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Grünliberalen-Chef Marcel Dürr sorgt selber für Fasnachtssujet
  • Politik
Der Nerd und die Panne: IT-Manager und GLP-Chef Marcel Dürr. (Bild: zvg / Thomas Fries)

GLP beweist nach Listendebakel Selbstironie Grünliberalen-Chef Marcel Dürr sorgt selber für Fasnachtssujet

7 min Lesezeit 2 Kommentare 12.02.2020, 09:10 Uhr

Es ist das Politdebakel im laufenden Jahr: die Listenpanne der Grünliberalen. GLP-Parteipräsident Marcel Dürr sucht sein Heil jetzt in der Flucht nach vorn. Mit einer Karikatur und Selbstironie steht er zu dem gravierenden Fehler. Das Fasnachtssujet nimmt er selber gleich vorweg – Zeit für Fragen.

zentralplus: Marcel Dürr, Sie schreiben auf Facebook und auf Ihrer Partei-Website: «GLP scheitert an der analogen Transformation.» Ist es nicht etwas spät für Reue?

Marcel Dürr: Die Reue überkam uns in der Sekunde, in der wir realisiert haben, dass uns dieser unglaubliche Lapsus unterlaufen ist. Bis das dann auf unserer Website veröffentlicht war, dauerte es etwas länger. Zuerst hatte ich einen ziemlichen Interview-Marathon zu absolvieren.

zentralplus: Die Übertragung vom Digitalen ins Analoge sei das Problem gewesen. Das müssen Sie uns kurz erklären, bitte.

Dürr: Man muss wissen: In der städtischen Politik sind die meisten Beteiligten anderweitig berufstätig. Es ist aufwendig, die Leute gleichzeitig an einen Tisch zu bekommen. Deshalb verwendet die GLP eine digitale Kommunikationsplattform. Das erlaubt uns, interne Diskussionen und Abstimmungen zeit- und ortsungebunden zu führen. Wir haben die Liste zu einem Termin vorbereitet im Wissen, dass wir noch Verhandlungen mit den anderen Parteien führen. Anschliessend haben wir unsere Abmachungen auf der Plattform kommuniziert und zur Abstimmung gebracht; sie wurden ohne Gegenstimme angenommen. Und dann, beim Übertragen dieser Abstimmungsresultate auf das analoge Medium Papier, ist der Fehler passiert.

zentralplus: Es war doch aber ein Lapsus, der gerade Ihnen am wenigsten hätte unterlaufen dürfen: Sie sind Co-Chef eines Luzerner Informatikunternehmens mit 22 Angestellten, das Softwarelösungen anbietet. Wo genau war das Problem beim Listendebakel?

Dürr: Das Problem war offenbar die Fixierung der beiden Verantwortlichen auf die Zeile mit der Wahlempfehlung für das Stadtpräsidium. Sie haben doppelt und dreifach geprüft, dass dort wirklich Martin Merki aufgeführt ist. Ich habe das Kommunikationsprotokoll dazu gesehen. Sogar ein Foto von der Liste wurde unmittelbar vor dem Einreichen gemacht – und nochmals kontrolliert. Dass vier Zeilen weiter oben die Namen von Franziska Bitzi, Adrian Borgula und Martin Merki fehlten, wurde leider nicht bemerkt. Es ist unglaublich, aber wir müssen das akzeptieren. Wo keine Fehler gemacht werden, wird nicht gearbeitet.

zentralplus: Ist das nicht etwas billig? Und dann muss der Chef den Kopf hinhalten wie überall. Kontrollieren Sie als GLP-Parteipräsident denn nicht selber am Schluss noch alles?

Dürr: Sogar wenn mein Zeitbudget das zuliesse, würde ich es nicht tun. Die Aufgabe eines Parteipräsidenten verstehe ich so, dass er verantwortlich ist für die strategischen Themen und für den Aufbau von effektiven und effizienten Organisationsstrukturen. Übermässige Kontrollen sind da hinderlich.

Die Entschuldigung nach dem Debakel. (Screenshot GLP-Website)

zentralplus: Asche aufs Haupt streuten Sie vorab schon auf der Website so: «Liebe CVP, liebe FDP, geschätzte Stadträte Franziska Bitzi Staub, Martin Merki und Adrian Borgula: Wir bitten um Entschuldigung für unsere fehlerhafte Wahlliste und werden Ihre Wiederwahl nun erst recht nach Kräften unterstützen!» Wie nahmen die Blamierten dies auf?

Dürr: Tut mir leid, aber ich möchte nicht für andere sprechen.

zentralplus: Wie waren die Reaktionen aus Ihrem persönlichen Umfeld?

Dürr: Viele haben scheu nachgefragt, wie es mir denn gehe. Da konnte ich jeweils schnell beruhigen: Mein Zeitplan wurde zwar komplett durcheinandergewirbelt, aber nicht ich als Person. Dann habe ich recht viele Komplimente erhalten für unsere transparente Kommunikation, was mich sehr gefreut hat. 

«Gegensätzliche Interessen zu vertreten und dafür zu kämpfen ist völlig legitim – es würde ja auch sehr schnell sehr langweilig, wenn es anders wäre.»

zentralplus: Sie sind als langjähriger NLA-Basketballer ja als Sportsmann unterwegs, der auch mal einstecken kann. Muss man Politik auch sportlich nehmen?

Dürr: Ganz bestimmt. Im Sport wie in der Politik hat man gegensätzliche Interessen. Diese zu vertreten und dafür zu kämpfen ist völlig legitim – es würde ja auch sehr schnell sehr langweilig, wenn es anders wäre. Ich finde es wichtig, dass man das anerkennt und nicht persönlich nimmt.

zentralplus: Ist diese Karikatur-Aktion Ihre Idee?

Dürr: Ja. Beim Sinnieren darüber, wie dieser eigentlich unmögliche Fehler zustande kommen konnte, sah ich plötzlich dieses Bild der Umkehrung: dass sehr viele Organisationen mit der digitalen Transformation kämpfen – und wir nun auf dem genau umgekehrten Pfad gestrauchelt sind. Das ist doch Ironie pur. Dann erinnerte ich mich an einen wunderbaren Cartoon, den ein guter Freund mir und meiner Frau zur Hochzeit gezeichnet hatte. Darin kriege ich auch ganz ordentlich mein Fett ab – und muss heute noch darüber lachen. Thomas Fries, der früher für die selige Tageszeitung «Vaterland» ab und an Karikaturen machte, hat spontan zugesagt, wieder zum Griffel zu greifen. Das anschliessende Pingpong der Ideen hat Spass gemacht und in der Hektik auch etwas Entspannung gebracht.

«Dass wir mit einem einzigen Antrag gleich den ganzen Stadtrat ausser Gefecht gesetzt haben – sowas gab es wohl noch nie in der Geschichte der Stadt.»

zentralplus: Sie haben auch vorher hart daran gearbeitet, den blamablen Fehler zu glätten. Jetzt flüchten Sie sich in Selbstironie. Lachen Ihre Arbeitskollegen auch darüber oder bemängeln sie vielmehr, dass ihr Chef nur noch politisch am weibeln ist?

Dürr: Nein, sie haben das Geschehen mit Spannung verfolgt, man kann daraus ja auch etwas lernen. Es ist auch nicht alltäglich, dass man heute weiss, was morgen in der Zeitung stehen wird. Besonders gewitzelt haben sie aber darüber, dass wir mit einem einzigen Antrag gleich den ganzen Stadtrat ausser Gefecht gesetzt haben – sowas gab es wohl noch nie in der Geschichte der Stadt.

GLP-Krisenbewältigung: zuerst denken, dann reden, dann handeln! (Screenshot Website)

zentralplus: Als Manager sind Sie mit Krisenbewältigung vertraut. Wie geht man am besten mit Fehlern um?

Dürr: Meine Erfahrung sagt: zuerst denken, dann reden, dann handeln! Das bedeutet, man sollte analysieren, was genau geschehen ist. Dann muss man zu den gemachten Fehlern stehen und diese beheben, so gut und schnell es geht. Und ganz wichtig ist es, häufig zu kommunizieren: wo stehen wir, was sind die nächsten Schritte, welche Schwierigkeiten müssen wir noch meistern? Entscheidend ist auch, Fehler nicht zu vertuschen.

zentralplus: Welche Lehren ziehen Sie aus dem Vorfall?

Dürr: Vier Augen sind nicht genug, es hätten fünf sein müssen! Nein, im Ernst, die GLP ist eine relativ junge Partei und somit in einer Wachstums- und Lernphase. Da sind noch nicht alle Strukturen und Prozesse wasserdicht. Wir werden nach den Wahlen unser Augenmerk darauf legen. Für kritische Abläufe wird es zukünftig Checklisten geben. Darauf wird zum Beispiel stehen, dass der Gesamtvorstand solche Listen überprüfen muss vor dem Einreichen.

«Als Unternehmer bin ich lange Zeithorizonte gewohnt, so schnell wird mich die Luzerner Politik wohl nicht los.»

zentralplus: Sie sind politisch ein relativer Newcomer und erst seit 2017 im Vorstand der Luzerner Grünliberalen. Nach vielen Nachtschichten: Haben Sie schon fast wieder genug von der Aufregung?

Dürr: Ich bin aus Überzeugung bei den Grünliberalen. Als Unternehmer bin ich lange Zeithorizonte gewohnt, so schnell wird mich die Luzerner Politik wohl nicht los. 

zentralplus: An den Fasnachtsumzügen bekommt Ihre Partei nach diesem Fauxpas sicher ihr Fett ab: Sind Sie froh, ist bald Fasnacht?

Dürr: Ja, ich freue mich auf diese Zeit der Ausgelassenheit. Dieses Jahr bin ich natürlich besonders gespannt, mit welchen kreativen Ideen wir aufs Korn genommen werden.

zentralplus: Wo sehen Sie die Schmerzgrenze, wenn es um fasnächtliche Scherze geht?

Dürr: Da bin ich sehr tolerant. Man muss über sich lachen können, das ist gesund! Mühe bekomme ich, wenn Scherze so daherkommen, dass der, der sie macht, nicht auch selber darüber lachen könnte, wenn er so angegangen würde.

zentralplus: Sind Sie auch ein Zünftler und Fasnächtler: Wie verbringen Sie die närrischen Tage?

Dürr: Ich bin kein Zünftler, das habe ich in früheren Jahren irgendwie verpasst und jetzt bin ich schon zu alt, um aufgenommen zu werden. Ich bin maskiert unterwegs mit Freunden und geniesse die Stimmung an den Umzügen und in den Lokalen.

Die Karikatur von Thomas Fries im Original. (Bild: zvg)

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2 Kommentare
  1. Meisterei, 12.02.2020, 20:18 Uhr

    Sehr geehrter Herr Kaufmann. Das hat nun aber nicht wirklich was mit dem vorliegenden Artikel zu tun. Schade, dass Sie Äpfel mit Birnen vergleichen. Und nebenbei, der GLP-Parlamentarier war an der beruflichen Sitzung (ja, in der Schweiz sind „wir“ Milizparlamentarier*innen..) und nicht in den Ferien. Aber vielleicht wollen Sie es ja gar nicht genau wissen.. 😉🤔

  2. Kaufmann, 12.02.2020, 13:33 Uhr

    Schönreden ist gut, nur fehlen die Taten. Fehler und banale Entschuldigungen häufen sich. Bei wichtigen Abstimmungen in den Ferien, wie im März 2019 als es um die Aufwertung der Innenstadt ging. Mit den abwesenden Marco Müller (Grüne) und András Özvegyi (GLP) fehlten links-grün letztlich die zwei entscheidenden Stimmen für eine von den Bürgern gewünschte Aufwertung.

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