Guido Graf über Corona: «Ich erwarte eine vierte Welle»
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Der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf blickt vor den Sommerferien auf intensive anderthalb Jahre zurück. (Bild: jal)

Zwischenbilanz des Luzerner Gesundheitsdirektors Guido Graf über Corona: «Ich erwarte eine vierte Welle»

6 min Lesezeit 7 Kommentare 11.07.2021, 05:01 Uhr

Die Deltavariante droht den unbeschwerten Sommer zu beeinträchtigen. Der Luzerner Gesundheitsdirektor schliesst nicht aus, dass es aufgrund einer vierten Welle wieder zu Einschränkungen kommt. Im Interview spricht Guido Graf über die kräftezehrenden anderthalb Jahre der Coronakrise und seine persönlichen Zukunftspläne.

zentralplus: Guido Graf, die Fallzahlen sind bis vor Kurzem stark gesunken, die Massnahmen wurden gelockert. Sind wir über den Berg?

Guido Graf: Ja, ich denke, wir sind über den Berg – aber nur vorerst. Ich erwarte eine vierte Welle. Um im Bild zu bleiben: Wir haben einen Berg hinter uns, aber es ist wahrscheinlich nicht der letzte Berg, den es zu erklimmen gilt in dieser Pandemie.

zentralplus: Vor einem Jahr waren wir in einer ähnlichen Situation, wir genossen unbeschwert den Sommer – dann kam der Hammer im Herbst. Wiederholt sich dieses Szenario jetzt mit der Deltavariante?

Graf: Natürlich wünsche ich mir das nicht, aber ich würde nicht ausschliessen, dass wir wieder gewisse Einschränkungen haben werden aufgrund einer vierten Welle. Und ich vermute, dass der Anstieg der Fallzahlen vermehrt jüngere Personen zu einer Impfung motivieren wird. Wir sehen jetzt in Israel, dass sich mit der Deltavarianten viele Junge in den Schulen infizieren. Wir sind heuer aber sicher besser vorbereitet als vor der zweiten Welle.

zentralplus: Dank der Impfung.

Graf: Ich habe vollstes Vertrauen, dass die Geimpften nicht mehr schwer erkranken werden. Man muss auch sehen: Wir können alles sehr gut vorbereiten, aber die Menschen müssen genug Kraft haben, die nächste Welle durchzustehen. Darum bin ich froh, wenn jetzt, wo die Zahlen tief sind, möglichst alle in die Ferien gehen und sich erholen. Denn wir alle sind müde und wissen nicht, was uns im Herbst und Winter erwartet.

«Das Bild der Särge, die nachts abtransportiert wurden, hat mich sehr mitgenommen.»

zentralplus: Wie werden Sie persönlich die Sommerferien verbringen?

Graf: Ich werde nicht verreisen, sondern bleibe hier. Ich arbeite zwar, aber reduziert und mit weniger Terminen. Meine Fische wird das freuen (Guido Graf hat einen eigenen Weiher, in dem er gerne fischt, Anm. d. Red.).

zentralplus: Blicken wir zurück auf diese Pandemie: Was waren für Sie die prägendsten Momente der letzten anderthalb Jahre?

Graf: Ich weiss noch, als ich an Silvester 2019/2020 dachte, China ist weit weg. Am Aschermittwoch letzten Jahres dann rief mich mein Departement in den Ferien an und bestellte mich ins Büro. Einen Tag später haben wir die Task Force Corona ins Leben gerufen. Es gab zwar Pläne für einen solchen Fall, aber bis dahin wusste niemand, was eine Pandemie wirklich bedeutet. Prägend waren sicher auch die Bilder aus Italien.

zentralplus: Sie sprechen Bergamo an?

Graf: Wir haben im Frühling 2020 sehr genau geschaut, was dort passiert. Das Bild der Särge, die nachts abtransportiert wurden, hat mich sehr mitgenommen und beschäftigt. Ich wusste immer: Das darf uns nicht passieren. Ein Kollege aus dem Tessin erzählte mir, dass ihnen die Beatmungsgeräte fehlten. Da war für mich klar: Wir müssen alles zusammenkaufen, was der Markt hergibt. Aber es gab natürlich auch schöne Momente.

zentralplus: Nämlich?

Graf: Zum Beispiel die rund 700 freiwilligen Helferinnen und Helfer, die sich gemeldet haben. Oder die Erfahrung, dass unser Gesundheitswesen extrem flexibel und robust ist und die Zusammenarbeit der verschiedenen Leistungserbringer ausgezeichnet funktioniert.

«Wir haben nicht als erster Kanton der Schweiz geimpft, weil ich der Erste sein wollte. Sondern weil uns damals die Menschen in den Heimen weggestorben sind.»

zentralplus: Wo sind Sie selbstkritisch?

Graf: Wir alle haben das zum ersten Mal erlebt, ich würde also nicht von Fehlern reden, sondern von Erfahrungen. Eine davon ist: In einer Krise sollte man möglichst viel in den eigenen Händen behalten, dann sinkt das Risiko. Das haben wir beim Contact Tracing erfahren. Heute würde ich zudem sagen: Man muss immer das Unmögliche denken. Die Coronakrise zeigte uns mehrfach, dass es anders kommt als man denkt. Und man braucht Mut.

zentralplus: Wie meinen Sie das?

Graf: Ich mache ein Beispiel: Wir haben nicht als erster Kanton der Schweiz geimpft, weil ich der Erste sein wollte. Sondern weil uns damals die Menschen in den Alters- und Pflegeheimen weggestorben sind. Der Impfstoff war vorhanden, nur die Informatik fehlte. Für mich war klar: Wir müssen anfangen zu impfen, egal, ob das IT-System parat ist oder nicht.

zentralplus: Viel war die Rede vom Kantönligeist. Braucht der Föderalismus ein Update?

Graf: Die erste Welle, als der Bund führte, verlief ganz anders als die zweite und dritte. Da muss man als Kanton ehrlich sein: Es gibt Dinge, die zentral besser geregelt sind. Wenn ich dran denke, wie viele Ressourcen ich investiert habe in die Diskussion ums Skifahren und Skiterrassen … Aber wenn ich andere Länder anschaue, sind wir in der Schweiz und auch im Kanton Luzern bislang gut durch die verschiedenen Wellen gekommen. Grundsätzlichen Anpassungsbedarf sehe ich also nicht.

zentralplus: Sie sind selber an Corona erkrankt. Hat das Ihre Perspektive verändert?

Graf: Ich hatte kurze Zeit Mühe, den Tritt wiederzufinden, obwohl ich einen milden Verlauf hatte. Es gab damals schon eine gewisse Müdigkeit, die ich verspürte. Und ungeachtet dessen, dass ich alle Hygienemassnahmen streng befolgte, habe ich mich angesteckt. Ich weiss bis heute nicht, wo. Das zeigte mir: Das Virus ist da und kann auch Leute treffen, die extrem vorsichtig sind.

«Der Impfstoff macht weder unfruchtbar noch hat Bill Gates etwas damit zu tun.»

zentralplus: Die Pandemie hat die Gesellschaft in der Schweiz gespalten. Oft werden Diskussionen, gerade auch über die Impfung, emotional und aggressiv geführt. Wie erklären Sie sich das?

Graf: Diese Krise, die nun schon rund eineinhalb Jahre andauert, zehrt an unseren Nerven, viele sind erschöpft und dünnhäutig. Es ist eine gewisse Gereiztheit spürbar. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen faktenbasierter miteinander reden und etwas weniger emotional. Es ist eine Tatsache: Ohne Impfung hätten wir noch mehr Todesfälle zu verzeichnen. Ja, es kann kurzfristige Nebenwirkungen in Form von Grippesymptomen geben und die Pharmaindustrie verdient Geld mit dem Impfstoff. Aber der Impfstoff macht weder unfruchtbar noch hat Bill Gates etwas damit zu tun.

Guido Graf bei der Eröffnung des Impfzentrums in Willisau.

zentralplus: Sie haben den aggressiveren Ton auch selber zu spüren bekommen. Sie und weitere exponierte Mitarbeiter des Gesundheits- und Sozialdepartements (GSD) wurden bedroht (zentralplus berichtete).

Graf: Das ist sehr unangenehm. Vor allem, wenn sich die Drohungen gegen die Familie richten. Ich war beim Asyldossier eine Zeit lang sehr exponiert. Aber so etwas wie jetzt in der Coronapandemie habe ich in all den Jahren als Politiker noch nie erlebt.

zentralplus: Inwiefern beeinflussen diese kräftezehrenden anderthalb Jahre Ihren Entscheid hinsichtlich der nächsten Wahlen? Werden Sie 2023 für eine weitere Legislatur kandidieren?

Graf: Wenn ich jetzt entscheiden müsste, würde ich sagen: Ja. Es gibt jedoch ein Aber: Das Umfeld muss stimmen, die Gesundheit und die Familie müssen mitmachen. Ich marschiere keineswegs schon jetzt direkt auf die Wahlen 2023 zu, sondern nehme eins nach dem anderen. Wer denkt, man könne alles planen, wurde in dieser Krise eines Besseren belehrt. Aber der Tatendrang, als Regierungsrat noch eine weitere Legislatur anzuhängen, der ist definitiv da.

Zur Person

Guido Graf ist seit 2010 Luzerner Regierungsrat und Vorsteher des Gesundheits- und Sozialdepartements. Der 63-jährige CVP-Politiker wohnt in Pfaffnau.

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7 Kommentare
  1. estermap, 12.07.2021, 09:44 Uhr

    In der 4. Welle redet der Bautechniker dann wieder von seinen «schlaflosen Nächten» und den Fallzahlen. In den zdf-Nachrichten meinte nun der deutsche Epidemiologe Klaus Stöhr, wichtiger als die Fallzahlen (der positiv Getesteten) sei die «Krankheitslast». Das ist die Zahl der Hospitalisierungen wegen Covid-19 sowie die Zahl der Behandlungen auf Intensivstationen.
    Lustat veröffentlicht dazu gegenwärtig nur eine Graphik. Wann lernt Lustat dazu?

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    1. Andreas Peter, 12.07.2021, 11:23 Uhr

      @estermap: Das stimmt so nicht.
      Lustat veröffentlicht die Zahlen, wenn auch manchmal leicht verzögert:
      «Zurzeit (09.07.2021) sind 6 Personen im Kanton Luzern hospitalisiert. ….
      Beatmet werden mussten am 09.07.2021 0 Corona-Patient/innen.»

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  2. Stefan Sutter, 12.07.2021, 08:36 Uhr

    Der Mann wird 2023 65 Jahre alt. Er sollte ganz sicher nicht nochmals antreten. Er überschätzt sich masslos, wenn er das tut.

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  3. mebinger, 11.07.2021, 13:05 Uhr

    Wahrscheinlich wird er erst bei der 37 Welle merken, das es nichts aussergewöhnliche gibt

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  4. Andreas Peter, 11.07.2021, 09:35 Uhr

    Wie das mit den Särgen in Bergamo zu Stande gekommen ist, hat nun glaube ich jeder verstanden, ausser Herr Graf?

    Mit diesen Bildern haben die Medien viel Panik ausgelöst, welche man mit einem adäquaten Kommentar zur Situation in Bergamo hätte vermeiden können.

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    1. Michel von der Schwand, 11.07.2021, 15:56 Uhr

      Panisch sind nur Flacherdler und Schwurbler wie du einer bist. Alle anderen sind die Ruhe selbst. Such dir einen Job.

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    2. Andreas Peter, 11.07.2021, 17:30 Uhr

      @Michel von der Schwand: Worauf beziehen Sie ihren Beitrag?
      Ich kann beim besten Willen nichts flacherdlerisches in meinem Kommentar erkennen.
      Geht es Ihnen gut?

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