Guido Graf fährt Krankenkassen an den Karren
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Die Krankenkassen müssten bei den Rechnungen der Spitäler genauer hinschauen, fordert Gesundheitsdirektor Guido Graf.. (Bild: jal)

Gepfeffertes «Wort zum Freitag» Guido Graf fährt Krankenkassen an den Karren

4 min Lesezeit 5 Kommentare 18.09.2021, 05:01 Uhr

Der Luzerner Gesundheitsdirektor verärgert die Krankenkassen. Er suggeriert in einem Blogbeitrag, dass sie bei den Rechnungen der Spitäler zu wenig genau hinschauen würden. Das entbehre jeglicher Grundlage, entgegnet eine der grössten Versicherungen.

Sie sind ein politischer Dauerbrenner und sorgen immer wieder für Schlagzeilen: die Gesundheitskosten. Anfang Monat löste ein Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) eine neue Debatte aus. Der Grund: Eine Kontrolle zeigte, dass die Preise für medizinisches Material je nach Spital ganz unterschiedlich hoch sind. Für einen Stent, ein röhrchenförmiges Implantat, verlangte ein Spital von der Krankenkasse zum Beispiel 1200 Franken – ein anderes berechnete für das gleiche Modell 3500 Franken.

Nebst den Ärzten nimmt die EFK auch die Kantone in die Pflicht: Diese würden der Kontrolle der Notwendigkeit medizinischer Leistungen im Einzelfall zu wenig Beachtung schenken, heisst es im Bericht.

Graf wünscht sich Fokus auf Kerngeschäft statt Lobbyarbeit

Der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf findet: Die Kantone nehmen ihre Verantwortung sehr wohl wahr. Und er spielt den Ball weiter. In seinem aktuellen Blog auf seiner persönlichen Webseite suggeriert er, dass die Krankenkassen zu wenig genau hinschauen würden.

Und zwar bei den ambulanten Rechnungen, die der Kanton gar nie zu sehen bekommt (siehe Box). «Ich finde es doch sehr sonderbar, wenn die EFK in relativ kurzer Zeit viele Fehler entdeckt hat in diesen ambulanten Einzelrechnungen – und die Spezialisten beziehungsweise die Krankenversicherer nicht!», schreibt Guido Graf auf seiner Webseite. «So hätten ihnen etwa die unterschiedlichen Preise für Stents auffallen müssen, da sie ja einen schweizweiten Vergleich haben.»

Statt dass sich die Krankenkassen in die Politik einmischen – Graf kritisiert, dass viele nationale Politiker bezahlte Mandate von Krankenversicherern haben –, wünsche er sich mehr Engagement in ihrem Kernbereich, beispielsweise der Rechnungskontrolle.

Das erstaunt, ist es doch das erste Mal, dass Guido Graf in seinem persönlichen Blog so scharfe Worte wählt. Seit Ende April verfasst der Luzerner wöchentlich sein «Wort zum Freitag». Bislang machte er vor allem Werbung fürs Impfen, gratulierte Luzerner Sportlerinnen oder ordnete Corona-Entscheide ein.

Krankenkassen widersprechen

Bei den Krankenkassen mit Sitz in Luzern kommt die Kritik nicht gut an. «Die Concordia nimmt es mit der Kontrolle der Rechnungen der Leistungserbringer sehr genau», versichert Sprecherin Astrid Brändlin. Auch die CSS betont, dass sie grundsätzlich in eine konsequente Rechnungskontrolle investiere.

Im letzten Jahr hat alleine Concordia 8,5 Millionen Rechnungen bearbeitet. Nach elektronischer und manueller Prüfung wurden 8,1 Millionen sofort bezahlt. «403’000 Rechnungen mussten zur Korrektur an die Rechnungssteller zurückgewiesen werden, weil sie nicht versicherte Leistungen enthielten oder fehlerhaft waren», veranschaulicht Brändlin die Arbeit.

«Die Behauptung von Herrn Graf, dass die Krankenversicherer die Rechnungen ungenügend kontrollierten, entbehrt – zumindest was die Concordia anbelangt – jeder Grundlage.»

Astrid Brändlin, Leiterin Kommunikation Concordia

Durch Rechnungskontrollen spare man jedes Jahr durchschnittlich 330 Millionen Franken ein. «Die Behauptung von Herrn Graf, dass die Krankenversicherer die Rechnungen ungenügend kontrollierten, entbehrt – zumindest was die Concordia anbelangt – also jeder Grundlage.»

Einig gehen die Krankenkassen mit dem Gesundheitsdirektor, dass Fehlanreize vermieden werden müssen. Etwa bei teuren Medizinalprodukten wie den eingangs erwähnten Stents. Deren Einkauf sei unbefriedigend gelöst, weil die Kosten von der Grundversicherung übernommen werden müssten. «Darum haben die Spitäler keinen Anreiz, günstig einzukaufen», sagt Concordia-Sprecher Brändlin. «Wir fordern aus diesem Grund ambulante Pauschalen, bei denen die Gesamtleistung inklusive Medizinalprodukte vergütet wird.»

Solche Pauschalen im ambulanten Bereich wären auch laut der Finanzkontrolle wichtig, damit Ärztinnen und Spitäler mehr Druck hätten, um bei den Lieferanten tiefere Preise auszuhandeln. Vor allem aber fordert die EFK eines: mehr Transparenz bei den Rechnungen.

Ambulant vs. stationär

Operationen und Behandlungen, bei denen die Patientin im Spital übernachten muss, werden zu mindesten 55 Prozent vom Kanton bezahlt und zu maximal 45 Prozent von der Versicherung. Bei ambulanten Eingriffen tragen hingegen die Krankenkassen 100 Prozent der Kosten.

Als erster Kanton der Schweiz hat Luzern 2017 den Grundsatz «ambulant vor stationär» eingeführt: Der Kanton beteiligt sich bei gewissen, definierten Eingriffen nur noch an den Kosten, wenn die stationäre Behandlung medizinisch notwendig ist.

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5 Kommentare
  1. Michel von der Schwand, 20.09.2021, 13:15 Uhr

    Natürlich hat Herr Regierungsrat Graf in diesem Zusammenhang recht. Dabei muss man jedoch wissen, dass die Krankenkassen gar nicht in der Lage sind, Spitalrechnungen effektiv zu kontrollieren. Sie sind lediglich in der Lage zu kontrollieren, ob der vertraglich vereinbarte Tarif in Rechnung gestellt worden ist. Die Krankenkasse kann nicht feststellen, ob der privat versicherte Patient auch tatsächlich in der privaten Abteilung gelegen hat oder nicht, auch kann die Krankenkasse nicht feststellen, ob die in Rechnung gestellte Leistung tatsächlich erbracht worden ist. Dies kann tatsächlich nur der Patient. Die Spitalrechnungen sind jedoch so intransaprenz wie Nordkorea und für den Patienten kaum nachvollziehbar. Das Gesundheitswesen der Schweiz muss grundlegend überdacht werden. Ein erster Schritt zur Eindämmung der Prämien wäre sicher das Ende des ganzen Lobbyismus. Solange Verwaltungsratspräsidenten einer Krankenversicherung im Verwaltungsrat eines Spitales oder umgekehrt sein können oder Nationalräte sich mit VR-Mandaten in Krankenkassen oder Spitäler schmücken können, wird sich nicht viel ändern. Weiter müssen sämtliche Rechnungen für den Patienten nachvollziehbar sein und zuerst dem Patienten zugestellt werden. Keine Rechnungen mehr direkt an die Krankenkasse. Patienten sollen künftig die Möglichkeit haben, beim Arzt etc. nachzufragen.
    Die Schweizer Bevölkerung hat sicherlich zurecht die Einführung der Einheitskasse abgelehnt. Diese Vorlage hat eine erneute Chance, wenn der Unsinn mit Jahresfranchisen und Selbstbehalt neu überdacht wird. Ein Selbstbehalt kann von mir aus Sinn machen. Die Franchise ist lediglich eine Umverteilung der Gesundheitskosten und somit kompletter Mist. Es braucht nachhaltige Massnahmen, damit die Prämien endlich gesenkt werden können und somit auch bezahlbar werden. Noch immer ist das Gesundheitswesen ein Selbstbedinungsladen für jedermann.
    Alles was dem Versicherten keinen Nutzen mehr bringt, darf nicht mehr durch Krankenversicherungen finanziert werden. D.h. dass auch diese unnötigen Broker, Vermittler, welche nun nur abzocken, vom Markt verschwinden müssen. Medikamentenpreise müssen sinken, Bewilligungsverfahren vereinfacht werden etc.
    Das ganze System muss effinzienter und kontrollierbarer werden. Bitte vorwärts machen, denn die entsprechenden Konzepte liegen alle in den Schubladen der Krankenversicherungen. Warum man nicht im Sinne des Prämienzahlers vorwärts macht, ist den Bremser in der Politik zu verdanken. Gell, FDP und SVP.

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  2. Giorgio Grande, 19.09.2021, 17:55 Uhr

    Am besten hören wir mit der Salamitaktik auf und fahren das Gesundheitswesen sofort ganz runter, verschenken jedem migrationswilligen Arzt eine Berufsausübungsbewilligung mit FMH Anerkennung und überlassen die fachliche Verantwortung nur noch Ökonomen, Anwälten und Kassen. So kann sich der Steuerzahler teure Ausbildungen von Schweizer Ärzten sparen zumal Behandlungen ja nicht mehr zwingend in Landessprache erfolgen müssen da der moderne Patient bei fachlichen Defiziten oder sprachlichen Missverständnissen auf Dr. Google oder irgend eine Medihotline zurückgreifen kann.

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  3. oldsamestory, 19.09.2021, 17:04 Uhr

    Naja,
    1) der Einzige der RG’s kontrollieren kann, ob eine Leistung erbracht wurde, ist der Patient! Nur der weiss was tatsächlich gemacht wurde. Sind RG’s aber so abgefasst, dass sie völlig unverständlich für den Patienten sind. = Rohrkreppierer
    2) Die KK kann nur kontrollieren ob eine Leistung versichert ist. Nicht aber ob sie standgefunden hat oder nicht -> plus Vergleich ist der Preis marktüblich
    3) Leider wird Lobby betrieben, nicht nur von KK sondern auch der Pharma-Industrie und anderen….
    So läuft es bei uns in der Schweiz seit Jahren. Eine bessere Lösung weiss ich leider auch nicht 🙁

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  4. Hegard, 18.09.2021, 09:55 Uhr

    ich bin überrascht das Dieses Thema jetzt aufgenommen wird,es sind doch keine Neuwahlen.
    Dieses Thema wurde schon Mehrmals Diskutiert,Erfolg???
    Es hat warscheinlich zu viele Lobisten und Ärzte die mit Einbussen rechnen müssten.
    Auch von Kranken kassenprämien Explosion wurde geredet, aber die Prämien steigen und steigen!
    Das gleiche mit den Mietwohnungen.
    Die Besitzer sind meist
    Versicherungen,grosse verwaltungsunternehmen,Gewerkschaften usw die es den Mitgliedern wieder abnehmen
    Man sagte einmal,wenn der Hypo Zins sich senkt,müssen sich auch
    die Mieten senken,das Gegenteil ist der Fall.
    Die Politiker und Versicherungen schauen zu,weil sie auch daran profitieren.
    Und da sollte man Vertrauen haben.
    Dieselben machen durch ihre Geldgier die Wirtschaft durch senken
    der Kaufkraft kaputt.
    Es sollte verboten werden das Politiker mit Lobismus, Geld verdienen und nur kleine Spenden sollten erlaubt sein.
    Die Politiker werden von den Steuerzahler genug entlöhnt.
    Wenn da endlich aufgeräumt würde,gäbe es warscheindlich weniger Bittsteller im Sozialamt

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  5. Lucommenter, 18.09.2021, 09:42 Uhr

    Bravo Guido Graf!

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