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Halligalli statt Halleluja: Den Diven fehlen die Adams
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Während Laienchöre Schwierigkeiten haben, männlichen Nachwuchs zu finden, läuft das bei molto cantabile gut. (Bild: Markus Räber / molto cantabile)

Luzerner Chöre kämpfen um männlichen Nachwuchs Halligalli statt Halleluja: Den Diven fehlen die Adams

6 min Lesezeit 06.03.2017, 14:04 Uhr

Zahlreiche Profi-, Halbprofi- und Laienchöre haben mit den Proben für ihr diesjähriges Programm gestartet. Bei vielen Laienchören dürfte das gemeinsame Singen zumindest bei den Tonlagen eine einseitige Angelegenheit sein: Es herrscht Männermangel. Dies hat Konsequenzen.

Ein Chor gliedert sich klassischerweise in die zwei männlichen Stimmlagen Bass und Tenor und die zwei weiblichen Alt und Sopran. Zusammen bilden diese vier «Register» den Gesamtchor. Die Harmonie dieser Stimmen führt in der Regel zu einem akustisch ansprechenden Gesamtergebnis. Bei gemischten Laienchören stehen die Stimmlagen jedoch meist in einem Missverhältnis, denn Männerstimmen sind oft eine rare Spezies im Gesangsensemble. Aber weshalb eigentlich? Wir haben uns bei den Chorgruppen umgehört und nach den Gründen der Absenz der Männer gesucht.

Der Gesamtchor von molto cantabile bei der Probe.

Der Gesamtchor von molto cantabile bei der Probe.

(Bild: Markus Räber / molto cantabile)

«Not 4 Sale» ist ein gemischter Laienchor, der einmal wöchentlich im Mittelschulzentrum am Hirschengraben unter der Leitung von Daniel Thut probt. Den Jazzchor gibt es seit 1998, seit der Jahrtausendwende unter der Leitung Thuts. Die Zahlen sprechen für sich: In der letztjährigen Formation hatte der Chor gegen 40 Mitglieder, weniger als zehn davon waren Männer. Dieses Jahr ist das Verhältnis ähnlich.

Thut ist mit der Problematik vertraut: «Tatsächlich ist es in einigen Chören schwierig, Männer zum Singen zu bewegen.» Die Gründe seien vielschichtig: «Meine Vermutung besteht darin, dass sich Männer in einem Chor teilweise nicht zu singen getrauen.» Viele Männer seien ausserdem bereits in einer Band oder Musikformation engagiert oder sie würden sich ganz gegen den musikalischen Weg entscheiden und stattdessen Sport betreiben.

«Chöre, welche projektartig arbeiten, haben tendenziell weniger Probleme.»

Mathias Inauen, Musikalischer Leiter Luzerner Chor

Grundsätzlich sei die Nachfrage nach dem gemeinsamen Singen laut dem Chorleiter aber gross. Mit Gesang habe bereits jeder Erfahrungen gemacht. Würden positive Erlebnisse damit verknüpft, suchten die Leute wieder nach diesem Gemeinschaftsgefühl, so Thut: «Häufig berichten Chorsängerinnen und Chorsänger nach den Proben, dass sie beflügelt nach Hause gehen.» Der Höhepunkt sei das Konzerterlebnis.

Gesellschaftliche Veränderung ist spürbar

Ein weiterer Laienchor, der Luzerner Chor, steht seit 2006 unter der musikalischen Leitung von Mathias Inauen. Es ist ein reiner Männerchor, die derzeit 55 aktiven Sänger sind meist gesetzteren Alters. Kennt man auch dort die Schwierigkeit, Männer zu motivieren, oder ist der Chor vom Aussterben bedroht? Im Gegenteil: «Das Interesse am Singen in einem Chor ist sehr gross». Allerdings müsse man ein wenig unterscheiden: «Chöre, welche projektartig arbeiten, haben tendenziell weniger Probleme», so Inauen. Vielleicht habe sich das erst in den letzten Jahren verändert.

Der Herrenchor spürt die gesellschaftlichen Veränderungen: «In einem Verein Woche für Woche die Probe zu besuchen und dann gegebenenfalls noch im Vorstand Verantwortung zu übernehmen, ist heute nicht mehr jedermanns und jederfraus Sache», beobachtet Inauen. «Das erschwert die Suche nach neuen Sängern.»

Das letztjährige Gruppenfoto von «Not 4 Sale». Der Laienchor probt unter der Leitung von Daniel Thut.

Das letztjährige Gruppenfoto von «Not 4 Sale». Der Laienchor probt unter der Leitung von Daniel Thut.

(Bild: «Not 4 Sale» / zvg)

Die goldenen Zeiten sind vorbei

Der Luzerner Chor entstand aus der Fusion der zwei traditionellen Männerchöre, der «Liedertafel Luzern» und des «Männerchors Luzern», deren Ursprünge zurück ins 19. Jahrhundert gehen. Die goldenen Zeiten der Männerchöre seien vorbei: Zu den besten Zeiten hatten beide Chöre jeweils 120 Mitglieder. Da habe es sogar noch eine Selektion gegeben: «Teilweise brauchte man einen Götti aus der Reihe der Sänger, bis man im Verein mitmachen konnte», berichten die älteren Sänger im Luzerner Chor.

Bei der Luzerner Kantorei, bestehend aus dem Luzerner Mädchen- und Knabenchor, ist man professioneller ausgerichtet. Die Kinder- und Jugendlichen sind neben Durchführung eigener Konzerte Partner des Lucerne Festivals, des Luzerner Sinfonieorchesters, des Luzerner Theaters und zahlreicher weiterer Orchester und Opernhäuser im In- und Ausland. Auf professionellem Niveau zu singen, dafür besteht generell grosses Interesse, bestätigt Katja Fleischer, Geschäftsführerin der Luzerner Kantorei. Junge Sänger und Sängerinnen meldeten sich immer wieder: «Die Zahlen sind bei uns erfreulicherweise konstant», so Fleischer.

 

Musiklehrer haben nachhaltigen Einfluss

Fleischer kann trotzdem ein Unterschied feststellen zwischen den Geschlechtern: «Die Zahl der jüngeren Neumitglieder ist bei den Mädchen höher als bei den Jungs. Dafür ist bei den Mädchen die Fluktuation höher.» Entscheide sich ein Junge zum Chorbeitritt, bliebe er in der Regel auch mehrere Jahre dabei. Für die Geschäftsführerin liegen die Gründe für den fehlenden männlichen Nachwuchs insbesondere beim vielfältigen Alternativprogramm: «Das Angebot auf dem Freizeitmarkt ist eine starke Konkurrenz, insbesondere im Sportbereich bei den Jungs.»

Daniel Thut ist Dozent an der Pädagogischen Hochschule Luzern im Bereich Schulmusik und Sologesang. Für ihn haben die Musiklehrer einen nachhaltigen Einfluss darauf, ob sich Kinder und Jugendliche für den Gesang begeistern: «Versteht es eine Lehrperson, Jugendliche für das Singen oder überhaupt für die Musik zu begeistern, hat dies einen nachhaltigen Effekt.»

«Man muss auch offen sein für Neues und Ungewohntes ausprobieren.»

Mathias Inauen, Musikalischer Leiter Luzerner Chor

Der semi-professionelle Chor «molto cantabile» findet genügend männliche Stimmen und es meldeten sich auch laufend interessierte Personen. «Zugegebenermassen sind es mehr Frauen, die sich melden. Trotzdem haben wir im Chor bis jetzt – glücklicherweise – keine grösseren Schwierigkeiten gehabt, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männer- und Frauenstimmen behalten zu können», schreibt Benjamin Rapp, Präsident von molto cantabile. Er ist ausserdem Dirigent des Luzerner Kammerchores: «Bei diesem Chor ist es tatsächlich auch so, dass er weniger Männer als Frauen zu seinen Mitgliedern zählt.» Rapp vermutet, dass unter den Männern der Anteil derjenigen, die ihre Freizeit mit Singen verbringen wollen, grundsätzlich etwas kleiner ist als unter den Frauen.

Der Knaben- und Mädchenchor der Luzerner Kantorei tritt gemeinsam im KKL Luzern auf.

Der Knaben- und Mädchenchor der Luzerner Kantorei tritt gemeinsam im KKL Luzern auf.

(Bild: Ingo Höhm / Luzerner Kantorei)

Ein klares Missverhältnis zwischen Frauen und Männer hat Folgen für die Gesangsformation: «Die Herausforderungen für den Chor sind dann, dass die Männer in kleineren Gruppen zurechtkommen müssen. Die Frauenstimmen müssen sich dann oft der Balance an die Männer anpassen», so Rapp.

Dirigent ist zunehmend gefordert

Der Anspruch an das musikalische Niveau, auch bei den Laiensängerinnen und -sängern, hat sich laut Mathias Inauen vom Luzerner Chor erhöht: «Ich denke mir, dass heute wie an vielen anderen Orten die Qualität einen höheren Stellenwert hat.» Mit dem «Bier nach der Probe» bringe man heute keine neuen Sänger in den Chor: «Die Sänger wollen musikalisch profitieren, sprich auch der Dirigent ist gefordert und muss gute Arbeit leisten.» Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist für Inauen das musikalische Programm: «Man muss auch offen sein für Neues und Ungewohntes ausprobieren. Beim Luzerner Chor sind wir da gemeinsam auf einem sehr guten Weg.»

Sängerwerbung ist härter geworden

Das sei eine Gratwanderung in der Nachwuchsgewinnung: Denn man will attraktiv für junge Sänger sein, gleichzeitig erfolge die Durchführung der neuen Lieder mit den angestammten Sängern: «Aber eine Öffnung für neue Töne muss möglich sein, sonst ist man eher auf verlorenem Posten.» Um männlichen Nachwuchs zu finden, setze man zeitweise auch auf grössere Projekte, welche für alle geöffnet sind, erklärt Inauen. «Wir machen dies in der Hoffnung, dass der eine oder andere von der guten Stimmung im Chor angesteckt wird und sich zu einem Beitritt entschliesst.» Insgesamt ist «die Sängerwerbung härter und anspruchsvoller geworden», stellt Inauen fest.

Auch bei «Not 4 Sale» setze man auf ein niederschwelliges Angebot, um neue Sänger für den Chor zu gewinnen: «Wenn ich als Chorleiter Anfragen bekomme, lade ich unverbindlich zur Teilnahme an der Probe ein», erklärt Chorleiter Daniel Thut. Nach ein paar Proben merke man dann gut, ob es gegenseitig stimmt. Bei professioneller Chören gebe es teilweise ein Vorsingen, was bei einigen Personen sicherlich eine Hemmschwelle bedeutet.

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