Hamidullah Ali hat viel erreicht – und will noch mehr
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Hamidullah Ali bei seinem Arbeitgeber, der Schiller AG in Baar. Hier arbeitet er Teilzeit neben dem Studium in Medizintechnik an der HSLU. (Bild: Daniela Kienzler)

Integrationskarriere in Zug Hamidullah Ali hat viel erreicht – und will noch mehr

5 min Lesezeit 19.06.2021, 20:07 Uhr

Hamidullah Ali (27) ist vor fünf Jahren aus Afghanistan in die Schweiz geflüchtet und hat in Zug eine ebenso steile wie aussergewöhnliche Integrationskarriere zurückgelegt. Sein Erfolgsrezept: Immer nach vorne schauen. zentralplus hat ihn zum Gespräch getroffen.

zentralplus: Ihre Muttersprache ist Persisch. Obwohl erst wenige Jahre in der Schweiz, sprechen Sie praktisch fliessend Deutsch, und dies so gut, wie es viele Fremdsprachige zeitlebens nie schaffen. Wie ist das bloss möglich?

Hamidullah Ali: Danke für das Kompliment! Ich habe mich von Anfang an aufs Deutschlernen konzentriert. Ich wusste, dass dies für eine erfolgreiche Integration zentral ist und von Vorteil sein wird, wenn über mein Asylgesuch entschieden wird. Bereits in der Durchgangsstation Steinhausen, meinem ersten Zuhause im Kanton Zug, ging ich einmal pro Woche für zwei Stunden zum Deutschkurs. Parallel dazu belegte ich Onlinekurse und besuchte Konversationsstunden, wo wir das Sprechen lernten. Ich schaute regelmässig Filme auf Deutsch und in der Bibliothek besorgte ich mir die Bücher der Serie «Was ist was?». Das sind Kinderbücher mit vielen Bildern und wenig Text. Für Anfänger wie mich war das damals ideal, um Deutsch zu lernen.

zentralplus: Im Herbst 2015 sind Sie zusammen mit Ihrer Frau aus Afghanistan Richtung Europa geflüchtet. Warum haben Sie Ihre Heimat verlassen?

Ali: Das hatte verschiedene Gründe. Die Umstände sind sehr komplex, und es ist für mich etwas heikel, offen und ehrlich darüber in den Medien zu reden. Gegenüber den Behörden war das natürlich anders: Da mussten meine Frau und ich im Rahmen des Asylverfahrens sehr detailliert über unser Leben in Afghanistan und die Gründe für unsere Flucht Auskunft gegeben. Ich bin froh, dass dieser Prozess abgeschlossen ist und unsere Gesuche im Jahre 2017 positiv beurteilt wurden. Seither sind wir anerkannte Flüchtlinge und besitzen eine B-Bewilligung.

«Auch zum Eignungstest war ich nicht zugelassen. Also überlegte ich mir einen Plan B.»

Hamidullah Ali

zentralplus: Sie haben in Kabul sechs Semester Medizin studiert. Konnten Sie Ihr Studium in der Schweiz fortsetzen?

Ali: Das wollte ich. Und die Integrationsabteilung der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug (GGZ) hat mich bei meinen Plänen auch stark unterstützt. Im Jahre 2018 konnte ich dank der GGZ an der Universität Zürich sogar zwei Schnupper-Semester absolvieren. So lernte ich das schweizerische Universitätssystem und die Module des Medizinstudiums kennen. Das Jahr an der Uni war anspruchsvoll, hat mir aber sehr gut gefallen. Darum hätte ich anschliessend gerne weiterstudiert. Ich reichte die nötigen Unterlagen ein, in der Hoffnung, dass mir zumindest ein oder zwei Semester aus Kabul angerechnet würden. Doch das hat nicht funktioniert.

zentralplus: Warum haben Sie nicht den Eignungstest numerus clausus gemacht und, falls bestanden, das Studium neu gestartet?

Ali: Auch zum Eignungstest war ich nicht zugelassen. Also überlegte ich mir einen Plan B. An der Hochschule Luzern entdeckte ich schliesslich den Studiengang Medizintechnik, ein Studium an der Schnittstelle von Technik und Medizin. Das klang spannend. Erste Abklärungen ergaben, dass meine Chancen auf einen solchen Studienplatz gut waren. Also büffelte ich erneut Deutsch und legte nach der erfolgreichen Prüfung im Level C1 auch noch die C2-Prüfung ab. Anschliessend reichte ich wiederum meine Unterlagen ein, diesmal mit dem besten Sprachattest. An einer Informationsveranstaltung erfuhr ich, wie der Studiengang organisiert war, und konnte mich länger mit einer Oberassistentin unterhalten. Nach diesem Anlass war für mich klar: Diesen Weg möchte ich gehen.

zentralplus: Die Hochschule Luzern hat Sie als Student akzeptiert?

Ali: Die Studienleitung stellte nach dem Bewerbungsgespräch noch zwei Bedingungen. Zum einen musste ich vor Studienstart ein sechsmonatiges Berufspraktikum absolvieren, zum anderen einen sechswöchigen Vorbereitungskurs in technischem Zeichen, Mathematik und Elektrotechnik besuchen, weil ich hier noch Defizite hatte. Nachdem ich auch diese Bedingungen erfüllt hatte, konnte ich das Studium im Sommer 2020 starten. Der Vorteil ist: Ich kann die Ausbildung berufsbegleitend machen und arbeite gleichzeitig in einem 40-Prozent-Pensum bei der Schiller AG in Baar. Das ist der weltweit führende Hersteller und Lieferant von Geräten für die kardiopulmonale Diagnostik. Die Firma produziert zum Beispiel Defibrillatoren, Blutdruckrekorder und EKG-Geräte, aber auch Softwarelösungen. Sie hilft dadurch, Menschen vor dem plötzlichen Herztod zu retten. Meine Tätigkeit im Produktemanagement ist sehr spannend und abwechslungsreich. Ich sammle wichtige Erfahrungen im Kontakt mit Kunden von Praxen und Spitälern. Besonders dankbar bin ich meinem Vorgesetzten, dass ich meine Arbeitszeiten flexibel gestalten kann. Das erleichtert mir das Studium und die Organisation zu Hause.

«Wir möchten in Zug bleiben. Hier fühlen wir uns zu Hause.»

zentralplus: Inzwischen sind Sie selbst Vater geworden und haben eine zwei Jahre alte Tochter.

Ali: Ja, Hanna ist hier in Zug zur Welt gekommen. Derzeit schaut vor allem meine Frau Fatima zu ihr. Nebenbei lernt sie Deutsch. Wenn Hanna etwas grösser ist, möchte Fatima eine Ausbildung machen und dann ebenfalls arbeiten und Geld verdienen. Mein Ziel ist, das Bachelorstudium in Medizintechnik in sechs bis maximal acht Semestern abzuschliessen. Deshalb bin ich sehr fokussiert und konzentriert. Für meine Frau und mich ist klar: Wir möchten in Zug bleiben. Hier fühlen wir uns zu Hause. Wir kennen viele Leute, Schweizer und Afghanen, die uns in den letzten Jahren geholfen haben und die inzwischen wichtige Freunde geworden sind. Ich könnte mir gar nicht mehr vorstellen, irgendwo anders zu wohnen.

zentralplus: Vermissen Sie Ihre Heimat nicht?

Ali: Ich schaue nie zurück, sondern nur nach vorne. Das sehen auch viele meiner Landsleute so. Darum haben wir zusammen vor zwei Jahren den afghanischen Kulturverein gegründet. Da treffen wir uns regelmässig, feiern Feste, treiben Sport, organisieren Turniere, helfen uns gegenseitig und engagieren uns in der Gesellschaft. Auf diese Weise bleibt man seiner Heimat und Kultur verbunden, gleichzeitig gelingt auch die Integration in der Schweiz besser.

Über den Zuger Flüchtlingstag am 20. Juni 2021

Der diesjährige Flüchtlingstag im Kanton Zug – organisiert vom afghanischen Kulturverein, dem Verein für interkulturellen Dialog, der Asylbrücke Zug sowie der katholischen und reformierten Kirche – steht im Zeichen interkultureller Freundschaften. Das Programm in den Räumlichkeiten der Pfarrei St. Johannes startet um 14 Uhr mit einer eritreischen Kaffeezeremonie, musikalischer Umrahmung und Geschichten für Kinder.

Um 15 Uhr erzählen sechs Freundschaftspaare, bestehend aus Einheimischen und Geflüchteten, was es heisst, über kulturelle, religiöse und sprachliche Grenzen hinweg befreundet zu sein, inwiefern beide Seiten von dieser Freundschaft profitieren und wie sie ihr Leben bereichert. Um 16 Uhr sprechen Regierungsrat Andreas Hostettler, Stadtrat Urs Raschle und Kirchenratspräsident Thomas Inglin zum Thema Flucht und Freundschaft. Um 16.30 Uhr gibt es traditionelle Kulinarik aus der afghanischen Küche. Ab 17 Uhr stehen Tanz und Volleyball auf dem Programm.

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