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Herrlich goldig: Ein schwuler Engel hebt ab
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Abwechslung macht das Leben süss: Rufus Wainwright ist beim Erzählen der geborene Entertainer. (Bild: Marco Masiello)

Rufus Wainwright am Blue Balls im KKL Herrlich goldig: Ein schwuler Engel hebt ab

4 min Lesezeit 22.07.2018, 11:10 Uhr

Solo auf einer Bühne einen ganzen Abend lang zu packen, ist eine Gabe. Rufus Wainwright hat sie: In einem goldigen ärmellosen Lurexanzug wechselte er am Blue Balls Festival zwischen Piano und Gitarre. Und betörte mit Engelsstimme und barocken Popsongs. Der «Skandalöse» blieb für einmal zahm.

Die Listen von Solokonzerten, die scheiterten, sind lang. Weil Stars alleine auf der Bühne nur selten für Spannung während eines Zweistundenauftritts sorgen können. Es gibt ganz wenige Alleinunterhalter, die die Gabe haben, ein Publikum einen ganzen Abend lang zu begeistern: Tracy Chapman gelang das, Ed Sheeran wird es im August in Zürich wieder beweisen. Und Rufus Wainwright zeigte sein Solo-Können am Samstag.

Mit geschlossenen Augen, ganz bei sich

Auch wenn der begnadete Pianist Wainwright nur ein äusserst mässiger Gitarrist ist, wagte er sich alle drei Songs wieder an seine Akustische, um sich stehend seinem KKL-Publikum zu stellen. Da sah man dann auch in der Frontalen, mit welcher Hingabe der kanadisch-amerikanische Künstler bei der Sache ist: meist mit geschlossenen Augen, ganz bei sich.

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Und er ist auch stets mitten in seinen berührenden Songs, die nicht nur von persönlichen Zweifeln handeln, sondern auch immer wieder von heftigem Protest. Einer der besten heisst «Tired of America», er wurde vielbeklatscht. Genauso wie sein Trump-Rap, bei dem ein Transentänzer mit dem Logo «Ich brauche ein Schweizer Konto» auf dem Rücken rumhüpfte.

Ungekünstelte Hingabe: Beim Singen hatte Rufus Wainwright meist die Augen zu.

Ungekünstelte Hingabe: Beim Singen hatte Rufus Wainwright meist die Augen zu.

(Bild: Marco Masiello)

Und Wainwright weiss nach einer 20-jährigen Karriere, dass Abwechslung das Leben süss macht. Deshalb unterbricht er den Songreigen immer wieder für eine lockere Geschichte. Etwa für diejenige, dass er heute Sonntag mit seinem Mann Björn Weisbrodt, einem Berliner Theaterproduzenten, in Luzern seinen 45. Geburtstag feiern wird. Oder wie er einst in Italien nach einer Demonstration des Vatikans gegen ihn als «Lo scandaloso», der Skandalöse, von den Frontseiten der Zeitungen herunterblickte.

Herrlich ungekünstelt

Bei aller vergeistigten Leidenschaft und einem Songmaterial, das man durchaus auch als verquast, zu barock und überkandidelt abtun könnte, wenn man ihm denn böse wollte – Rufus Wainwright hat auch etwas herrlich Ungekünsteltes. Eben mit seiner leicht nervösen Art des Erzählens, wenn er sich immer wieder ähnlich verheddert wie beim Gitarrenspiel.

Goldiger Schnitt: die Hände des Maestros und seine glänzende Hose.

Goldiger Schnitt: die Hände des Maestros und seine glänzende Hose.

(Bild: Marco Masiello)

Gerade, weil der Samt- und Opernfan, der tatsächlich soeben sein zweites Opernwerk beendet hat und es im Oktober in Toronto zur Weltpremiere bringt, auch das Risiko des Scheitern in Kauf nimmt: Er lässt seine Zerbrechlichkeit immer wieder durchscheinen, das macht ihn dermassen sympathisch. Und menschlich obendrein.

Gereifter Mann

Wer ihn bei seinen seltenen Auftritten in der Schweiz, meist mit Band in Montreux oder Zürich, schon erlebt hat, stellte beim Blue-Balls-Auftritt fest: Im KKL präsentierte sich ein gereifter Mann, dem auch Bart sehr gut steht. Früher machte er sich eher zum Clown in kurzen bayrischen Lederhosen mit buntem Schärpli um den Hals. «Der Primadonna», wie ihn die «Zeit» einmal nannte, ist fast schon normal geworden.

Der Mann und sein Flügel: Rufus Wainwright bestach zwei Stunden lang im Alleingang.

Der Mann und sein Flügel: Rufus Wainwright bestach zwei Stunden lang im Alleingang.

(Bild: Marco Masiello)

Naja, immerhin hat der begabte Schwule, der mit 13 sein Coming-out hatte und in seinen 20ern schwer Crystal-Meth-süchtig war, keine Berührungsängste: Er steht zu seinem schrillen Geschmack, sein ärmelloser Lurexanzug war goldig schimmernd. Das war wunderbar mitzuerleben.

Im Video zum neuen Song «Early Morning Madness» zeigt sich Rufus Wainwright von seiner melancholischen Seite:


Betörend auch der Live-Vorgeschmack, dass Rufus Wainwrights neue Platte, erst 2019 zu kaufen, eine äusserst melancholische sein wird. Von den drei unbekannten Songs, die er daraus präsentierte, gefiel vor allem «Early Morning Madness», ein Klagegesang nach einer durchzechten Nacht. Es war nebst dem Zugabenblock einer der Höhepunkte, nach dem man Rufus, diesen predigenden Messias – frei nach seinem Protestsong «Gay Messiah» – auch mal als «schwulen Engel» benamsen könnte.

«Cocteau, Wilde, Michelangelo, Gertrude Stein – ich empfinde diesen grossartigen Schwuchteln gegenüber tiefen Dank.»

Rufus Wainwright, Sänger und Denker

Das darf man schreiben über einen, der sagt: «Cocteau, Wilde, Michelangelo, Gertrude Stein – von diesen Künstlern können wir nur lernen. Was sie an Schönem geschaffen haben, sollte uns allen und insbesondere den politisch korrekten Schwulen ein Ansporn sein. Ich jedenfalls empfinde diesen geheimnisvollen, grossartigen Schwuchteln gegenüber tiefen Dank.»

Fürwahr: Auch das Publikum war Rufus Wainwright dankbar, die Standing Ovations hörten nicht auf. Gemeinsam hob man für einen Abend im Schlepptau des Engels ab. Rufus, komm bald wieder, verleih Flüüügel!

Auch mal politisch: Rufus Wainwright beim Trump-Rap; der Tänzer mit Logo «Ich brauche ein Schweizer Konto».

Auch mal politisch: Rufus Wainwright beim Trump-Rap; der Tänzer mit Logo «Ich brauche ein Schweizer Konto».

(Bild: hae)

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