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Heftige Kritik an den Medien
  • Gesellschaft
Tausend Unterschriften werden gesucht. Damit es wirklich etwas ändere, müssten wohl 100'000 her, sagt der Zuger Heinz Röthlisberger. (Bild: Bild: Screenshot)

Fall Spiess-Hegglin / Hürlimann Heftige Kritik an den Medien

4 min Lesezeit 2 Kommentare 05.02.2015, 18:19 Uhr

Die Berichterstattung nach den ungeklärten Ereignissen an der Zuger Landammanfeier wurzle in einem sexistischen Weltbild, schreiben die Initianten einer Online-Petition. Sie funktioniere nach der Logik einer sogenannten «Rape Culture» – einer Kultur, in der sexualisierte Gewalt geduldet würde.

Eine Gruppe von feministischen Künstlern und Politikern hat einen Aufruf gestartet, die «frauenfeindliche Berichterstattung» im Fall Spiess Hegglin / Hürlimann zu stoppen. Die Berichterstattung sprenge «jeden Rahmen.» Anstatt sensibel mit dem Vorgefallenen umzugehen und die persönliche Integrität eines möglichen Vergewaltigungsopfers zu respektieren, böten Journalisten «zweifelhafte, anonyme ‹ZeugInnen› auf, erfinden Geschichten über Frau Spiess-Hegglins Verhalten gegenüber Männern und etablieren so, Stück für Stück, die grüne Kantonsrätin als Täterin.» Das schreiben die Initianten der Petition auf change.org. Die Website ist eine internationale Plattform, auf der Menschen für ein Anliegen mobilisiert werden können. Die Petition soll eine Debatte über Sexismus in den Medien lostreten.

Auch die Zuger Politikerin Virginia Köpfli, Mitglied der Geschäftsleitung JUSO Schweiz, hat die Petition unterschrieben. Neben einer Reihe von weiteren Zugerinnen. «Mich hat es extrem empört, wie die Medien berichtet haben, und wie das Ganze skandalisiert wurde.» Die Medien hätten ohne jedes Feingefühl gehandelt. «Es geht um Gewalt, die jemandem möglicherweise zugefügt wurde, aber die Öffentlichkeit spricht vom ‹Sex-Skandal›. Dabei ist der Sex nicht das skandalöse, sondern die Gewalt.»

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«Wenn das so in den Medien lächerlich gemacht wird»

Man habe ein politisches Spiel dahinter gesehen und das Ganze verharmlost, sagt Köpfli. «Es gibt andere Leute, denen sexuelle Übergriffe oder Vergewaltigungen geschehen, und wenn das so in den Medien lächerlich gemacht wird, dann getrauen sie sich nicht mehr, damit zur Polizei zu gehen. Diese Entwicklung wäre fatal für die Schweiz.» Sie habe die Petition auch unterschrieben, weil ihr dieser Aspekt noch nie so klar dargelegt worden sei.

Die Petition vermutet hinter Begriffen wie «Sex-Affäre» oder «Fremdknutschen», die von Medien anstelle von «mutmasslicher Vergewaltigung» verwendet wurden, eine Normalisierung der Gewalt. Dem mutmasslichen Opfer werde eine Mitverantwortung gegeben. Diese Umdrehung der Verantwortung wurzle in einem sexistischen Weltbild, in welchem «Männer ihrem Sexualtrieb ausgeliefert seien und Frauen aufgrund ihres Verhaltens oder Kleidungsstils Übergriffe provozierten», schreiben die Petitionäre weiter.

Normalisierung sexualisierter Gewalt

Die Forschung verwendet für diese Mechanismen den Begriff der «Rape Culture»: Er bezeichnet Gesellschaften, in denen sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung weit verbreitet und geduldet würden, schreibt die «NZZ». In medialen Darstellungen würde sexualisierte Gewalt normalisiert, so die Petitionäre. Konsequenz daraus sei auch die gesellschaftliche Verharmlosung von Taten und die Beschuldigung der Opfer. «Jede dritte Frau in der Schweiz wird in ihrem Leben Opfer sexualisierter Gewalt», schreiben die Petitionäre weiter. «Ein grosser Teil der Übergriffe wird nicht geahndet. Verharmlosung, auch unter dem Deckmantel der Ironie, ist verantwortungslos.»

«Das ist eine Debatte, die sich zu führen lohnt», sagt Köpfli. Dass mit dieser Petition das mediale Interesse gerade weitergekocht wird, dessen sei sie sich bewusst. «Aber das ganze ist so totgetreten, bis jetzt wurden die Vorfälle nur in den Klatschspalten abgehandelt. Es ist gut, wenn jetzt wenigstens dieser kritische Aspekt diskutiert werden kann.»

Ist das einfach linke Schützenhilfe für die Grüne Spiess-Hegglin? «Die meisten Unterzeichner sind nicht aus Zug», sagt Köpfli. «Es sind viele Kunst- und Kulturschaffende, Feministen und Feministinnen darunter. Es geht da klar um ein feministisches Anliegen.»

Eine Ungerechtigkeit

Auch Heinz Röthlisberger aus Zug hat die Petition unterschrieben. «Mein Gedanke war folgender: Für mich persönlich ist komplett irrelevant, was passiert ist, aber da geht es um einen Straftatbestand, und den sollte man auch in den Medien als solches behandeln. Es nervt mich, wenn das verharmlost wird.» Das sei eine Ungerechtigkeit. «Dabei geht es mir nicht darum, wer was getan hat. Sondern generell darum, dass mit Fairness und Zurückhaltung berichtet wird.»

Die feministische Debatte sei ihm nicht so wichtig, «obwohl ich dafür Verständnis habe. Aber mir geht es um die Ungerechtigkeit.» Ob er sich von seiner Unterschrift eine Wirkung erhoffe? «Blauäugig bin ich auch nicht», sagt Röthlisberger. «Da müssten schon 100’000 Leute unterschreiben, damit es Hoffnung gäbe, dass sich da bei gewissen Journalisten etwas verändern würde.»

Köpfli setzt mehr Hoffnung in die Petition: «Ich erhoffe mir, dass in Zukunft die Medien sensibler auf solche Vorfälle reagieren, zum Schutz aller beteiligten Personen.»

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2 Kommentare
  1. René Schmid-Bill, 09.02.2015, 08:33 Uhr

    Ich war auch nicht dabei und weiss auch nicht genau was vorgefallen ist. Befremdlich finde ich aber, das Erinnerungsvermögen der beteiligten das “nach und nach” wieder zum Vorschein kommt. Politisch ist für mich klar; Beide müssen sofort von allen Ämtern zurücktreten um noch mehr Schaden zu verhindern. Ev. ist es aber auch dafür zu spät.
    Was mich stört ist, dass die Frauen immer noch die Wahl haben in die “Opferrolle” zu flüchten, Männer haben diese Option nicht. Wer hat zuerst von K.O Tropfen und dann einige Tage später von Vergewaltigung gesprochen? War dies nur eine einfache Ausrede um dem Partner daheim noch in die Augen schauen zu können? Der Mann hat wenigstens den Alkohol Einfluss zugegeben. Frauen trinken ja nicht so viel?? Oder.
    Für mich ist diese Petition nur ein “weiterköcheln” der ganzen – dem Kanton schadenden – Vorfalls. Lasst doch den Staatsanwalt einmal seine Arbeit tun. Vielleicht ist ja an der Opferrolle nicht so viel strafrechtliches dran…..

  2. Jean Baptiste Huber, 05.02.2015, 21:34 Uhr

    Die Berichterstattung mag auch frauenfeindlich sein, und zwar deswegen, weil auch jemand, der flirtet u/o fremdküsst jederzeit Stopp sagen kann. Aber v.a. und zuerst war sie persönlichkeitsverletzend und hat die Unschuldsvermutung verletzt. Wer wie zentral.ch eine solche Meldung veröffentlicht, kann sich nicht damit herausreden, er habe ja keine Namen genannt. Im Kanton Zug dauert es erfahrungsgemäß ungefähr 5 ‘ bevor alle wissen, um wen es geht. Öffentliches Interesse? Woran? An der Zerstörung einer politischen Karriere zweier Menschen, von denen eine möglicherweise aber noch keineswegs nachgewiesenermassen ein Opfer ist und für einen die Unschuldsvermutung gilt?