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Haus an der Güterstrasse: Erst besetzt – jetzt vergittert
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Die Wohnungen, aus welchen die Mieter bereits ausgezogen sind, wurden vergittert. (Bild: zvg)

Luzerner SBB-Gebäude wurde zum «Zentralgefängnis» Haus an der Güterstrasse: Erst besetzt – jetzt vergittert

4 min Lesezeit 16.02.2018, 05:37 Uhr

Für die verbleibenden Mieter an der Güterstrasse 7 wird es ungemütlich. Nach der Besetzung einer Wohnung im Januar haben die SBB massive Gitter im Haus montieren lassen. Mieter werfen der Hausbesitzerin derweil vor, mit falschen Karten zu spielen.

Die Wohnungsbesetzung vom Januar 2018 an der Güterstrasse 7 (zentralplus berichtete) wirkt sich nun auf die noch verbliebenen Anwohner im Gebäude aus. «Es sieht hier momentan aus wie im alten Zentralgefängnis», sagt ein Mieter gegenüber zentralplus.

Die Besitzerin SBB haben die unbewohnten Wohnungen und die Eingänge der Werkstatt und dem Kulturlokal im Erdgeschoss vergittern lassen. Und das, obwohl vier Parteien eine Erstreckung des Mietverhältnisses bis am 30. Juni 2018 bekommen haben.

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Kulturverein ausgesperrt

Die Betreiber des G7 – das Klublokal eines Kulturvereins – hätten die gemieteten Räumlichkeiten nicht mehr betreten können, erklärt ein Mieter. Der Hintereingang sei seit jeher der Haupteingang des Kulturlokals. «Die verantwortliche Person, die die Vergitterung veranlasst hat, habe das leider nicht gewusst», wurde ihnen auf Nachfrage mitgeteilt. «Bei den SBB weiss momentan die rechte Hand nicht, was die linke tut», so ein Mieter, welcher nicht namentlich genannt werden möchte. Alle geplanten Veranstaltungen im G7 werden jedoch durchgeführt, betont der Verein.

«Das Haus wurde vergittert, damit sich niemand mehr widerrechtlich Zugang zum äusserst baufälligen Gebäude verschaffen kann», betont SBB-Mediensprecher Oli Dischoe. Eine logische Konsequenz nach der zweifachen Besetzung im Dezember und im Januar.

Das Ziel: Ein Abbruch?

Fragte man bisher bei den SBB nach, ob eine Sanierung oder gar ein Abbruch des alten Gebäudes geplant ist, und was in den nächsten Monaten mit dem Haus passieren wird, wurde man direkt an die Webseite zur geplanten Überbauung des Rösslimatt-Areals verwiesen. Demnach soll das Haus in die geplante Überbauung integriert werden. Das Gebäude ist auch als erhaltenswert gelistet, steht aber nicht unter Denkmalschutz.

Für die Anwohner jedoch besteht kein Zweifel: «Die Strategie der SBB ist klar, das Haus soll abgerissen werden.» Es handle sich bei dem vorhandenen Gutachten, das zentralplus vorliegt, um ein Gefälligkeitsgutachten, behauptet der Mieter zudem. «Dieses Gutachten stützt sich auf ein Missverständnis und ist mangelhaft», wirft er den SBB vor. «Dies ist ein haltloser Vorwurf, den wir nicht weiter kommentieren», sagen die SBB dazu.

«Die Strategie der SBB ist klar, das Haus soll abgerissen werden.»
Mieter der Güterstrasse 7

«Die SBB wird nun weitere Untersuchungen in Auftrag geben, ob und wie die Fundation und das Tragwerk saniert werden können. Danach werden wir die weiteren Schritte planen», erklärt Sprecher Dischoe. Eine Aussage aber auch, die den SBB das Hintertürchen zu einem Abriss offen hält (zentralplus berichtete).

Auch der Eingang des Kulturlokals G7, welches eine Fristerstreckung bis im Sommer erhielt, wurde verbarrikadiert.

Auch der Eingang des Kulturlokals G7, welches eine Fristerstreckung bis im Sommer erhielt, wurde verbarrikadiert.

(Bild: zvg)

Widersprüchliches Gutachten?

Das erwähnte Gutachten «auf nur einer A4-Seite» bezeichne das Haus als unmittelbar einsturzgefährdet. «Im ersten Teil stehen Vermutungen und im zweiten Teil geben sie zu, dass diese Vermutungen nur durch Analysen und Sondagen beurteilt werden können», ärgert sich der Mieter. Dass die Risse mit den Jahren immer grösser wurden, sei falsch. «All die dokumentierten Risse bestehen seit über zehn Jahren.»

«Der Zustand des Gebäudes hat sich zwischen 2014 und 2017 massiv verschlechtert.»
Oli Dischoe, Mediensprecher SBB

Für Fachleute aus dem Umfeld der langjährigen Bewohner des Hauses sei klar, dass die Risse entstanden seien, als ein Mieter ohne Statik-Kenntnisse vor Jahren eine tragende Wand herausgebrochen hat, um einen grossen Wohnraum zu erhalten. «Nachdem er auf sein gefährliches Tun aufmerksam gemacht wurde, hatte er den Raum wieder abgestützt», erklären die Anwohner. Seit diesem Eingriff seien die dadurch entstandenen Risse nicht mehr grösser geworden. Die ganze Tragkonstruktion bis in den Keller habe keine Risse, das sei fotografisch dokumentiert.

Die SBB wollen solche Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. «Wie sich zeigte, hatte sich der Zustand des Gebäudes Anfang 2017 gegenüber der letzten Besichtigung im Jahr 2014 massiv verschlechtert», betont Dischoe. Das über 100 Jahre alte Gebäude sei bezüglich Statik in einem sehr schlechten Zustand; auch sei die Erdbebensicherheit nicht mehr gewährleistet. «Risse in den Tragwänden und Setzungen machen dies schon von blossem Auge gut erkennbar.» Und an manchen Stellen im Gebäude betrage das Gefälle bis zu zehn Prozent, so Dischoe. Das Gebäude stehe bekanntlich auf einem schwierigen Baugrund, betonen die SBB zudem.

Das Gebäude an der Güterstrasse 7.

Das Gebäude an der Güterstrasse 7.

(Bild: jav)

Kein Gegengutachen

Der Mieter sagt hingegen, dass mündlich Zusagen von Experten gemacht worden seien, dass dieses Haus nicht stärker einsturzgefährdet ist als alle anderen 100-jährigen Häuser in der Stadt Luzern. «Die Senkung des Gebäudes innerhalb von 110 Jahren ist nicht aussergewöhnlich und in der Stadt Luzern mehrfach anzutreffen.» Trotzdem sei es für die Anwohner nicht möglich, etwas zu unternehmen. Denn ein seriöses Gutachten eines Ingenieurbüros koste ein paar tausend Franken. «Niemand von uns wollte so tief in die Tasche greifen.» Zudem sei unklar, ob ein Gegengutachten die Zukunft des Gebäudes würde sichern können.

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