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Hat jeder ein Recht auf Kinder?
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Wenn Kinder wüssten, mit wie viel Aufwand oder wie unüberlegt sie teilweise auf die Welt kommen, sie würden staunen. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Stossende Fragen im Luzerner Kleintheater Hat jeder ein Recht auf Kinder?

5 min Lesezeit 17.02.2016, 17:31 Uhr

Ob homosexuelles Paar, ob per Reagenzglas oder Leihmutterschaft – Wo hat das Recht auf Kinder Grenzen? Heikle Fragen, die politisch und ethisch viel diskutiert werden. Für die Regisseurin Anna Papst war der Auslöser, dazu ein Stück zu schreiben, ein ganz privater.

Die Regisseurin Anna Papst und ihr Team haben für ihr aktuelles Stück mit Menschen gesprochen, die sich intensiv mit der Frage nach einem «Recht auf Kinder» auseinandersetzen. Mit dem Samenspender, der bisher 49 Kinder gezeugt hat und jedes beim Namen kennt. Mit der Politikerin, die sich darüber empört, dass es in der Schweiz Rechte gibt, die Menschen nach der sexuellen Orientierung unterscheidet. Mit dem schwulen Vater, dem wichtig ist, dass seine Adoptivtochter weiss, woher sie ihre Sommersprossen hat.

zentral+ wollte von der jungen Regisseurin vor der ersten Luzerner Aufführung des neuen Stücks von «Papst, Vuilleumier & Staub» im Kleintheater mehr darüber erfahren.

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zentral+: Was brachte Sie dazu, sich mit diesem Thema intensiv zu beschäftigen?

Anna Papst: Meine Cousine wurde mit 16 ungeplant schwanger. Sie selbst ist ein Adoptivkind und zehn Jahre jünger als ich. Ich weiss noch, welche Prozedur ihre Eltern durchlaufen mussten, um sie zu bekommen. Die vielen Gespräche, Unterlagen, das lange Warten und die Ansprüche, die an ein Paar, das adoptieren will, gestellt werden. Und dieses Kind wird dann einfach zack bumm schwanger – in einer Lebenssituation, die alles andere als ideal ist. Die Natur fragt nicht danach, ob man eine abgeschlossene Ausbildung hat, sich und das Kind finanzieren kann, in einer stabilen Partnerschaft lebt oder eine reife erwachsene Persönlichkeit ist. Das Kind kommt «einfach» – und den Rest findet man hinterher heraus. Diese enorme Diskrepanz zwischen der Willkür der Natur und den Auflagen für Menschen, die nicht auf natürlichem Weg ein Kind bekommen können, fand ich extrem stossend. Dadurch entstand die Frage, ob eigentlich alle Leute ein Kind haben sollen dürfen, die eines wollen. Und mit ihr das Stück.

«Wir zeigen die familiäre Vielfalt in der Schweiz.»
Anna Papst, Autorin und Regisseurin von «Ein Kind für alle»

zentral+: Das Stück ist eine Reportage. Was hat Sie bei der Recherche am meisten überrascht?

Papst: Mich hat insgesamt sehr berührt, mit wie viel Humor die Gesprächspartner ihre teilweise schmerzhaften Geschichten erzählt haben. Und die Grösse, die sie dadurch gewinnen konnten. Eine Frau, die sich seit zwanzig Jahren ein Kind wünscht, aber nie den passenden Partner zur Familiengründung gefunden hat und jetzt per Samenspende auf eigene Faust Mutter werden will, sagt etwa: «Ich wünsche mir, dass alles so natürlich wie möglich abläuft – einfach mit einem Katheter statt mit einem Penis.» Darin steckt ihr ganzes Dilemma – und sie erzählt es mit Witz.

Anna Papst

Anna Papst, Jahrgang 1984, wuchs in Nänikon bei Zürich auf und lebt in Lenzburg. Sie arbeitet seit Abschluss ihres Regiestudiums an der Zürcher Hochschule der Künste als freie Regisseurin und Autorin. Ihre Inszenierungen waren schon am Neumarkt und am Schauspielhaus Zürich, Kleintheater Luzern, Südpol Luzern, Tojo Theater Reitschule Bern und an der Philharmonie Luxemburg zu sehen.

In Luzern arbeitete sie zuletzt mit dem Schauspieler und Regisseur Daniel Korber zusammen. Ab Mittwoch, 17. Februar, ist ihr neustes Stück «Ein Kind für alle» im Kleintheater zu sehen.

zentral+: Nach all den Interviews und Gesprächen. Wo haben Sie den Fokus gesetzt?

Papst: Auf den Fragen, denen sich unsere Gesellschaft stellen muss: Wir haben inzwischen die medizinischen Möglichkeiten, jedem und jeder mithilfe von Samen- und Eizellenspende sowie der Leihmutterschaft zu einem Kind zu verhelfen. Was sind also die Gründe, es nicht zu tun? Ich sage nicht, dass es keine gibt. Nur denke ich, man muss sich sehr bewusst sein, welche Praktiken man aus welchen Gründen in der Schweiz weiterhin verbieten möchte. Zum Beispiel, ob es tatsächlich Gründe gibt, die dagegen sprechen, homosexuelle Elternschaft zu erlauben. Abgesehen davon, dass man sich noch nicht an das Bild gewöhnt hat, dass ein Kind nicht mit Vater und Mutter aufwächst, sondern mit zwei Vätern oder zwei Müttern.

zentral+: Ergreifen Sie dabei Partei?

Papst: Wir positionieren uns, indem wir überhaupt Leute zu Wort kommen lassen, die auf Wegen Eltern geworden sind, die in der Schweiz zurzeit noch verboten sind. Diese Menschen sind ins Ausland gegangen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Wir lassen sie ihre Geschichte erzählen. Auch Menschen, die auf der anderen Seite der Reproduktionsmedizin stehen, kommen zu Wort: eine Leihmutter, ein Arzt, ein Samenspender und ein Kind, das aus einer Samenspende entstanden ist. Aber wir ziehen kein Fazit, im Sinne von: Das finden wir richtig und das verurteilen wir. Die Protagonisten der Reportage widersprechen sich, und wir geben niemandem Recht. Insofern beziehen wir keine Position, sondern fordern das Publikum auf, sich die zehn verschiedenen Stimmen, die im Stück vorkommen, erst einmal anzuhören, bevor es sich ihre Meinung bildet.

zentral+: Nehmen wir die aktuelle CVP-Inititative «Für Ehe und Familie – gegen die Heiratsstrafe». Beziehen Sie auch hier keine Stellung?

Papst: Wir zeigen die familiäre Vielfalt in der Schweiz. In Anbetracht dessen einen Ehebegriff in die Verfassung schreiben zu wollen, der die Ehe als einen Zivilstand festlegt, der nur zwischen Mann und Frau in Anspruch genommen werden darf, ist schlichtweg ignorant.

Wie sieht es eigentlich medizinisch aus?

Im Kinderwunschzentrum des Luzerner Kantonsspitals gibt es einige Möglichkeiten, der Natur auf die Sprünge zu helfen. Jürgen Weiss, Leiter der Reproduktionsmedizin am Kantonsspital, gibt Auskunft. «Zu Beginn steht immer die Beratung. Oftmals lösen sich die Probleme bereits nach einer ausführlichen Aufklärung über den natürlichen Weg.»

Falls jedoch alle Versuche länger unbefruchtet bleiben, werden bei beiden Partnern Tests durchgeführt. Nach deren Auswertung stehen zahlreiche Möglichkeiten offen. Das kann von Hormonpräparaten über Insemination bis hin zur künstlichen Befruchtung gehen.» Insemination bedeutet, dass den etwas langsamen oder kurzlebigen Spermien per «Röhrchen» der Weg hin zum Eileiter erleichtert wird. Eine künstliche Befruchtung findet hingegen ausserhalb des weiblichen Körpers statt. Dies geschieht, indem das Spermium in die Eizelle hineingespritzt wird und die Eizelle zurück in die Gebärmutter verpflanzt wird. Durchgeführt wird diese künstliche Befruchtung nur, wenn das Spermium selbst nicht in der Lage ist, die Membran der Eizelle zu durchstossen.

Voraussetzung für diese Behandlungen ist beim Luzerner Kantonsspital, dass es sich um ein heterosexuelles Paar handelt, welches gemeinsam ein Kind zu bekommen versucht. «Sonst wird es rechtlich sehr schwierig», erklärt Weiss.

Eine Samenbank gibt es in Luzern keine. «Es sind extrem wenige Fälle im Jahr, bei welchen Samenspenden gefragt sind. Deshalb lohnt es sich für uns in Luzern nicht, diese anzubieten», so Weiss. Samenspenden sind zudem in der Schweiz ebenfalls nur für verheiratete, heterosexuelle Paare erlaubt. Und bei der Adoption sind die Hürden bekanntermassen nochmals um einiges höher. Deshalb nehmen viele Paare – auch homosexuelle – den Umweg übers Ausland.

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