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Heimlich blüht die Brache
  • Gesellschaft
Die alten Fabrikanlagen der «Papieri» werden momentan  zwischengenutzt. In den nächsten Jahren wollen die Eigentümer hier Wohnungen und Arbeitsplätze realisieren, wenn die Chamer Bevölkerung ihren Segen gibt. (Bild: Claudia Hirt )

Papieri Cham Heimlich blüht die Brache

5 min Lesezeit 03.11.2014, 09:04 Uhr

Bei alten Fabrikarealen kommen Menschen schnell ins Träumen: Was könnte man in der Papieri in Cham alles realisieren, bis sie fertig umgebaut ist? Konzerthallen zum Beispiel? Könnte man, sagt der Verantwortliche, wenn eine gute Idee da wäre. Und Platz. Denn da steckt schon mehr in den alten Hallen, als man von aussen sieht.

 «Da lebt etwas», sagt Claude Ebnöther, und meint die Fabrikareale gleich über die Brücke, auf der anderen Seite der Lorze. Ebnöther ist CEO der Hammer Retex AG, seine Firma begleitet für die Cham Paper Group die Umzonung und die Umnutzung des Papieri-Areals (zentral+ berichtete). Der Horizont für den Umbau ist weit gesteckt, die denkmalgeschützten Teile der alten Fabrikhallen könnten noch über zehn Jahre lang nicht berührt werden.

«Es dauert noch mindestens zehn Jahre»

Kein Wunder, geistern Ideen durchs Zuger Kulturnetz, was darin alles verwirklicht werden könnte. Die Schönheit der alten Fabrikgebäude ist verlockend, und Beispiele gibt es viele, Hürlimann-Areal in Zürich, Gaswerk in Winterthur. Da ist etwa die Idee vom Konzertsaal in einer der grossen Hallen, in denen jetzt noch die 60 Meter langen Papiermaschinen stehen. Sie stehen still, müssen erst noch verkauft werden und dann abgebaut, das dauert zwei bis drei Jahre, sagt Ebnöther. Aber Spielraum bleibt genug: «Es dauert mindestens zehn Jahre, bis gewisse Hallen renoviert und umgenutzt werden, eher mehr.» In der Zwischenzeit könnte darin einiges stattfinden: Die Idee der Vorbelebung des Areals kommt auch aus raumplanerischen Kreisen, dem Architekturforum etwa. Man solle das Areal so schnell wie möglich beleben, sagte Oliver Guntli vom Zuger Bauforum, damit es in der Bevölkerung verankert ist, bis der neue Stadtteil steht.

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Alles schon erobert

Guntli rennt damit offene Türen ein, denn da lebt schon etwas: «Es gibt zwar bis jetzt keine öffentliche Zwischennutzung, aber viele kleinere», sagt Ebnöther: «In einigen Räumen proben Bands, andere haben wir als Büros vermietet, da gibt es auch die Kunstwerkstatt Kubeïs, sogar die Zuger Polizei mietet eines der Gebäude als Zwischennutzung: Sie trainieren darin für den Ernstfall», sagt er und lacht, «es geht also auch ruppig zu in der Papieri. Dafür bewachen sie auch das Areal durch ihr unregelmässiges Erscheinen.» Also keine leeren Fabrikräume, die erobert werden müssten, das ist längst geschehen. «Wir sind eigentlich voll ausgelastet, es hat nicht mehr viel Platz.»

«Die Ausstrahlung ist sehr kunstfreundlich»

Eine der Mieterinnen der Brache ist die Kunstwerkstatt Kubeïs. Sie hat ein Grossraumbüro zwischengenutzt, direkt neben der ehemaligen Reception der Papieri. «Es ist ein wunderbarer Raum», sagt Kubeïs-Betriebsleiter Lukas Meyer, «rundherum Fenster, es hat immer Tageslicht.» Durchschnittlich acht Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen machen hier täglich Kunst, insgesamt sind es 25 Künstler und Künstlerinnen, die in die Tagesstätte kommen. «Wir fühlen uns hier sehr wohl, der Raum passt auch sehr gut zu uns. Fabrikhallen haben auch etwas kulturaffines, ihre Ausstrahlung ist sehr kunstfreundlich.»

Dass das alte Fabrikareal eine Zwischennutzung ist, hat aber auch Nachteile: «Der einzige Wermutstropfen ist die Tatsache, dass wir unseren Künstler, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, über Umwege und zwei verschiedene Warenlifte ins Atelier führen müssen. Der Personen-Lift funktioniert leider nicht mehr.» Der Geist auf dem Areal sei gut, «wir werden von den Papierimitarbeitern auch sehr zuvorkommend behandelt. Das ist wunderbar, gerade vor dem Hintergrund der Schlagzeilen, die man über die Papieri liest.» Die Entlassungswellen und Hiobsbotschaften für Mitarbeiter der Papieri, sagt Meyer, die nehme er in der Presse schon war. «Es ist mir klar, unser Glück und das Unglück von anderen hängen zusammen. Wir merken auch, dass sich die Papieri immer weiter zurückzieht im Areal.» Fürs Kubeïs sei das Areal allerdings sehr spannend, auch wegen Synergien: «Unsere direkte Nachbarin im Gebäude ist Insieme Cerebral Zug, sie liegt uns als Behindertenorganisation themenmässig nahe.» Da gibt es auch handfeste Nachbarschaftshilfe: «Insieme Cerebral bietet für ihre Klienten u.a. einen Abend-Malkurs an, und suchte dafür Räume. Wir stellen ihnen dafür unser Atelier zur Verfügung, da jemand vom Kubeïs den Kurs leitet. Das ist für alle Beteiligten ideal.»

Grosse Löcher unter alten Maschinen

Die kleinen Räume sind also zwischengenutzt, aber die grossen Hallen? «Wir wurden schon mehrmals von verschiedenen Seiten darauf angesprochen, und haben eine mögliche Nutzung auch überprüft. Aber da gibt es mehrere Probleme.» Die Maschinen würden, wenn sie verkauft und abgebaut sind, grosse Löcher hinterlassen: «Da liegen zwei Geschosse darunter komplett frei, da geht es einfach nach unten. Darum ist es auch so gefährlich, Leute in die Hallen zu lassen.» Die Hallen müssten zumindest teilsaniert werden, es müssten Böden eingebaut werden, damit sie nutzbar würden. «Wir haben so geschätzt, was nötig wäre, und sind auf einen Wert von etwa zehn Millionen Franken gekommen. Das müsste man investieren, um nur schon eine Halle für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.» Für Fluchtwege müsse gesorgt, der Brandschutz sichergestellt werden.

Events gibt es schon, und Kultur?

Dass sich aber die Räumlichkeiten für die Öffentlichkeit eignen könnten, ist sich auch Ebnöther bewusst. «Wir sind in Gesprächen mit einem Event-Organisator, der auch schon in einer unserer Gebäude einen Event gemacht hat. Das war sehr schön, sie haben die alte Fabrikhalle dekoriert, das hat fantastisch ausgesehen.» Wo Events funktionieren, könnten da nicht auch kulturelle Veranstaltungen stattfinden? «Events sind meistens besser finanziert. Das hat ein Kunde der Eventagentur bezahlt. Ich glaube nicht, dass kulturelle Veranstaltungen ein grosses Budget haben.» Wenn aber eine gute Idee auftauchen würde, sei man ihr nicht verschlossen. «Wenn jemand kommt und ein gutes Konzept hat, wie die Hallen kulturell zwischengenutzt werden könnten, so dass das auch finanziell tragbar ist und Sinn macht, dann prüfen wir das.» Die Idee müsse allerdings amortisierbar sein. «Wenn wir selber Geld investieren, dann müssen wir das auch wieder herausbekommen. Bis jetzt ist noch keine solche Idee gekommen.»

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