Händeauflegen und Klangschalentherapie: was bringt’s?
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Pfarrer Andreas Haas lernte unter anderem schon in Nepal die Welt der Geister kennen. (Bild: wom)

Selbstversuch beim Zuger Pfarrer Andreas Haas Händeauflegen und Klangschalentherapie: was bringt’s?

6 min Lesezeit 23.09.2018, 05:25 Uhr

Handauflegen, Nepalesischer Schamanismus, Klangschalentherapie: Der reformierte Pfarrer Andreas Haas betreibt in Zug mehr als nur klassische christliche Seelsorge. Wir haben das Angebot ausprobiert.

Andreas Haas ist reformierter Gemeindepfarrer der Stadt Zug. Und das schon seit 1996. Er studierte Theologie in Bern und Oxford. Zudem ist er als Handaufleger tätig. Das Knarren seiner geflochtenen Lederschuhe auf dem einfachen Tafelmuster-Parkett seines Behandlungszimmers ist neben unserem gefühlt Baulärm-lauten Atem das einzige Geräusch im Raum. Er berührt mich.

Seine Hände liegen leicht auf meinem Körper. Wärme. Ruhe. Vertrauen. Unter Haas‘ Händen erlebe ich eine Begegnung, wie es sie im Alltag der Schweizer Geschäftigkeit nur selten zu erleben gibt. «Und er sah, dass es gut war», zitiert er später die Schöpfungsgeschichte. «Das Gute ist bereits in uns allen drin. Wir brauchen es bloss wieder zu entdecken.» Selbstoptimierung und Leistungsdruck bleiben bei Haas vor der Türe.

Das verbindende Element der Religionen

Eine Stunde später sitzt Haas mit einem schwarzen Kaffee in den Händen an einem schattigen Holztisch im Strandbad Zug, den Blick auf den himmelblauen See und die dunstverschleierten Voralpen gerichtet. «Es gibt etwas, das alle Religionen und spirituellen Lehren gemeinsam haben: Jede Religion hat einen dogmatischen, einen sozialen und einen mystischen Teil.»

«Es gibt solche, die mit meiner Arbeit gar nichts anfangen können.»

Andreas Haas, reformierter Gemeindepfarrer in Zug und Handaufleger

Im dogmatischen Teil sammelten sich über die Jahrtausende alle möglichen Imperative an. Trinke keinen Alkohol. Töte nicht. Tätige keine Zinsgeschäfte. Der soziale Teil umfasse Traditionen des Zusammenkommens in der Gemeinschaft. Am Sonntag in der Kirche, bei Tod, Heirat oder der Wintersonnenwende.

Von der Hölle zur himmlischen Ruhe

Wenn die ersten beiden Teile als striktes Gesetzbuch und – abhängig von der jeweiligen Religion – als ein gut gefüllter Familienkalender betrachtet werden können, ist der dritte Teil ein wenig wie die kryptische kleine Bauanleitung des hundertvierundzwanzig-teiligen neuen Bettgestells von Ikea: Der Prozess verspricht die Hölle auf Erden zu werden. Das Ergebnis eine himmlische Ruhe.

Zusammen mit vier weiteren Handauflegern lädt Haas zweimal im Monat zum offenen Treffen in der Zuger Citykirche. In seinem Seelsorgeraum an der Chamerstrasse 56, Tür an Tür mit dem Schweizer Braunviehverband, empfängt er Klienten auch unter vier Augen.

Hier bietet Haas Handauflegen, Klangschalentherapien und persönliche Gespräche an. Unentgeltlich. Das ist Teil seines seelsorgerischen Auftrags der reformierten Kirche Zug. Dieser und auch der Citykirche rechnet er ihre Offenheit gegenüber Ansätzen aus anderen Traditionen hoch an. «Es gibt solche, die mit meiner Arbeit gar nichts anfangen können. Das ist auch in Ordnung so. Menschen sind verschieden und nicht alles passt für jeden.»

Die Welt der Geister

Im Laufe der Jahre machte sich der leidenschaftliche Pfarrer auf verschiedene mehrmonatige Studienreisen. In Nepal liess er sich von Schamanen in die Welt der Geister einweihen. Auf dem Benediktushof im unterfränkischen Holzkirchen übte er sich unter der Führung seines Meisters Willigis Jäger Kyo un Roshi in Zen. Dogmatik können andere.

«Ich kann lediglich den Raum öffnen, damit die Kraft, die wir Gott nennen, wirken kann.»

Gerade kürzlich kam Haas leicht braungebrannt zurück aus Florenz, wo er sich in die Psychosynthese von Roberto Assagiolo vertiefte. «Die westliche Schule der stark intellektuell geprägten Psychoanalyse zerlegt uns in unsere Einzelteile. Die mystischen Rezepte aus verschiedensten Traditionen helfen uns, was fragmentiert ist, wieder zusammenzufügen», erklärt Haas. Er interessiert sich für beide Prozesse.

«Die mystischen Anweisungen der verschiedenen Traditionen» – also der Ikea-Bauplan zur himmlischen Ruhe – «weisen auf die gleiche Kraft. Im Christentum nennen wir sie Gott», fährt der Pfarrer fort. Die verschiedenen Anleitungen sollen helfen, das Göttliche zu erleben. «Das Transpersonale, oder Spirituelle, ist eine erlebbare Berührung mit Gott, zu der uns viele Traditionen den Weg weisen. Wer sich auf die Suche danach begibt, den begleite ich gerne auf seiner Reise», sagt Haas.

Gott als grosser Elefant

Dieses transpersonale Erlebnis macht er anschaulich, wenn er ein hinduistisches Bild zu Hilfe nimmt, um seine Gedanken zu erläutern: «Gott ist wie ein grosser Elefant. Eine Religion sagt: ‹Ich habe seinen Rüssel!› Eine andere ruft: ‹Wir haben seinen Fuss!›»

Haas gibt auch Klangschalentherapien.

Haas gibt auch Klangschalentherapien.

(Bild: wom)

Entweder glaube man nun, der Fuss, den man zu fassen kriege, sei das Ganze. Oder aber man öffne sich für die Vorstellung, dass an dem Fuss noch ein Elefant hängt. Und an dem Elefant auch ein Rüssel. Und am Rüssel vielleicht sogar noch eine andere Religion.

Im Behandlungszimmer des Pfarrers stehen goldene Klangschalen in einem schlichten Regal. Vor einem orientalischen Wandbehang steht eine Liege, wie sie auch Masseure verwenden. In das Kopfstück des vertraut europäischen Sekretärs in der Ecke ist ein Hase eingeschnitzt. Ein schönes Stück Handwerkskunst aus dem letzten Jahrhundert. Ich liege derweil auf der Liege.

Studie geht Handauflegen auf den Grund

Haas legt mir die Hände auf. Erst an Nacken und Kopf. Dann an den Armen, den Händen. Auf dem Becken und Bauch, den Knien und Füssen. Das Ganze dauert rund 30 Minuten. Er spricht ein Gebet, und eine entspannte Ruhe stellt sich zwischen uns beiden ein. Der Atem beruhigt sich. Geborgenheit. Wärme. Wenn auch auf eine eher unpersönliche Art. Distanziert, aber da. Ein Raum zum Loslassen.

«Die moderne Medizin greift nun das heilende Potenzial von Spiritualität wieder vermehrt auf.»

Ob, und wenn ja, wie stark das Handauflegen wirkt, darauf sollte diesen Sommer eine Studie der Universität Zürich das aufklärerische Licht der Wissenschaft werfen. Nebulöser Spiritismus mal zur Seite. Lassen wir die Fakten sprechen.

Haas behandelte im Rahmen der Studie verschiedene Schmerzpatienten. Diese liessen sich die gesegneten Hände auflegen, entspannten sich auf der Liege und füllten anschliessend minuziös Fragebögen zu ihrem Befinden aus. Konnten die Schmerzen gelindert werden? Wurde der Stress reduziert? Zu welchen Schlüssen die Studie gelangt, wird erst in einigen Monaten veröffentlicht.

Einschlafen ist okay

«Ich kann niemanden heilen. Ich kann eigentlich gar nichts aktiv tun. Ich kann lediglich den Raum öffnen, damit die Kraft, die wir Gott nennen, wirken kann», sagt Haas. Geschehen müsse nichts, meinte er beim Vorgespräch zum Handauflegen. Auch wenn ich einschliefe, sei das in Ordnung. «Mein Dozent an der Uni Bern meinte immer, wenn man in seiner Vorlesung einschliefe, sei das der schönste Beweis des Vertrauens. So halte ich es hier auch.»

Ein Kurzfilm des Zuger Filmemachers Remo Hegglin über das Handauflegen. In dem Film kommt auch Andreas Haas zu Wort.

Wenn sich doch mal theologische Dispute über Haas‘ Praktiken entfachen, geht es meist um die Grundsatzfrage des Heilauftrags im Christentum. Bis vor der Aufklärung sei dieser in der kirchlichen Tradition noch integraler Bestandteil des geistlichen Selbstverständnisses gewesen.

Mit der Säkularisierung der Aufklärung wurden die medizinischen Pflichten an die Wissenschaft abgetreten. «Die moderne Medizin greift nun das heilende Potenzial von Spiritualität wieder vermehrt auf. Ich erachte es als essenziell, dass die Kirche wieder versteht, was für ein tiefgreifender Schatz in ihrer Tradition steht», erklärt Andreas Haas abschliessend.

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