Hightech an der Lorze: Am Anfang waren Faden und Papier
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Ulrich Straub und Jakob Widmer im alten Zeughaus in Neuheim. (Bild: uus)

Spektakuläre Zuger Firmengeschichte(n) Hightech an der Lorze: Am Anfang waren Faden und Papier

4 min Lesezeit 04.09.2020, 11:45 Uhr

Uhren in der Titanic, goldene Gehäuse mit Klimareglern für einen arabischen Scheich oder grosse Uhren. In Neuheim lagern im alten Zeughaus 3500 Exponate, welche die Entwicklung der Zuger Industrie dokumentieren. Eine Suche nach den Geschichten hinter der Ingenieurskunst von der Lorze.

Das Wasser fliesst die Lorze hinab. So trivial diese Erkenntnis, so wichtig ist sie für die Geschichte der Zuger Industrie. «Denn alles begann damit, dass man gemerkt hat, dass Handarbeit auch mit Hilfe der Wasserkraft erledigt werden kann», sagt Jakob Widmer, Hüter über die 3500 Exponate im Zuger Depot für Technikgeschichte im alten Zeughaus in Neuheim.

Am Samstag ist ein Teil der Sammlung, die durch den Verein Industriepfad Lorze verwaltet wird, am Tag der offenen Tür erstmals der Öffentlichkeit zugänglich. Wegen Corona in einer etwas reduzierten Form. Wir erhalten vorab eine Führung von Jakob Widmer. Der pensionierte Mitarbeiter von Landis & Gyr und ein Team von Helfern haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Sammlung zu dokumentieren, die zu grossen Teilen aus einer Schenkung seines ehemaligen Arbeitgebers besteht.

Mit dabei ist auch Ulrich Straub, Enkel des Landis-&-Gyr-Gründers Karl Heinrich Gyr und Präsident des Vereins Industriepfad Lorze. Er holt gerade einige Ausstellungsstücke aus dem Kofferraum seines Autos: Wollstücke und Fadenspulen der ehemaligen Spinnerei, die er in letzter Minute organisieren konnte.

Die Spinnerei in Aegeri sei einer der ersten Industriebetriebe gewesen, die beim Herstellen von Garn von Manufaktur auf Automation durch Wasserkraft setzten, führt Jakob Widmer aus. «Auch die Papieri in Cham gehörte zu den Pionieren der Zuger Industrie entlang der Lorze.»

Vom Glühbirnen-Zählen zum Nachttarif

Nachdem die Wasserräder Ende des 19. Jahrhunderts durch Strom ersetzt worden waren, stieg der Bedarf, die genutzte Strommenge korrekt zu zählen. Das ist die Geburtsstunde von Landis & Gyr. Denn je mehr Geräte mit Elektrizität betrieben wurden, desto raffiniertere Methoden waren zur Messung des Stromverbrauchs erforderlich.

Wurde zunächst anhand der Glühbirnen ermittelt, wie viel Strom ein Haushalt oder Geschäft brauchte, wurde später mit Zeitschaltuhren und schliesslich mit modernster Elektrotechnik und smarten Apparaten immer präziseres Strommanagement betrieben. Der Bedarf der Industrie und später der Haushalte für Stromzähler war – und ist – riesig.

Kochgeschirr, Nahrungsmittel und Uhren

Entlang der Lorze entwickelte sich zeitgleich eine vielfältige Industrie: Oberflächenbehandlungen, Kochgeschirr, Nahrungsmittel, Papier, Textilien, Möbel und sogar Geigerzähler. «Zeitweise hätte man kaum Waren nach Zug importieren müssen, wir wären autark gewesen», resümiert Ulrich Straub. Wo genau die Innovationskraft an der Lorze herkam, vermag Straub indes nicht zu sagen. Tatsache aber ist, dass der Zuger Erfindergeist weltweit Spitze war und stetig weitere Innovationen erbrachte, so wie das Wasser die Lorze hinab floss.

Sogar nautische Uhren gehörten schliesslich zum Portfolio der Zuger, weil man bei Landis & Gyr Technologie einkaufte, um die eigenen Messgeräte präziser zu machen. Eine baugleiche Version eines Ausstellungsstücks sorgte etwa für die Zeitmessung im Empire State Building und mehrere davon versanken gar mit der Titanic, wie Widmer weiss.

Ulrich Straub ist es dabei ein Anliegen, dass auch künftig noch mehr Exponate ins Schaulager kommen. Doch nun freut er sich, die bestehenden sichtbar zu machen: Etwa die grossen Fabrikuhren von Inducta, ein frühes Strommessgerät aus Frankreich oder die Wasserstandsmessgeräte der Firma Rittmeyer. Auch eine Maschine aus Steinhausen hätten Straub und Widmer gerne im Schaulager: Eine fingierte Chiffriermaschine der Crypto konnten sie allerdings bislang nicht auftreiben.

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