Haidong Gumdo: Kampfkunst, die prima in Pandemie-Zeiten passt
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Haidong Gumdo ist in der Schweiz nicht sonderlich bekannt, doch durchaus spektakulär anzuschauen. (Bild: wia)

Besuch in der Schwertkampfkunst-Schule in Baar Haidong Gumdo: Kampfkunst, die prima in Pandemie-Zeiten passt

6 min Lesezeit 03.07.2021, 12:02 Uhr

Wir sind ganz weich geworden durch die Krise. Äusserlich jedenfalls. Zeit, das zu ändern. Was jedoch, wenn man nach wie vor keine Lust hat auf Körperkontakt? Eine koreanische Kampfkunst könnte die Lösung sein. Wir waren bei einem Haidong-Gumdo-Training in Baar dabei. Haben gestaunt, geschwitzt und geschrien.

Die Corona-Massnahmen werden beinahe im Wochentakt gelockert, die Leute rücken zum Fussball-Gucken näher zusammen und brüllen im Akkord den Fernseher an, man beginnt sich zu umarmen und hier und dort werden wieder Hände geschüttelt. Vielen ist diese Entwicklung – trotz steigender Impfzahlen – noch etwas ungeheuer. Trotzdem wächst die Lust, wieder einmal etwas zu erleben. Etwas Neues zu lernen, zünftig zu schwitzen, und das ganz ohne direkten Körperkontakt mit anderen.

An einem Montagabend stehen wir deshalb vor einem Industriebau in der Gemeinde Baar. Eine kleine Tafel verrät: Hier wird Haidong Gumdo betrieben. Noch nie gehört? Das ist nicht verwunderlich. Die koreanische Kampfkunst hat erst vor einigen Jahren in der Schweiz Fuss gefasst und ist, obwohl es mittlerweile bereits 19 Schulen gibt, nach wie vor nur unter den Geheimtipps der Kampfkünste zu verorten. Mit in die Schweiz gebracht hat sie u. a. der gebürtige Koreaner Master Chul-Kyung Lee, der auch die Schule in Baar betreibt.

Haidong Gumdo bedeutet wörtlich Meer des Ostens, Schwert und Weg. Verglichen mit anderen Kampfsportarten hat Haidong Gumdo einen entscheidenden Vorteil: den körperlichen Abstand zwischen den Kämpferinnen, der nicht nur aufgrund der Pandemie durchaus sinnvoll ist. Die Wurzel dieser Kampfkunst soll in den Kriegs- und Gefechtstraditionen früherer koreanischer Krieger-Eliten liegen und über 2’000 Jahre alt sein.

Das Training findet draussen statt. Jedenfalls so lange, bis riesige Hagelkörner vom Himmel gepfeffert werden.

Wir treten ein in den Dojang, also den designierten Trainingsort. Nur zuschauen wollen wir nicht. Wenn schon, denn schon, ab ins kalte Wasser. Wortwörtlich, wenn auch überraschend. Damit die Gruppe aufs Maskentragen verzichten kann, beginnt das Training auf der Sportwiese vor dem Haus. Bereits während der Aufwärmphase beginnt es in der Ferne zu blitzen, der Wind frischt auf. Da kommt was auf uns zu.

Zuerst wird mit dem Holzschwert trainiert

Noch konzentrieren wir uns jedoch auf die Grundtechniken, die uns Sabine Alt beibringt. Bis man ein gewisses Level erreicht, wird mit dem Holzschwert, dem Mokgum, trainiert. Zu gross wäre die Gefahr für sich selbst und die anderen. Sabine Alt ist Trägerin des dritten Dan, was dem dritten Schwarzgurt-Grad entspricht. Dass sie den Titel Instruktorin trägt, ist mitunter an den schwarz-weiss gemusterten «Paji» erkennbar, den weiten Hosen, die typisch sind für ostasiatische Schwertkampfstile.

Allein das Ziehen und das richtige zweihändige Halten des Holzschwerts verlangt viel Denk- und Koordinationsarbeit. Ganz zu schweigen davon, im richtigen Tempo, mit der richtigen Menge an Kraft, einen exakt vertikalen Schnitt durch die Luft zu ziehen und an einem bestimmten Punkt zu stoppen, während man einen Kihap, also einen Kampfschrei, ausstösst. Dieser dient mitunter dazu, die eigene Energie am richtigen Ort zu kanalisieren.

Was zunächst befremdlich klingt, ist selbst für Anfänger spürbar. Vielleicht, weil die Körperspannung durch den Schrei eine andere wird, vielleicht, weil es unmöglich ist, währenddessen an anderes zu denken: Jedenfalls fühlt sich die Übung äusserst gut an.

Die Zeitung mit dem Schwert durchteilen

Kaum hat Sabine Alt erklärt, dass im Haidong Gumdo jeder Himmelsrichtung ein Tier zugeordnet ist und im Westen der weisse Tiger wohnt, greift dieser mit Gebrüll und ersten, dicken Regentropfen an. Die gewaltige Unwetterfront hat uns erreicht. Kaum sind alle im Gebäude, beginnen Hagelkörner, gross wie Hühnereier, vom Himmel zu fallen.

«Dieses Im-Jetzt-Sein, bei dem man die ganze Energie an einen Punkt bringt, macht beinahe süchtig.»

Sabine Alt, Instruktorin

Das Training wird drinnen und mit Masken fortgesetzt. Während die Schüler höherer Levels mit dem Ausführen der Grundformen, also längerer, festgelegter Bewegungsabläufe, beschäftigt sind, lehrt Sabine Alt den Horizontalschnitt von links nach rechts. Wenig später gibt’s eine Probe aufs Exempel. Wir sollen mit dem Holzschwert eine Zeitung durchteilen. Es ist eine der Grunddisziplinen des Haidong Gumdo, eine, die gar an Wettkämpfen gezeigt wird. Mithilfe eines zünftigen Kihap gelingt das Vorhaben überraschenderweise, Euphorie macht sich breit.

Sabine Alt erklärt schmunzelnd: «Dieses Im-Jetzt-Sein, bei dem man die ganze Energie an einen Punkt bringt, macht beinahe süchtig.» Sie hat recht. Diese Art Körperarbeit ist durchaus befriedigend.

Koreanischer Schwertkampf: Sieht genauso spektakulär aus, wie er klingt.

Sich zu brüsten, das gehört nicht zum Haidong Gumdo

Während einer kurzen Verschnaufpause reicht es für einen Rundumblick im Dojang. Die Gruppe, die hier trainiert, ist zwar übersichtlich und familiär, doch recht durchmischt. Jugendliche trainieren mit Älteren, Männer mit Frauen, Anfänger mit Schwarzgurtträgern.

«Das Ziel ist nicht, gegen andere zu gewinnen, sondern sich selber kontrollieren zu können.»

Master Chul Kyung Lee

Chul Kyung Lee, der das dynamische Training auf Englisch leitet, tut dies mit grosser Gelassenheit. Auch wenn «Master Lee» schweizweit den höchsten Rang besitzt und zudem als technischer Leiter der European Haidong Gumdo Association fungiert, wirkt er bescheiden.

Dass ihm grosser Respekt entgegengebracht wird, ist unübersehbar. Sich zu brüsten wäre beim Haidong Gumdo kontraproduktiv. Hier dreht sich alles um die Grundprinzipien Respekt, (Selbst-)Disziplin, Fokussierung, Fitness und Ethik. Überhaupt sei Etikette das Allererste, das man beim Haidong Gumdo lerne, sagt Master Lee. «Das Ziel ist nicht, gegen andere zu gewinnen, sondern sich selber kontrollieren zu können.»

Die Königsdisziplin des Haidong Gumdo

So unbekannt der koreanische Kampfkunststil in der Schweiz noch ist, so spektakulär ist es, den fortgeschrittenen Lernenden dabei zuzuschauen. Weil an diesem Abend eine Journalistin zu Gast ist, hat Chul Kyung Lee extra eine kurze Vorführung geplant. Und die hat es in sich. Neben den äusserst ästhetischen Grundformen zeigen einige der Schwarzgurte, wie man ein Papier exakt horizontal durchtrennt oder allein mit dem Luftzug, den ein schneidendes Holzschwert verursacht, eine Kerze löscht. Gemeinsam mit einem Schwarzgurtträger zeigt Master Lee ausserdem einen zuvor einstudierten Zweikampf mit stumpfen Metallschwertern.

Die Königsdisziplin des Haidong Gumdo liegt jedoch an einem anderen Ort. Nämlich im Bambusschneiden, einer Disziplin, die mit scharfer Klinge absolviert wird. «Das Raffinierte am Bambus ist, dass er sich nur in einem Winkel von exakt 45 Grad schneiden lässt», erklärt Michael Leiser. Er weiss, wovon er spricht. Leiser gewann 2017 an den Weltmeisterschaften in Korea die Goldmedaille im Bambusschnitt. «Nach 5,5 Sekunden war alles vorbei», sagt er und lacht. «Was zählt, sind Geschwindigkeit, der saubere Schnitt sowie das richtige Gleichgewicht. Dazu kommen die Konzentration und auch etwas Glück.»

Was am Ende der ersten Haidong-Gumdo-Lektion bleibt: ein Gefühl der Beflügelung und der tiefen Zufriedenheit. Und die Erkenntnis, dass es den Menschen guttäte, im Alltag ab und zu einen «Kihap» ausstossen zu dürfen.

Ein letztes Gruppenbild, bevor uns von hinten eine fiese Hagelfront erreicht.

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