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Herr Maurer, schicken Sie mir hundert Mann
  • Kultur
Reto Bieri leitet seit letztem Jahr das «Davos Festival - Young Artists in Concert». Der Zuger Klarinettist bietet für sein Publikum alles auf, sogar Bundesrat Ueli Maurer. (Bild: zvg )

Der Zuger Leiter des Davos Festivals Herr Maurer, schicken Sie mir hundert Mann

6 min Lesezeit 18.01.2015, 17:33 Uhr

Sein Album ist «Album of the year in New York», und der Zuger Klarinettist begreift nicht, wie das passieren konnte. Dafür versteht er es, dem Publikum an seinem Davos Festival einen Zugang zur Musik zu zeigen. Reto Bieri ist Intendant, Professor, Klarinettist und Eigenbrötler. Die Kunst sei nicht in der Krise, sagt er. Nur die Zuhörer sind es.

Reto Bieri sitzt im «Au Premier» am Fenster und zeigt auf den Zürcher Bahnhofplatz draussen: «Wenn du da den Sauerstoff in der Luft wegnehmen würdest, dann würden alle umfallen. Mit der Kultur ist es wie mit der Luft: Zuerst merkt man es nicht, wenn sie schlecht wird oder verschwindet, aber wenn sie weg ist, dann fehlt sie den Menschen. Kultur ist der Sauerstoff unserer Gesellschaft.»

Das ist seine Antwort auf die Frage, wie es um die Kunst steht, jetzt wo in Europa aus Spargründen sogar ganzen Orchestern gekündigt wird, wie in Rom geschehen. Bieri ist Zuger, hier geboren und in die Musik hineingewachsen, und dann hat er sich in die Welt verteilt, in Basel studiert und in New York, Klarinette. Kein Wunschinstrument, sondern einfach das, das zur Verfügung stand. «Bei mir entsteht vieles sehr vegetativ», sagt er und lacht, «das Instrument hat mich angesprungen, es gab gar nichts anderes.»

Omar Khayyam im KKL

Reto Bieri spielt am 28.1. zusammen mit dem Luzerner Sinfonieorchester Fazil Says Werk «Khayyam». Das Konzert für Klarinette und grosses Orchester schildert Stationen und Themen des grossen Persischen Dichters und Gelehrten Omar Khayyam, der im 11. Jahrhundert lebte. Khayyam ist im Westen vor allem durch den bekannten englischen Autor Edward FitzGerald bekannt geworden, der seine Gedichte interpretiert hat. Fazil Say erzählt in seinem Werk von Khayyams Kindheit, der Wissenschaft, der Religionskritik aber auch von der Liebe zu seiner Frau.

Das DAVOS FESTIVAL – young artists in concert – findet diesen Sommer vom 31.7 bis 15.8.2015 statt.

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«Ihr Spiel ist erbarmungslos»

Soeben ist sein Album «Galina Ustvolskaya» in New York zum «Album of the year» gewählt worden. Wie so was geht? «Keine Ahnung», sagt Bieri, «das Album ist sehr unzugänglich, nur ein ganz kleiner Teil von Musikliebhabern wird sich das anhören wollen. Wir haben es zusammen mit dem Label ECM gemacht, um Werke der völlig unterschätzten Komponistin Galina Ustvolskaya publik zu machen. Das Spiel der Violinistin Patricia Kopatchinskaja ist erbarmungslos, es ist wirklich fantastisch.»

Bieri spielt Konzerte in der Schweiz und auf der ganzen Welt, ist Professor für Kammermusik an der Hochschule für Musik in Würzburg und Intendant des Davos Festivals – Young artists in concert. Wenn also die Kunst verschwinden sollte, seine Schuld ist es nicht: Der Musiker ist an allen Fronten mit dabei.

Kunst ist nicht in der Krise, die Zuhörer sind es

«Aber die Kunst ist gar nicht in der Krise», sagt er, «im Gegenteil: Es gab wahrscheinlich noch nie eine so grosse Vielfalt, noch nie so viele und so geniale Künstler wie heute. In der Krise ist nur die Vermittlung der Kunst. Leider finden immer weniger Leute einen Zugang. Die Welt kommt heute so laut auf uns zu, dass die meisten Menschen für die feinen Verästelungen des Lebens gar nicht mehr empfänglich sind.»

«Je schneller alles wird, desto langsamer sind wir im Denken»

Reto Bieri, Klarinettist und Professor

Nur ein kleiner Prozentsatz der Leute könne sich auf die Musik tatsächlich einlassen, sagt er. Und ist dabei nicht beleidigt, er fürchtet eher um das seelische Wohl der anderen. «Kunst ist doch Nahrung, ohne sie geht es nicht.» Sie sässen dann im KKL, um das zu hören, was sie schon kennen, sagt Bieri. Eine Berührung gebe das nicht. «Sehen Sie, meine kleine Tochter hat einen Teddybären. Wenn wir zuhause sind, dann liegt der Bär unbeachtet rum. Aber sobald wir irgendwohin gehen, nach Paris etwa, dann muss der Teddybär unbedingt mit.» Die Menschen brauchten etwas Vertrautes, sagt Bieri, «im Haifischbecken der Unsicherheit brauchen wir die Teddybären. Aber wir müssen uns auch öffnen können.»

Türkische Süssigkeiten

Und deshalb will Bieri seinem Publikum zwar ebenfalls Bekanntes zeigen, aber auch etwas mehr. Wenn er Ende Januar im KKL ein Werk des türkischen Komponisten Fazil Say uraufführt, oder wenn er im Davos Festival 45 Konzerte zusammenstellt, dann gibt es immer auch Irritation: «Musik ist eine existenzielle Erfahrung», sagt Bieri, der gerne und präzise spricht, «es geht einerseits um das Gewohnte und Eindeutige, das nach Hause kommen, aber andererseits auch immer wieder um feine Irritationen, die Erfahrung des Andersartigen.» Fazil Say etwa habe er erst richtig verstanden, nachdem er die türkischen Süssigkeiten ausprobiert habe, sagt Bieri und grinst, «jetzt macht alles Sinn.»

Zum Denken braucht er Langsamkeit

Reto Bieri lebt in der ganzen Welt und braucht trotzdem vierzig Minuten, um von seinem Haus zum Bahnhof zu gelangen, zu Fuss. Wohnt über Interlaken auf einer Alp. Der Bus fährt nur drei Mal am Tag, und die 40 Minuten den Berg runter und dann wieder rauf, die sind wichtig. «Wenn ich zu uns auf’s Ried wandere, dann bin ich ganz und gar angekommen.» Solche Sätze sagt er, und sie klingen nur im ersten Moment nach Künstler-Spleen, denn offenbar denkt Bieri scharf über die Welt nach.

Denn wenn er die vierzig Minuten zum Bahnhof gelaufen ist, dann geht es im Zug in acht Stunden nach Berlin. Denn Flieger vermeidet Bieri, wo immer es geht. Zum Denken braucht er Langsamkeit. «Je schneller alles wird, desto langsamer werden wir im Denken. Das braucht immer mehr Zeit. Unter sechs Stunden geht bei mir nichts. Der Zug von Interlaken nach Berlin ist perfekt, da habe ich die besten Ideen. »

Bieri packt die Metaphern aus

Ideen darüber zum Beispiel, wie er das Davos-Festival gestalten will. Bieri fängt nicht bei den Künstlern an, sondern bei den Stücken. Sucht sich 100 Werke aus, die zu einem Thema passen. «Kreisverkehr» heisst das Thema für 2015, und Bieri packt die Metaphern aus: «In Davos dreht sich alles im Kreis, die ganze Stadt ist eine einzige Rundstrasse, dann die Skilifte, rauf, runter, rauf, runter. Und das ganze Dorf richtet sich jedes Jahr auf den Winter aus, rund ums Jahr, auf den nächsten Winter zu.»

Und wenn dann die Stücke stehen, dann kommen die Musiker. 70 junge Künstler lädt Bieri ein, sie verbringen die ganzen zwei Wochen in Davos, proben den ganzen Tag und spielen die Konzerte in verschiedenen Formationen. Bieri webt alles zusammen: Am Tag und in der Nacht, sie spielen an der Festivalwanderung auch auf der Alp, im Orchester, als Chor, zumeist in Kammermusikformationen. Neue und alte Musik, verschiedene Stile und auch ein Konzert für neun Harley-Davidson-Maschinen, Trompete und Synthesizer, auf dem Bahnhofplatz.

Die Kunst liegt im Sieb

Letztes Jahr hat Bieri das Festival zum ersten Mal geleitet. Ist es geglückt? «Ich denke schon, ja. Ich habe an ungefähr achtzig solcher Festivals gespielt, und was mir am Davos Festival besonders gut gefällt, ist die Stimmung: Dadurch, dass die Musiker die ganze Zeit bleiben, entsteht für sie und fürs Publikum etwas, das Spuren hinterlässt, Begegnungen schafft.» Und das ist das Ziel, sagt er, denn Musik sei so flüchtig, die Kunst liege darin, etwas mit ihr zu hinterlassen. «Es ist ja nur bewegte Luft. Und wenn ich morgen ein gutes Konzert spiele, dann ist das gleich darauf schon wieder verschwunden. Es bleibt nur etwas, wenn im Zuhörer etwas hängen bleibt. In diesem Sieb, da liegt die Kunst.»

 

Bieri und der Bundesrat

Reto Bieri scheut sich nicht, die Weltpolitik mit einzubeziehen, wenn es um sein Festival geht. So hat er letztes Jahr Bundesrat Ueli Maurer kurzerhand einen Brief geschrieben, sein Festival müsse auch geschützt werden, genauso wie das WEF. Woraufhin Maurer ihm zurückschrieb, er schicke ihm zum Schutz hundert Mann des Armeespiels, und er höchstpersönlich werde da sein, um als Verteidigungsminister die Kammermusik zu verteidigen.

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