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Heiraten zwischen Emotionen und Kalkül
  • Gesellschaft
Am 1. September heiraten Patricia und Michael. (Bild: Remo Wiegand)

Ein verliebter Besuch der Hochzeitsmesse in Luzern Heiraten zwischen Emotionen und Kalkül

5 min Lesezeit 14.01.2018, 17:20 Uhr

Am Wochenende fand zum zehnten Mal die Luzerner Hochzeitsmesse statt. Über 3’000 Personen besuchten sie. Unser Autor hat ein Paar auf dem Weg durch das Reich der Träume begleitet, das er selbst trauen wird.

Sie ist 29, stammt aus Ebikon und arbeitet bei Roche. Er ist 35, luzernstämmiger Baselbieter und Banker bei Cler («Zeit, über Geld zu reden»).

Sie sieht wie gemacht für eine Traumhochzeit aus: langes blondes Haar, gewinnendes Wesen, viel Lachen. Er: Typ Kuschelbär mit Wohlstandsbäuchlein und Dreitagebart. Nur sein bandagierter Arm – gebrochene Schulter nach Skiunfall – stört das Bild des busperen Bräutigams.

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Die Sache mit den Ringen

Am 1. September heiraten Patricia und Michael. Elf Jahre, nachdem sie zusammengekommen sind. Die Einladungen sind bereits verschickt, die Hochzeitslokalität ist gefunden – ein rustikaler Bauernhof in Sissach, wo das Paar seit letztem Jahr wohnt –, das Hochzeitskleid der Braut ist vorgemerkt (günstige 220 Franken, by Zalando).

Aufmarsch der Brautkleid-Schau.

Aufmarsch für die Brautkleid-Schau.

(Bild: Remo Wiegand)

Nun kommt das üppige Drumherum: «Wir suchen Ringe, Tischtücher, Servietten, Hussen …» Hussen? «Das sind diese weissen Überzüge für die Stühle», erklärt Michael, «kannte ich vorher auch nicht.» Die Luzerner Hochzeitsmesse besuche man, weil sie einen «Rundumblick» gewähre, so Patricia. Sie erhofft sich Inspirationen, «weil ich noch gar keine so klare Vorstellung von unserer Hochzeit habe».

Leuchtende Augen und eine gute Geschichte

«Und weil dort auf Ringe grosszügige Rabatte gewährt werden», ergänzt Michael, um sich gleich selbst vor unüberlegten Schritten zu warnen: «Emotionale Käufe sind nie gut.» «Doch, bei einem Ring muss der Funke schon springen, der muss dich umhauen», widerspricht Patricia. Der Budgetrahmen, den sich Michael und Patricia für die Ringe gesteckt haben, beträgt 2’000–3’000 Franken, das Gesamtbudget für das Hochzeitsfest beziffern sie auf circa 10’000 Franken.

Hinein ins glitzernde Getümmel der Hochzeitsmesse mit ihren 88 Ständen. Allein 17 sind im Bijouterie-Bereich. Patricia und Michael lassen sich Ringe anziehen und auf ausführliche Kundengespräche ein. Bijoutier Frasson aus Luzern erzählt mit leuchtenden Augen, wie ein handgefertigter Ring aus zwei unterschiedlichen Metallen entsteht.

Michael und Patricia strahlen um die Wette.

Michael und Patricia strahlen um die Wette.

(Bild: Remo Wiegand)

«Ein super Verkäufer», referiert Michael anschliessend mit dem Blick des Verkäufers, «er verkauft nicht nur ein Produkt, sondern eine Geschichte.» Darauf, sich bei Herrn Frasson nach den Preisen zu erkundigen, die bezeichnenderweise nirgends angeschrieben seien, verzichtet Michael dann allerdings – verlorene Liebesmüh angesichts einer Herstellungszeit von bis zu viereinhalb Monaten.

Persönliches Ritual

Unser Paar steuert an kleineren Ständen mit privaten Anbietern von Ritualen und Zeremonien vorbei. Erstmals ist hier auch die atheistische Freidenker-Vereinigung vertreten, nicht aber die Kirchen, die sich vor wenigen Jahren noch an der Hochzeitsmesse präsentierten. Wie halten es Patricia, katholisch, und Michael, konfessionslos – heiraten sie kirchlich oder nur zivil?

«Hochzeiten werden immer innovativer und individueller.»

Patrik Haf, Messeleiter

Ursprünglich seien sie beide offen für eine kirchliche Hochzeit gewesen, berichtet Patricia, dann hätten sie sich aber dagegen entschieden. «Der Diakon, mit dem wir gesprochen haben, hat uns abgeschreckt.» Er habe zuerst für die Kirchensteuer geworben, dann erklärt, warum nur die kirchliche Hochzeit wirklich zähle, und schliesslich Finanzfachmann Michael für den Kirchenrat gewinnen wollen.

Die Kirche kommt nicht mehr

«Wer wir eigentlich sind und was wir uns wünschen, hat er nie gefragt», beklagt sich Patricia. Nun setzen sie und Michael auf ein nichtkirchliches, persönlich gestaltetes Ritual; der private Zeremonienmeister, der hier schreibende Journalist und Theologe, ist bereits gebucht.

Mit ihrem Hochzeitsmodell liegt das Paar voll im Trend, erklärt Messeleiter Patrik Haf. «Hochzeiten werden immer innovativer und individueller. Private Ritualanbieter spielen hier eine immer grössere Rolle.» Man versuche diesen Trend auch zu fördern, indem man kleinen KMU oder Einfraubetrieben Vorzugskonditionen anbiete: Kleine Stände, die fast gänzlich von der Messe ausstaffiert werden, kosten nur 1’100 Franken für die zwei Messetage (grössere Stände grösserer Unternehmen zahlen bis zu 9’000 Franken).

Allerdings sagt Haf auch: «Wir hätten auch die Kirchen gerne bei uns. Wir rufen sie jedes Jahr an.» Doch seit 2013 bekam Haf immer eine Absage. Grund: fehlende Ressourcen.

Kein «Schiggimiggi»

Michael und Patricia sitzen mittlerweile beim Bijoutier Diadoro und erhalten zum Abschied ein Minifläschchen Champagner. «Super Gespräch», meint Michael wieder. Kaufen? «Nein, das Angebot hat mich nicht überzeugt.» Er wirkt mittlerweile müde. «Du wolltest, dass wir hier hingehen», mahnt Patricia zum Durchhalten. Michael lächelt tapfer.

«Die haben uns gesagt, sie seien eigentlich keine Köche. Diese Ehrlichkeit hat uns gefallen.»
Patricia, Braut

Aber auch Patricia gesteht: «So eine Hochzeit zu organisieren, ist schon stressig. Man muss so was von aufpassen, dass man nicht die Erwartungen von anderen erfüllt, sondern sich selber bleibt.» Man wolle authentisch bleiben, sekundiert Michael, kein aufgesetztes «Schiggimiggi».

Bewusst haben die beiden deshalb auch das einfache «Wystübli» der Bauernfamilie Imhof zum Hochzeitslokal erkoren. «Die haben uns gesagt, sie seien eigentlich keine Köche. Diese Ehrlichkeit hat uns gefallen», schmunzelt Patricia. Nun gibt es Salat und Fleisch vom Grill. Für höchstens 50 Gäste. Der Stress an der Hochzeit soll kleiner sein als an der Hochzeitsmesse.

Das Messegelände in Luzern.

Das Messegelände in Luzern.

(Bild: Remo Wiegand)

Glücksbringende Kompromisse

Wobei: Der Stress des Journalisten angesichts von Glitzer, Glamour und Lächelei ist grösser als jener des Ehepaars in spe. Dessen Vorfreude auf das Grossereignis stellt die Mühen am Wegrand in den Schatten.

Die Schlussbilanz nach dem Messebesuch fällt denn auch positiv aus: Eine Offerte für die Tischtücher, Servietten und Hussen ist bestellt, Kontakte mit einem Musiker sind geknüpft. Und die Ringe? Ein emotionsgesteuerter Kauf wurde nicht getätigt. Aber die Geschmäcker von Michael, der einen schlichten Ring bevorzugt, und Patricia, die ihn gerne etwas mehr funkeln und leuchten sähe, haben sich im Verlaufe des Bijouterie-Marathons angenähert.

Der Favorit bietet beiden etwas: ein schlichter Trauring in Weiss- und Rotgold, bei ihr noch zusätzlich mit kleinen Diamanten verziert, 14 Karat Gold, bezahlbare 1’800 Franken für zwei Ringe. Selten wirken Patricia und Michael verliebter, wie wenn sie Kompromisse schmieden.

zentralplus ist Medienpartner der Hochzeitsmesse Luzern.

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