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Harter Job: Ein Tag als Marktfahrerin
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Egal wie dick eingepackt – die Kälte kriecht mit den Stunden durch alle Schichten. (Bild: jav)

Seitenwechsel am Luzerner Weihnachtsmarkt Harter Job: Ein Tag als Marktfahrerin

5 min Lesezeit 19.12.2016, 11:55 Uhr

Am Weihnachtsmarkt einen Glühwein trinken, Kerzenlicht, mit Besuchern ein Schwätzchen halten. Das hört sich richtig gemütlich an. zentralplus hat sich auf die andere Seite gewagt – hinter einen Marktstand. Das ist richtig harte Arbeit. Und ein guter Ort für Sozialstudien.

Es ist noch dunkel draussen – definitiv noch zu früh für eine Journalistin also. Trotzdem gibt es kein Entkommen. Abgemacht ist abgemacht, versprochen ist versprochen, und der Stand am Weihnachtsmarkt muss rechtzeitig aufgestellt, geschmückt und präsentierbar sein.

Also erst mal ist Ausrüsten angesagt. Thermowäsche, dicke Socken, noch zwei, drei Schichten an Pullovern, dicke Hosen, langer Mantel, Kappe, Schal und Moonboots mit zusätzlichen Filzsohlen. Die Bewegungsfreiheit ist partiell eingeschränkt, doch dafür sollten alle Körperteile vor der Kälte geschützt bleiben.

In der Kälte beginnt der Tag

Auf dem Weinmarkt in der Luzerner Altstadt herrscht morgens um 7 Uhr schon geschäftiges Treiben. Marktfahrer und Handwerker stellen ihre Zelte auf, schleppen ihre Ware an und dekorieren die Stände. Denn das ist obligatorisch.

Man kennt sich unter den Marktfahrern am Luzerner Handwerkermarkt – ein bisschen Smalltalk, manchmal wird sich gegenseitig kurz zur Hand gegangen. Alles ist eingespielt und die Handgriffe sitzen.

Die perfekten Opfer für Geschichtenerzähler

Um 9 Uhr steht alles bereit, die kauffreudigen Kunden dürfen kommen. Doch die ersten Gesichter, die sich an den Ständen blicken lassen, haben vor allem viel zu erzählen: über ihre Pläne, die Märkte und über das Wetter – scheint eine Marotte von Frühaufstehern zu sein. Um die Ecke beginnt einer mit Flötenspielen – er verkauft die Dinger, und er wird den ganzen Tag nicht damit aufhören. Die Blase drückt zum ersten Mal. Die Füsse könnten wärmetechnisch problematisch werden. Ansonsten scheint sich die neue Thermowäsche zu bewähren.

«An den Stand gekettet, höre ich mir Einkaufslisten, Weihnachtspläne und Weihnachtsmarktbeurteilungen an.»

Ein ganzer Tag hinterm Marktstand – ohne PC und ohne Buch –, das könnte langweilig werden. Doch, Fehlanzeige. Ein Tag am Markt ist der perfekte Ort für Sozialstudien. Den ganzen Tag lassen sich Massen von vorbeiziehenden Menschen beobachten – Menschen in allen möglichen Varianten. Da sind die Spaziergänger, welchen die Marktstände eher im Weg zu stehen scheinen, oder die Kaufsüchtigen, die an jedem Stand etwas finden.

Dann sind da noch die Einsamen, die einfach nur ihre Geschichten erzählen wollen. Als Zuhörer sind Marktfahrer die perfekten Opfer – ohne jegliche Chance, zu flüchten. An den Stand gekettet, höre ich mir Einkaufslisten, Weihnachtspläne, Weihnachtsmarktbeurteilungen und Gefluche über Massenproduktion und -tourismus an.

Achtung beim Töfffahren!

Das seltsame Highlight des Tages ist der Besuch eines älteren Herrn, welcher Horrorstorys von abgerissenen Gliedmassen beim Töfffahren zum Besten gibt. Man kennt ihn am Markt. Ich hab ihn zu spät entdeckt. Alle anderen Marktfahrer graben geschäftig in ihren Kisten – mich hat er unbeschäftigt erwischt. Er erzählt mir von seinem Cousin, welcher mit dem Töff in einen Landwirtschaftszaun fuhr – sein Bein blieb daran hängen. Und von seinem Freund, welcher mit dem Töff unter einen Lastwagen schlitterte und dem beide Arme abgerissen wurden. Stille Nacht, heilige Nacht.

«Eltern ziehen ihre angepissten Teenager hinterher, ältere Leute ärgern sich über den Stress und die jungen über die langsamen Alten.»

Seniorengruppen wälzen sich schnatternd zwischen den Ständen hindurch und verwirrte Touristen, die doch eigentlich nur eine Kuckucksuhr hatten kaufen wollen, stolpern vorbei. Wenn der Schwanenplatz von China annektiert worden ist, dann ist es beim Weinmarkt wohl Italien. Oder das Tessin. Italienisch, so weit das Ohr hört, und Pelzmäntel, so weit das Auge sieht. Und im Hintergrund flötelt es. Genervte Eltern ziehen ihre angepissten Teenager hinterher, ältere Leute ärgern sich über den Stress und die jungen über die langsamen Alten. Advent, Advent ein Lichtlein brennt.

Modisch scheint der Weihnachtsmarkt für gewisse Besucher dem Laufsteg, für andere dem heimischen Wohnzimmer am nächsten zu sein. Von Pelzkappen und Highheels auf Pflastersteinen bis hin zu Leggins und zu engen Jacken mit heulenden Wölfen vor dem Vollmond ist alles dabei.

Die Streberin unter den Marktfahrern

Zwischen den Sozialstudien gilt es immer auch Kunden zu bedienen – das bedeutet Bewegung und ist gut für den Wärmehaushalt. Und natürlich für die Kasse.

Man muss Geduld haben als Marktfahrer. Und man muss das Desinteresse der grossen Masse aushalten können, ohne die positive Stimmung zu verlieren. Denn lächelnd lässt sich nunmal einfach mehr verkaufen.

Es ist Nachmittag: Die Zehen sind kalt, er flötelt noch immer. Die Blase drückt mal wieder. Nach einem früheren Besuch im WC des Hotels nebenan ist jetzt das stille Örtchen vom Coop City an der Reihe. Der Weg dahin ist zwar etwas weiter, aber dementsprechend wärmen sich die Füsse auf. Dort angekommen, ist die Schlange lang, Mütter mit ihren Kindern füllen den Weg hin zu den Windelgeruch verströmenden, warmfeuchten Kabinen. Nächstes Mal doch lieber wieder ins Hotel.

Erst mit den Lichtern gegen den Abend wird der Handwerkermarkt auf dem Luzerner Weinmarkt adventlich schön. (Bild: jav)

Erst mit den Lichtern gegen den Abend wird der Handwerkermarkt auf dem Luzerner Weinmarkt adventlich schön. (Bild: jav)

Um 16 Uhr kommen ein paar Sonnenstrahlen nahe genug an den Stand heran, dass ich mich dahinter hervorwage und blinzelnd an die Häuserwand stelle. Ich bin nicht die Einzige. Ich scheine sowieso eher der Streber unter den Marktfahrern zu sein: immer am Stand, immer hinter der Theke. Die anderen schlendern öfters mal den Weinmarkt hoch und runter, gönnen sich einen Glühwein oder machen kurze Besorgungen. Stets mit denselben Flötenmelodien in den Ohren.

Das Ende naht

Langsam wird es dunkel, es geht dem Ende zu. Ich muss wieder auf die Toilette, die Zehen schmerzen jetzt richtig, es flötelt  noch immer und der warme Tee ist schon lange aus. Die Kasse klingelt kurz vor Marktende nochmals richtig. Und schon ist meine Aufräumhilfe zur Stelle. Beim Zusammenpacken sind wir schnell. Richtig schnell. Alle Produkte, die Dekoration und das Zelt sind in weniger als einer halben Stunde abgeräumt und im Auto verstaut. Und der einzige Wunsch, den ich jetzt noch habe, ist ein heisses Bad.

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