Hauptsache Angstmache
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Der Gubel oberhalb Menzingen. Ab 2015 werden hier während drei Jahren Asylsuchende untergebracht. (Bild: Fabian Duss)

Asylsuchende Hauptsache Angstmache

5 min Lesezeit 1 Kommentar 23.07.2013, 06:00 Uhr

In Menzingen wettert die SVP gegen Asylsuchende, die noch gar nicht da sind. Obwohl das künftige Asylzentrum des Bundes weit abgelegen liegt, sieht sie darin eine grosse Gefahr. Ein Besuch im Dorf zeigt: die Panikmache missfällt vielen.

Auf dem Gubel, einem Hügel ausserhalb der Zuger Gemeinde Menzingen, will der Bund ab Frühling 2015 während drei Jahren bis zu 110 Asylsuchende unterbringen. Kaum hatten der Kanton Zug und das Bundesamt für Flüchtlinge Anfang Monat darüber informiert, trafen auf den Zuger Redaktionen die ersten Leserbriefe ein. Die Flüchtlinge würden «Unsicherheit und jetzt schon Angst verbreiten», ereiferte sich etwa Niklaus Elsener, Präsident der SVP Menzingen.

In den vergangenen Jahren stand ein Asylzentrum auf dem Gubel bereits mehrmals zur Debatte, scheiterte schliesslich aber an der fehlenden Zonenkonformität. Damals platzierte Elsener drei Siloballen am Dorfeingang: «Asylanten Gubel nie», lautete seine Botschaft. Am 9. Juni stimmten auch 85 Prozent der Menzinger der Asylgesetzrevision zu. Damit wendete sich das Blatt, denn Gemeinden können sich fortan nicht mehr quer stellen, wenn der Bund seine eigene Infrastruktur zu temporären Asylunterkünften umfunktioniert.

Einsperren wäre «zumutbar»

Freude an der geplanten Asylunterkunft hat Roman Staub (CVP) nicht. Als Gemeindepräsident von Menzingen will er nun aber konstruktiv mit der Situation umgehen. Insbesondere von rechter Seite schaut man ihm genau auf die Finger. Falls etwas schief gehe, kämen alle auf die Gemeindebehörden los, so Staub. Deshalb will er «knallharte, aber faire Regeln» aufstellen und eine Begleitgruppe gründen. «Wir müssen sehr nahe dran sein, um möglichst schnell reagieren zu können, falls etwas passiert», erklärt er.

Wenn Niklaus Elsener von den Asylsuchenden spricht, könnte man meinen, er spreche von Vieh: «100 Stück werden auf die Gemeinde los kommen. Wir wollen, dass sie nicht im ganzen Gebiet freien Auslauf haben und rund um die Uhr beaufsichtigt werden.» Ihm, wie auch dem Menzinger SVP-Kantonsrat Karl Nussbaumer wäre am liebsten, wenn die Asylsuchenden ihre Unterkunft dereinst gar nicht verlassen dürften. «Sonst gibt das Probleme», ist sich Nussbaumer sicher. Die Anlage auf dem Gubel sei oberirdisch, gross genug und habe einen Sportplatz, weshalb sie für einen Aufenthalt von vier bis acht Wochen zumutbar sei. Man habe aber nichts gegen «diese Asylanten», beteuern beide Politiker.

«Schlimm» und «menschenunwürdig», findet derweil die Präsidentin der Alternativen – die Grünen Menzingen, Barbara Beck-Iselin, die Forderung der SVP. «Die Asylsuchenden sind weder Gefangene, noch Kriminelle!», ruft sie aus. Vielmehr solle man auf sie zugehen und etwas mit ihnen unternehmen.

Tabuzonen für Asylsuchende

Für den Herbst plant der Menzinger Gemeindepräsident eine erste Versammlung. «Die Bevölkerung soll uns ihre Befürchtungen mitteilen, so dass Regeln erarbeitet werden können», erklärt er. Damit meint Staub die Bestimmung von Zonen, in denen sich Asylsuchende nicht aufhalten dürfen. Solch selektive Bewegungseinschränkungen lassen sich zwar kaum mit den Grundrechten der Betroffenen vereinbaren, kommen schweizweit aber immer öfter zur Anwendung.

Geht es nach dem Willen der SVP, sollen das Dorfzentrum, alle Schulen, der Werkhof und auch der öffentliche Verkehr für Asylsuchende Tabu sein. Ganz anders sieht das der im Ortsteil Edlibach wohnende Präsident der Piratenpartei Zentralschweiz, Florian Mauchle. Er lehnt solche Zonen ab. «Die Gemeinde kann doch nicht einfach eine bestimmte Personengruppe gesondert behandeln und ihnen den Aufenthalt an gewissen Orten verbieten. Diese Menschen kommen ja nicht hierher, um uns zu berauben.»

Gute Erinnerungen an Vietnamflüchtlinge

Die Rhetorik der SVP ist laut und hart. Im Dorf überwiegt aber Gelassenheit. «2015 wird hier keine Armada mit Heugabeln stehen und sämtliche Einfallstrassen des Dorfes gegen Asylsuchende verteidigen», ist sich Pirat Mauchle sicher. Jene, die eine positive Einstellung haben, erlebe und höre man aber leider zu wenig.

Ebenfalls in die Diskussion eingeschaltet hat sich der ehemalige Kantonsrat der Freien Wähler, Sepp Marty. «Ich finde es schlimm, dass die SVP nie einen konstruktiven Beitrag leistet, immer alles schlecht redet und Ängste schürt.» Er berichtet von einer grossen Gruppe vietnamesischer Flüchtlinge, die 1979 nach Menzingen kam. Die Stimmung sei damals ganz anders gewesen, an negative Voten aus der Bevölkerung kann sich Marty nicht erinnern. «Von allen Seiten her kam Unterstützung, manche unternahmen etwas mit den Flüchtlingen. Ich selber habe vier Flüchtlingsbuben mit auf die Schulreise genommen.» Damals sei das Schicksal der Leute im Vordergrund gestanden, sie mit Kriminalität zu assoziieren wäre niemandem in den Sinn gekommen.

Für die SVP ist das Schönfärberei. «In der Vergangenheit machten wir einige negative Erfahrungen mit Asylanten», sagt Niklaus Elsener. Parteigenosse Nussbaumer weiss: «Viele von denen, die jetzt hereinkommen, verkaufen nachher Drogen oder werden kriminell.» Dass auf dem Gubel nur Familien und Frauen untergebracht werden, bezweifelt er. Besonders gefährdet seien die Bewohner der benachbarten Bauernhöfe und entlang der Strasse nach Menzingen, sie hätten Angst.

Anwohner sind geteilter Meinung

Tatsächlich ist auf dem Gubel nicht allen so ganz wohl bei der Sache. «Auf jeden Fall müssen wir nachher die Türen schliessen», meint eine Bäuerin. Eine andere Nachbarin, auch sie will nicht namentlich genannt werden, sieht die Sache «nicht so dramatisch.» Sie frage sich eher, wie die Leute denn ins Dorf kämen, die Unterkunft liege ja einen 40-minütigen Fussmarsch ausserhalb.

Unmittelbar neben der Asylunterkunft, im «Paradiesli», wohnt Michael Meyer mit seiner Familie. Er ist Präsident der lokalen FDP und bezeichnet die Militärstellung als optimalen Ort für eine Asylunterkunft. Er habe eine sehr positive Einstellung dazu. Seinen politischen Kontrahenten wirft Meyer vor, so zu tun, «als wären Asylsuchende die grössten Schwerverbrecher.» Hat er Bedenken wegen seinen Kindern, deren Schulweg dereinst angeblich viel gefährlicher sein soll? «Nein, absolut keine!» Anders seine Nachbarn im «Paradiesli»: Sie überlegen sich die Anschaffung eines neuen, «böseren» Hundes.

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1 Kommentare
  1. Boris Kerzenmacher, 09.08.2013, 09:56 Uhr

    in D scheint man sich langsam zu fragen, auf was man sich mit dem ganzen Asylunsinn eingelassen hat. Die Situation scheint immer unübersichtlicher und gefährlicher zu werden.

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article118832535/Tschetschenische-Terroristen-ziehen-nach-Deutschland.html

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