden, neuen Fenstern und Küchen. Auch im Risi-Block seien vor zehn Jahren die Bäder und Küchen neu gemacht worden, so dass man von den langjährigen Mietern etwas mehr Mietzins habe verlangen können.

63 Mietern wurde gekündigt

In zwei Gebäuden, die der Pensionskasse der Credit Suisse gehören, sei zuerst allen 63 Mietern gekündigt worden, bevor beide Häuser ein wenig saniert worden seien und man dann von den Mieten her optimiert habe. «So manche Wohnung ist danach zum doppelten Preis wieder vermietet worden.»

In einem einzigen Alpenblick-Haus würden alle Wohnungen den Eigentümern gehören. «Viele Besitzer haben neue Küchen und neue Fenster einbauen lasssen. Andere, die nicht selbst in der Eigentumswohnung wohnen, investierten weniger, und das schlägt sich dann halt in den Nebenkosten nieder», sagt der Alpenblick-Experte. Die Bewohner dieses Hauses hätten aber alle neue Warm-, Kalt- und Abwasserleitungen bekommen. Die Toiletten seien komplett erneuert worden.

Eine schönere Aussicht gibt's in Zug fast nicht: Ausblick aus dem Wohnzimmer in einem Hochhaus-Apartment im Chamer Alpenblick.

Eine schönere Aussicht gibt’s in Zug fast nicht: Ausblick aus dem Wohnzimmer in einem Hochhaus-Apartment im Chamer Alpenblick.

(Bild: woz)

Natürlich gebe es auch Nachteile, welche die Mieter in den Alpenblick-Hochhäusern zu tragen hätten. Die Stockwerke seien auf der einen Seite auf der Höhe des Fahrstuhls, auf der anderen Seite gebe es eine Treppe, sprich: ein halbes Stockwerk tiefer.

«Und die Fassaden sind nach über 50 Jahren natürlich dämmtechnisch nicht mehr auf dem Stand von heute – aber welche Altbauwohnung in diesem Alter ist dies?», sagt der Alpenblick-Experte und -Bewohner. «Findige Eigentümer im Alpenblick 6 haben selbst etwas unternommen und ihre Wohnungen eben von innen abgedämmt.»

Risi ist definitiv der Erste, der abreissen lassen will

Zwei Dinge scheinen indes glasklar und allen Hauseigentümern gemein zu sein: Erstens sind alle Häuser und Wohnungen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten schon renoviert worden. Zweitens, die Wohnbedingungen sind in den meisten Alpenblick-Blocks sehr akzeptabel.

Fazit: Hochhäuser im Alpenblick abreissen wollte bisher noch niemand. Nur die Risi Immobilien AG will jetzt.

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