Hexen, Heilige und coole Songs
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ICF spricht vor allem junge Leute an, was auch auf der Homepage klar ersichtlich wird. (Bild: Screenshot)

Religiöse Gemeinschaften in Luzern Hexen, Heilige und coole Songs

5 min Lesezeit 1 Kommentar 13.10.2014, 05:55 Uhr

Die ICF würden unsere Jugendlichen verführen und die Zeugen Jehovas unsere Senioren auf den Friedhöfen anwerben, so die Gerüchte. Zentral+ hat die Religionswissenschaftler Martin Baumann und Georg Otto Schmid gefragt: Ist es wirklich so schlimm? Und wie hat sich die «Sekten»-Landschaft in Luzern in den letzten Jahren verändert?

Gemütliche Popkonzerte und familiäre Stimmung sind bestimmt nicht die ersten Dinge, die einem zum Stichwort «radikale und religiöse Gemeinschaften» einfallen. Doch genau darauf setzen diese.

Nach aussen modern, innen extrem konservativ

In den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat in Luzern zum Beispiel die Freikirche ICF, die International Christian Fellowship. Unter den Freikirchen ist sie umstritten, insbesondere wegen der Forderung des Zehnten. Das bedeutet, dass die Mitglieder aufgefordert werden, ICF zehn Prozent ihres Lohns zu spenden, erklärt Georg O. Schmid, Theologe, Sektenexperte und Berater bei «Relinfo». Im Rahmen seiner Arbeit wird er immer wieder auch mit den Aktivitäten von Gemeinschaften im Raum Luzern konfrontiert. Mit dem Zehnten finanziere die Freikirche Shows, Events, Aktivitäten und Werbung. Bei ICF wird vor allem im Freundeskreis geworben.

Der Begriff «Sekte»

Sekte war ursprünglich eine Bezeichnung für eine philosophische, religiöse oder politische Gruppierung, die sich von vorherrschenden Überzeugungen unterscheidet und oft auch im Konflikt mit ihnen steht. Heute gibt es so viele Definitionen, dass sich ein ganzes Buch damit füllen liese. Viele Religionswissenschaftler lehnen den Begriff wegen der negativen Konnotationen ab.

Auch Baumann warnt vor der «Problematik der Begrifflichkeit ‹Sekte› als Diffamierungs- und Ausgrenzungsbegriff» Er empfehle nachdrücklich, den Begriff nicht zu benutzen. Dies, da jede Religion in ihren Anfängen als neue religiöse Bewegung angesehen wurde und Anfeindungen von etablierten Religionen ausgesetzt gewesen seien.

Martin Baumann, Professor für Religionswissenschaft an der Uni Luzern ergänzt, die ICF spreche vor allem Jugendliche und junge Menschen an. Gottesdienste heissen «Celebrations», die an bestimmten «Locations» stattfinden und so weiter. «Dies spricht junge Erwachsene an, die sich christlich und zugleich cool orientieren wollen», erklärt Baumann. Und das, obwohl die Freikriche mit ihrer Einstellung gegenüber Sex vor der Ehe und Homosexualität äusserst konservative Werte vertritt.

Am 1. Januar 2015 wird ICF Luzern seine neue «Location» im Broadway Kino in Kriens beziehen. Für den Umbau wird noch um 300’000 Franken seitens der Mitglieder gebeten. Bei den Sektenberatungsstellen ist ICF derweil immer mehr ein Thema. Das grosse Wachstum, das der ICF zugeschrieben werde, erscheint Martin Baumann jedoch übertrieben.

Uriella von Braunwald

In Luzern befinden sich seit 2011 auch Kurs- und Ladenräume von Maria Magdalena Mara, welche vor kurzem als «Uriella von Braunwald» für Aufsehen gesorgt hat. Ihre umstrittenen Kurse hätten bisher zu einem grossen Teil in Luzern stattgefunden, weiss Schmid.

Luzifer und seine Hexen

Immer wieder hört Schmid bei Relinfo auch von einer aktiven Hexenszene in und um Luzern, «die nicht zuletzt mit der Tätigkeit von Wilhelm Haas und seinem Hexenladen ‹Zwischenwelt› zu tun hat». In den 2000er-Jahren habe in der okkulten Szene in Luzern insbesondere Markus Wehrli alias «Fra Satorius», selbsternannter «Prior des Schwarzen Ordens von Luzifer» von sich reden gemacht. «Durch Wehrlis Aktivitäten wurde Luzern in dieser Zeit quasi zum Mekka des Schweizer Satanismus», so Schmid. Es sei jedoch unklar, wie stark der Schwarze Orden heute noch aktiv ist.

Die üblichen Verdächtigen

Neben diesen relativ kleinen Gemeinschaften sind auch drei der grösseren und bekannteren Organisationen in Luzern unterwegs. «Missionarisch aktiv sind – wie überall – unter den christlichen Sondergruppen die Zeugen Jehovas und die Mormonen», so Schmid. Und auch Baumann nennt die Zeugen Jehovas, aber daneben auch die Scientology mit ihren Infoständen. «Bei den Zeugen Jehovas dürften Interessierte eigentlich recht rasch wissen, wen sie vor sich haben. Bei Scientology nicht so direkt, da ihre Infostände mit allgemeinen Themen werben und den Begriff «Scientology» an solchen Ständen nicht deutlich nach aussen tragen», erklärt Baumann. Diese Stände, in Luzern oft bei der Hauptpost und dem Schwanenplatz zu finden, sind mit «Dianetik» bezeichnete und bieten Stresstests an. In den letzten Jahrzehnten sei die Scientology mit wechselnden Zentren in Luzern vertreten. «Zur Zeit findet sich ein Dianetik-Zentrum in Emmenbrücke», weiss Schmid.

Scientology testet beim Schwanenplatz Passanten auf Stress.(Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Scientology testet beim Schwanenplatz Passanten auf Stress.(Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Die Missionare der «Kirche Jesu Christi der Heiligen Letzten Tage», auch Mormonen genannt, treten eher dezent auf und «stets korrekt in weissem Hemd und schwarzer Hose gekleidet», so Baumann. «Der missionarische Erfolg der Mormonen hält sich jedoch in Grenzen, ihr Wachstum geschieht vor allem auf biologischem Weg durch eine bewusst hohe Kinderzahl», erklärt Schmid.

Die Zeugen Jehovas und die Senioren

Zuletzt in der Presse landeten die Zeugen Jehovas wegen Anzeigen bei der Polizei. Die Gerüchte, sie hätten den Fokus auf Senioren und Hinterbliebene gelegt, würden sogar auf Friedhöfen missionieren, kann keiner der Experten bestätigen. Schmid weiss jedoch, dass die Zeugen Jehovas seit einer Weile vor allem bei einsamen Seniorinnen und Senioren auf Zuspruch stossen. Grundsätzlich sei aber zu beachten, dass sich diese Gruppierungenen alle an erwachsene und mündige Personen wenden. Insofern könne man voraussetzen, dass die Menschen ihre Entscheidungen bewusst treffen, gibt Baumann zu bedenken.

Es seien aber oft einsame Menschen, die sich einer radikalen weltanschaulichen Gemeinschaft anschliessen. Menschen die sich in einer Lebenskrise befinden und nicht gelernt haben mit einer solchen umzugehen, so Schmid. «Wer in Krisen Hilfe und Unterstützung erfährt, ist weit weniger «sektengefährdet». Da stellt sich die Frage, ob man denn etwas tun muss, um die Möglichkeiten solcher Gruppierungen zu schwächen?

Ganz im Gegenteil, sagt Baumann. Es sei wichtig, einen staatlich garantierten Freiraum für unterschiedliche religiöse Ausdrucksformen zu garantieren und zu wahren. «Die bestehenden Gesetze genügen, um durchaus vorkommende Negativerscheinungen zu begegnen.» Dazu gehört das Ausüben psychologischen Drucks – etwa bei dem Austritt eines Mitglieds, überhöhte Finanzforderungen, Freiheitsberaubung und so weiter.

Vereinssterben auch bei religiösen Gemeinschaften

Allgemein geht der Trend von grossen hin zu kleineren Organisationen, was auch in Luzern bemerkbar sei. «Dies betrifft auch radikalere Gemeinschaften. ‹Grosssekten› schrumpfen eher, Kleingruppen schiessen wie Pilze aus dem Boden», erklärt Schmid. Dass die grossen, religiösen Gemeinschaften an Zulauf verlieren, bestätigt Baumann ebenfalls.

«Grosse Organisationen leiden unter kritischer Berichterstattung.»
Georg O. Schmid, Theologe

Georg Schmid zeigt die Gründe auf und bezieht sich dabei auch auf das «Vereinssterben»: «Die Krise der Institutionen, wie sie die Soziologie beschreibt, betrifft nicht nur Vereine, Gewerkschaften und Kirchen, sondern auch radikale religiöse Gemeinschaften.» Eine Mitgliedschaft werde heute viel vorsichtiger eingegangen als noch vor einigen Jahrzehnten. Kleine, familiäre Gemeinschaften seien von dieser Problematik kaum betroffen und hätten deshalb Vorteile.

«Grosse Organisationen leiden auch unter kritischer Berichterstattung», ergänzt Schmid. Durch das Internet etwa können Aussteiger heute weltweit ihre Berichte verbreiten, was früher nicht möglich war.

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1 Kommentare
  1. Sabine Cee, 13.10.2014, 07:51 Uhr

    Totalitäre, manipulierende und vereinnahmende Gruppen (Sekten) können erkannt und bewertet werden.

    Es ist besser die Wahrheit jetzt zu erkennen, als noch mehr Geld, Zeit und Energie für eine wertlose Sache zu opfern!

    http://www.destruktive-gruppen-erkennen.com

2021-01-22 13:10:39.896213