«Heuschrecken»-Firma geniesst zweifelhaften Ruf
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Im Bürogebäude an der Baarerstrasse 135 in Zug befindet sich der Sitz der «Corestate Capital AG». Und ein Briefkasten mit den weiteren Firmennamen «Azteca Holding AG» und «VITB AG». (Bild: Valeria Wieser)

Ex-Staatsoberhaupt berät Zuger Firma «Heuschrecken»-Firma geniesst zweifelhaften Ruf

4 min Lesezeit 30.06.2015, 12:45 Uhr

Der ehemalige deutsche Bundespräsident Christian Wulff ist jetzt als Berater der Zuger Firma Corestate Capital AG tätig. Das kommt in Deutschland gar nicht gut an, denn Corestate gilt als Abzockerfirma, die ihren Anlegern Maximalrenditen verspricht – auf dem Buckel der Mieter.

Während Wirtschaftsmandate von Ex-Bundesräten, wie Moritz Leuenberger bei Implenia, oder Kaspar Villiger bei der UBS, bei uns höchstens ein Kopfschütteln auslösen, ist das in unserem Nachbarland anders. Dort kommt das neue Beratermandat von Christian Wulff bei Corestate Capital AG aus Zug gar nicht gut an. «Schämen Sie sich, Herr Wulff!», schreibt die kritische Onlineplattform Nachdenkseiten.de, «der ehemalige Bundespräsident ist sehr tief gefallen.»

Wulff sei als «Schnäppchenjäger» in die Geschichte eingegangen und setze diese Tradition nun fort. Deutsche Bundespräsidenten erhielten nach Ausscheiden aus dem Amt ihre vollen Bezüge bis zum Lebensende und hätten weitere Privilegien. Das genüge Wulff offenbar nicht, schreibt die Onlineplattform, «jetzt muss er noch bei einer Immobilien-Heuschrecke einsteigen».

«Immobilien-Heuschrecke»

Corestate Capital AG ist gemäss eigenen Angaben ein auf Immobilien spezialisierter Investment und Asset Manager. Der Beratervertrag mit Wulff läuft nach Angaben des Unternehmens seit Februar 2015. «Mein umfangreiches internationales Netzwerk verschafft mir wertvolle Kontakte zu entsprechenden Wirtschaftsverbänden und Interessensvertretern in potenziellen Zielmärkten», wird Wulff in einer Pressemitteilung der Firma zitiert. Der ehemalige CDU-Politiker wird Corestate Capital auch als Rechtsanwalt beraten.

Zum Vorwurf der «Immobilien-Heuschrecke» schreibt Nachdenkseiten.de, das Unternehmen geniesse in Mieterforen einen zweifelhaften Ruf. «Corestate ist eines dieser Finanzunternehmen, das im grossen Stil ganze Pakete von vermieteten Immobilien aufkauft, um mit ihnen überdurchschnittliche Renditen zu machen.» Da gebe es bei Miethäusern nur zwei Strategien: die Kosten zu senken oder die Mieten gnadenlos zu erhöhen. Letztere Strategie verfolge der neue Arbeitgeber Wulffs. Die Investoren im Hintergrund seien «Superreiche» mit einem frei verfügbaren Anlagevolumen von mehr als einer Million Euro.

Immobilieninvestor im grossen Stil

Dass es sich hier nicht um eine kleine Immobilienverwaltung handelt, wird klar, wenn man die Website des Unternehmens studiert. «Corestate Capital besitzt, verwaltet und investiert mit seinen Partnern in Club Deals», liest man da. Club Deals seien flexibel gestaltet und würden an den Markt angepasst. «Somit kann der Exit zum bestmöglichen Zeitpunkt realisiert werden und starre Fondslaufzeiten werden gemieden», schreibt die Firma weiter.

Deutsche Firma mit Zuger Sitz

Corestate Capital AG ist gemäss eigenen Angaben ein Immobilieninvestor mit Sitz in Zug sowie Partnerbüros in Frankfurt, London, Luxemburg, Madrid und Singapur. Die direkten und indirekten Investitionen des Unternehmens auf dem Immobilienmarkt belaufen sich seit der Gründung 2006 auf über 2,9 Milliarden Euro. Corestate Capital ist ein unabhängiges, privat geführtes Unternehmen und agiere als Hauptinvestor sowie Asset Manager. Zu den Anlegern zählten internationale institutionelle Investoren sowie Family Offices. Der Schweizer Firmensitz ist fest in deutscher Hand: Laut letztem Handelsregister-Eintrag wird die Firma von Daniel Schoch aus Frankfurt geleitet. Präsident des Verwaltungsrats ist Thomas Landschreiber, Baar, ebenfalls deutscher Staatsangehöriger. Auch alle anderen Handelsregistereinträge betreffend Deutsche.

Corestate investiert in Immobilien in Europa; und dies im grossen Stil: Seit der Gründung 2006 hat das Unternehmen gemäss eigenen Angaben Immobilientransaktionen von über 2,9 Milliarden Franken getätigt und zirka 1 Milliarde Eigenkapital investiert. «Unter Berücksichtigung unserer Wertschöpfungsstrategie investieren wir in Immobilien mit solider Basis und hohem Wertsteigerungspotenzial», schreibt die Firma.

Bei hiesigen Mieterverbänden nicht bekannt

Beim Zuger und beim Luzerner Mieterverband ist die Firma nicht bekannt. Pierre Zwahlen vom Schweizerischen Mieterinnen- und Mieterverband sagt auf Anfrage, der Rechtsberatung sei diese Firma ebenfalls nie begegnet. Ihm sei aber bekannt, dass die Firma Investoren in der Schweiz sucht. Sie veranstaltet Kundenanlässe in Zürich und Genf. An einem solchen Anlass, der am 3. Februar im Hotel Dolder Grand in Zürich stattfand, sprach Ralph Winter. Er wird als Gründer der Corestate Capital genannt. Später folgte das Referat Christian Wulffs, deutscher Bundespräsident a.D., der also zumindest einmal in der Schweiz war – der Titel seines Referats: «Deutschland, die Schweiz und Europa – Wachstum durch Stabilität».

Der Briefkasten der Firma «Corestate Capital AG» an der Baarerstrasse 135.

Der Briefkasten der Firma «Corestate Capital AG» an der Baarerstrasse 135.

(Bild: wia)

Auf der Homepage von Corestate Capital steht, dass die Firma vor allem in Wohn- und Gewerbeliegenschaften in Deutschland, Österreich und Spanien investiert. Also nicht in der Schweiz. Der Luzerner Michael Töngi, Generalsekretär des Schweizerischen Mieterinnen- und Mieterverbands, hegt die Vermutung, dass Corestate aus einem bestimmten Grund keine Immobilien in der Schweiz hat. «Ausländische Investoren haben eher Probleme, in der Schweiz geeignete Grundstücke zu finden oder Wohnungsbestände aufkaufen zu können. Der schweizerische Wohnungsmarkt ist viel kleinräumiger als im Ausland», sagt er. Gerade in Deutschland hätten Städte in den letzten zehn Jahren ganze kommunale Wohnungsbestände an Investoren verkauft, was nicht immer ohne Nebengeräusche abging.

zentral+ hätte gerne mit Vertretern der Firma Corestate Financial AG gesprochen, die ihr Büro, oder zumindest einen Briefkasten, an der Baarerstrasse 135 in Zug hat. Der Pressesprecher Tilman Pradt sitzt in Berlin, er hat wie Christian Wulff ein Mandat inne. Pradt erklärt auf Anfrage, dass die Firma über ihre Pressemitteilung hinaus momentan keine weiteren Fragen beantwortet. Die Firma gibt sich also zugeknöpft. «Sorry für die harte Linie, bei einem anderen Thema dürfen Sie gerne wieder auf uns zukommen», sagt Pradt.

Folgendes hätte die Zuger Öffentlichkeit sicher gerne erfahren:

– wie viele Personen bei Corestate Capital AG in Zug arbeiten,

– wie viele Immobilien Corestate Capital AG besitzt oder verwaltet,

– ob Christian Wulff bereits in Zug bei seinem neuen Arbeitgeber Corestate Capital AG war, wie häufig er vor Ort sein wird und was er genau macht in der Zentralschweiz,

– ob Christian Wulff seinen Wohnsitz vielleicht bald in die Schweiz verlegen und der Kanton Zug so einen weiteren prominenten neuen Bewohner haben wird.

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