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Gute Kunst liefert keine Antworten, sondern stellt Fragen
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Clemens von Wedemeyer vor seiner Videoinstallation Transformation Scenario (Bild: Marlis Huber)

Von Wedemeyer und Piscitelli im Luzerner Kunstmuseum Gute Kunst liefert keine Antworten, sondern stellt Fragen

3 min Lesezeit 02.11.2019, 14:32 Uhr

Kunst, die den Wert von Alltagsgegenständen erfragt und Computeranimationen, in denen Menschenansammlungen und Massenphänomene ein gespenstisches Ausmass annehmen. Solches und anderes zeigen der Filmemacher Clemens von Wedemeyer aus Berlin und die Künstlerin Giulia Piscitelli aus Neapel aktuell im Kunstmuseum Luzern.

Nach der erfolgreichen William-Turner-Ausstellung wendet sich das Kunstmuseum Luzern  der Gegenwartskunst zu. So stellt die Museumsdirektorin und Kuratorin Fanni Fetzer in der aktuellen Ausstellung Nella Societa» (In Gesellschaft) Werke von Giulia Piscitelli (*1965) und Clemens von Wedemeyer (*1974) in einen losen Dialog.

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Unterschiedliche, offene Positionen stellen Fragen an die Gegenwart

Zwei Namen, die hierzulande dem breiten Publikum wohl wenig geläufig sein dürften. An die Stelle von tradierten Werten, die mit grossen Namen zwangsläufig einhergehen, treten nun offene, unsichere Positionen. In ihrer künstlerischen Auseinandersetzung gehen die beiden Kunstschaffenden zwar ganz unterschiedliche Wege.

Auf der einen Seite sind es Objekte, spielen Haptik und Transformationsprozesse eine wichtige Rolle, auf der anderen Seite sind es Computersimulationen, Videoarbeiten, Filme. Doch so unterschiedlich die Werke der Beiden ausfallen, es sind die gesellschaftlichen Fragen, die beide Kunstschaffende antreiben.

Alltagsgegenstände und Bezüge zur italienischen Kunst-und Kulturgeschichte

In einigen ihrer Werke lässt die in Neapel lebende Giulia Piscitelli Unmittelbares aus ihrer Umgebung einfliessen, in anderen wiederum bezieht sie sich auf die reiche Kultur- und Kunstgeschichte Italiens. Greift sie auf Vergangenes zurück, verweist sie auf die Gegenwart und befragt manchmal gar das Zukünftige.

In manchen Arbeiten rückt sie die Frage nach dem Wert von Alltagsgegenständen in einer von Massenkonsum geprägten Gesellschaft ins Zentrum ihrer Auseinandersetzung. Liegen gelassene, vergessene oder nutzlos gewordene Gegenstände, die sie später in neue Sinnzusammenhänge transformiert, findet sie im neapolitanischen Alltag; am Strassenrand, auf dem Markt, im Trödelladen.

Blattgold über Trash wirkt Wunder

Für «Pittura Muta» nimmt sie eine Anzahl jener schlechten bis mittelmässigen Bilder, die in jeder Brockenstube zu finden sind und überzieht diese samt Rahmen mit Blattsilber. Die einstigen Motive bleiben in ihren Konturen erkennbar, die Objekte durchlaufen einen Veredelungsprozess, ohne das Gewesene ganz auszulöschen.

Oder sie nimmt nutzlos gewordene Alltagsgegenstände. Anders als Marcel Duchamp vor hundert Jahren, der ein Pissoirbecken bloss mit seiner Signatur zum Kunstgegenstand erklärte, versieht Piscitelli ihre wertlos gewordenen Objekte mit dem Emblem der Automarke Ferrari. Das sich aufbäumende Pferd auf gelbem Grund wird zum Garant für Edles und Teures. Nicht unerwähnt sei der mit Nägel durchstossene Frauenschuh mit hohem Absatz, der irgendwo beiläufig am Boden liegt. Ein Gegenentwurf zu Meret Oppenheims Pelztasse? Oder birgt er gar emanzipatorisches Potenzial?

Digitale Wirklichkeiten greifen um sich

Der in Göttingen geborene und in Berlin lebende Clemens von Wedemeyer befasst sich in seinen Arbeiten mit Menschenanhäufungen, Massenveranstaltungen und Dichtephänomen. Als Ausgangslage für einige seiner Arbeiten dient ihm der Klassiker von Elias Canetti «Masse und Macht» von 1960. Mit seinen zahlreichen Beispielen zu Massen- und Machtphänomenen nimmt das Werk ein universales, enzyklopädisches Ausmass an und ist insbesondere in Zeiten von Facebook, Twitter, Google und Co von überraschender Aktualität.

Das zeigt von Wedemeyer etwa in der Videoinstallation «Transformation Scenario» von 2018, in dem er zeigt, wie sich die Grenzen zwischen digitaler und realer Wirklichkeit in Zukunft immer mehr auflösen werden. In der Arbeit «70.001» von 2019 simuliert Wedemeyer die Leibziger Montagsdemonstrationen aus dem Jahre 1989 als Massenveranstaltung, die aus allen Nähten zu platzen droht. Denn die gewaltige Menschenmasse, die sich bei von Wedemeyers Computeranimation gespenstisch durch die Strassen von Leibzig schiebt, besteht aus komplett digitalen Figuren.  

Kunst als Rätsel

Der Film «Faux Terrain», der mit Luzerner Statistinnen und Statisten für die hiesige Ausstellung entstand, sei ihm selber ein Rätsel, so von Wedemeyer während des Ganges durch die Räume.

In diesem tatsächlich etwas rätselhaften Film führt eine junge Frau die Museumsbesucher wortlos durch das Bourbaki-Panorama, die stillgelegte Zivilschutzanlage im Sonnenberg, die fasnächtlichen Luzerner Strassen, sowie die Räume des Kunstmuseums. Willkommen in der Realität! Gute Kunst liefert keine Antworten, sondern stellt Fragen.

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