Hier gibt es nichts zu sehen, nur zu hören
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Hier gibt es nichts zu fotografieren: Das Konzert fand in absoluter Dunkelheit statt.  (Bild: Lina Friedrich)

Duo Schneebeli und Pizio in der Zuger Chollerhalle Hier gibt es nichts zu sehen, nur zu hören

4 min Lesezeit 04.02.2017, 15:47 Uhr

Am Freitagabend gastierten Sandro Schneebeli und Max Pizio in der Chollerhalle Zug und gaben im Rahmen einer Welttournee ihr «Konzert im Dunkeln» zum Besten. Die Musiker nahmen ihre Zuhörer mit auf eine musikalische Weltreise, vor allem aber auf eine unvergessliche Reise zu sich selbst.

Das Duo Schneebeli und Pizio hiess sein Publikum, nach einigen Erläuterungen, mit einem sensorischen Schock willkommen. Die Menschen wurden aufgefordert, sich in Reihen an den Schultern zu halten und von ausgebildeten Blindenspezialisten in den Saal führen zu lassen. Hier hinein drang kein Licht, nicht einmal schemenhafte Umrisse liessen sich erkennen, und die Augen waren richtiggehend überfordert: Von nun an war das einzig Sichtbare das Aufblitzen der Nerven unter den eigenen Augendeckeln.

«Wenn ihr die Dunkelheit nicht sehen wollt, schliesst einfach die Augen»

Sandro Schneebeli, Musiker

Man wusste ja, man hatte sich auf ein Konzert im Dunkeln eingelassen, aber was das wirklich bedeutete, wurde erst jetzt richtig klar: Es war kein abgedunkeltes Konzert, sondern eines, bei dem ein Sinn, auf den man sich sonst so stark verlässt, komplett nutzlos war. So auch Schneebelis Worte zu Beginn: «Wenn ihr die Dunkelheit nicht sehen wollt, schliesst einfach die Augen», denn es machte keinen Unterschied, ob sie offen, halb offen oder geschlossen waren.

Der Alle-sitzen-im-gleichen-Boot-Effekt

Am Platz angekommen und in völliger Unkenntnis des Raumes um einen herum, war ich zunächst überzeugt, ich sässe am Rand eines Abgrundes und dürfte mich auf keinen Fall bewegen. Sitznachbarn in der Reihe, völlige Fremde, tasteten nach einander, um sicherzugehen, dass da jemand neben ihnen war. Aus den zusammengewürfelten Menschen wurde ohne Worte ein kollektives «Wir»: eine Gruppe von Sehenden, die plötzlich blind waren. Intensiv nahmen alle wahr, dass etwas im Raum nach Eisenkraut roch, und mit dem Einsetzen der Musik öffnete sich ein weiterer Sinneskanal. Es steht fest, dass ich im Leben noch nie so gut hingehört habe. Die Dunkelheit sorgte dafür, dass die Aufmerksamkeit ungebrochen bei den Klängen blieb, dem einzig Greifbaren inmitten von tiefstem Schwarz.

Exotische Klänge und eine Muh-Dose

Schneebeli und Pizio spielten eine grosse Vielfalt von Melodien auf einer Vielfalt akustischer Instrumente, von der Gitarre über diverse Perkussions- bis hin zu Holzblasinstrumenten oder einer chinesischen Flöte aus Shanghai. So boten sie den Zuhörern bisweilen eigenwillige, exotische Töne auf ihrer Weltreise, setzten Maultrommel, Regenrohr oder die unverkennbare Muh-Dose ein, um immer wieder ganz neue Klänge ins Dunkel hineinzuspielen. Die beiden Männer beherrschten ihre Instrumente wortwörtlich blind und kommunizierten bisweilen nur mit einigen leisen, wenigen Worten miteinander – ein Zeugnis ihres grossen Könnens und perfekter Eingespieltheit.

Ein Highlight des Abends bildete ein «Gespräch» zwischen Schneebelis und Pizios Flöte. Ganz ohne Worte, nur mit Intonation, unterhielten sich die beiden, stimmten allseits bekannte Lieder an und brachten die Zuschauer zum Lachen. Eine aussergewöhnliche Darbietung, die so nur im Dunkeln funktionieren kann, denn in Kombination mit visuellen Reizen hätte man den Flötenstimmen kaum so viel menschlichen Charakter zugeschrieben. Man hätte nicht so genau gehört, was sie sagten, und ob sie nun traurig, wütend oder fröhlich waren.

Das Konzert dauerte eine Stunde, das Duo spielte sich quer über die Kontinente, mal ganz leise und langsam, mal laut und rhythmisch. Was dabei auffiel und die bereits eingeschränkten Sinne verwirrte, war, dass der Klang bisweilen näher zu kommen schien, ehe er sich dann wieder entfernte. Als die beiden Musiker den letzten Ton gespielt hatten, trat Ruhe ein, dann: ein Streichholz entflammt inmitten des Raumes – Pizio zündet eine Kerze an, einigen Zuhörern entweichen Schreckenslaute. Die einzelne Kerzenflamme erleuchtet, was bisher im Verborgenen lag, so etwa die drehbaren Stühle der beiden, die für den «wandernden Klang» verantwortlich sind. Man sah erstmals die Instrumente und die Bühne, und natürlich sieht nichts so aus, wie ich mir das vorgestellt hatte, da war kein Abgrund, sondern ganz normaler, flacher Boden.

Ein unvergesslicher Abend

Schneebeli beantwortete Fragen aus dem Publikum, beide Musiker erläuterten und demonstrierten ihre Instrumente, damit eine Verknüpfung zwischen dem bisher nur Gehörten und nun Sichtbaren geformt werden konnte; dann löschten sie die Kerzen noch einmal, um die Zugabe zu spielen. Ein gänzlich anderes Erlebnis, jetzt, da man wusste, wo man war und was sich vor einem befand. Es fügte sich ein in einen Abend, der noch lange nachhallt, zum Nachdenken anregt und der so schnell nicht aus der Erinnerung verschwinden wird. Wer die beiden ebenfalls erleben will, kann dies nächstes Jahr tun, wenn sie ihr Weg wieder in die Schweiz führt.

 

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