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Häusliche Gewalt: Wie ein Täter den Teufelskreis überwand
  • Gesellschaft
Täglich rückt die Zuger Polizei wegen häuslicher Gewalt aus. (Bild: zentralplus )

Luzerner Gewaltberatung spricht über Tabuthema Häusliche Gewalt: Wie ein Täter den Teufelskreis überwand

5 min Lesezeit 03.12.2018, 05:07 Uhr

Über 200 Personen wenden sich jährlich an die Zentralschweizer Fachstelle für Gewalt. François Burri war einer davon. Bei einer Veranstaltung über häusliche Gewalt aus Tätersicht kommt er als «Ex-Täter» zu Wort. Angefangen hat alles bei einem Streit mit seiner Ex-Freundin.

Letztes Jahr meldeten sich rund 200 Männer bei der Fachstelle für Gewalt Agredis. Dort setzen sie sich die Personen zusammen mit ausgebildeten Gewaltberatern mit ihren Konfliktsituationen und ihrer Aggression auseinander. Der grösste Teil der Klienten würden sich freiwillig bei der Fachstelle melden, meint Thomas Jost, Geschäftsleiter von Agredis. «Dazu kommen rund 30 Prozent Pflichtberatungen, welche von der Justiz aus allen Kantonen der Zentralschweiz zugewiesen werden», so Jost. «Die häufigsten Probleme sind dabei Auseinandersetzungen in Beziehungen, in welchen die Grenze mit gewalttätigen Handlungen überschritten werden», erklärte er.

So war es auch bei François Burri. Er hat sich freiwillig nach einem heftigen Streit mit seiner damaligen Freundin bei der Fachstelle gemeldet. Diesen Dienstag wird er bei einem Fachpodium im Stattkino zum Thema «Häusliche Gewalt aus Tätersicht» Luzern teilnehmen. Seine Sicht: die des Täters. Burri wird neben Experten Fragen rund um das Thema häusliche Gewalt beantworten. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Schweizer Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» statt, die seit 2008 jedes Jahr durchgeführt wird.

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«Ich hatte noch nie jemanden geschlagen, aber meine Wut konnte von mir Besitz ergreifen.»

François Burri, ehemaliger Klient bei der Fachstelle für Gewalt

Rund zwei Jahre sind seit jenem Abend vergangen, doch der damals 46-Jährige hat den Abend noch gut im Kopf:

«Hast du dir schon einmal überlegt, eine Gewalttherapie zu machen?», schrie François Burris Freundin durch die Wohnung. Es war einer jener Tage, an denen das Paar mitten in der Nacht anfing zu streiten. Türen knallten, beleidigende Sätze fielen, ein Höllenlärm. «Ich war laut geworden. Ich hatte zwar noch nie jemanden geschlagen, aber meine Wut konnte von mir Besitz ergreifen», so berichtet Burri von der Nacht, die für ihn wegweisend sein sollte.

Tatsächlich hatte er sich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie überlegt, eine Gewalttherapie zu machen, schliesslich war er nie handgreiflich geworden. Und auch seine Schwester meinte, er solle doch nicht immer alles machen, was seine Freundinnen ihm sagen. Doch am darauffolgenden Tag stiess er nach kurzer Internetrecherche auf die Zentralschweizer Fachstelle für Gewalt Agredis.

«Ich fühlte mich zuerst als Verbrecher, gewalttätig und böse. Was, wenn die mir sagen, dass es hoffnungslos ist, oder dass ich nicht zu retten sei?» Der damals 46-Jährige rief trotz seiner Ängste einige Tage darauf bei der Gewaltberatungsstelle an. Dort wurde ihm, nicht wie erwartet mit Vorurteilen oder Kriminalisierung begegnet, sondern mit einem offenen Ohr: «Wir sind in der Beratung verschiedene Situationen durchgegangen, in denen ich wütend wurde und haben den Prozess analysiert vom Punkt, an dem noch alles gut war, bis mich die Ohnmacht überkam», erinnert sich Burri.

Gewalt beginnt viel früher als bei körperlicher Ausschreitung

Genau diese Ohnmacht ist für den Fachexperten Thomas Jost zentral. Denn Gewalt entstehe, so Jost, längst nicht erst bei körperlicher Gewalt: «Aus der Sicht der Gewaltberatung beginnt Gewalt bei der Verantwortungsabgabe. Sobald ich meine eigene Ohnmacht dem Gegenüber zuschreibe, dass dieser dafür zur Rechenschaft gezogen wird.» Durch die Schuldzuschreibung auf das Gegenüber wird also eigenes Handeln legitimiert, was der Beginn von Gewalt ist. Jost führt des Weiteren aus: «Gewalt ist ein Handlungsbegriff, somit stellen wir die Entscheidung zur Handlung ins Zentrum. Verantwortung ist damit immer beim Handelnden.» Gewalttätige Handlungen seien dabei angeeignete Verhaltensmuster, auf die besonders in emotionalen Momenten zurückgegriffen werde.

Obwohl Burri nie körperlich übergriffig wurde, gilt er laut der Gewaltberatung als gewalttätig. Von da an ging Burri deshalb regelmässig zur Beratungsstelle. «Wir haben gemerkt, dass mich eigentlich vieles wütend gemacht hat, das mich an alte Wunden erinnerte. Zum Beispiel waren das oftmals Aussagen von meinem Vater, oder Wertvorstellungen, die ich nicht teilte.» In diesen Beratungssitzungen, so Burri weiter, hatte er jemanden gefunden, der an ihn glaubte und ihn begleiten würde. «Langsam begann auch ich, an mich zu glauben.»

Durch den Gewaltberater wurden Burri neue Ansätze und Möglichkeiten gezeigt, wie er seine Aggressionen in den Griff bekommen könnte. Es wurde ihm ebenfalls vor Augen geführt, weshalb seine eigenen Ansätze wie zum Beispiel Meditation bisher wenig bewirkten: «Das Ziel ist ja nicht, dass Sie Ihre Wut unterdrücken müssen, sondern, dass Sie gar nicht erst an diesen Punkt kommen, an dem Sie explodieren», sagte damals der Gewaltberater zu Burri.

«Ich habe die Beratung für mich gemacht, nicht für meine Freundin.»

François Burri

Von seiner damaligen Freundin hat sich Burri mittlerweile getrennt. Und obwohl sie ihn ursprünglich auf die Idee gebracht hat, sagt Burri: «Ich habe die Beratung für mich gemacht, nicht für meine damalige Freundin.» Diese Erfahrung scheint Burri extrem positiv beeinflusst zu haben. «Mittlerweile habe ich so gut wie keine Wutanfälle mehr. Dies ist für mich jetzt wie eine neue Freiheit – und die ist fantastisch», so Burri. Die Angst vor einem Rückfall bleibe jedoch: «Immer noch überkommt mich manchmal die Angst, ich könnte wieder der Alte werden. Aber eigentlich bin ich schon lange weiter.»

Auf die Anfrage seines Gewaltberaters tritt François Burri mittlerweile auch öffentlich auf. Viele Reaktionen durch die Öffentlichkeit erhielt Burri jedoch nicht: «In meinem Geschäft habe ich das Thema natürlich nicht an die grosse Glocke gehängt. Ich habe es nur einigen wenigen erzählt.» Die Reaktionen waren jedoch meist eher positiv. Burri sieht gerade in der Thematisierung von häuslicher Gewalt einen Lösungsansatz des Problems: «Es ist seltsam, meinen Namen in diesem Zusammenhang zu lesen. Aber nur durch das Thematisieren kann ein Tabu enttabuisiert werden», so Burri.

Und dennoch getraut er sich nur an die Öffentlichkeit, da sein Fall vermeintlich glimpflich ausgegangen ist: «Aber ich fand bereits meine verbalen Ausfälle sehr belastend», meint Burri.

Zentralschweizer Fachstelle für Männergewalt

Agredis ist eine Zentralschweizer Stelle für Gewaltberatung. Die Dienstleistungen richten sich an gewalttätig handelnde Männer und Jugendliche sowie an Menschen, die beruflich mit gewaltbereiten Männern zu tun haben.

Das Projekt startete im Jahr 2000 als Fachstelle gegen Männergewalt im Kanton Luzern. Nach der Vereinsgründung wurde die vorherige Trägerschaft manne.ch abgelöst, die Fachstelle reorganisiert und in Agredis umbenannt.

Mittlerweile ist die Fachstelle eine behördlich anerkannte und abgestützte Zentralschweizer Dienstleistung, welche als eigenständiger Verein agiert.

 

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