Herkunft und Familie: unbekannt
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Lalita Zgraggen wird beim zweiten Besuch im Waisenheim von Schwester Ananda herzlich empfangen. (Bild: chw)

Teil 3: Adoptierte Luzernerin auf Spurensuche in Indien Herkunft und Familie: unbekannt

4 min Lesezeit 28.12.2019, 11:57 Uhr

Als Kleinkind wird Lalita aus Mumbai von einer Luzerner Familie adoptiert. Als 39-Jährige erkundet Livia Lalita Zgraggen erstmals ihre Geburtsstadt Mumbai. Bei einem zweiten Besuch im Waisenheim bekommt sie zumindest eine Antwort auf ihre Fragen. Und versöhnt sich mit ihrer unbekannten Herkunft.

Zum zweiten Mal geht es in Mumbai mit der Motorrikscha quer durch die Stadt zum St. Catherine’s Home. Vorbei an Hütten und Palästen, durch Lärm und Staub, mal eingekeilt und hupend im stockenden Verkehr, dann wieder in atemberaubendem Tempo über holprige Strassen, bis die Fahrt vor dem Gittertor mit den farbigen Eisenstäben vor dem Heim endet. Wieder trägt sich Livia im grossen Buch am Empfang ein. Name: Lalita Zgraggen; Ankunft: 14.45 Uhr; Grund: Termin mit Schwester Ananda! Diesmal sind wir angemeldet und die Schwestern sind darauf vorbereitet, dass einmal mehr ein erwachsenes Kind kommt und Antworten einfordert über seine Herkunft.

Und dass sie einmal mehr in die Trickkiste greifen müssen, weil sie selber auch nichts wissen und doch erwartet wird, dass sie etwas sagen können, etwas sagen müssen. Vermutlich ist darum die Wartezeit diesmal kurz bis Schwester Ananda kommt. Und vermutlich breitet sie diesmal darum die Arme herzlich aus für Lalita, heisst sie willkommen wie eine verlorene Tochter und bittet sie in einen Raum, der als Besprechungszimmer genutzt wird. Dort sitzen die beiden dicht nebeneinander auf einem Plüschsofa, umgeben von rosaroten Teddybären und anderen Spielsachen. Ab und zu legt die Schwester ihren Arm um Lalita, während sie so leise und vertraulich auf sie einspricht, dass ihr Flüstern für Aussenstehende im Rauschen des Ventilators versickert.

Lalita hört aufmerksam zu, manchmal nickt oder lächelt sie oder fragt etwas nach. Ihre Augen schauen zufrieden, sie wirkt entspannt und scheint sich wohl und aufgehoben zu fühlen in der Gegenwart dieser älteren Frau, die sich jetzt liebevoll kümmert und sorgt und Auskunft gibt. Nach einem langen und intensiven Gespräch lädt die Schwester ein zu Tee und selbstgemachtem Gebäck im spartanisch eingerichteten Gemeinschaftsraum, der sich im oberen Geschoss des weitläufigen Gebäudes befindet.

Lalita Livia Zgraggen sitzt mit den Schwestern im Gemeinschaftsraum bei Tee und Gebäck.

Andere Schwestern gesellen sich dazu, setzen sich mit an den Tisch, stellen neugierig Fragen und freuen sich, Lalita zu begegnen. Als Aussenstehende bin ich offensichtlich kein erwünschter Bestandteil dieser eingeschworenen Gemeinschaft: Schwester Ananda würdigt mich keines Blickes, lässt die belanglosesten Fragen unbeantwortet an sich abprallen und zeigt mir ein freundliches, aber unergründliches Schattengesicht.

Nach kurzer Zeit scheint es, als würde Lalita hier bei den Schwestern dazugehören, als hätte sie schon immer dazugehört. «Ich bin hier immer willkommen, als wäre es mein Zuhause – das hat Schwester Ananda zu mir gesagt», sagt Lalita später.

«Hat mich meine Mutter hier geboren und ist sie es, die mir meinen Namen gegeben hat – Lalita!?»

Lalita Zgraggen

«Und was hat Schwester Ananda sonst noch gesagt?», will ich wissen. «Was erzählte sie auf dem Plüschsofa unter dem rauschenden Ventilator fernab meiner Ohren? Und ist sie fündig geworden im Archiv: Gibt es Fotos oder alte Dokumente?», insistiere ich.

Lalita wimmelt mich ungeduldig ab wie eine lästige Fliege. Nein, noch sei nichts Schriftliches aufgetaucht, obschon sich die Schwester wie versprochen ins Archiv begeben und nachgesehen habe. Falls sich das ändern sollte, bekomme sie die Sachen später in die Schweiz zugeschickt. «Und überhaupt: Nach dem schönen Besuch, der herzlichen Aufnahme, dem offenen Gespräch und den sympathischen Begegnungen mit den Schwestern, ist die Sache für mich erledigt», eröffnet Lalita später im Hotel.

Mehr an Nachforschungen will sie nicht betreiben, sie habe genug erfahren und könne sich jetzt ein Bild machen über den Ort, an dem sie in den ersten Lebensmonaten aufgehoben war – auch wenn sie sich an nichts erinnern kann, ihr nichts vertraut vorkommt bis auf den Geruch nach Seife, der in den Kleidern der Schwestern genauso haftet wie in den Korridoren und Zimmern des Waisenheims.

Das Wichtigste sei ihr jedoch, dass sie bei diesem zweiten Treffen zumindest auf eine ihrer Fragen eine Antwort bekommen habe: «Hat mich meine Mutter hier geboren und ist sie es, die mir meinen Namen gegeben hat – Lalita!?». Und Schwester Ananda hat ihr die Antwort gegeben, die ihr so wichtig ist: «Ja, so ist es – deine Mutter hat dich am 9. Dezember 1979 hier geboren und sie ist es auch, die dir deinen Namen gegeben: Lalita.»

Rosarote Stoffbären und anderes Spielzeug wird für die Kinder aus der ganzen Welt gespendet.

Hinweis: Das war der dritte und letzte Teil der Reportage über Livia Lalita Zgraggen. Hier kannst du die drei Teile nochmals am Stück lesen.

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