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«Häusliche Gewalt ist nach wie vor ein Tabuthema»
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Rund 474 Fälle häuslicher Gewalt registrierte die Luzerner Polizei im letzten Jahr. (Bild: Ausschnitt: Kampagnen-Flyer)

16 Tage gegen Gewalt an Frauen «Häusliche Gewalt ist nach wie vor ein Tabuthema»

5 min Lesezeit 25.11.2015, 17:03 Uhr

Tanzend gegen häusliche Gewalt: Mit Flashmobs will eine Kampagne in Luzern auf Gewalt an Frauen aufmerksam machen. Diese beginnt subtil mit der Kontrolle von Handy oder Finanzen. Plötzlich können Ohrfeigen folgen, bis es schliesslich in brutale Gewalt ausartet. zentral+ fragte bei der Fachstelle Gewaltprävention nach, was Betroffene tun können.

«Jede fünfte Frau in der Schweiz wird Opfer von häuslicher Gewalt. Das darf nicht verborgen bleiben.» Unter diesem Leitsatz startet diesen Mittwoch die Aktion «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» (siehe Box). Doch wie sieht es überhaupt aus mit häuslicher Gewalt im Kanton Luzern? Und was ist als Betroffener, Ausübender oder Angehöriger zu tun? zentral+ hat bei der Fachstelle des Kantons nachgefragt.

Im letzten Jahr registrierte die Luzerner Polizei 474 Fälle von häuslicher Gewalt. Renate Gisler, Fachperson Gewaltprävention, meint jedoch, dass sich längst nicht alle Betroffenen direkt an die Polizei wenden würden. «Die Opferberatungsstelle des Kantons Luzern hat 2014 über 1’000 Neumeldungen verzeichnet. Davon drei Viertel im Zusammenhang mit Gewalt- oder Sexualdelikten und ein Grossteil davon im Bereich häusliche Gewalt», erklärt Gisler. Rund ein Drittel würde den Weg über die Polizei wählen. Doch was braucht es, damit sich jemand tatsächlich dazu entschliesst, die Polizei einzuschalten? Gisler sagt, das sei in der Tat für Betroffene ein grosser Schritt. «Viele Betroffene warten lange und hoffen, dass sich die Situation verbessert.» Meistens sei dazu aber eine Unterstützung von aussen zwingend. «Es ist von Fall zu Fall sehr individuell. Die Polizei geht aber sehr sensibel mit diesem Thema um», so die Expertin.

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«Wer schlägt, der geht»

Die Polizei hat dabei zwei Möglichkeiten: Entweder sie lädt Betroffene auf den Posten ein oder, falls eine akute Gefährdung vorliegt, greift sie direkt ein. «In einem solchen Fall wird als Erstes die Gewalt gestoppt», so Gisler. Nach einem Gespräch mit der betroffenen und der gefährdenden Person werden weitere Massnahmen verfügt. «Das kann zum Beispiel eine Wegweisung nach dem Motto ‹Wer schlägt, der geht› von bis zu 20 Tagen oder gar eine vorläufige Festnahme sein.» Für umfassenden Schutz können Frau und Kinder auch ins Frauenhaus gebracht werden, hält Gisler fest. «Umgekehrt gibt es natürlich auch Institutionen für Männer.»

Mit diesem Flyer macht die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» auf sich aufmerksam.

Mit diesem Flyer macht die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» auf sich aufmerksam.

(Bild: zvg)

Opfer- und Beratungsstelle bieten Hilfe

Häusliche Gewalt ist ein sehr umfassender Begriff. «Dies kann körperliche Gewalt sein, aber auch psychische, sexuelle, soziale oder wirtschaftliche Gewalt», erklärt Gisler. Die Formen der Gewalt würden dabei von Beleidigungen, Beschimpfungen, Kontrolle, Drohungen bis hin zu schwerer sexueller und körperlicher Gewalt reichen. Es gibt Risikofaktoren, welche die Gefahr, in eine Gewaltspirale zu geraten, erhöhen würden. «Kinder, die selber Gewalt erlebten – an sich oder an einem Elternteil –, haben ein erhöhtes Risiko, als Erwachsene ebenfalls vom Problem betroffen zu sein», so Gisler. Weiter seien zum Beispiel ein grosses Machtgefälle in der Beziehung, rigide Rollenbilder sowie finanzielle Schwierigkeiten mögliche Risikofaktoren für häusliche Gewalt.

«Gewalt ist nicht tolerierbar.»

Renate Gisler, Fachperson Gewaltprävention

Start: Diesen Mittwoch in Luzern

Um 17.30 Uhr findet beim Torbogen am Bahnhofplatz Luzern die Lancierungsaktion «Dance & Rice» statt. Ein Tanz-Flashmob soll die 16 Tage gegen Gewalt an Frauen eröffnen.

Von 19.00 bis 21.00 Uhr findet im Auditorium der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit der Anlass «Häusliche Gewalt hier und dort – ein interkultureller Vergleich» statt. Es wird ein Film gezeigt, im Anschluss findet ein Podiumsgespräch mit Experten statt.

Auf der Webseite der Fachstelle Koordination Gewaltprävention findet sich eine Rubrik Hilfe und Beratung. Dort wird erklärt, was man als Betroffene, Gefährdende oder auch Angehörige im Falle häuslicher Gewalt tun kann. Es wird empfohlen, sich an Opfer- und Beratungsstellen zu wenden. «Diese können auch Auskunft geben, wenn man nicht genau weiss, was zu tun ist», unterstreicht Gisler. Und man könne sich auch anonym melden. Als Nachbarn oder Verwandte selber aktiv zu werden, sei je nach Situation sehr schwierig, meint Gisler. «Klar kann man die Unterstützung anbieten und zeigen, dass man für die Betroffenen da ist. Allerdings will man sich ja häufig nicht zu sehr einmischen.»

Intervention muss zeitnah erfolgen

«Häusliche Gewalt ist nach wie vor eine Tabuthema», hält Gisler fest. «Die Hemmungen, sich ins Privatleben anderer einzumischen, sind gross, andererseits steht unmissverständlich fest, dass Gewalt nicht tolerierbar ist.» Um die Betroffenen und Gefährder zu erreichen und zu unterstützen, sei es wichtig, dass man möglichst zeitnah intervenieren könne, weil sich die Situation nach wenigen Tagen wieder entspannt haben könnte, erklärt Gisler. «Häufig ist dies aber von kurzer Dauer. Und man weiss heute, dass Frequenz und Intensität bei wiederholter häuslicher Gewalt steigen können. Schwierige Situationen und Belastungen – etwa finanzieller Art oder durch einen erhöhten Suchtmittelkonsum – können zusätzlich die Hemmschwelle für Gewalttaten sinken lassen.»

Wichtig, so Gisler, sei die Erkenntnis, dass häusliche Gewalt unabhängig von sozialen Schichten oder einer nationalen Zugehörigkeit auftreten könne. Deshalb bietet die Fachstelle Koordination Gewaltprävention sogenannte SOS-Karten in verschiedenen Sprachen an. 

Die SOS-Karten in verschiedenen Sprachen: links in Serbisch und rechts in Tamilisch.

Die SOS-Karten in verschiedenen Sprachen: links in Serbisch und rechts in Tamilisch.

«Niemand ist alleine»

Gisler ist überzeugt, dass Gewaltprävention wirkt. «Prävention ist immer schwierig zu messen. Wir erweitern unser Fachwissen stetig und setzen uns mit den anderen Fachstellen und Behörden, die mit Gewalt in Berührung kommen, mit Überzeugung gegen jegliche Form von Gewalt ein.» Es handle sich immer um persönliche Schicksale und jede Verbesserung sei als Erfolg zu werten. Die Fachstelle Koordination Gewaltprävention setzt sich weiter gegen Zwangsheirat, Stalking oder Frauen- und Menschenhandel ein. Nicht nur die Gewalt an Frauen sei ein Thema, sondern alle Formen der Gewalt, auch an Kindern und Männern.

Mit der aktuellen internationalen Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» will die Fachstelle Gewaltprävention zusammen mit der Zentralschweizer Arbeitsgruppe betroffene Frauen ermutigen, sich zu wehren. «Niemand soll sich mit häuslicher Gewalt alleine fühlen und wissen, wo Hilfe und Unterstützung angeboten werden», macht Gisler die Kampagne schmackhaft. Mit einem Tanz-Flashmob soll die breite Masse auf das Problem aufmerksam gemacht haben. Gisler freut sich, dass viele Gruppen und Vereine ihr Mitmachen zugesichert haben.

Sehen Sie das offizielle Video des Tanz-Flashmobs «Break the chain» der internationalen Kampagne.

 

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