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Hat Zug ein Waffenproblem?
  • Gesellschaft
Es bleibt alles beim Alten: Die Zuger Polizisten müssen sich nicht durch Lohngedanken vom Schiesstraining abhalten lassen. (Bild: zvg)

Die Zuger rüsten auf Hat Zug ein Waffenproblem?

4 min Lesezeit 13.02.2016, 16:00 Uhr

Die Zahl ist beeindruckend: 17’341. So viele Waffen sind im Kanton Zug registriert. Die Zahl der unregistrierten ist nicht bekannt. Und im letzten Jahr wurden noch mehr Waffen gekauft als in den Jahren zuvor. Der Zuger Sicherheitsdirektor beruhigt: Das sei wohl nicht so schlimm. Allerdings – so genau weiss er das auch nicht.

Wir sehen sie gerne in Hollywood-Streifen. Wir kennen die Geräusche, die sie machen. Wir haben die coolen Gesten mit ihnen verinnerlicht, seit wir Kinder sind. Wir wundern uns trotzdem, wenn amerikanische Studenten sie unbedingt an die Uni mitnehmen wollen. Und schütteln den Kopf wegen der Toten, die sie produzieren. Aber dass wir selber auf einem ganzen Berg von ihnen sitzen? Wer hätte das gedacht?

Im Kanton Zug sind 17’341 Waffen registriert. «Die  Zahl der nicht registrierten Waffen ist wohl noch einmal die Hälfte davon», sagt der Zuger Sicherheitsdirektor Beat Villiger. Also rund 25’000 Waffen. Auf rund 120’000 Einwohner und 51’295 Haushalte. Das bedeutet: Jeder zweite Haushalt hat theoretisch eine Waffe im Keller.

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Das sind nicht die Waffen von Armeeangehörigen, sondern private. Und es kommen immer mehr dazu: Im letzten Jahr hat es im Kanton Zug 32 Prozent mehr Waffenbescheinigungen gegeben als im Jahr davor. Mit diesem Zuwachs steht der Kanton Zug laut Recherchen des Tagesanzeigers schweizweit an dritter Stelle, gleich hinter Waadt (64 Prozent mehr Gesuche) und Obwalden (49 Prozent mehr Gesuche).

«Besser, ein gutes Argument zu Hause zu haben»

Muss man sich Sorgen machen? «Ich wäre dann beunruhigt, wenn dieser Zuwachs auf einen generellen Trend zurückzuführen wäre, dass sich die Leute nicht mehr sicher fühlen und sich deshalb bewaffnen», sagt Sicherheitsdirektor Beat Villiger. «Und ich denke, bei gewissen Leuten ist das auch tatsächlich der Fall. Es gibt sicher einige Leute, die denken, im Notfall ist es besser, ein gutes Argument zu Hause zu haben, falls die Gesellschaft instabil werden sollte. Aber grundsätzlich? Nein, der Zuwachs ist auf eine ganze Reihe von Umständen zurückzuführen.» Nämlich: Zufall, neue Registrierungs-Aktionen der Polizei, Aufrufe zur Abgabe alter Waffen.

Allerdings: So genau weiss man es nicht. Denn der Kanton kann offenbar nicht nachvollziehen, wie viele Personen tatsächlich eine Waffe haben – geschweige denn, welche Personengruppen zum Zuwachs an Waffenbescheinigungen beigetragen haben. Es gibt allerdings Hinweise: Im Jahr 2014 gab es im Kanton Zug 248 angemeldete Jäger. Die Anzahl Sportschützen im Kanton Zug konnte bis Redaktionsschluss nicht ermittelt werden, schweizweit gibt es 131’100 Mitglieder von Schützenvereinen – heruntergerechnet auf die Bevölkerung des Kantons Zug wären das rund 2000 Schützen. Von den 17’341 Waffen im Kanton Zug liegen wohl auch viele beisammen in den Waffenschränken von Sammlern. Wie viele das genau sind, kann beim Kanton allerdings niemand sagen. Der Kanton weist diese Zahl nicht aus.

«Wir können jedoch jederzeit eine Person daraufhin überprüfen, ob sie Waffen besitzt und welche das sind.»

Judith Aklin, Sprecherin Zuger Strafverfolgungsbehörden

Judith Aklin, die Mediensprecherin der Zuger Strafverfolgungsbehörden, sagt: «Wir können keine generelle Aussage darüber machen, wie viele Menschen eine Waffe haben und welche Nutzergruppen welchen Anteil an den gemeldeten Waffen besitzen. Diese Statistik zu erheben ist zwar theoretisch möglich, jedoch sehr aufwendig und gesetzlich auch nicht vorgeschrieben. Das System ist nicht so ausgelegt. Wir können jedoch jederzeit eine Person daraufhin überprüfen, ob sie Waffen besitzt und welche das sind.» Das System zielt auf die Waffen ab, nicht auf den Menschen. «Eine Aussage über die Anzahl Waffenbesitzer ist irrelevant. Relevant ist nur, wer welche und wie viele Waffen besitzt und dass wir einzelne Personen jederzeit überprüfen können.»

In Zug bewegt sich also eine unbestimmbare Anzahl Menschen mit Waffen im täglichen Leben, respektive hat sie zu Hause gelagert, hoffentlich so, dass sie sicher und getrennt von Munition sind. Überprüft wird das nicht. Nur bei Besitzern von Seriefeuerwaffen mit Ausnahmebewilligungen gibt es eine regelmässige persönliche Kontrolle am Aufbewahrungsort der sogenannten verbotenen Waffen. «Dabei handelt es sich nur um ein paar Dutzend Leute», sagt Aklin.

Das tatsächliche Problem sei der Umgang mit Suizid

Hat Zug ein Waffenproblem? Sind das schon amerikanische Verhältnisse? «Mit Amerika kann man das sicher nicht vergleichen», sagt Villiger. «Die Gesetze sind sehr streng, und seit der Waffenreform haben sich die Waffenvergehen merklich verringert. Die Suizidrate jedoch nicht. Und wenn sich jemand doch mit einer Waffe etwas antun will, ist das fast noch besser, als wenn er sich vor einen Zug wirft und damit Fahrer und Fahrgäste traumatisiert.»

Ist das wirklich ein valides Argument für die Waffenflut? Villiger: «Nein, ich will damit sagen, dass unsere Gesellschaft und die Politik sich der Suizidproblematik stärker annehmen müssten und nicht alleine der Waffenfrage. Vergehen gegen das Waffengesetz haben happige Sanktionen zur Folge, sind aber im Kanton Zug glücklicherweise kein Schwerpunktthema.»

Kein Zuger Alleingang

Er fordere alle Waffenbesitzer auf, ihre Waffe zu registrieren, auch wenn sie das rechtlich nicht tun müssten. Das fördere den verantwortungsvollen Umgang mit der Waffe. Und der sei auch weitgehend vorhanden: «Man muss sehen, die Armee, die Jäger und die Sportschützen haben einen vorbildlichen Umgang mit Waffen», sagt Villiger, «und einen hohen Sicherheitsanspruch.»

Trotzdem macht auch er Probleme aus – und zwar beim Waffenregister. «Wenn wir schon ein Register haben, sollte jede einzelne Waffe eingetragen werden müssen. Dies würde auch die Polizeiarbeit sehr stark erleichtern und für mehr Sicherheit sorgen. Ich werde für diese Forderung immer wieder angegriffen, aber bekomme dafür von vielen Seiten auch Unterstützung», sagt Villiger. «Nur hat das Parlament dies abgelehnt – und wir können in Zug keinen Alleingang machen.»

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