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Heisse Köpfe im kühlen Pool
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Das Neubad war für die erste Ausgabe des Talks gut gefüllt. (Bild: jav)

Hat Luzern einen Kulturüberfluss? Heisse Köpfe im kühlen Pool

4 min Lesezeit 1 Kommentar 14.10.2015, 17:00 Uhr

In der Luzerner Zwischnnutzung «Neubad» wurde am Dienstag über das Thema Kulturüberfluss diskutiert. Die Debatte drehte sich jedoch primär um wirtschaftliche Fragen. Das führte zu hitzigen Wortgefechten und zu einem Thema, das scheinbar noch immer sakrosankt ist.

Ein Kulturabend wie viele andere: Ein Blick in die Agenda sagt Vernissageapéro um 19 Uhr, Konzert um 21 Uhr und danach noch an die Museumsnacht. Man stellt sich eine Route zusammen.

Ist «zu viel» etwas Schlechtes?

Am Dienstagabend finden jedoch in Luzern nur zwei Veranstaltungen statt: Das Queerbad und der Neubad-Talk. Beide in der Hallenbad-Zwischennutzung also. Trotz ungastlichem Wetter und kühler Temperatur ist der Pool im Neubad voll. Zahlreiche Kulturschaffende, Veranstalter, Künstler und Konsumenten sind gekommen, um über ein Thema zu diskutieren: Kulturüberfluss. Haben wir den überhaupt? Und wenn, ist das etwas Schlechtes?

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Die Diskussionsrunde im Pool beginnt verhalten. Kulturwissenschaftler Basil Rogger, Thomas Gisler von der Schüür und Laura Breitschmid vom Team sic! Raum für Kunst und Mitglied FUKA-Kommission der Stadt Luzern diskutieren. Die Moderation übernimmt der freie Journalist Philippe Weizenegger.

Niemand erwartet während den ersten 15 Minuten, dass der Anlass am Schluss über eine halbe Stunde länger dauern wird als angekündigt. «Sec und frisch und nicht ausufernd» heisst es zu Beginn. So kommt es nicht. Daran kann für die nächsten Ausgaben gearbeitet werden. Denn angekündigt war: «Die neue, monatliche 45-minütige Gesprächsrunde über lokales Zeitgeschehen – kurzweilig, urban, mit Bier.»

Geld, Geld, Geld?

Die Diskussion dreht sich vor allem um Fördergelder, die wirtschaftliche Sicht auf die Kultur nimmt an diesem Abend extrem viel Raum ein. Ein Fokus, der jedoch leider die traurige Realität der Kunst- und Kulturschaffenden zeigt. Somit spannend für einige, weniger wichtig für andere – besonders für Nicht-Produzenten und Nicht-Veranstalter. Diskutiert wird die Entwicklung, dass schon fast mehr Geld in Kulturvermittlung und Kulturkonsum statt in Kultur selbst investiert wird. Vergünstigungen dafür, dass man Kultur vermittelt und konsumiert, statt dafür, dass man Kultur produziert. Die ökonomischen Clerverness als Überlebensstrategie in der Kultur.

Das Thema Konsum steht im Fokus, Angebot und Nachfrage – doch offensichtlich will nicht jeder Kultur von dieser Seite betrachten. Einige der Teilnehmer und Zuschauer wehren sich gegen den ökonomischen Fokus der Diskussion. Gegen Schluss melden sich immer mehr Personen aus dem Publikum zu Wort. Nach 110 Minuten tauchen die brennenden Fragen auf. «Geht es um Kultur als Markt oder darum, Kultur zu leben?» Die Wortmeldungen werden hitziger. Worum geht es eigentlich? Um das Publikum? Basil Rogger sagt: Das Publikum stimmt ab – mit dem Portmonnaie und den Füssen.

zentral+ moderiert den nächsten Neubad-Talk

Der nächste Talk im Neubad findet zum Thema «Was tun gegen den Verkehrsstau in Luzern?» statt.

Am 5. November 2015 diskutieren Stadtrat Adrian Borgula, Grossstadtrat Peter With und Karin Hess von umverkehR Luzern im Pool darüber: Was ist die Lösung für die Verkehrsüberlastung der Stadt Luzern.

Die Moderation übernimmt Luca Wolf, Redaktionsleiter Luzern bei zentral+.

Geld nur für die Grossen?

Auch im Neubad wird an diesem Abend abgestimmt, mit den Händen. Das Publikum des Talks stimmt ab und entscheidet: Wir haben keinen Kulturüberfluss. Trotzdem sagen viele der Statements etwas anderes: Der Überfluss überfordere, statt zu motivieren. Die grosse Auswahl führe zu einer Ohnmacht.

Doch wenn es tatsächlich zu viel hat, wo müsste man ansetzen? Wovon es zu viel hat, das ist die Frage, die alle verstummen lässt. Keiner will dem anderen auf den Schlips treten. Doch dann fällt ein Beispiel: das Verkehrshaus. Die Kritik: Vier grosse Player sitzen am Luzerner Fördergeld-Topf, versuchen nichts daran zu ändern, sind zu schwerfällig und unbeweglich dazu und bewegen sich nicht weg. Basil Rogger lässt das Stichwort «Altersguillotine» fallen. Die kurze Diskussion dreht sich um die Frage nach dem Anspruch auf viel Fördergeld, aus dem Grund, dass man gross ist und schon lange existiert. Darf ein grosser Kulturbetrieb alles Geld verschlingen? Und das, obwohl er nicht mehr Zuschauer hat als die Kleinen, die weniger Gelder erhalten, aber eigentlich innovativer sind?

Kleinere Projekte brauchen weniger Publikum, weniger Geld, so ein weiterer Input aus dem Publikum. Man müsse ja kein Kultursupermarkt sein. Der Nährboden der Kultur müsse gepflegt werden. Also kleinere Projekte, die neue Ideen – inhaltliche und strukturelle – erfinden und präsentieren.

Ist das noch Kultur?

Doch mit dem Verkehrshaus macht man gleich mehrere Kisten auf: Was zählt zur Kultur? Ist Tourismuskultur überhaupt Kultur? Was hat eine Schokoladenausstellung im Verkehrshaus mit Kultur zu tun? Aber Achtung, man will ja nicht wie die eigenen Grosseltern klingen und sagen: Das ist doch keine Kultur.

Einig ist man sich: Es gäbe immer mehr Kultur, gleichzeitig werde gerade dort auch am schnellsten gespart. Das werde so eine Weile funktionieren, da die Akteure gewillt sind, durchzusiechen, sich auch für wenig zu engagieren. Doch an einem Punkt werde das nicht mehr möglich sein.

Tritt man nach der Veranstaltung vor das Neubad oder an die Bistro-Bar, hört man auf allen Seiten dasselbe – weitere Diskussionen: Was hat man ausgelassen, worüber wurde nicht, zu viel, zu wenig diskutiert? Das Raumproblem, die Zusammenarbeit, der Kulturkuchen und wie wichtig persönliche Kontakte sind, oder auch die ehrenamtliche Arbeit in der Kultur. Vieles konnte gar nicht thematisiert werden, das wird schnell klar. Aber offensichtlich hat der Abend viele Gespräche und vielleicht auch einige Ideen angeregt.

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1 Kommentare
  1. Mario Stübi, 14.10.2015, 18:29 Uhr

    Danke Jana