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Häuser verschieben im Crèmeschnitten-Prinzip
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Sie braucht wenig Platz: Die Iten AG befindet sich im obersten Stock des Hauses. (Bild: wia )

Zuger Unternehmen gedeiht in der Nische Häuser verschieben im Crèmeschnitten-Prinzip

6 min Lesezeit 26.05.2015, 05:49 Uhr

Zuhinterst im Ägerital, dort wo vor 700 Jahren Schlachten stattfanden, steht eine kleine Firma, die Einiges bewegt. Ihre Spezialität ist es nämlich, Häuser zu verschieben – derzeit gerade das «Tramhüsli» in Emmen. Mittlerweile ist die Iten AG schweizweit bekannt. Doch auch aus dem Ausland kommen manchmal kuriose Aufträge.

Dass sich Häuser nicht nur bauen und abreissen, sondern auch verschieben lassen, war für die meisten Leute lange unvorstellbar. Jedenfalls bis zum Jahr 2012, als in Oerlikon ein 6200 Tonnen schweres Gebäude um 60 Meter verschoben wurde – was ein riesiges Medienecho verursachte. Seither ist die Firma Iten AG, welche für die Verschiebung zuständig war, nicht mehr nur der Branche, sondern auch vielen Schweizern ein Begriff.

Unscheinbar im Ägerital

Und das, obwohl die Firma mit knapp 20 Mitarbeitern klein und an ihrem Standort in Morgarten auch nicht sehr auffällig ist. Ob denn das Unternehmen spannend genug sei für einen Artikel, gibt der Geschäftsleiter Rolf Iten zu bedenken. Wir finden ja und fahren ins Ägerital. Durch Unterägeri, durch Oberägeri, stets entlang des grauen Sees, auf dem ein Kursschiff dem Regen trotzt.

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Unaufgeregt wirkt die Firma Iten auch von innen. Nur wenige Leute sind da, der Empfang ist leer. An den Wänden hängen auf Leinwand gezogene Fotografien von Aufträgen. Von Unterfangungen, Hebungen, und natürlich auch von Verschiebungen. Und hierbei geht es nicht bloss um Gartenhäuschen, sondern um ganze Villen und Geschäftsgebäude.

Die Villa Olivia als Gesellenstück

Eine kolorierte Fotografie der Hausverschiebung in Oerlikon hängt hinter Iten. Sein Meisterwerk? «Nein, es war einfach der grösste Auftrag», sagt er und deutet auf eine vergilbte Fotografie, die an der Wand lehnt. «Das da ist die Villa Olivia», erklärt er. Das Bild stammt aus den Neunzigern. Es handelt sich um eine Davoser Villa, welche die Firma um hundert Meter verschoben hat, inklusive einer Höhendifferenz von 10 Metern. Zudem wurde das Haus noch um 45 Grad abgedreht. «Das ist mein Gesellenstück», sagt Iten, der erste Auftrag, bei dem er von A bis Z dabei gewesen sei.

Verschoben und zurechtgerückt: Die Villa Olivia in Davos war Reto Itens Gesellenstück

Verschoben und zurechtgerückt: Die Villa Olivia in Davos war Reto Itens Gesellenstück

(Bild: wia)

Damals, als Bauingenieur noch unter den Fittichen seines Vaters Josef Iten, hat Rolf Iten nach dem Tod seines Vaters 1993 die Firma übernommen. Doch wie kommt es überhaupt, dass die Firma den doch eher kuriosen Dienst anbietet, Häuser zu verschieben?

«1953, im Jahr, als mein Vater seine Firma gegründet hat, wurde die Kantonsstrasse von Ägeri nach Sattel ausgebaut und damit verbreitert. Der damalige Bauherr forderte, dass das «Buchwäldli», ein Restaurant gleich beim Denkmal von Morgarten, zu diesem Zweck verschoben würde. «Derartige Versetzungen hatte es schon früher gegeben», so Iten. Und der Vater hats gewagt.

«Häuser zu verschieben wurde danach zu einer Art Hobby meines Vaters.»

Rolf Iten, Geschäftsführer der Iten AG

Erfolgreich, wie sich zeigte. «Häuser zu verschieben wurde danach zu einer Art Hobby meines Vaters. Bis in die 90er Jahre hat er etwa 300 Verschiebungen gemacht», so Iten. Eine stattliche Zahl. «Es hat wohl damit zu tun, dass dies die Zeit war, in der viele Nationalstrassen gebaut wurden und dadurch Häuser weichen mussten.» Das klingt aufwendig und langwierig. Hat die kleine Firma etwa eine Monopolstellung? «Neben den Verschiebungen sind wir auf Hebetechnik spezialisiert. In der Schweiz gibt es drei, vier Firmen, die das ebenfalls können. Doch Hausverschiebungen sind schon speziell – und in diesem Gebiet sind wir vermutlich die Einzigen.»

Dennoch gibt Iten zu bedenken: «Der Ersatz ist eigentlich unsere Konkurrenz. Denn bei jedem Haus, das man verschieben will, stellt sich die Frage, ob sich das überhaupt lohnt.» Denn früher sei anders gebaut worden, kleinere Zimmer, kleinere Fenster. Zudem sei stets zu eruieren, ob die Bausubstanz noch gut sei.

Verschiebung ist quasi Recycling

In welchen Fällen lohnt sich der Aufwand? «Wenn ein Haus beispielsweise ortsbild- oder denkmalgeschützt ist. Oder wenn der Bauherr einen stark emotionalen Bezug dazu hat», sagt Iten. Beim aktuellen Projekt etwa, dem «Tramhüsli» in Emmen (zentral+ berichtete), habe einer der Unterstützer sehr viel Geld an den Erhalt des Gebäudes beigesteuert, weil seine Mutter offenbar früher dort am Kiosk gearbeitet habe.

Die Verschiebung dieses Emmer Tramhüsli liegt derzeit in den Händen der Iten AG.

Die Verschiebung dieses Emmer Tramhüsli liegt derzeit in den Händen der Iten AG.

(Bild: cha)

«Eigentlich ist eine Hausverschiebung das beste Recycling», sagt Iten und lacht. «Es ist wie bei einem alten Auto, in dem sehr viel graue Energie steckt. Das heisst, die Herstellung ist ökologisch sehr belastend, weshalb es sich lohnt, noch eine Weile damit herum zu fahren, auch wenn man etwas mehr Benzin braucht als bei einem neueren Auto.»

«Ich kann ja nicht einfach auf einen Architekten zugehen und ihm vorschlagen, sein Haus zu verschieben.»

Rolf Iten, Geschäftsführer der Iten AG

Ist eine Firma auf das Verschieben von Gebäuden spezialisiert, ist es nicht einfach, Aufträge einzuholen. «Ich kann ja nicht einfach auf einen Architekten zugehen und ihm vorschlagen, sein Haus zu verschieben», schmunzelt Iten. «Die Leute kommen viel eher auf einen zu. Dennoch machen wir Werbung. Beispielsweise für eine spezielle Messtechnik, mittels der man Setzungen und Verformungen in einem Haus feststellen kann. Wenn man diese genügend früh erkennt, kann man etwas dagegen tun.»

Vor drei Jahren versetzte die Iten AG das alte Direktionsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon – mit 80 Metern Länge das grösste Haus in Europa, das bisher verschoben wurde. Eine Arbeit, die stolze zehn Monate Vorbereitungszeit brauchte.

 

Ist es denn überhaupt möglich, vor der Durchführung eines solchen Megaprojekts gut zu schlafen? «Naja, ich hatte sicher Adrenalinschübe. Nicht zuletzt, weil das Medieninteresse enorm war.» Obwohl sich die Verschiebung in Oerlikon nicht wirklich von anderen unterschieden habe.

«Wir machen die Immobilie quasi mobil.»

Rolf Iten, Geschäftsführer der Iten AG

Das heisst konkret: «Es ist im Prinzip wie bei einer Crèmeschnitte, von der man eine Schicht herausschneidet und mit einem neuen Stahlbetonträger ersetzt, dann schneidet man eine zweite Schicht raus, in welche die eigentliche Vorschubkonstruktion gebaut wird.» So werde das Haus wie auf einen Teller geschoben, welcher seinerseits mittels Rollen verschoben werde. «Es ist schon ein wenig kurios. Wir machen die Immobilie somit quasi mobil», sagt Iten.

Wenn man die finanziellen Mittel dazu hat. Laut Iten müsse man damit rechnen, dass eine Verschiebung eines Hauses etwa einen Drittel des Gebäudes selber kostet – vorausgesetzt, das Haus ist in gutem Zustand.

Ein spannendes, doch anstrengendes Terrain

Rolf Iten führt das Unternehmen in zweiter Generation. Ist geplant, dass die Firma auch künftig in der Familie bleibt? «Um dies zu sagen ist es noch zu früh. Meine Kinder sind erst acht und elf Jahre alt. Ich habe mir zwar mit Hans Odermatt einen zweiten, versierten Ingenieur ins Unternehmen geholt und auch einen Praktikanten, aber grundsätzlich ist es nicht einfach, Interessenten für diese Arbeit zu finden.» Das erstaunt, ist das Unternehmen doch in einem äusserst spannenden Bereich tätig.

«Sie müssen bedenken, dass wir zu 90 Prozent auswärts arbeiten, in der ganzen Schweiz. Zudem ist die Arbeit anspruchsvoll, weil die Aufträge nicht genormt sind. Es gibt bei jedem Gebäude unbekannte Faktoren, welche zu berücksichtigen sind. Ausserdem arbeiten wir oft im Keller und vieles was wir machen ist Handarbeit.»

Hie und da flattern bei der Iten AG auch sonderbare Anfragen rein. Leute, die ihr Haus verschieben wollen, um mehr Sonne zu haben und dann erstaunt sind, dass das mehr als ein paar Tausender kostet.

Letzten Sommer sei eine Anfrage aus der Türkei gekommen: «Es geht darum, ein 13 Meter hohes Mausoleum zu verschieben – und zwar um 1400 Meter. Als wir vorgeschlagen haben, dieses per Tieflader wegzutransportieren, erklärte der Bauherr, dass das von der Denkmalpflege her nicht in Frage käme.» Ausgeschlossen sei es jedenfalls noch nicht, dass man sich das Angebot genauer überlege. Wird das der nächste Geniestreich der kleinen Ägerer Firma?

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