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«Hail Satan!» Teufelsanbeter-Band heizt Headbangenden ein
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Erik Danielsson spielt mit dem Feuer. (Bild: sib)

Blutverschmiert und pogend in der Chollerhalle Zug «Hail Satan!» Teufelsanbeter-Band heizt Headbangenden ein

6 min Lesezeit 11.11.2018, 14:10 Uhr

Am Samstagabend waren in der Zuger Chollerhalle schwarze Kleider, Nietengürtel und dunkle Musik angesagt. Black Metal. Profanatica, Rotting Christ und Watain gaben sich die Ehre. Doch welche Klischees über Black Metal stimmen? Okkultismus und Satanismus? Blut und abgetrennte Schafsköpfe auf der Bühne? zentralplus hat den Test gemacht und ist einen Abend lang in die Szene abgetaucht.

Wenn an einem Samstagabend Männer und Frauen mit schwarzen Kutten, Nietengürteln und langen Haaren zu Hunderten in Richtung Chollerhalle in Zug pilgern, ist klar: Da werden nicht Hecht oder Baschi auftreten.

Wer sich die Band-Aufnäher auf den Jacken und Kutten genauer anschaut, dem stechen Namen von Black-Metal-Bands wie Darkthrone, Venom oder Watain ins Auge. Um Letztere geht es denn auch an diesem Abend.

Satanismus und brennende Kirchen

Denn die schwedische Black-Metal-Band Watain bildet den Hauptact an diesem Abend, der ganz im Zeichen des Black Metals steht. Organisiert von Metal Storm Concerts werden auch die New Yorker Profanatica und die griechische Black- und Gothic-Metal-Band Rotting Christ auf der Bühne stehen.

Rotting Christ mit Sänger Sakis Tolis in der Mitte.

Rotting Christ mit Sänger Sakis Tolis in der Mitte.

(Bild: sib)

Auf der Hinfahrt sind die Fragezeichen bei uns gross, was man von diesem Abend erwarten darf. Noch immer wird Black Metal oft mit Okkultismus und Satanismus in Verbindung gebracht. Manche mögen sich gar an die Kirchenverbrennungen Anfang der 90er-Jahre in Norwegen erinnern, die zumindest zu einem Teil von Black-Metal-Anhängern ausgingen.

Verstörend und erleuchtend

Vor allem auf Watain sind wir gespannt, die berühmt-berüchtigt sind für ihre Live-Auftritte. Neben Feuer und Blut sollen auch Tierkadaver zum Repertoire gehören. Die Band gibt zu, dass Teile ihres Auftritts auf Zuschauer verstörend wirken können, aber auch für jene erleuchtend, in deren Herz das schwarze Feuer brenne.

Im Vorfeld wurde uns gesagt, dass es zu 99 Prozent klappen wird mit einem Interview mit Watain-Sänger Erik Danielsson. Doch das eine Prozent hat zugeschlagen, wie der Organisator erzählt. Beim Auftritt am Abend vorher in München durften sie ihre Feuerelemente nicht einbauen. Entsprechend stinkig seien die Jungs momentan.

Grosse Anziehungskraft

Als wir bei der Chollerhalle ankommen, wird schnell klar: Man ist unter sich. Das eingangs erwähnte Bild dominiert. Fast jeder und jede kreuzt mit einem Bandshirt auf. Obwohl wir wohlweislich mit schwarzen Kleidern da sind, kommen wir uns zu Beginn etwas fremd vor – ein Gefühl, das sich jedoch bald legen sollte. Die Musik als verbindendes Element.

Watain ziehen ihr Publikum in den Bann.

Watain ziehen ihr Publikum in den Bann.

(Bild: sib)

Den verschiedenen Dialekten nach zu urteilen, haben Black-Metal-Jünger aus der ganzen Deutschschweiz den Weg in die Chollerhalle gefunden. Vereinzelt hört man auch französisch und englisch. Zug scheint für einen Abend lang der Mittelpunkt der Schweizer Black-Metal-Szene zu sein.

Schreckliche normale Umstände

Obwohl extreme Musik und zum Teil extreme Bands auf uns warten, sind die Umstände an diesem Abend auffallend normal. Normale Konzertlocation, normale Uhrzeit (19.30 bis 23.30 Uhr). Das Konzert ist ab 16 Jahren, oder in Begleitung eines Erwachsenen. Und tatsächlich sehen wir einen etwa 12-jährigen Jungen mit AC/DC-Shirt mit seinem Vater in der Schlange stehen. Dazu sind auch einige ältere Semester dabei.

Profanatica:

Erstmal in der bereits gut gefüllten Halle drin, eröffnen Profanatica pünktlich den Abend. Das Trio aus New York sitzt (Sänger und Schlagzeuger Paul Ledney) respektive steht (Gitarre und Bass) ganz vorne am Bühnenrand. Ledneys langer Bart lässt ungleich den Vergleich zu ZZ Top aufkommen.

Stoische Ruhe

Das Bühnenoutfit ist zwar typisch für die Band und doch gewöhnungsbedürftig. Neben den für den Black Metal typischen schwarz-weiss geschminkten Gesichtern (Corpsepaint) stechen die sturmhaubenähnlichen Kopfbedeckungen hervor.

«We have come to bring you the abyss!»

Erik Danielsson, Sänger von Watain

Die Band bekommt keinen grossen Applaus. Mit stoischer Ruhe steht das Publikum da. Kein Headbangen, schon gar kein Pogen. Nur sehr wenige filmen mit dem Handy. Entweder ist das in diesen Kreisen verpönt – oder Profanatica interessiert hier niemanden wirklich.

Nach einem eher unspektakulären, doch trotzdem musikalisch typischen Black-Metal-Auftritt von Profanatica beginnt das Warten auf Rotting Christ. Sie war die erste griechische Black-Metal-Band überhaupt, existiert seit über 30 Jahren.

Slash ohne Zylinder

Als sie die Bühne betreten, fällt der Applaus ungleich grösser aus. Auch mehr Handys werden gezückt, bald schon schwingen die Haare durch die Luft. Die Outfits sind klassischer gehalten – doch schwarz soll es dann doch sein. Gitarrist George Emmanuel fehlen nur Zylinder und Sonnenbrille, um als Slash durchzugehen.

Watain-Sänger Erik Danielsson setzt wie der Rest der Band auf Corpsepaint.

Watain-Sänger Erik Danielsson setzt wie der Rest der Band auf Corpsepaint.

(Bild: sib)

Der Auftritt ist powergeladen. Man wähnt sich beinahe an einem normalen Metal-Konzert. Sogar rhythmisches Mitklatschen ist angesagt. Sänger Sakis Tolis fordert die Meute zum pogen auf. Das lassen sich die schwarzen Metaller in den ersten Reihen nicht zweimal sagen.

Nachdem sich die Szenerie wieder «beruhigt» hat, findet einer seinen im kollektiven Herumschubsen verloren geglaubten Flachmann wieder. Wie eine Trophäe streckt er ihn die Höhe.

Feuer und Flamme für Watain

Um exakt 21.18 Uhr verschwindet das griechische Quartett unter Applaus von der Bühne. Das Warten auf Watain beginnt. Inzwischen ist die Halle rappelvoll. Umgedrehte Kreuze hängen von der Decke. Kurz bevor die Band die Manege betritt, wird ihr Bandlogo, der Dreizack, mittels Fackel in Brand gesteckt. Auch sonst dominiert nun Feuer das Bühnenbild.

«Hail Satan!»

Erik Danielsson

Das Quintett betritt die Bühne. «We have come to bring you the abyss!», begrüsst Erik Danielsson das Publikum. Endlich kommt echte Black-Metal-Atmosphäre auf. Sie legen sogleich mit ihrem aktuellen Hit «Nuclear Alchemy» von ihrem neuen Album «Trident Wolf Eclipse» los, ziehen ihre Jünger in ihren Bann.

Wie in der Hölle

Der Schwefelgeruch, welcher sich von Zeit zu Zeit bemerkbar macht, passt perfekt ins Bild. Immerhin sind Watain bekennende Satanisten. Dazu machen sich die Feuer mehr und mehr temperaturtechnisch bemerkbar. Ab einem gewissen Punkt wird die Hitze fast unerträglich. Inzwischen ist es ein Höllenritt.

Danielsson, klein gewachsen, schon fast schmächtig, geht zweimal hinter die Bühne, kommt mit brennender Fackel wieder nach vorne. Der 36-Jährige posiert in der Mitte der Bühne, reckt das Feuer in die Höhe. Er sagte einst, das Feuer sei für ihn ein duales Element: Es zerstöre, erleuchte jedoch auch.

Rotting Christ:

Blutdusche für die vorderen Reihen

Das Höllenfahrtskommando ist in vollem Gange. Längst fühlen wir uns heimisch. Die Show ist ein Gesamtkunstwerk für alle Sinne. Dass keine Schweineköpfe zum Einsatz kommen, nehmen wir den Schweden definitiv nicht übel. Auf den Gestank können wir nämlich gut verzichten.

Vor dem Schlagzeug ist ein kleines Podest aufgebaut. Es erinnert an einen Altar, Kerzen brennen. Danielsson greift zu einem Kelch neben dem Altar und spritzt damit Blut ins Publikum. Die ersten Reihen bekommen eine Watain’sche Dusche.

Zu leise

Wie schon bei den ersten beiden Bands erstaunt die sehr humane Lautstärke. 105 Dezibel sind das Maximum, wie die Anzeige verrät. Im Nachgang sollten sich auch einige Konzertbesucher beklagen, dass es zu leise gewesen sei.

Es brennt, wenn Watain spielen.

Es brennt, wenn Watain spielen.

(Bild: sib)

«Hail Satan!», schreit Erik Danielsson in Richtung schwarz gekleideter Meute. Diese jubelt. Irgendwann übernehmen fast schon chorale Klänge. Die restlichen Bandmitglieder verlassen die Bühne. Nur Danielsson bleibt da. Er kniet vor den Altar. In ritueller Weise und beinahe andächtig löscht er die Kerzen aus.

Blutverspritzte Gesichter

Dann geht auch er von der Bühne. War’s das? Oder kommen sie noch einmal? Das Licht geht an und gibt damit die Antwort. Ein Blick auf die Uhr verrät: Erst 23 Uhr. Musik ab Konserve übernimmt. Etwas verdutzt bahnen wir uns den Weg nach draussen.

Dort sehen wir zahlreiche Metaller, die sich ihren Weg zur Toilette bahnen. Grund: Sie wollen sich das eingetrocknete Blut vom Gesicht waschen. So ein Watain-Auftritt hinterlässt eben doch Spuren. Auch wenn weder die Verstörung noch die Erleuchtung wirklich eingetreten sind.

Watain:

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