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Happy End für den alten Game Boy
  • Gesellschaft
  • Nachhaltigkeit
Reparaturprofi Ganesh Ramanathan in der Freizeitanlage Loreto in Zug. Er ist ein gefragter Mann während des ersten Repair Cafés in Zug. (Bild: pbu)

Erstes Zuger Repair Café Happy End für den alten Game Boy

5 min Lesezeit 20.05.2017, 18:07 Uhr

Die Zuger Freizeitanlage Loreto stand am Samstag ganz im Zeichen des Reparierens. Im Akkord wurde gelötet, genäht, zusammengeklebt und geschraubt. Viele defekte Gegenstände erhielten so ein zweites Leben – einige Patienten sind allerdings noch nicht ganz über den Berg.

«Wir haben eine riesige Wegwerfgesellschaft aufgebaut, die so einfach nicht weitergeführt werden kann», sagt Paola de Coppi. «Es muss ein Umdenken stattfinden», fügt sie an, während sich immer mehr Leute im Eingangsbereich der Freizeitanlage Loreto sammeln. Hier, beim ersten Zuger Repair Café, möchte die Organisatorin de Coppi das geforderte Umdenken ein klein wenig anschubsen.

Rund 20 Personen sind ihrem Ruf gefolgt. Bepackt mit Taschen, Rücksäcken und Kisten bringt eine durchmischte Kundschaft am Samstag ihre defekten Gegenstände vorbei, um diesen neues Leben einzuhauchen und sich bei Kaffee und Kuchen auszutauschen. Neu ist das Konzept nicht. Aus diversen Schweizer Städten kennt man das Repair Café bereits, so zum Beispiel aus dem Luzerner Neubad.

Die Drohne in der Notaufnahme

Gegen Mittag herrscht emsiges Treiben rund um die Tische, auf denen Schuhe, Hosen, Bücher und allerlei elektronische Gerätschaften auf ihren Operationstermin warten. Auch ich reihe mich ein. Mein Patient ist ein über 20 Jahre alter Game Boy, der vor rund vier Jahren aus mir unerklärlichen Gründen seinen Geist aufgab. Eines Tages werde ich ihn wieder zum Laufen bringen, dachte ich mir seither stets dann, wenn mir das Spielgerät aus Kindertagen wieder mal in die Finger kam.

Kampf der Wegwerfmentalität

Defekte Gegenstände flicken, statt wegwerfen, so lautet die Idee hinter den Repair Cafés. Das Projekt wird von der Stiftung für Konsumentenschutz koordiniert. Es handelt sich dabei um ehrenamtliche Treffen, an die Besucher ihre defekten Produkte mitbringen und mit anderen oder alleine reparieren. Vor Ort geben Reparaturexperten Rat und helfen beim Reparieren mit. Werkzeuge können kostenlos genutzt und gängige Ersatzteile vor Ort gekauft werden.

Das Repair Café in Zug soll künftig regelmässig stattfinden. Die nächsten Treffen finden am 26. August und am 28. Oktober wiederum in der Freizeitanlage Loreto statt.

Heute soll es also definitiv so weit sein. Noch muss ich mich allerdings etwas gedulden. Die Elektronikabteilung auf Tisch Nummer Zwei wird rege nachgefragt. Der Reparaturprofi ist gerade dabei, eine Drohne wiederzubeleben. «Nach drei Flugstunden war der Spass bereits vorbei», erklärt der Drohnenbesitzer. «Weil mein Sohn in ein gespanntes Seil geflogen ist», ergänzt er schmunzelnd. Unterdessen packt ein älterer Herr gleich drei antik anmutende Radiogeräte auf den Reparaturtisch.

Spass beim Flicken

Es sei nicht ganz einfach gewesen, Profis für Elektrosachen zu finden, erzählt Paola de Coppi bei einer Tasse Kaffee. «Wir haben keine Werbung geschaltet, sondern voll auf Mund-zu-Mund-Propaganda gesetzt. Zum Glück hat noch jemand kurzfristig zugesagt, so dass wir nun immerhin zwei Elektrofachleute vor Ort haben.» Mit dem Repair Café möchte de Coppi die Leute vor allem zum Nachdenken anregen und sie motivieren, selbst einen kleinen Beitrag in Sachen Nachhaltigkeit zu leisten.

Repair Café Organisatorin Paola de Coppi freut sich über die grosse Nachfrage bei der Erstausgabe in Zug.

Repair Café Organisatorin Paola de Coppi freut sich über die grosse Nachfrage bei der Erstausgabe in Zug.

(Bild: pbu)

Falsche Vorstellungen macht sie sich dabei nicht. «Es ist ganz sicher ein kleines Tröpfchen auf einen brennend heissen Stein», sagt sie. «Trotzdem müssen wir versuchen, die Richtung zu ändern, selbst mit kleinsten Schritten. Und wenn das Ganze auch noch Spass macht, wie hier beim gemeinsamen Flicken, dann umso besser.» Die Dienstleistung stehe denn auch nicht im Vordergrund. Vielmehr sollen die Leute selbst Hand anlegen und danach etwas für sich mitnehmen können, so die Organisatorin.

Aus Alt mach Neu

Derweil nimmt sich einen Tisch weiter Martin Senn einen Schuh vor. Ein Klacks für den ausgebildeten Werklehrer, der von sich selber sagt, ein Fachmann für jegliche Alltagsgegenstände zu sein. «Bei elektronischen Geräten muss ich allerdings passen», sagt der Zuger unumwunden. Abgesehen davon, dass auch in seinen Augen schlicht zu viel weggeworfen werde, fände er es spannend zu sehen, wie geschickt andere Leute sich ans Reparieren machen. «Man kann dabei viel lernen und erhellende Gespräche führen», konstatiert er.

«Es ist ein kleines Tröpfchen auf einen brennend heissen Stein.»

Paola de Coppi, Organisatorin Repair Café

Romy Keller, eine Hobby-Schneiderin aus Steinhausen, bearbeitet gerade eine Kinderhose mit ihrer Nähmaschine. Ihr gefalle vor allem der Gedanke, Altes in Neues zu verwandeln. «Diese Hose zum Beispiel würden die meisten wegwerfen, weil sie Löcher hat und zerschlissen ist. Dabei benötigt es nicht viel Aufwand und sie ist wieder wie neu. So muss man sich auch keine Sorgen machen, wenn der Nachwuchs darin rumtollt.»

Martin Senn bearbeitet einen Schuh.

Martin Senn bearbeitet einen Schuh.

(Bild: pbu)

Ein Radiogerät aus längst vergangenen Zeiten warten auf Reanimationsbemühungen.

Ein Radiogerät aus längst vergangenen Zeiten warten auf Reanimationsbemühungen.

(Bild: pbu)

Elektronisches Knowhow ist besonders gefragt am ersten Repair Café in Zug.

Elektronisches Knowhow ist besonders gefragt am ersten Repair Café in Zug.

(Bild: pbu)

Ein widerspenstiger Patient

Nun aber zurück zu meinem Game Boy. Ganesh Ramanathan, der Reparaturprofi von Tisch Zwei, winkt mich zu sich. Der gebürtige Inder lebt seit 13 Jahren in Zug, ist Informatiker und hat ein Faible für alles Elektronische. Die Unmengen an Elektroschrott sind ihm schon lange ein Dorn im Auge. «Dagegen möchte ich etwas tun», sagt er. «Selbst wenn es nur darum geht, die Leute zu sensibilisieren.»

Der Game Boy liegt auf dem Operationstisch. Ramanathan macht sich an die Diagnose, misst Spannungswerte, überprüft Netzteil und Batterie. «Ich vermute, da gibt es ein Problem in der Stromversorgung», mutmasst er nach wenigen Sekunden. «Der Fehler liegt wohl in der internen Verbindung.»

Ramanathan macht sich daraufhin daran, das Gehäuse aufzuschrauben. Nur, da gibt es ein kleines Problem. «Ich habe den passenden Schraubenzieher nicht dabei», stellt er enttäuscht fest. Zwei Tische weiter findet er zwar das richtige Werkzeug, kommt damit an die tief liegenden Schrauben aber nicht ran. «Mist», flucht der Profi, «zuhause hätte ich den richtigen Schraubenzieher. Weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass ich diesen heute brauche, habe ich ihn aber nicht mitgenommen.»

Ganesh Ramanathan begutachtet den defekten Game Boy.

Ganesh Ramanathan begutachtet den defekten Game Boy.

(Bild: pbu)

Das falsche Werkzeug verunmöglicht den Blick ins Innere.

Das falsche Werkzeug verunmöglicht den Blick ins Innere.

(Bild: pbu)

Erster Schritt zur Besserung

Der Profi hat trotzdem gute Nachrichten. «Es ist ziemlich sicher ein mechanisches Problem», sagt er, während er den Game Boy an das Netzteil anschliesst und wie durch Zauberhand zum laufen bringt. «Am besten ein paar Mal über das Netzteil anschalten, dann sollte es auch wieder über Batteriebetrieb laufen. Um ganz sicher zu gehen, sollten die Anschlussklammern aber genauer überprüft werden.»

Zumindest ein Teilerfolg, denke ich mir, während ich das Spiel Tetris einlege und die Konsole starte. Das nostalgische 8-Bit-Flash sorgt dann doch noch für ein versöhnliches Happy End. Schliesslich wurde der Game Boy nach Jahren erstmals wieder aus dem Dornröschenschlaf geweckt – und Ramanathan verspricht, das nächste Mal den passenden Schraubenzieher nicht zuhause zu lassen. Operation (fast) geglückt, Patient wiederbelebt.

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